Mittwoch, Februar 08, 2006

Match Point - Die dunkle Seite des Woody A.


USA 2005

+++1/2

„Eisberg voraus!!!!“

Das große Drama in einem kleinen Film. Woody Allen hat seiner großen Liebe New York für „Match Point“ den Rücken gekehrt, um in London seinen neuesten Film drehen zu können. Trennungsschmerz empfindet der Zuschauer angesichts dessen wohl kaum, eher möchte man Allen entgegen rufen: „Warum hast Du das nicht schon vor zehn Jahren getan?“ Denn der bekannteste Neurotiker der Welt schuf nichts weniger als den elegantesten und ehrlichsten Film des Jahres. Filmkunst auf höchstem Niveau, ohne falsche Eitelkeiten und Egoismen. Schnörkellos, direkt und zielstrebig steuert der alte Traum von Liebe und Glück hier in ein gigantisches schwarzes Loch. Bereits mit der ersten Einstellung gibt Allen das Thema vor. Oftmals entscheidet schlichtweg das Glück, manche mögen es unter dem Begriff „Schicksal“ kennen, was aus uns wird. Dieser erster filmischer Federhandschuh, das Spiel des Tennisballs mit der Netzkante, der zum Ende fast im Vorbeigehen wieder aufgenommen wird, bildet eine unsichtbare Klammer um eine Handlung aus unterdrückten Leidenschaften und tödlichen Lebenslügen.

Der ehemalige Profi-Tennisspieler Chris (Jonathan Rhys-Meyers) lernt bei einer Trainerstunde Tom (Matthew Goode) kennen, ein Mitglied der Londoner High Society. Dessen Eltern verfügen über mehrere Firmen, ein edles Landhaus und reichlich Einfluss bis in die höchsten Kreisen. Dabei lernt Chris Toms Schwester Chloé (Emily Mortimer) kennen, sie verliebt sich in den attraktiven Sportler, er nimmt es dagegen eher wohlwollend zur Kenntnis. Dennoch lässt er sich auf eine Beziehung mit ihr ein. In Wahrheit gilt seine Sehnsucht jedoch der lasziven Amerikanerin Nola (Scarlett Johansson), Toms Freundin. Sie ist jedoch alles andere als wohlbetucht. Bislang schlägt sich die erfolglose Schauspielerin mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Ihre Karriere ist zu Ende, noch bevor sie eigentlich begonnen hat, weshalb Toms Mutter Eleanor (Penelope Wilton) auch wenig begeistert von der Liaison ihres Sohnes ist. Als dieser sich von Nola trennt, lässt Chris endgültig alle Hemmungen fallen. Eine leidenschaftliche Affäre nimmt ihren Lauf.

Hatte ich eingangs die Formulierung vom „ehrlichsten Film des Jahres“ verwandt, so muss ich mich korrigieren, insoweit dass „Match Point“ sich diese Auszeichnung mit dem ähnlich gelagerten „Hautnah“ teilen muss. Beide Male suchen die Protagonisten Erfüllung in immer neuen Beziehungen und Gefühlskonstellationen, nur am Ende vor einem moralischen Scherbenhaufen zu stehen, der ihre Hoffnung in die Knie zwingt. Ebenfalls in der besseren englischen Gesellschaft angesiedelt, unterscheidet sich Allens Werk allerdings in den Konsequenzen deutlich von Patrick Marbers Bühnenstück. „Match Point“ verlässt die formelbehaftete Ebene eines Beziehungsgleichnisses mit vier unterschiedlichen Archetypen, Allen wird konkreter und schickt Zuschauer und Lügenbaron Chris auf eine Abfahrt ohne Handbremse. Die Stellschrauben werden mit jeder Begegnung fester angezogen, bis schlussendlich das Korsett niemanden mehr Luft zum atmen lässt. Die Situation erscheint ausweglos, und doch bieten sich Chris immer wieder Chancen, vermutlich ein letztes Mal aus dem gefährlichen Spiel auszusteigen und gegenüber allen Beteiligten reinen Tisch zu machen. Seine Feigheit und seine antrainierte Bequemlichkeit vom sorglosen Leben mit Dienstauto, Chauffeur und Spesenkonto halten ihn letztlich davon ab.

