Donnerstag, November 19, 2009

Tannöd - Dunkle Tannen


D 2009

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Ein dunkler Wald, unheilvoller Nebel und eine beunruhigende Stille. Die ersten Szenen von Bettina Oberlis Roman-Verfilmung Tannöd arbeiten mit den klassischen Bildern und Motiven des Suspense- und Horror-Kinos. In der Abgeschiedenheit dieser ländlichen Einöde ereignet sich kurz darauf ein grausames Verbrechen. Auf dem Tannödhof der Familie Danner werden sechs Menschen brutal mit einer Spitzhacke erschlagen. Der Mörder zeigt kein Erbarmen und verschont selbst die kleinen Kinder der Familie und die neue Magd nicht. Wie Tiere verenden die Opfer in ihrem eigenen Blut. Als der erste Zeuge die Kunde von dem Sechsfachmord in das nächste Dorf trägt, steht jedem Bewohner der Schock ins Gesicht geschrieben.

Zwei Jahre später kehrt die junge Krankenpflegerin Kathrin (Julia Jentsch) in genau dieses Dorf, den Ort ihrer Kindheit, zurück. Der Anlass ist indes wenig erfreulich. Ihre Mutter, die sie kaum gekannt hatte, ist gestorben. Nun will sie an der Beerdigung teilnehmen und noch einige Dinge erledigen. Unterstützung erfährt sie von der alten Traudl Krieger (Monica Bleibtreu), einer engen Freundin ihrer Mutter. Traudls Schwester war jene Magd, die seinerzeit auf dem Tannödhof erschlagen wurde und deren Mörder bis heute nicht gefasst wurde. Während die Dorfgemeinschaft fest daran glaubt, dass die Tat von einem Fremden verübt wurde – zu einem solchen Verbrechen wäre schließlich niemand von ihnen fähig –, ist sich Traudl sicher, dass der Mörder immer noch unerkannt unter ihnen lebt.

Traudls Anschuldigungen fallen auf fruchtbaren Boden. Argwohn und Misstrauen gedeihen in dem kleinen Dorf prächtig. Insgeheim verdächtigt jeder jeden, was nicht verwundert, hatte sich der alte Danner (Vitus Zeplichal) doch zu Lebzeiten nicht wenige Feinde gemacht. Bei Oberli ist dieses unheilvolle Klima aus Dorf-Klatsch, Verleumdungen und Bigotterie jederzeit spürbar. Die Bilder und Motive künden von einer fast schon klaustrophobischen Enge eines frommen Heile-Welt-Surrogats. Mit der Zeit kommen immer weitere dunkle Wahrheiten ans Licht, was der Aufklärung des Falls letztlich aber nur bedingt zuträglich ist. Eher gleicht Tannöd in seiner Konstruktion und Dramaturgie einem undurchsichtigen Labyrinth, bei dem der Rückweg längst versperrt wurde.

Ohne rettende Brotkrumen fällt es auch als Zuschauer nicht immer leicht, sich im komplexen Beziehungsgeflecht der Dorfgemeinschaft zu Recht zu finden. Viel schwerer als die zeitweiligen Orientierungsprobleme, die durch den urbayerischen Dialekt zumindest bei Nordlichtern noch verstärkt werden dürften, wiegt jedoch Oberlis sehr theaterhafte und statische Inszenierung. Dadurch büßt Tannöd einiges von seiner anfänglichen, kunstvoll etablierten Faszination und Spannung ein. Selbst wenn der Film erkennbar als Dorfdrama und nicht als reißerischer Thriller oder gar Horrorbeitrag funktionieren soll, strapazieren die überlangen Dialogszenen wie beim Leichenschmaus für Kathrins Mutter auch ansonsten geduldige Naturen. Dass die auf einem wahren Fall aus dem Jahr 1922 beruhende Mord-Geschichte zuvor bereits als Bühnenstück aufgeführt wurde, ist in diesen Momenten ein naheliegender Gedanke.

Dabei vereint auch die Kinofassung von Andrea Maria Schenkels Bestseller ein hochkarätiges Ensemble. Allen voran die im Mai verstorbene Monica Bleibtreu drückt in der Rolle der verbitterten Traudl dem Film ihren Stempel auf. Bedenkt man, dass sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits schwer erkrankt war, erscheint es umso beeindruckender, mit welcher Kraft und Vitalität sie hier auftritt. Gegen ihre Präsenz zieht selbst eine wandlungsfähige Aktrice wie Julia Jentsch den Kürzeren. Als Danners älteste Tochter Barbara bleibt die bislang vor allem im Theater anzutreffende Münchnerin Brigitte Hobmeier mit ihrer überaus couragierten Darstellung einer zerbrochenen und geschundenen Seele im Gedächtnis.

Tannöd ist schon aufgrund seiner durchweg starken Schauspielleistungen und seiner recht atmosphärischen Schilderung einer ländlichen Schein-Idylle wahrlich kein schlechter Film. Er bleibt nur konstant unter seinen Möglichkeiten. Dass praktisch zeitgleich mit Michael Hanekes Cannes-Gewinner Das weiße Band eine doch sehr ähnliche Geschichte im Kino erzählt wird, die in ihrer gnadenlosen Sezierung einer von Inzest, Gewalt und falscher Frömmigkeit verseuchten Gemeinschaft so ziemlich alles richtig macht, kommt erschwerend hinzu. Jeden Vergleich mit diesem Meisterwerk kann Tannöd nur verlieren.

Für BlairWitch.de.

Donnerstag, November 12, 2009

2012 - Der rasende Roland


USA 2009

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Die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren ist noch nicht einmal bewältigt, da droht uns eine noch gewaltigere Katastrophe, bei der nicht weniger als das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht. Gemäß den jahrhundertealten Prophezeiungen der Maya klopft der Weltuntergang schon bald an unsere Tür. Im Jahr 2012 soll es soweit sein. Dann, genauer am 21. Dezember 2012, endet der Maya-Kalender und mit ihm angeblich die menschliche Zivilisation. Weiterlesen.

Montag, November 09, 2009

Love Happens - Die Einfältigkeit der Dinge


USA 2009

+1/2

Regie-Debütant Brandon Camp scheint auf Erwartungen keine Rücksicht nehmen zu wollen. Titel, Plakat und Besetzung seines Erstlings Love Happens künden von einer vorhersehbaren, romantischen Komödie. Dabei handelt sein Film in Wahrheit von schmerzhafter Trauerarbeit und der schwierigen Rückkehr ins Leben. Soviel Mut der Regisseur mit der Wahl seines Themas auch beweist, am Ende ordnet sich die Geschichte brav dem Mechanismus eines manipulativen Mainstream-Melodrams unter.

Filmkritik:

Dieser Film ist paradox. Auf der einen Seite sieht es ganz danach aus, als wäre es Regisseur Brandon Camp herzlich egal, mit welchen Erwartungen sich das Publikum sein Debüt ansieht, auf der anderen Seite beugt sich die Geschichte in vorauseilendem Gehorsam den Vorgaben eines von sämtlichen Ecken und Kanten befreiten Hollywood-Melodrams. Das Filmplakat zu Love Happens zeigt ein scheinbar glückliches Paar, das sich liebevoll umarmt. Dieser Umstand zusammen mit dem Titel und dem Namen Jennifer Aniston lässt vermuten, dass wir es hier mit einer dieser locker-leichten romantischen Komödien zu tun haben, wie sie Hollywood praktisch am Fließband produziert. Doch weit gefehlt: Tatsächlich dient die Romanze nur als Köder. Einmal angebissen serviert uns Camp schließlich ein tränenreiches Trauerbewältigungs(rühr)stück.

Für den erfolgreichen Selbsthilfe-Guru Burke Ryan (Aaron Eckhart) gibt es für jedes Problem eine Lösung und auf jede Frage eine Antwort. Auf seinen Seminaren verkauft er eine pseudowissenschaftliche Populär-Therapie, die es den Teilnehmern ermöglichen soll, mit ihren Ängsten und ihrer Trauer besser umzugehen. Er selber kann und will sich hingegen nicht helfen lassen. Seitdem vor drei Jahren seine Frau bei einem Autounfall verstarb, wird er immer mehr zu einem verschlossenen Einzelgänger. Sogar sein Manager und bester Freund Lane (Dan Fogler) kann Burke aus seiner inneren Immigration nicht zurückholen. Das vermag erst die schöne Floristin Eloise (Aniston), in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Für Burke ist die zarte Romanze mit der von den Männern enttäuschten Blumenladenbesitzerin der ausschlaggebende Grund, über sich und seine Trauer ehrlich nachzudenken. Die Selbstreflexion gipfelt in einem aus zahlreichen Hollywoood-Filmen bekannten Finale, bei dem sich die Hauptfigur vor großem Publikum erklären, Buße tun und Besserung geloben darf. Dass dabei kein Auge trocknen bleibt und Camp mit aller Gewalt auf die ganz großen Emotionen zielt, weist nur auf einen von vielen Missgriffen des Drehbuchs hin. So wirkt bereits die gesamte Rollenanlage arg konstruiert. Die Schizophrenie von Eckharts Charakter, der öffentlich als Motivations-Trainer und Seelentherapeut auftritt, privat aber an der eigenen Ansprüchen scheitert, dient allein der späteren vorhersehbaren Katharsis.

Camps schematisches Verständnis von Trauer zeigt sich auch am Subplot um einen verzweifelten Vater (John Carroll Lynch), der sich den Unfalltod seines Sohnes nicht verzeihen mag. Der Film macht es sich hier zu leicht, wenn er uns vorgaukelt, man könne tiefe seelische Narben mit einigen geschickten Handgriffen und einer Shopping-Tour (!) im örtlichen Baumarkt „kurieren“. Glatt und durchweg unglaubwürdig erscheint das, was Love Happens zu erzählen hat. Wie eingangs erwähnt dürften selbst treue Jennifer-Aniston-Fans nur wenig Gefallen an einer Geschichte finden, die ihr romantisches Potenzial zu keiner Zeit überzeugend ausspielt. Eckhart und Aniston entwickeln zusammen keinerlei Esprit und ihren Dialogen merkt man viel zu oft an, dass sie Wort für Wort einstudiert sind. Zu allem Überfluss meint Love Happens, altkluge Weisheiten über das Leben und den Tod verkünden zu müssen. „When life gives you lemons, you can either make a sour face or lemonade!“ ist da bereits eine der besseren.

Für Programmkino.de.

Freitag, November 06, 2009

All Inclusive - Kuscheln unter Palmen


USA 2009

+1/2

Wie sähen wohl Ingmar Bergmans zermürbende Beziehungsdramen aus, hätte dieser als deren Schauplatz eine paradiesische Insel im Südpazifik gewählt? Wenn es stimmt, dass sich das Wetter unmittelbar auf unser Wohlbefinden auswirkt, wäre hier vielleicht noch eine Ehe zu retten gewesen. Insofern erscheint es zunächst logisch, wenn in einem Film wie All Inclusive die Pärchen-Therapie von der muffigen Praxis kurzerhand in ein traumhaftes Südsee-Paradies verlegt wird. Fortsetzung auf Koeln.de.

Dienstag, November 03, 2009

Der Besucher - Der wundersame Finne


FIN 2008

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Die Wortkargheit der Nordländer ist mehr als ein Klischee. Im Kino hat der Finne Aki Kaurismäki seinen Landsleuten und ihrer spröden, gleichwohl liebenswerten Art ein Denkmal gesetzt. Auch Jukka-Pekka Vakeapää übt sich in seinem visuell beeindruckenden Spielfilmdebüt in der Kunst der Entsagung. Anders als Kaurismäki betont er in dem Vierpersonenstück Der Besucher jedoch eine theaterhafte Inszenierung, surreale Momente und die Zweideutigkeit der Erzählperspektive.

Filmkritik:

Wenn in einem Film kaum ein Wort gewechselt und eigentlich nie ein wirklicher Dialog stattfindet, dann verleiht das dem wenigen, was gesagt wird, besonderes Gewicht. Der finnische Regisseur Jukka-Pekka Vakeapää treibt die von seinem Landsmann Kaurismäki bekannte, scheinbar typisch nordische Wortkargheit auf die Spitze. Sein Spielfilmdebüt Der Besucher lässt eine geschätzte Viertelstunde verstreichen, bis ein erster Satz fällt. Und selbst dann, übt sich sein Film noch in Zurückhaltung. Wäre da nicht das ausgeklügelte, markante Sound-Design, man könnte bisweilen den Eindruck bekommen, einen Stummfilm mitanzusehen.

In der Abgeschiedenheit der finnischen Wälder lebt ein in etwa zehnjähriger Junge (Vitali Bobrov) mit seiner Mutter (Emilia Ikäheimo) auf einem kleinen Hof. Obwohl der Junge lediglich stumm und nicht taub ist, wechselt seine Mutter mit ihm nur selten ein Wort. Der Alltag wird von einfachen, körperlich meist harten Arbeiten bestimmt. Im Sommer gilt es, das Feld zu bestellen, im Winter muss Holz für den Ofen gesammelt werden. Der Vater (Jorma Tommila) des Jungen sitzt derweil im Gefängnis. Warum und weshalb, auch darüber schweigt sich Vakeapääs Film wie über so vieles andere aus. Die Ordnung dieser überschaubaren Welt scheint bedroht, als plötzlich ein Fremder (Pavel Liska) auf dem Hof auftaucht und mit ihm eine Reihe von Problemen.

Die Geschichte, die Vakeapää erzählt, ist eigentlich so einfach und klar wie die finnische Landschaft, in der sie spielt. Die Betonung liegt hierbei auf „eigentlich“, denn mit seiner symbolträchtigen Bildsprache, der dem Theater entlehnten, elliptischen Handlung und einer gerade zum Ende hin immer bruchstückhafteren Narration widersetzt er sich bewusst der gängigen Dramaturgie des Mediums Film und den Sehgewohnheiten der meisten Zuschauer. An die Stelle einer plausiblen, kohärenten Erzählung tritt ein Fragment aus surrealen bis artifiziellen Szenen. Wenn der Junge durch den vom Nebel besetzten Wald irrt, zitiert Der Besucher alte Sagen- und Märchengeschichten, nur um kurze Zeit später zum Ton und Rhythmus eines sperrigen Eremiten-Dramas zurückzufinden.

Vakeapääs Film wirkt und funktioniert nahezu ausschließlich über seine einprägsamen Bilder und Tonkaskaden. Die Impressionen der kargen Landschaft, die in den Gesichtern aller Beteiligten tiefe Spuren hinterlassen hat – für die Besetzung dieses Vierpersonenstücks muss man Vakeapää große Anerkennung zollen –, beanspruchen die eigentliche Hauptrolle für sich. Überhaupt fordert der Film, der eine fast stille Zeitreise in eine archaische, fremde Welt unternimmt, unsere ganze Aufmerksamkeit. Dass wir das Geschehen aus der Perspektive eines Kindes beobachten, nutzt Vakeapää für ein manipulatives Spiel, bei dem letztlich im Unklaren bleibt, was real ist und was lediglich der Imagination des Jungen entspringt. Das offene, trotz aller Zugeständnisse an die künstlerische Freiheit reichlich unbefriedigende Ende dürfte für einige Frustration sorgen.

Für Programmkino.de.

Samstag, Oktober 31, 2009

Der Informant! - Nieten in Nadelstreifen


USA 2009

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Was zunächst klingt wie der übliche Kampf eines einzelnen mutigen Angestellten gegen einen übermächtigen, multinationalen Konzern, entwickelt sich alsbald zu einer absurden Komödie, die mit den Abläufen bekannter David-gegen-Goliath-Konstellationen bricht. Basierend auf dem wahren Fall des Informanten Marc Whitacre erzählt Oscar-Preisträger Steven Soderbergh einen etwas anderen Wirtschaftskrimi. Unter seiner Regie wird aus Action-Star Matt Damon die personifizierte Selbstüberschätzung in Nadelstreifen.

Filmkritik:

Filme, die auf einer wahren Geschichte basieren und den Kampf eines Einzelnen gegen eine scheinbar übermächtige Institution schildern, setzen gemeinhin auf die dramatische Zuspitzung ihrer David-gegen-Goliath-Konstellation. Ganz anders verhält es sich da mit Steven Soderberghs Der Informant!. Einen der größten Wirtschafskrimis der letzten Jahrzehnte wählte er als Hintergrund für eine zunehmend absurde Komödie, bei der man desöfteren nicht genau weiß, ob man laut lachen oder angesichts von soviel Irrsinn nur noch den Kopf schütteln soll. Offenbar war dem Oscar-Preisträger nach seinem viereinhalb Stunden Biopicture Che an einem radikalen Genre- wie Stimmungswechsel gelegen.

Soderberghs Informant heißt Marc Whitacre (Matt Damon). Der junge Mann hat beim Agrarkonzern Archer Daniels Midland eigentlich eine viel versprechende Karriere vor sich. Doch die rückt plötzlich in weite Ferne, als er sich dem FBI anvertraut und den beiden, für ihn zuständigen Agents (Scott Bakula, Joel McHale) über illegale, im großen Stil laufende Preisabsprachen berichtet. Whitacre wird daraufhin vom FBI als Informant verpflichtet, verkabelt und mit einem in seinem Aktenkoffer versteckten Rekorder ausgestattet. Er soll die Gespräche zwischen der Führungsspitze von ADM und der ausländischen Konkurrenz aufzeichnen. Was das FBI anfangs jedoch nicht ahnt: Dieser Marc Whitacre ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Nicht nur leidet er an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, aus einem unerfindlichen Grund ist er sogar felsenfest davon überzeugt, für seine Zusammenarbeit am Ende mit einer Beförderung belohnt zu werden.

So ungewöhnlich Soderberghs komödiantischer Ansatz anfangs auch erscheint, mit jeder neuen, abstrusen Wendung, die der Fall nimmt und die allesamt Whitacre zuzuschreiben sind, zeigt sich, dass man diese Geschichte vermutlich nur auf diese Weise erzählen konnte. In gewisser Weise funktioniert der Film daher auch als ironischer Kommentar auf konventionelle White-Collar-Thriller wie Michael Manns themenverwandten Insider. Whitacres fast schon pathologische Selbstüberschätzung, seine Unbeirrbarkeit und intellektuelle Sprunghaftigkeit, all das kommt in den eingestreuten Off-Kommentaren zum Ausdruck. In den entscheidenden Augenblicken, immer dann, wenn vermutlich gerade etwas wirklich Wichtiges besprochen wird, schweifen Whitacres Gedanken ab, um über so Banales wie Belangloses zu sinnieren („Brioni-Krawatten werden nie heruntergesetzt. Ich sollte mir alle Krawatten in Paris kaufen und sie in eine Dutyfree-Tasche stopfen.“).

Gerade aus dieser ironischen Distanz zum Geschehen entwickelt Der Informant! einen über weite Strecken beachtlichen Unterhaltungswert. Beachtlich deshalb, weil die Themen, die Soderberghs Wirtschafts-Farce verhandelt, auf den ersten Blick wenig „sexy“ erscheinen. Da ist die Rede von Marktversagen, Preisabsprachen, Unterschlagung und Industriespionage. In diesem Fall färbt jedoch die bunte, verspielte Verpackung auf den spröden Inhalt ab. Soderbergh verwendet neben pinken Jahreszahlen einen durchgängig etwas muffigen Retro-Look, der ebenso wie Marvin Hamlischs kitschiger Score wohl nicht ganz zufällig auf die 1970er Jahre verweist (und das obwohl die Handlung des Films in den 90er Jahren spielt). Im Verlauf dieser Dekade brachte Hollywood bis heute prägende Polit-Thriller wie Alan J. Pakulas Watergate-Abrechnung Die Unbestechlichen hervor.

Die größte Trumpfkarte des Films ist aber Matt Damon. Der Hollywood-Star war vermutlich noch nie so gut. Mit einigen zusätzlichen Kilos, abschreckender Föhnfrisur, Schnurrbart und Buchhalter-Brille verwandelt sich der ansonsten für seine Physis bekannte Damon in einen pummeligen Möchtegern-Agenten. Schon bald vergisst man, dass wir es hier mit demselben Schauspieler zu tun haben, der sich einst als durchtrainierter Geheimagent Jason Bourne um die Nachfolge eines gewissen James Bond bewarb. Umso grotesker erscheint es, wenn der Schreibtischtäter Marc Whitacre plötzlich als „0014“ auftritt. Seine Begründung, er sei schließlich auch „doppelt so schlau wie 007“, ist mindestens so verrückt wie der gesamte Film.

Für Programmkino.de.

Dienstag, Oktober 27, 2009

(500) Days of Summer - Die Leiden des jungen Tom


USA 2009

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(500) Days of Summer spielt von Beginn an mit offenen Karten. So weist uns der Erzähler bereits in der Einleitung darauf hin, dass wir es hier nicht mit der typischen „Boy meets Girl“-Geschichte zu tun haben, obwohl Marc Webbs Regiedebüt genau so beginnt. Ein Junge, eher ein junger Mann, trifft eine junge Frau. Er verliebt sich in sie. Weiterlesen.

Mittwoch, Oktober 21, 2009

Die Päpstin - Ein TV-Event-Movie auf Abwegen


D/I/ESP 2009

+1/2

Der Verleih scheint keine Kosten und Mühen zu scheuen, um die mit Spannung erwartete Bestseller-Verfilmung Die Päpstin als das deutsche Kino-Event dieses Herbstes zu bewerben. Dabei kann der von Sönke Wortmann inszenierte Film keines seiner Versprechen wirklich einlösen. Die Inszenierung wirkt mut- und ideenlos, der Geschichte wiederum mangelt es an Glaubwürdigkeit und Spannung.