Bittere Wahrheiten begegnen einem in „Match Point“ an jeder Ecke. Dass man bereit wäre, Liebe und Leidenschaft gegen ein dickes Bankkonto und eine gesicherte Existenz einzutauschen, dürfte die härteste sein. Auch wenn Verallgemeinerungen immer die Ausnahme quasi schon per Definition beinhalten, spricht aus dieser Erkenntnis eine sehr pragmatische Sicht unseres Daseins. Allen setzt hiermit einen kalten und dennoch sehr klaren Gegenpol zum vorgegaukelten Seifenoperkitsch moderner Wohlfühlphantasien. Sein Film ist eine Zeitreise zurück in die Epoche der klassischen Tragödie (was nicht nur die musikalische Begleitung durch mehrere Opern u.a. von Verdi unterstrichen wird). Ohne zuviel vom Ausgang der Geschichte vorwegzunehmen, kann gesagt werden, dass Chris die finanzielle Hängematte teuer für sich erkaufen muss. Ein dunkler Schatten wird zeitlebens über seinem Gewissen liegen. In einer brillanten, eigentlich auch urkomischen, Szene verarbeitet Allen diesen inneren Konflikt auf eine fast surreale Weise. Angesiedelt irgendwo zwischen Lynch und Tarantino.

Ein Erlebnis wird „Match Point“ aber nicht nur durch den Mann hinter der Kamera. Jonathan Rhys-Meyers und die ungemein erotische Scarlett Johansson bilden ein kongeniales Duo Infernale. Der junge Ire stellt sich erfolgreich der Herausforderung ein eigentliches Ekel möglichst sympathisch erscheinen zu lassen, mit dem man mitleidet und mitfühlt, wenn sich die Schlinge um den Hals immer weiter zuschnürt. Dazu geht von ihm ein sehr animalischer Sex Appeal aus, der mit Scarletts Sinnlichkeit nahezu wortlos harmoniert. Über jene Scarlett Johansson habe ich schon desöfteren geradezu ekstatische Lobeshymnen rausgelassen. Deshalb mach ich es an dieser Stelle kurz: atemberaubend! Vielleicht muss sich Chris auch aus diesem Grund die Krawatte losbinden, sie raubt einem schlicht den Atem. Zunächst eingeführt als blondes östrogenstrotzendes Pin Up-Girl gelingt Scarlett die Transformation ihres Filmcharakters zu einer von Einsamkeit und Verlustängsten geradezu besessenen Frau. Es wäre Zeit, dass Scarlett nach so vielen wunderbaren Rollen die dafür nötige Anerkennung bekommen würde.

Neben der ganzen sehr unromantischen Sezierung von Glück und Liebe schildert Allens Europa-Trip sozusagen im Vorbeigehen den Alltag einer Gesellschaftsschicht, die zwischen Opernbesuchen und Geschäftsessen eine Parallel-Monarchie aufgebaut hat. Jeder hat dort seinen ihm zugewiesenen Platz, abzulesen an den Privilegien, der Größe des Fuhrparks und der Exklusivität des Wochenendresidenz. Das eigene Leben sorgfältig drappiert wie ein Sofakissen. Englands obere Zehntausend mögen asoziale Besserwisser sein, allerdings mangelt es ihnen nicht an Bildung und Kultur. Damit unterscheiden sie sich deutlich von den gern zum Feindbild aufgebauten neureichen Porschefahrern. Für Chris ist das eine andere Welt. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, in die er, soviel steht fest, nie mehr zurückwill. Wahrscheinlich sind vor diesem Hintergrund seine Entscheidungen zu interpretieren. Auch er ist sich selbst der Nächste. Sein schizophrenes Leitbild lautet: Rücksicht auf niemand und Gerechtigkeit für alle.

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei Kino.de.