Filmkritik:

Eigentlich war ihr Lebensweg von Geburt an bereits vorgezeichnet. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen als das dritte Kind eines herrschsüchtigen, gewalttätigen Vaters und einer sich ihm unterordnenden Mutter, sollte Johanna dem damaligen Rollenbild entsprechend ebenfalls früh verheiratet werden, Kinder kriegen und am Ende vermutlich jung sterben. Doch stattdessen bestieg sie den Stuhl Petri, wurde Bischof von Rom und damit Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Zumindest besagt das eine seit dem 13. Jahrhundert überlieferte Legende, die sich auf verschiedene historische Texte und Quellen stützt. Die amerikanische Autorin Donna Woolfolk Cross nahm den von Wissenschaftlern in Zweifel gezogenen Mythos als Grundlage für ihren Weltbestseller Die Päpstin. Allein hierzulande verkaufte sich der Roman über fünf Millionen Mal.

Dementsprechend groß war auch bereits im Vorfeld das Interesse an der Verfilmung, für die das Produzententeam Martin Moszkowicz und Oliver Berben Sönke Wortmann sowie eine namhafte, teils internationale Besetzung (u.a. Johanna Wokalek, John Goodman, David Wenham) gewinnen konnte. Den hohen Erwartungen wird der Film allerdings nicht gerecht. Und das liegt weniger am schlampigen Umgang mit historischen Tatsachen – Vorlage wie Film verstehen sich schließlich nicht als Geschichtsdokumentation – als an der doch recht betulichen Inszenierung, die mehr an ein TV-Event-Movie erinnert.

Deutschland, zu Beginn des 9. Jahrhunderts. Da es Mädchen zumeist nicht erlaubt ist, das Lesen und Schreiben zu erlernen, bringt Johannas älterer Bruder Matthias ihr beides heimlich bei. Er unterrichtet Johanna auch in Latein, was sie in die Lage versetzt, Homers „Odyssee“ zu lesen und einen Abgesandten der Domschule mit ihren Sprachkenntnissen zu beeindrucken. Als Matthias an einem Fieber stirbt, will der Vater ihren jüngeren Bruder Johannes auf die Schule schicken. Das ist der Moment, in dem sie erkennt, dass nur eine Flucht ihr noch helfen kann. Einige Jahre später wird sie wieder flüchten, dann in ein Kloster der Benediktiner, wo sie fortan als Mann lebt, den Namen Johannes Anglicus annimmt und sich der Heilkunst widmet. Aber auch dort ist die junge Frau irgendwann nicht mehr sicher. Kurz bevor man ihr Geheimnis entdeckt, verlässt sie den Orden. Überzeugt im Glauben zieht es sie schließlich in die ewige Stadt.

Sönke Wortmann, der mit Das Wunder von Bern bereits Erfahrung im Umgang mit Mythen und Legenden auf einem ganz anderen Gebiet sammeln konnte, scheint einmal mehr dem größtmöglichen Konsens zu vertrauen. Filmische Experimente, interessante Brüche in Stil und Erzählform oder auch nur eindrucksvolle Bilder, all das sucht man hier leider vergeblich. Es spielt letztlich überhaupt keine Rolle, an welcher Station in Johannas eigentlich hoch spannendem Werdegang wir uns gerade befinden, bei Wortmann sieht die Szene immer genau so aus, wie man das von einem etwas teueren Fernsehfilm erwartet. Zu Beginn in der fränkischen Provinz dominieren Erdfarben, Dreck, Schweiß und Mittelalter-Folkore, später im Kloster dann das vielfach kopierte Der Name der Rose-Setting mitsamt den obligatorischen choralen Gesängen. Enigma lassen grüßen.

Umspielt von einem die meiste Zeit über unsagbar künstlichen Licht müssen die allesamt nachsynchronisierten Darsteller gegen banale Dialoge ankämpfen. Für unfreiwillige Komik sorgen ausgerechnet manche der zumindest nach der Papierform besonders emotionalen Momente, die durch eine unentschlossene Regie jede Emotionalität einbüßen. Aus der ersten, schüchternen Annäherung zwischen Johanna und dem adeligen Gerold, der Liebe ihres Lebens, macht Wortmann eine peinliche Kitschnummer. Später, als Johanna nach vielen Jahren ihren Vater wiedersieht, wundert man sich, dass er sie zunächst für ihren Bruder hält. Überhaupt fällt es schwer zu glauben, dass die junge Frau ihr Geheimnis so lange vor den meisten verbergen konnte. Immerhin sieht Johanna Wokalek selbst mit Tonsur und Mönchskutte jederzeit wie ein Mann aus.

Die Glaubwürdigkeitsfalle ist am Ende jedoch nur eines von zahlreichen Problemen. Dass der Film seinen Höhepunkt, Johannas Ernennung zum Stellvertreter Christi, in wenigen Minuten derart lieblos abhandelt, ist die eigentliche Enttäuschung für ein Werk, das sich Die Päpstin nennt.

Für Programmkino.de.

Sonntag, Oktober 18, 2009

Orphan - Das Waisenkind


USA 2009

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Viele Paare, die sich sehnsüchtig ein Kind wünschen, ziehen irgendwann einmal eine Adoption in Betracht, wenn sich aus anderen Gründen kein Nachwuchs einstellen will. Bei Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) Coleman liegt der Fall etwas anders. Beide haben bereits zwei gesunde, wohl erzogene Kinder, als Kate erneut schwanger wird. Kurz vor dem anberaumten Geburtstermin kommt es dann jedoch zu ernsten Komplikationen, woraufhin das Baby noch im Mutterleib verstirbt. Insbesondere für Kate sind die Folgen der dramatischen Fehlgeburt anfangs nur schwer zu ertragen. Mit der Zeit lässt der Schmerz allmählich nach und es reift in ihr immer stärker der Wunsch heran, die Liebe und Zuwendung einem anderen Kind zukommen zu lassen. Warum also nicht eines adoptieren? Gesagt, getan.

Anscheinend ist eine Adoption in den USA eine recht unbürokratische Angelegenheit. Denn während hierzulande Paare oftmals Jahre warten müssen, spazieren Kate und John einfach in das nächstgelegene Waisenhaus. Dort erweckt ein junges Mädchen ihre Aufmerksamkeit. Esther (Oscar-verdächtig: Isabelle Fuhrman) scheint anders als die anderen Kinder zu sein. Sie bleibt gerne für sich, zeichnet, malt und gibt sich auch ansonsten recht erwachsen. Das gefällt den Colemans, die großen Wert auf eine gute Erziehung und Bildung legen. Esther darf mit ihnen das Waisenhaus verlassen und in die schicke Designer-Villa ziehen, wo bereits ein eigenes, komplett eingerichtetes Zimmer auf sie wartet.

Mit Esthers Einzug sind dann auch die letzten Vorbereitungen für den später einsetzenden, sehr realen Albtraum abgeschlossen. Und während Kate und Ben ihr Glück zunächst kaum fassen können, ahnen wir bereits, dass die brave Esther in Wahrheit alles andere als brav ist. Statt kindlicher Unschuld schlummert in ihr eine eiskalte Psychopatin, die vor nichts zurückschreckt. Der Film versucht folglich erst gar nicht, Zweifel an ihrer mentalen Unausgeglichenheit aufkommen zu lassen. Das mit diesem Kind etwas nicht stimmt, wird schnell klar. Oder welches „normale“ 10-jährige Mädchen schlägt mit einem Stein lustvoll auf einen verletzten Vogel ein? Eigentlich sollten spätestens zu diesem Zeitpunkt sämtliche Alarmglocken läuten. Doch das tun sie nicht. Zumindest trauen sich Esthers Stiefgeschwister Max (Aryana Engineer) und Daniel (Jimmy Bennett) nicht, ihren Eltern davon zu erzählen.

Obwohl Esthers Absichten nie in Frage gestellt werden, führt uns Regisseur Jaume Collet-Serra des Öfteren aufs Glatteis. Vor allem das Motiv der kleinen Psychopatin gibt lange Zeit Rätsel auf. Als es schließlich enthüllt wird, ist es, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Orphan - und das ist eine echte Leistung - besitzt nicht nur einen originellen Plot-Twist, die Wendung fügt sich im Rückblick auch plausibel in den Rest der Geschichte ein. Wo andere Filme die Intelligenz des Zuschauers mit unlogischen Story-Tricksereien beleidigen, gelingt den Autoren David Johnson und Alex Mace ein echtes Kunststück. Ihre Auflösung erstaunt, irritiert und begeistert - und das alles in ein und demselben Moment.

Nun ist der Film nur deshalb noch kein One-Trick-Pony, das allein von dieser einen Überraschung leben würde. Der Twist erweist sich vielmehr als eine überaus reizvolle Zugabe, die den Rest der Erzählung nicht ab- sondern aufwertet. Dass jedes Familienmitglied überdies in einer anderen Beziehung zu Esther steht, dokumentiert die Komplexität des Skripts. Davon abgesehen nimmt sich Orphan sehr bewusst Zeit, um Suspense und Spannung Szene für Szene zu entwickeln. Zwar verzichtet auch Collet-Serra nicht vollständig auf laute Schockmomente, die meiste Zeit über erscheint die von Esther ausgehende Bedrohung allerdings weitaus subtiler und weniger eindeutig. Erst zum Ende hin fügt sich die Handlung pflichtbewusst der Logik und Dramaturgie des Horror-Kinos, woraus ein gewisser stilistischer Bruch resultiert.

Bis es allerdings zu diesem letzten, durchaus blutigen Kräftemessen zwischen Esther und ihrer neuen Familie kommt, ähnelt Orphan mehr einem sorgsam austarierten Psycho-Thriller. Mit Das Omen und anderen Vertretern des Satansbraten-Genres hat der Film - anders als es der Trailer und das Plakat etwas unglücklich suggerieren - nichts gemein. Auch für höhere Mächte und übersinnliche Geistererscheinungen ist im perfide geführten Kampf um Liebe und Zuneigung kein Platz. Stattdessen arbeitet das Drehbuch mit einem möglichst realistischen, nachvollziehbaren Szenario, bei dem wir uns in die Rolle der zunehmend überforderten Eltern versetzen sollen. Diese Rechnung geht auch deshalb auf, weil die Charaktere nie ihrer Glaubwürdigkeit beraubt werden. Getragen von durchweg starken Darstellerleistungen - über Isabelle Fuhrmans wahrlich denkwürdigen Auftritt wird man noch lange reden - funktioniert Orphan sogar als Familiendrama, das tief in die Vergangenheit seiner Akteure hineinleuchtet und dabei allerhand Dunkles zu Tage fördert.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, Oktober 14, 2009

Das weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte


D/A/F 2009

++++

Michael Haneke zählt zweifelsfrei zu den profiliertesten und zugleich umstrittensten Filmemacher der Gegenwart. Filmlehrer und Moralist, Künstler und Kulturpessimist, es gibt viele Etiketten, die auf den 67-jährigen passen und die er sich dank kontroverser Arbeiten wie Funny Games und Caché auch redlich verdient hat. In Das weisse Band, der in Cannes die „Goldene Palme" erhielt, seziert Haneke wieder einmal die menschliche Natur und kommt dabei dem Ursprung des Bösen auf die Spur. Ein gewaltiges Thema für einen in jeder Hinsicht gewaltigen Film. Den ganzen Text gibt es auf Koeln.de.

Samstag, Oktober 10, 2009

Thirst - Durst


ROK 2009

++1/2

Der Vampir-Mythos ist mindestens so unzerstörbar wie die Blutsauger selber. Solange diese nicht mit Sonnenlicht in Berührung kommen oder von Kruzifixträgern gejagt werden, kann die Erben des transsilvanischen Grafen Dracula kaum etwas aus der Ruhe bringen. Und auch im Kino erfreut sich der Vampir einer ungebrochenen Beliebtheit. Egal ob Mainstream (Twilight) oder Indie (So finster die Nacht), nirgendwo ist man vor ihm und seinen Fängen sicher. Mal gibt er sich keusch und unschuldig, dann wieder lässt er recht ungeniert die Sau raus, was dann meist in einem ekstatischen, nicht-jugendfreien Blutrausch endet. Auch Koreas Ausnahmeregisseur Park Chan-wook, dessen Rache-Trilogie zweifellos zu den Meilensteinen modernen asiatischen Kinos zählt, ist der Faszination für Vampir-Geschichten erlegen. Zumindest muss man das stark vermuten, wenn man seinen neuen Film Thirst – Durst als Referenz heranzieht, der bei den Filmfestspielen in Cannes bereits mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet wurde.

Es beginnt alles ganz harmlos. Der Wunsch, Gutes zu tun, bewegt den katholischen Priester Sang-hyun (Song Kang-ho) dazu, an einem durchaus riskanten Experiment teilzunehmen und sich als menschliches Versuchskaninchen zur Verfügung zu stellen. Bei Tests soll ein neuer Impfstoff gegen das aggressive Emmanuel-Virus erprobt werden. Doch das Vorhaben misslingt. Alle Patienten sterben, auch Sang-hyun. So scheint es zunächst. Plötzlich sendet der für tot erklärte Körper jedoch hierzu konträre Signale. Der Herzschlag setzt wieder ein, das Bewusstsein kehrt zurück und es stellt sich – gewissermaßen als Nebenwirkung nach zahllosen Transfusionen – bei Sang-hyun ein reichlich seltsames Verlangen nach menschlichem Blut ein, das er anfangs zu verdrängen sucht.

Während der Gottesmann noch wie ein neuer Heilsbringer gefeiert wird, reift in ihm längst eine dunkle Sehnsucht heran. Von der ahnt die resolute Madame Ra (Kim Hae-sook) nichts, als sie ihn zu sich nach Hause einlädt, wo er auf einen alten Schulfreund trifft. Kang-woo (Shin Ha-kyun) ist ein ziemlicher Jammerlappen, ein Muttersöhnchen und die Reinkarnation des eingebildeten Kranken, der sich von unserem Priester eine Art Wunderheilung erhofft. Die bleibt zwar aus, dafür verliebt sich Sang-hyun unsterblich in Tae-ju (Kim Ok-vin), die hübsche Ehefrau des um Mitleid buhlenden Milchbubis. Alle Anstrengungen, dies zu leugnen, bleiben erfolglos. Am Ende sind Blutdurst und Fleischeslust einfach zu übermächtig und es kommt zu einer für beide gefährlichen Liaison.

Das Interessante an dieser vermutlich nicht nur in den Augen des Vatikans sündigen Affäre ist der darin angelegte Rollentausch. So geht die Initiative eindeutig von Tae-ju aus. Sie ist es auch, die Sang-hyun mehrmals dazu drängt, ihr Blut zu trinken. Weil sie ihr altes, eintöniges Leben satt hat und sich der ständigen Kontrolle durch ihre herrschsüchtige Schwiegermutter nicht länger aussetzen will, ergreift sie die Chance zur Flucht. Sang-hyun zögert dagegen. Ihn quält lange Zeit sein Gewissen. Und er kämpft gegen seine Erziehung, gegen seinen Glauben und nicht zuletzt auch gegen das Zölibat. Nun ist der Geist zwar willig, doch der Körper bekanntlich schwach und Sang-hyuns Widerstand irgendwann gebrochen.

Überhaupt spielt Körperlichkeit in den Filmen des Park Chan-wook seit jeher eine besonders große Rolle. Das war schon in Oldboy so, als der eingekerkerte Oh-Daesu mit seiner ganzen Physis gegen die eigene Gefangenschaft rebellierte. In Thirst kommt es nun nicht nur zu dem für Vampirgeschichten charakteristischen Biss in Hals und Arme, auch andere Körperflüssigkeiten tauschen Tae-ju und ihr Vampir-Freund regelmäßig an den unterschiedlichsten Orten aus. Park gewährt den Liebesszenen viel Raum, womit er den erotischen Subtext des Vampir-Mythos offen betont und ihn anders als beispielsweise eine Stephenie Meyers nicht in einer unschuldigen, christlich eingefärbten Teenager-Romanze versteckt. Ohnehin richtet sich sein Film an ein gänzlich anderes Publikum. Eine Freigabe ab 12 Jahren ist schon aufgrund der expliziten Gewaltszenen – von Blut saugen über Blut lecken bis Blut kotzen wird so ziemlich alles geboten – unwahrscheinlich.

Thirst gleicht einem Fest für die Sinne. Aufwändige Kamerafahrten, dekorative Shots, ein eingängiger, wuchtiger Klassik-Score, die Handschrift des kreativen Workaholic Park ist unverkennbar. Wenn Tae-ju und Sang-hyun des Nachts über die Dächer der Stadt schweben und scheinbar mühelos an Häuserwänden emporklettern, verliert sich der Film für einen Augenblick in der Magie betörend schöner (Kino-)Bilder.

Über das Ausstellen solcher und anderer Äußerlichkeiten vergisst Park allerdings bisweilen seine Protagonisten und ihr Schicksal. Irgendwie bleibt da immer eine unsichtbare Barriere, eine Distanz, die er erst mit der letzten Szene und einem einprägsamen Schlussbild einreißt. Zuvor dominieren abseits der blutigen Intermezzi eher die grotesken Momente. Der gesamte Handlungsstrang um Tae-jus mehr als wundersame Sippschaft ist reiner Komödienstoff, vollgestopft mit absurden Ideen, von denen manche sicherlich auf das Konto eines für uns Europäer mitunter befremdlichen asiatischen Humors gehen.

Thirst ist folglich kein Vampirfilm zum Fürchten oder Gruseln. Parks Interpretation der Legende kann weder schocken noch verunsichern. Dafür liegt die Betonung einfach zu sehr auf den heiteren bis absurden Einfällen. Nach einem atmosphärischen Einstieg zerfasert der Plot zudem immer weiter, was den Verdacht nährt, dass Thirst etwas zu wenig Substanz für seine 133 Minuten mitbringt. Dazu passt es, dass der theologische Unterbau, immerhin ist Sang-hyun ein Mann Gottes, weitgehend unangetastet bleibt. Ein Film der verpassten Chancen – wenngleich auf insgesamt hohem Niveau.

Für BlairWitch.de.

Montag, Oktober 05, 2009

Lippels Traum - Märchen aus 1001er-Nacht


D 2009

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Nachdem die bisherigen Verfilmungen von Paul Maars Kinderbüchern („Das Sams“, „Herr Bello“) vom jungen Publikum mit großer Begeisterung angenommen wurden, lag die Entscheidung, eine weitere Geschichte aus dessen Feder zu adaptieren, eigentlich recht nahe. Die Wahl fiel auf Lippels Traum, einem fantasiereichen Abenteuer, in dem sich ein elfjähriger Junge aus Verdruss über die neue, kontrollsüchtige Haushälterin in ein Märchen aus 1001 Nacht hineinträumt. Die durch die Bank überzeugenden Jungdarsteller werden dabei von einer Riege prominenter deutscher Schauspieler (u.a. Moritz Bleibtreu und Anke Engelke) unterstützt.

Filmkritik:

Der elfjährige Philipp (Karl Alexander Seidel), der von allen nur „Lippel“ genannt wird, wächst bei seinem Vater Otto Mattenheim (Moritz Bleibtreu) im malerischen Passau auf. Der erfolgreiche Sternekoch hat sich längst auch im Ausland einen Namen gemacht und so kommt es, dass Lippel für eine Woche ganz auf ihn verzichten muss. Eine Geschäftsreise in die USA lässt sich nicht weiter verschieben. In dieser Zeit soll die neue Haushälterin Frau Jakob (Anke Engelke) auf Lippel aufpassen. So sieht zumindest der Plan von Vater Mattenheim aus. Was dieser nicht ahnt: Mit immer neuen Vorschriften und Verboten treibt die strenge Hausdame Lippel zur Verzweiflung. Sogar das Buch mit Geschichten aus 1001 Nacht, das ihm sein Vater geschenkt hat, will sie ihm abnehmen. Doch der clevere Lippel findet einen Ausweg. Er träumt sich Nacht für Nacht in ein orientalisches Märchen, in dem seltsamerweise nicht nur sein Vater sondern auch Frau Jakob und zwei seiner Klassenkameraden auftauchen.

Mit dem fantasievollen Lippels Traum findet nach Das Sams und Herr Bello ein weiterer Kinderbuchklassiker aus der Feder von Paul Maar den Weg ins Kino. Maar, der abermals das Drehbuch zusammen mit Produzent und Autor Ulrich Limmer verfasste, besitzt ein sicheres Gespür für das, was Kinder in Lippels Alter bewegt, wovor sie sich fürchten und wie ihr Blick auf die Welt und uns Erwachsene ausfällt. Letzterer mag zugeben nicht immer allzu schmeichelhaft erscheinen. Viele der Erwachsenenfiguren auch in Lippels Traum sind einfache Karikaturen, deren überzeichnete Ticks und Manierismen vornehmlich als Comic Relief zu verstehen sind. So erinnert Anke Engelkes pedantischer Kinderschreck an das bekannte Fräulein Rottenmeier aus Heidi. In Lippels Fantasiewelt wiederum übernimmt sie den Part der bösen Hexe und damit einer durch und durch klassischen Märchenfigur. Nur wenige der Erwachsenen wie Vater Mattenheim oder dessen Mitarbeiterin Serafina (Christiane Paul) eignen sich letztlich als echte Sympathieträger. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Maar merklich von anderen Kinderbuchautoren. Eine Cornelia Funke geht beispielsweise in ihren Geschichten über die Wilden Hühner weitaus differenzierter vor.