2 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Da kann ich zustimmen, denn auch ich fand MATCH POINT sehr gelungen von der Handlung her. Sicherlich Allens bester Film seit langem. Zu bemängeln habe ich nur die öde Bebilderung des Ganzen. Das hätte man besser machen können. Ansonsten aber ein klasse Film.

Besonders erwähnenswert ist natürlich Sonnenschein Scarlett. Meine Lieblingsszene ist das Gespräch im Cafe zwischen ihr und Rhys Meyers im ersten Drittel des Films. Du weißt schon: wo Nola sich leicht angetrunken das eine oder andere von der Seele redet. Einfach scarlettastisch! Wie während ihrer Erzählung immer wieder Anflüge der verschiedensten Emotionen über ihr Gesicht huschen, ist einfach atemberaubend. Sie lebt diese Rolle so echt und wahrhaftig. Phantastisch. Wieder einmal beweist Scarlett ihr unvergleichliches Talent und ihre enorme Versatilität als Schauspielerin. Offensichtlich gibt es keine Rolle, die sie nicht überzeugend spielen kann. Diesmal verkörpert sie also eine junge Amerikanerin aus kaputtem Elternhaus, Nola, die nach London zog, um mit ihrer unangenehmen Vergangenheit endgültig abzuschließen. Orientierungslos bewegt sich Nola durchs Leben und hält krampfhaft an ihrem Schauspielertraum fest, obwohl sie wohl weiß, dass ihr die Begabung dazu fehlt. Nach außen hin gibt sie sich selbstsicher und sexy, aber in Wahrheit ist sie eine zutiefst verunsicherte und trotz ihres jungen Alters vom Leben gezeichnete Frau, die sich eigentlich nur nach einer intakten Partnerschaft sehnt. Eine tragische Figur, die ihre großen Verlustängste und ihr verzweifeltes Klammern letztendlich mit dem Leben bezahlen muss. Auf den ersten Blick also eine oberflächliche, ungebildete Blondine, aber unter dieser Oberfläche steckt eine komplexe, vielschichtige Persönlichkeit.

Und wer könnte so eine diffizile Rolle besser verkörpern als Scarlett? Den Balanceakt zwischen selbstbewusstem Vamp und verunsicherter, von Sehnsüchten getriebener Frau vollführt Scarlett bravurös. Nicht umsonst wurde sie für diese Rolle für den Golden Globe als beste Nebendarstellerin nominiert. Scarlett ist einfach eine Wucht, ein menschliches Energiebündelchen, innerlich brodelnd vor Emotionalität. Sie ist mit Abstand die ausdrucksstärkste Schauspielerin unserer Zeit, und das Meiste sagt sie hier zwischen den Worten - mit Blicken, Mimik und Gesten. Ihre Rolle scheint sie nicht zu spielen, sondern zu Leben mit jeder Faser ihres Körpers. Unglaublich präsent, intensiv und emotional involvierend ist Scarlett in Match Point. Man kann nicht anders, als gebannt auf die Leinwand zu starren und jedes Detail ihrer vibrierenden Performance aufzusaugen. Einfach atemberaubend. Zudem gibt sich Scarlett hier ungewohnt freizügig und sexy. Sie ist aufregend und anregend und glänzt in jeder einzelnen Szene mit Schönheit und Sexappeal. Boah! Einfach nur Boah!

Februar 17, 2006 5:23 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

scf, vielleicht solltest Du diese zeilen gleich mal scarlett schicken, viel euphorischeres wird sie wohl kaum jemals zu lesen bekommen. habe mit anderen usern schon über ihre leistung hier diskutiert. ich fand sie auch herausragend, gerade weil sie auch im film diese wandlung durchmacht und eine große bandbreite ihres könnens zeigt: von der sexy blondine zu beginn, hin zu der vor einsamkeit und verlustängsten zerfressenen geliebten. das ist stark gespielt und wunderbar anzusehen, wie im übrigen der ganze elegante film.

Februar 17, 2006 8:08 nachm.  

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