Gleichwohl reiht sich Lippels geträumte Reise vom anscheinend dauerverregneten Passau in die geheimnisvolle Märchenwelt aus 1001 Nacht nahtlos in die Reihe der vielen erfreulichen Kinderbuchverfilmungen der vergangenen Jahre ein. Der Film beschwört in prachtvollen Bildern – die Dreharbeiten fanden in Marokko statt – die kindliche Imagination als machtvolle, treibende Kraft des Guten und der Freundschaft. Anders als internationale Produktionen wie Pan’s Labyrinth oder The Fall, die im Grunde eine sehr ähnliche Botschaft formulierten, richtet sich Lippels Traum vornehmlich an ein junges Publikum.

Ohne jemals den pädagogischen Zeigefinger zu erheben, lernen Kinder hier so ganz nebenbei den richtigen Umgang mit ihren Ängsten. Einzig in der Konfrontation – das erkennt Lippel, nachdem er sich mit viel Überwindung erstmals in den verhassten, dunklen Keller gewagt hat – liegt der Schlüssel zu einem größeren Selbstvertrauen. Das kann er im nächsten Moment dann auch gleich unter Beweis stellen. Zusammen mit seinen Schulfreunden schickt er den Hausdrachen in die Wüste. Und das ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, Oktober 01, 2009

Die nackte Wahrheit - Das Männer-und-Frauen-Problem


USA 2009

++1/2

Die Karrierefrau, die über ihren stressigen Job alles andere vergisst, ist als beliebtes Stereotyp im Komödienfach längst fest etabliert. In der Judd-Apatow-Produktion Beim ersten Mal bekam es eine ebensolche „Mrs. Perfect" mit einem ganz und gar nicht perfekten Couch Potatoe, alkoholindizierten Sex und dessen nach wenigen Monaten sichtbaren Spätfolgen zu tun. Schon damals überzeugte Grey's Anatomy-Star Katherine Heigl in der Rolle der taffen, erfolgreichen TV-Journalistin mit Bindungsschwierigkeiten. Eine ganz ähnliche Figur spielt sie auch zwei Jahre später in Die nackte Wahrheit, der neuesten romantischen Komödie, mit der Hollywood uns zu beglücken versucht. Weiterlesen.

Dienstag, September 29, 2009

Pandorum - Völlig losgelöst


USA 2009

+

Das Weltalt – unendliche Weiten. Christian Alvarts SciFi-Thriller Pandorum beginnt wie eine typische Star-Trek-Folge. Das Panorama des Universums, dazwischen ein Raumschiff, das größer und größer wird. Schnell erfahren wir, dass es sich bei dem Gefährt um die „Elysium“ handelt, ein Raumschiff, das sich auf einer Kolonisationsfahrt zum Planeten Tanis befindet. Dort herrschen angeblich ähnliche Lebensbedingungen wie auf die Erde und genau dort soll sich die Menschheit neu ansiedeln. Das Szenario klingt vertraut und spielt mit dem alten Entdeckergeist und Wagemut, den einst Abenteurer wie Christoph Kolumbus oder James Cook verkörperten, als sie mit ihren Schiffen in eine für sie unbekannte Ferne aufbrachen.

Für derartige Entdecker-Romantik ist in Pandorum allerdings kein Platz. Als die beiden Astronauten Payton (Dennis Quaid) und Bower (Ben Foster) urplötzlich aus einem langen, tiefen Schlaf erwachen, bietet sich ihnen vielmehr ein recht trostloses Bild. Nicht wissend, was genau ihre Aufgabe ist und wo sie sich überhaupt befinden, beginnen sie, die dunkle Gänge des Raumschiffs Meter um Meter zu erforschen. Dabei zeigt sich, dass die Energieversorgung kurz vor dem Zusammenbruch steht. Um keine Zeit zu verlieren und die Funktionstüchtigkeit des Schiffs zu sichern, entscheiden sich beide für eine Aufgabenteilung. Während Bower das scheinbar endlose Labyrinth aus Gängen, Räumen und Korridoren erkundet, soll Payton ihn per Funk zum Reaktorraum lotsen.

Ab da entwickelt sich Alvarts Sci-Fi-Horror zu einem düsteren Survival-Trip aus Egoshooter-Perspektive. Wie der Spieler eines Videospiels erlebt der Zuschauer zeitweilig Bowers gefährliche Mission, bei der dieser nicht nur auf neue Mitstreiter stößt, sondern sich zugleich äußerst aggressive Gollum-artige Kreaturen vom Leib halten muss. Seinem Captain ergeht es zur selben Zeit nicht viel besser. Ein unerwarteter Besucher strapaziert die Nerven des erfahrenen Piloten. Corporal Gallo (Cam Gigandet) wirkt verstört und traumatisiert. Er berichtet, dass er seine beiden Mitstreiter töten musste, nachdem diese angeblich Symptome der heimtückischen Weltraumkrankheit „Pandorum“ zeigten.

Lange Zeit ergeht es uns Zuschauer wie Alvarts Protagonisten. Wir tappen im Dunkeln – mehr oder weniger. Denn um zu ahnen, dass nichts so ist, wie es zunächst scheint, muss man kein Kenner des Genres sein. Vielmehr lässt die ganze Wahrheit auch in Pandorum eine gefühlte Ewigkeit auf sich warten. Dass die einzelnen Plot-Twists überdies mit Pauken und Trompeten angekündigt werden, trägt ebenfalls nicht zur Steigerung des Überraschungsmoments bei. Eher legt die dramatische Zurschaustellung jeder Wende den Verdacht nahe, dass die Macher ihren eigenen Film für wahnsinnig originell und innovativ halten (was er nicht ist). Dabei setzt sich das zu entschlüsselnde Puzzle letztlich aus vielen bekannten Bausteinen zusammen, die schon in anderen Horror- und Sci-Fi-Geschichten Verwendung fanden.

Pandorum könnte sodann problemlos als Weltraum-Klon des britischen Höhlenschockers The Descent durchgehen. Wie seinerzeit Neil Marshall setzt auch Christian Alvart vornehmlich auf die Enge und Unübersichtlichkeit der Räumlichkeiten. Hinter jeder Ecke und jeder Tür kann der Tod in Gestalt hungriger Monstermutanten auf unseren Helden lauern. Die abscheulichen Kreaturen wirken gar wie eine 1-zu-1-Kopie der blutgeilen Höhlenbewohner. Mehr noch: Des Öfteren beschleicht einen das Gefühl, Alvart habe gleich ganze Szenen in Copy-and-Paste-Manier nachdrehen lassen. Wenn Bower und seine Mitstreiter durch einen blutigen See aus Kadaver schwimmen, scheint lediglich das Hintergrundbild ausgetauscht worden zu sein.

Der Rückgriff auf erprobte Ideen ist grundsätzlich keine cineastische Todsünde. Gerade im Horrorfach gehört das Nachstellen, Imitieren, Kopieren und Aufwärmen praktisch zum Tagesgeschäft. Wer aber wie Alvart derart fleißig die Genre-Kiste plündert, der sollte zumindest sein Handwerkszeug beherrschen. Davon kann in diesem Fall jedoch nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Allein die Kameraführung und Montage der Jagdszenen bereiten ernsthaft Kopfschmerzen. Vor allem der Schnitt ist eine Frechheit. Unübersichtlich und unnötig hektisch erinnert die gesamte Bildgestaltung an ein schlampig produziertes C-Movie (was Pandorum mit einem Budget von 40 Mio. Dollar definitiv nicht ist). Über die handwerklichen Mängel können am Ende selbst einige nette, computergenerierte Establishing Shots nicht hinwegtäuschen.

Fleißig werden von Alvart auch Danny Boyles SciFi-Glanzstück Sunshine, der Klassiker Alien und die Filme der Resident Evil-Reihe zitiert. Letzteres verwundert am wenigsten, immerhin ist Paul W.S. Anderson als Produzent mit an Bord. Während dessen Videospieladaptionen allerdings keine größeren Ambitionen an den Tag legten, beschweren Alvart und sein Drehbuchautor Travis Milloy Pandorum mit pseudophilosophischen Ballast („Freiheit ohne Moral? Unmöglich!“) und einer ausgelutschten, religiös eingefärbten Adam-und-Eva-Metaphorik. Dass ein Film mehr als nur reine Unterhaltung sein will, ist legitim. Nach gut anderthalb Stunden schlecht choreographierten Gerenne, Gefluche und Gekreische nehme ich Alvarts zähem Weltall-Horror seine sozioökologischen Lippenbekenntnisse jedoch nicht mehr ab.

Für BlairWitch.de.

Sonntag, September 27, 2009

Carriers - It's the End of the World...


USA 2009

+++

Die Welt ist groß und der Tod lauert überall. Dieser Satz beschreibt in Abwandlung an den berühmten Roman des bulgarisch-stämmigen Schriftstellers Ilija Trojanow vermutlich am besten das in Carriers vorherrschende Szenario aus Angst und Hilflosigkeit. Eine letale Seuche ist eine verdammt ernste Angelegenheit. Das werden die beiden Brüder Danny (Lou Taylor Pucci) und Brian (Chris Pine) nur bestätigen können. Das unbekannte Virus hat bereits weite Teile der Menschheit dahingerafft, als sich die Geschwister zusammen mit ihren Freundinnen (Piper Perabo, Emily VanCamp) auf den Weg zur Küste begeben, wo sie auf Rettung und Schutz hoffen. Doch der Roadtrip steht von Beginn an unter keinen allzu guten Vorzeichen. Nicht nur treffen die jungen Leute unterwegs immer wieder auf Infizierte, auch untereinander sind sie sich oftmals nicht einig, was den weiteren Verlauf ihrer Reise anbelangt.

Carriers als den inoffiziellen Film zur Schweinegrippe zu bewerben, greift sicherlich zu kurz und würde die psychologisch sauber austarierte Geschichte fälschlicherweise auf das Format eines simplen Katastrophen-Thrillers reduzieren. Dabei ist das Regiedebüt der spanischen Pastor-Brüder, Alex und David mit Namen, zu jederzeit 100% Kino. Um das zu erkennen, muss man sich nur einmal die ausgefeilte Bildgestaltung und Montage ansehen. Aus dem Spiel mit Unschärfe, verschiedenen Brennweiten und Filter erschaffen sie bereits eine trotz der Weite der Landschaft bedrohliche Enge, die zugleich als Blick in das Seelenleben ihrer vier Hauptcharaktere funktioniert. Die Angst fährt schließlich immer mit. Die Angst, sich bei jemand anderem anzustecken, von dem man nicht wusste, dass auch er längst infiziert ist.

Dieses Misstrauen ist die wichtigste Trumpfkarte, die der Film bereit hält und die die Pastors gerade zum Ende hin genüsslich ausspielen. Dann nämlich, wenn der Nervenkrieg unseren vier Reisenden manch irreversible Entscheidung abverlangt. Auch ohne allzu großes Genrewissen ahnt man zudem bereits früh, dass die von Brian und Danny aufgestellten Regeln (1. Abstand zu allen Infizierten halten, 2. Bei Kontakt Mundschutz und Handschuhe tragen, 3. Möglicherweise kontaminierte Gegenstände gründlich reinigen) über kurz oder lang gebrochen werden. Hieraus ergibt sich eine Reihe von Komplikationen. Dass die Überlebenswahrscheinlichkeit mit jedem Regelverstoss dramatisch abnimmt, ist die mit Abstand unerfreulichste. Und so rückt das Meer, an dem Danny und Brian so viele unbeschwerte Ferien zusammen verbrachten, plötzlich in unerreichbare Ferne.

Das Bedrohungsszenario, das Carriers ohne große Erklärung aufbaut – die Erkrankung ist einfach da, die Hintergründe interessieren nicht weiter und bleiben weitgehend im Dunkeln –, ähnelt dem des klassischen Zombiefilms. Allein die Zombies fehlen, was jedoch nicht weiter tragisch ist. Immerhin übernehmen die infizierten Anhalter und Mitfahrer deren Funktion. Statt auf blutige Schockeffekte vertrauen David und Alex Pastor ihren Darstellern und der aus der scheinbaren Ausweglosigkeit der Situation sorgsam entwickelten Spannungsdramaturgie. Dabei orientieren sie sich von Beginn an am Aufbau eines klassischen Roadmovies. Auf dem Weg zum Meer machen die Pärchen hier und da Station. Mal freiwillig, mal unfreiwillig. Mal geht ihnen das Benzin aus, mal erhoffen sie sich Hilfe in einer inzwischen verlassenen Notfallstation.

Die einzelnen Episoden arbeiten mit einer den meisten von uns angeborenen Furcht vor dem Unbekannten. Was sich hinter der nächsten Tür, hinter der nächsten Ecke verbirgt, beflügelt nicht nur Dannys und Brians Fantasie auf eine schaurig-schöne Weise. Obwohl sie erst Ende Zwanzig bzw. Anfang Dreißig sind, nehmen es die Pastors mühelos mit der Routine und Fertigkeit eines erfahrenen Regie-Haudegen auf. So ganz nebenbei zitieren sie Spielberg und Romero, während sie ihre schnörkellose Geschichte auf ein nachdenkliches, durchaus bewegendes Ende hin ausrichten, das sich von den vielen Last-Minute-Plot-Twists im Genre wohltuend abhebt.

Carriers entlässt sein Publikum mit nur wenigen Antworten. Dafür wirft dieses sozialpsychologische Experiment, das sich als Horrorfilm tarnt, umso mehr Fragen auf. Was ist das eigene Überleben wert, wenn der Mensch, dem man sich am nächsten fühlte, plötzlich nicht mehr bei einem sein kann? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der wir dem Anderen stets mit Misstrauen und Argwohn begegnen? Und ist das soziale Gewissen nur in guten Zeiten als moralische Instanz zu gebrauchen und ansonsten eher hinderlich? Der Kopf rattert, das Herz bebt. Gut gemacht, Señores Pastor!

Für BlairWitch.de.

Dienstag, September 22, 2009

Louise hires a Contract Killer


F 2008

+++1/2

Die beiden französischen Filmemacher Gustave Kervern und Benoît Delépine pflegen in ihren Geschichten stets einen äußerst schwarzen, absurden Humor. Dieser und ein Faible für schrullige, eigenbrötlerische Charaktere zeichnet auch ihre neueste Zusammenarbeit aus. Louise hires a Contract Killer entpuppt sich als respektlose Anarcho-Komödie, die vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise den Finger nicht nur in die Wunde legt, sondern genüsslich darin herumpult.

Filmkritik:

Extreme Zeiten verlangen nach extremen Maßnahmen. Das denken sich zumindest die Arbeiterinnen einer Textilfabrik in der nordfranzösischen Provinz. Sah es gestern noch so aus, als habe sich ihr Chef in einen spendablen Gönner verwandelt, der seine Angestellten mit einem neuen Kittel beglückt, stehen die Frauen heute vor einer vollkommen leer geräumten Fabrikhalle. In einer von langer Hand geplanten Nacht- und Nebelaktion wurden die Maschinen allesamt nach Asien verschiff. Zurück bleibt die Wut der versammelten Arbeiterschaft. Die Frage, wie sie ihre mickrige Abfindung möglichst gewinnbringend investieren, bringt eine von ihnen, die burschikose Louise (Yolande Moreau), auf eine mehr als unkonventionelle Idee. „Da reicht für `nen Profi. Lasst uns den Boss abknallen!“

Mit der Suche nach einem geeigneten „Hitman“ beginnt eine pechschwarze, schräge und garantiert alles andere als Mainstream-kompatible Reise, die uns und Louise vom trostlosen französischen Arbeiterkaff bis nach Brüssel und von dort ins Steuerparadies Jersey führt. Die beiden Filmemacher Gustave Kervern und Benoît Delépine sind bekannt für ihre abstrusen und politisch unkorrekten Geschichten. Schon Aaltra, ihr erster gemeinsamer Kinofilm über zwei trampende Rollstuhlfahrer, bot ein Potpourri skurriler Einfälle. Für den in Louise hires a Contract Killer aufgeführten Rachefeldzug der entrechteten Arbeiterschaft in Zeiten der Globalisierung testen sie wieder einmal mit sichtlichem Genuss die Schmerzgrenze ihres Publikums aus. Da werden Behinderte und Todkranke als willige Handlanger missbraucht, Tiere geopfert und gängige Schönheitsideale konsequent missachtet. Sogar vor den Ereignissen des 11. September machen Kervern und Delépine nicht Halt. Warum auch.

Es ist ein ungleicher Kampf, von dem die beiden Franzosen hier erzählen. Während sich die Arbeiterinnen von einer scheinbaren Naturgewalt überrollt sehen, der sie nichts mehr entgegen zu setzen haben, steigen die Fabrikbesitzer mit dem Ziel der Renditemaximierung in ein globales Länder-Hopping ein. Wenn die Produktion in Polen zu teuer geworden ist, zieht man eben nach Vietnam oder Bangladesh weiter. Die Idee zu Louise hires a Contract Killer entstammt im Übrigen einer von Kervern und Delépine für den französischen Sender Canal+ entwickelten TV-Serie, deren Titel „Don Quichotte de la révolution“ auf ein anderes, ungleiches Duell verweist.

Die Rollen sind dabei ebenso wie die Sympathien von Beginn an klar verteilt. Das experimentierfreudige Regieduo lässt nie einen Zweifel aufkommen, für wen unser Herz schlagen soll. Yolande Moreau ist als stoisches, notorisch wortkarges Mannsweib Louise eine echte Erscheinung. Aber erst im Zusammenspiel mit ihrem Schauspielkollegen Bouli Lanners, der den „Profi“ Michel als gnadenlos talentfreien Auftragskiller und Möchtegern-Rambo herrlich überzeichnet, entfaltet dieses radikal respektlose Buddy-Movie erst seinen vollen Unterhaltungswert. Kervern und Delépine beweisen, dass man sich einer sozialen Frage, die nicht zuletzt in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise hochaktuell ist, nicht mit didaktischer Strenge oder reflexhaften Betroffenheitsgesten nähern muss. Manchmal tun es auch zwei Höllenhunde und ein absurder Plan voller Chaos und Anarchie.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, September 17, 2009

Wie das Leben so spielt - Funny People


USA 2009

+++

Seitdem er vor einigen Jahren mit den Box-Office-Hits Jungfrau, 40, männlich, sucht... und Beim ersten Mal die amerikanische Mainstream-Komödie aus ihrer selbstverschuldeten Ideen- und Mutlosigkeit befreite, zählt Regisseur/Autor/Produzent Judd Apatow zu den von Kritik wie Publikum gleichermaßen gefeierten Hoffnungsträgern unverkrampfter Albernheiten. Er betätigte sich erfolgreich als Förderer bis dahin eher unbekannter Talente und baute um sich ein eingeschworenes Team, mit dem er immer neue Projekte in wechselnden Besetzungen realisierte. In Wie das Leben so spielt zeigt sich Apatow nun von einer ernsteren Seite, wobei Freunde seines unverwechselbaren, mitunter durchaus zotigen Humors ebenfalls auf ihre Kosten kommen.

Die ganze Kritik gibt es auf Koeln.de.

Dienstag, September 15, 2009

Oben - In luftigen Höhen


USA 2009

+++1/2

Wer Autos und Spielzeugfiguren zum Sprechen, Ratten zur Haute Cuisine und Roboter zu Musicalfans „erziehen“ kann, der wird auch einen Rentner samt Altersruhesitz zum Fliegen bringen können. Pixars geriatrisches Märchen lässt die ungelebten Träume eines „Grumpy Old Man“ auf eine fantasievolle, überraschende Art Wirklichkeit werden. Damit punktet Oben letztlich mit den typischen Pixar-Tugenden, zu denen es auch gehört, dass sich die Animationen bei aller technischen Brillanz nie unangenehm in den Vordergrund drängen.

Filmkritik:

Pixars Trickkünstler kann man wahrlich nicht vorhalten, sie wären bei der Auswahl ihrer animierten Hauptdarsteller in der Vergangenheit nicht hinreichend kreativ gewesen. Spielzeugfiguren, Käfer, Ratten, Clownfische, sogar sprechende Autos und liebeskranke Müllroboter eroberten in früheren Filmen der Pixelartisten das Herz des Publikums. Für uns Menschen blieb zumeist nur eine wenig schmeichelhafte Nebenrolle übrig. Die Ausnahme von dieser Regel, Brad Birds Die Unglaublichen, bekommt nun jedoch Zuwachs. In Oben, dem die Ehre zuteil wurde, als erster Animationsfilm die Filmfestspiele von Cannes eröffnen zu dürfen, schicken die beiden Regisseure Pete Docter und Bob Petersen einen 78jährigen bisweilen äußerst renitenten Witwer auf eine mehr als abenteuerliche Reise.

Mag deren Ziel bereits exotisch anmuten – immerhin verschlägt es unseren rüstigen Rentner in den tiefsten Urwald Südamerikas –, so richtig außergewöhnlich erscheint erst die Wahl des Transportmittels. Statt mit dem Flugzeug oder dem Schiff verreist der pensionierte Ballonverkäufer Carl Fredricksen (deutsche Synchronstimme: Karlheinz Böhm) mit und in den eigenen vier Wänden. Eine Vielzahl bunter Heliumballons lässt das kleine Häuschen wie von Zauberhand davon schweben. Nach dem Tod seiner geliebten Ellie, mit der er praktisch sein gesamtes Leben teilte, will es Carl noch einmal wissen und sich einen lange gehegten Traum erfüllen. Wie sein großes Vorbild aus Kindertagen, der legendäre Entdecker Charles Muntz, möchte auch er den geheimnisvollen Dschungel Südamerikas erkunden. Dass er bei diesem Vorhaben von einem blinden Passagier begleitet wird, davon ahnt Carl anfangs nichts. Russell, ein Junge aus der Nachbarschaft, ist leidenschaftlicher Pfadfinder und zufälligerweise auf der Suche nach einem Ersatz-Großvater.

Die Künstlichkeit und Distanz, die üblicherweise einen Animationsfilm beschreiben, überbrücken Procter und Petersen schon während der Einleitung. Ein knapp zehnminütiger Prolog, der gänzlich ohne Dialoge auskommt und Carls bisheriges Leben als eine Aneinanderreihung herzzerreißender Stummfilmepisoden zusammenfasst, zählt zweifellos zum Besten, was jemals die Pixar-Werkstatt verlassen hat. Untermalt von Michael Giacchinos gefühlvollem Score erhalten wir einen intuitiven Einblick in die Gefühlswelt eines inzwischen einsamen, alten Mannes. Ellie und er, das verdeutlicht der kurze Rückblick, waren glücklich, wenngleich manche ihrer Wünsche und Träume bis zuletzt unerfüllt blieben. Selbst die ungewollte Kinderlosigkeit des Paares und Ellies Tod werden von Procter und Petersen keinesfalls ausgeblendet. Erwachsen und aufrichtig nähert sich Oben seiner für einen Animationsfilm ungewöhnlichen Hauptfigur.

Mit Carls Aufbruch ins Unbekannte nimmt auch die Handlung merklich an Fahrt auf. Parallel dazu wird der anfangs eher subtile Humor zunehmend kindgerechter und verspielter, wobei der Film bis zur letzten Minute über alle Altersklassen funktioniert. Dug (gesprochen von Komiker Dirk Bach), ein etwas tollpatschiger aber ungemein liebenswerter Vierbeiner, den unsere Abenteurer im südamerikanischen Dschungel „adoptieren“, hat dabei das Zeug zum echten Publikumsliebling. Zusammen mit seinen weniger friedfertigen Artgenossen, die wie er dank eines Halsbands mit den menschlichen Eindringlingen kommunizieren können, liefert er überdies eine smarte Persiflage auf die pathologische Hundefixiertheit anderer Disney-Produktionen.

Verglichen mit Wall-e und Ratatouille erscheint Carls sonderbare Ballonfahrt, als hätten Procter und Petersen sie vor Beginn unbedingt von allem (unnötigem) Ballast befreien wollen. Die Geschichte ist deutlich einfacher gehalten, fast schon schnörkellos. Und dennoch spiegeln sich in ihr zahlreiche Einflüsse und Motive anderer Erzählungen, die jedoch nie als bloße popkulturelle Zitate ausgestellt werden. Die Bezüge zu Hayao Miyazakis Das wandelnde Schloss oder dem Jungs-Kino eines Steven Spielberg sind vielmehr Teil eines Film, der von der Hingabe der Entwickler für ihre Figuren in luftige Höhen getragen wird.

Für Programmkino.de.

Freitag, September 11, 2009

Antichrist - Nur in Deinem Kopf


DK 2009

++1/2

Das schnell gelangweilte, ungeduldige Publikum in Cannes zu schocken und sprachlos zu machen, das schaffen nur die wenigsten. Lars von Trier ist genau dieses Kunststück gelungen. Sein Antichrist provozierte unter den Anwesenden extreme Reaktionen, die von kompletter Ablehnung bis geradezu überschwänglicher Begeisterung so ziemlich jede Meinungsäußerung abdeckten. In der Tat mutet von Trier auch dieses Mal seinem Publikum einiges zu. Mehrmals überschreitet er Grenzen, von denen man noch wenige Minuten zuvor glaubte, dass sich selbst das dänische Enfant terrible niemals über sie hinwegsetzen würde. Doch der streitbare Regisseur kennt kein Pardon und mit uns Zuschauer keine Gnade.

Antichrist eröffnet mit einem wunderschönen und zugleich beängstigenden Prolog. Zur Musik Georg Friedrich Händels schildert von Trier einen tragischen Unfall, der das Leben eines Elternpaares für immer verändern soll. Während SIE (couragiert bis zur Selbstaufgabe: Charlotte Gainsbourg) und ER (Willem Dafoe) leidenschaftlichen Sex miteinander haben, verlässt ihr kleiner Sohn Nick unbemerkt sein Bettchen. Angelockt von den hereinwehenden Schneeflocken klettert er auf das Fensterbrett. Dann geschieht es. Nick rutscht aus und stürzt mehrere Meter in die Tiefe. All das hält von Trier in Zeitlupe fest, was nochmals für eine besondere Unruhe sorgt.

Der Tod des einzigen Kindes ruft in IHR eine schwere Depression hervor, von der ER glaubt, ER könne sie behandeln. Schließlich ist er Psychiater und geübt im Umgang mit traumatisierten Seelen. Der Ort der Therapie, eine einsame Hütte in einem finsteren Wald, lässt dann allerdings erste Zweifel am Erfolg des Unterfangens aufkommen. Selbst wer mit von Triers pessimistischem Weltbild nicht vertraut ist, ahnt, dass die Sache kein gutes Ende nehmen kann. Zwar sieht es zwischenzeitlich so aus, als habe sie ihren Lebensmut wiedergefunden, ihr flapsiges „Du hast mich geheilt!“ klingt jedoch wie auswendig gelernt. Am Ende dann hat Antichrist unsere schlimmsten Befürchtungen mit Leichtigkeit eingeholt.

Die Frage, ob sich der Film tatsächlich in der Kategorie „Horror“ einordnen lässt, wirft gewisse Zweifel auf. Natürlich finden sich vor allem zum Ende hin klassische Horrorelemente wie die zunehmend düstere, bedrohliche Stimmung und die eine oder andere äußerst unappetitliche Szene. Andererseits entzieht sich Antichrist über weite Strecken der bekannten Spannungs-Dramaturgie des Thriller- und Horror-Genres. Von Trier schickt seine beiden Protagonisten stattdessen auf eine mitunter recht ermüdende und zähe Reise, in deren Verlauf vieles zerredet und bis zur Erschöpfung ausdiskutiert wird. In der Ausführlichkeit, wie hier zwei Menschen gegenseitig ihr Unverständnis über den anderen ausdrücken – auch er durchschaut erst viel zu spät, was wirklich in seiner Frau vorgeht –, ähnelt der Film mehr einem zerstörerischen Beziehungsdrama.

Der Vergleich mit Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe liegt zumindest lange Zeit näher als der mit William Friedkins Der Exorzist. Dabei wirft von Trier mit (christlicher) Symbolik nur so um sich. Das fängt beim Namen der verlassenen Hütte an („Eden“) und endet bei einem rauschhaften Liebesakt in den Wurzeln eines alttestamentarisch anmutenden Baumes. Ohnehin bleibt die Vertreibung aus dem Paradies als Bild ständig präsent und die Analogie zum ersten Sündenfall unübersehbar. Es drängt sich bisweilen der Eindruck auf, dass es dem Regisseur vornehmlich um das Ausleben seiner klerikalen Aversionen gegangen sein muss.

Mehr noch als für seine expliziten Sex- und Gewaltszenen wurde der Däne für das auch in Antichrist vorherrschende Frauenbild getadelt. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit klebt schon lange an ihm und mit seinem neuen Film, soviel ist sicher, wird er diesen gewiss nicht los. Mit ihrer Verwandlung zur klammernden Furie bestätigt die weibliche Hauptfigur sämtliche Vorurteile über von Triers angebliche Misogynie. Dabei sind Frauen für ihn keinesfalls verschlagene Wesen, es ist mehr eine diffuse Angst, die ihn in Bezug auf das weibliche Geschlecht und dessen Sexualität umtreibt. Nicht zuletzt – das sollte man bei einem geübten Selbstdarsteller wie Lars von Trier immer bedenken – eignet sich das Thema hervorragend zu PR-Zwecken.

Dass der Film das Produkt einer tiefen Depression von Triers sein soll, glaubt man hingegen sofort. Antichrist versteht es nämlich trotz allen Leerlaufs mit seiner (selbst-)zerstörerischen, pervertierten Aura aus geheimen Sehnsüchten und Ängsten gehörig zu irritieren und zu verunsichern. Die Bilder, die von Trier hier findet, wollen einen so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dem exzentrischen Misanthropen wird es freuen.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, September 09, 2009

Wickie und die starken Männer


D 2009

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Seine letzten drei Kinofilme, darunter die beiden Genre-Parodien Der Schuh des Manitu und (T)Raumschiff Surprise, zählten zusammen 23 Mio. Besucher. Keine Frage, Michael „Bully" Herbig ist der Star unter Deutschlands Komödienfilmern. Schon lange bevor der quirlige Bayer ein neues Projekt überhaupt in Angriff nimmt, wird über dessen Inhalt und Besetzung spekuliert. Nach einem nur mäßig erfolgreichen Ausflug ins Animationsfach - von einem Flop möchte man angesichts von immerhin 2,8 Mio. Zuschauern für Lissi und der wilde Kaiser nicht reden - wagte sich Bully zuletzt an eine echte Institution des Kinderfernsehens, die längst Kultstatus genießt und Generationen miteinander verbindet.

Weiterlesen auf koeln.de.

Montag, September 07, 2009

District 9 - Vorhof zur Hölle


USA/NZL 2009

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Wozu geschicktes Viral-Marketing in der Lage ist, das hat im vergangenen Jahr die J.J. Abrams Produktion Cloverfield bewiesen. Lange vor Kinostart leckte sich die Internet-affine Zielgruppe nach jedem noch so nichtssagenden Ausschnitt die Finger. Immer neue Videoschnipsel heizten gezielt den Hype um das wie ein Staatsgeheimnis gehütete Filmprojekt an. Obwohl bei soviel im Vorfeld geschürten PR-Getöse stets die Gefahr bestand, dass der derart geköderte Zuschauer das Kino eher enttäuscht als begeistert verlässt, ging die Rechnung letztlich auf.

Auch wenn es nicht ganz klar ist, ob sich die Macher von District 9 den Monsterangriff auf Manhattan bei der Vermarktung ihres Films zum Vorbild nahmen, experimentierte man gleichsam mit mysteriösen Plakataktionen und anderen eher ungewöhnlichen Werbeformen. Dass ausgerechnet Peter Jackson als finanzieller Förderer des Projekts auftrat, dürfte dem Erfolg ebenfalls nicht abträglich sein. Dabei sollte Regisseur Neill Blomkamp für Jackson eigentlich das populäre Videospiel „Halo“ verfilmen. Weil die an der Umsetzung beteiligten Studios jedoch kalte Füße bekamen, wurde das Vorhaben auf Eis gelegt. Gewissermaßen als Entschädigung durfte Blomkamp für das vergleichsweise bescheidene Budget von 30 Mio. Dollar seine eigene Filmidee umsetzen. Jackson übernahm die Finanzierung – vermutlich aus der Portokasse.

Der erst 30-jährige Regisseur hat sich bisher vorrangig als Special-Effects-Tüftler und Werbefilmer einen Namen gemacht. Vor vier Jahren drehte Blomkamp den Kurzfilm Alive in Jo’Burg über eine Alien-Invasion in seiner südafrikanischen Heimat. Dieses Szenario greift er in District 9 wieder auf. Über der Acht-Millionen-Metropole Johannesburg ist ein gewaltiges Raumschiff gestrandet, das seit rund zwei Jahrzehnten manövrierunfähig und bewegungslos am Himmel klebt. Die Insassen, 1,8 Mio. Außerirdische, wurden von der Regierung bereits kurz nach der Havarie in ein Auffanglager gebracht, wo sie unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Die Neuankömmlinge sind in der Bevölkerung nicht gerade beliebt. So wären die Bewohner der angrenzenden Townships – und nicht nur die – lieber heute als morgen ihre extraterrestischen Nachbarn los. Schließlich sieht sich die Regierung zum Handeln gezwungen. Die aufgrund ihres Aussehens abwertend als „Prawns“ bezeichneten Aliens sollen in ein neues, größeres Lager außerhalb der Stadt umziehen.

Auftritt: Wikus van de Merwe (Sharlto Copley). Der etwas steife, scheinbar überforderte Bürokrat soll die Umzugs-Operation leiten und zugleich für einen möglichst geräuschlosen Transport der Außerirdischen sorgen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Bei einer Hausdurchsuchung in „District 9“ kommt Wikus mit einer zunächst unbekannten Flüssigkeit in Kontakt. Diese verwandelt seinen linken Arm nach und nach in ein Greifwerkzeug der Aliens. Wikus wird sogleich isoliert und zwecks weiterer Untersuchungen in ein geheimes Labor gebracht. Da er als einziger Mensch nunmehr die biochemischen Waffen der Aliens bedienen kann, ist er plötzlich ein heiß begehrtes Forschungsobjekt. Um nicht als Versuchskaninchen zu enden, entschließt er sich zur Flucht.

District 9 nutzt gerade zu Beginn das Format der fiktiven TV-Reportage wie man es hierzulande aus Serien wie Stromberg kennt. Ein Kamerateam begleitet Wikus bei seiner Arbeit, während in Interviews seine Kollegen, Freunde und Angehörigen zu Wort kommen. Letzteres lässt bereits früh erahnen, dass die ganze Sache für Wikus kein wirklich gutes Ende nehmen wird. Der Spannung tut dies jedoch keinen Abbruch. Der überwiegende Einsatz der Handkamera und von Bildern aus Überwachungsstationen – auch in Südafrika gilt offenbar: Big Brother is Watching You! – erzeugen eine mit Hochglanz-Kinobildern im Cinemascope-Format nur schwer herstellbare Nähe und Authentizität. Die düsteren, fast entcolorierten Bilder wirken bisweilen, als habe Blomkamp sie aus einem apokalyptischen Endzeitszenario herauskopiert. Das Alien-Ghetto als der Vorhof zur Hölle.

Nicht nur an dieser Stelle drängt sich der Vergleich zum dystopischen Children of Men förmlich auf. Beide Filme spielen sehr selbstbewusst und überzeugend mit einem politischen Subtext, der soziale Missstände zwar bewusst überzeichnet, dabei aber nie seine realistische Verankerung im zeitgeschichtlichen Hier und Jetzt aufgibt. Der Schauplatz Südafrika weckt beispielsweise Assoziationen zum menschenverachtenden Apartheid-System, das von Blomkamp kurzerhand auf die Situation der Außerirdischen übertragen wurde. In der Tat bestimmen Ausgrenzung, Misstrauen und rassistische Ressentiments damals wie heute den Alttag von Millionen Menschen. Ganz nebenbei widerlegt Blomkamps intelligenter SciFi-Thriller alle Skeptiker, die glaubten, Actionfilme müssten zwangsläufig hohl und reaktionär sein.

Mit Sharlto Copley besitzt District 9 den perfekten Hauptdarsteller. Die erzwungene Metamorphose vom schüchternen Schreibtischtäter zum knallharten Action-Helden mag auf dem Papier reichlich unglaubwürdig klingen, so wie Copley sie interpretiert, erscheint der Rollenwechsel allerdings vollkommen plausibel. Wikus’ Wandlung folgt letztlich einer groben Dreiteilung der Geschichte in semi-dokumentarische Einführung, den mittleren Auf-der-Flucht-Part und einer lauten, etwas zu langen Materialschlacht, bei der Blomkamp seine Vorliebe für Roboter und verchromten Stahl voll auskosten darf. Der Südafrikaner zaubert mit bescheidenem Budget eine mitreißende, emphatische SciFi-Story, bei der erst hinterher auffällt, dass sie das bekannte Invasions-Thema nur äußerst raffiniert variiert.

Für BlairWitch.de.

Sonntag, September 06, 2009

Sturm - Die Stille nach dem Schuss


D/DK/NL 2009

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Bereits auf der diesjährigen Berlinale erntete Hans-Christian Schmid viel Lob und Bewunderung für sein engagiertes Polit-Drama Sturm. Die Geschichte liefert einen Einblick in die Arbeit des Den Haager Kriegsverbrecher- tribunals, das noch heute die Gräueltaten und Massaker des letzten Balkankrieges verhandelt. Schmid bedient sich dabei der Mittel des Suspense-Kinos und eines zugleich fast dokumentarischen Erzählstils. Im Mittelpunkt seines Films stehen zwei überaus starke, mutige Frauen, die jede auf ihre Weise der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wollen.

Filmkritik:

Als im Juli 2008 mit Radovan Karadžiæ einer der meist gesuchtesten, mutmaßlichen Kriegsverbrecher des früheren Jugoslawiens endlich gefasst und an das Den Haager Tribunal ausgeliefert wurde, da rückten die begangenen Gräueltaten und Grausamkeiten während des Bosnienkrieges schlagartig wieder in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Viele Taten sind auch heute, rund 15 Jahre danach, weder aufgeklärt, noch wurden wirklich alle Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft gezogen. Viele können sich noch immer auf den Schutz alter Weggefährten und einflussreicher Seilschaften verlassen. Dass nicht zuletzt auch politische Motive bei der Suche nach möglichen Kriegsverbrechen eine überaus bedeutsame Rolle spielen, ist längst kein Geheimnis mehr.

In diesem Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und handfesten politischen Interessen bewegt sich Hans-Christian Schmids Sturm. Der Film wirft einen Blick hinter die Kulissen des Den Haager Kriegsverbrechertribunals und beleuchtet die Arbeit der dort tätigen Ankläger. Die engagierte Juristin Hannah Maynard (Kerry Fox) ist eine von ihnen. Gerade führt sie einen Prozess gegen Goran Duric (Drazen Kuhn), einen einst hochrangigen Befehlshaber der jugoslawischen Armee. Dieser soll den Befehl zur Deportation und Ermordung bosnischer Muslime erteilt haben. Weil sich jedoch ein wichtiger Augenzeuge in Widersprüche verstrickt, droht der Prozess zu Platzen. Auch ein Ortstermin in Bosnien bringt aus Sicht der Anklage nicht die erhoffte Wende. Stattdessen nimmt sich der Zeuge nur kurze Zeit später in seinem Hotelzimmer das Leben.

Aus dieser für Hannah scheinbar ausweglosen Lage entwickeln Schmid und sein Co-Autor Bernd Lange ein ambitioniertes Drama mit dezenten Anklängen an klassische Paranoia-Thriller. So wird Hannah bei ihren Nachforschungen vor Ort immer wieder von Unbekannten beobachtet, verfolgt und manchmal sogar direkt bedroht. Als sie schließlich auf Mira (Anamaria Marinca) trifft, die Schwester des Hauptbelastungszeugen, spürt sie intuitiv, dass die junge Frau ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt. An diesem Punkt wechselt der Film abermals die Tonlage, in dem er plötzlich Miras Schicksal in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Interessant ist, dass Schmid bei der Schilderung der Kriegsverbrechen gänzlich auf Rückblenden verzichtet und stattdessen ausschließlich Mira in ihren eigenen Worten von den Geschehnissen erzählen lässt. Der Ansatz macht deutlich, dass Sturm letztlich nicht so sehr den Krieg sondern vielmehr dessen Spätfolgen behandelt.

Schmids erste englischsprachige Produktion ist jedoch mehr als nur eine schauspielerisch überzeugende Bestandsaufnahme seelischer Narben und Verletzungen. Gerade zum Ende hin scheut Sturm nicht davor zurück, eindeutig Stellung zu beziehen und dabei auch als politisches Statement wahrgenommen zu werden. Es zeigt sich, dass Hannahs Engagement sogar in den eigenen Reihen auf Widerstand stößt. Dem vorsitzenden Richter ist an einem möglichst schnellen, geräuschlosen Prozessverlauf gelegen. Der Wunsch nach Gerechtigkeit erweist sich in diesem Zusammenhang bisweilen als hinderlich. Schmid rekonstruiert die Arbeit der Ankläger und Diplomaten bis in kleinste interne Abläufe. Dabei erscheint das Tribunal zunehmend wie ein straff organisierter, hermetisch abgeschotteter Kosmos, der ganz unterschiedliche Interessen und Eitelkeiten beherbergt. Es ist eine kalte, einsame Welt, die sich dort zwischen gläsernen Lobbys, anonymen Hotelzimmern und uniformen Konferenzräumen abzeichnet und in der sich Hannah tagtäglich bewegt – die Hand zur Faust geballt.

Für Programmkino.de.

Freitag, September 04, 2009

Taking Woodstock - Süßer Vogel Jugend


USA 2009

++1/2

Rock'n'Roll, kiffende Hippies und eine glückselige Stimmung voller Love, Peace & Happiness. Vier Jahrzehnte nach Woodstock reduziert sich unser Blick auf das Kult-Festival zunehmend auf diese Insignien der Flower-Power-Ära. Befeuert durch die immer gleichen Archivaufnahmen sind die damaligen Ereignisse längst Teil eines generationenübergreifenden, kollektiven Gedächtnisses. In Taking Woodstock spielt nun Meisterregisseur Ang Lee mit unseren Vorstellungen und Erinnerungen an das vielleicht einflussreichste Musikevent aller Zeiten. Manche Bilder widerlegt seine durch und durch sympathische Coming-of-Age-Geschichte, andere wiederum überzeichnet er bis zur Karikatur. Weiter geht's auf koeln.de.

Donnerstag, September 03, 2009

Final Destination 4 - Gesetz der Serie


USA 2009

++

Der Siegeszug der modernen 3D-Technik setzt sich fort. Nach My Bloody Valentine 3D, der Spitzhacken und andere scharfkantige Gegenstände auf sein Publikum losließ, ist es nun an dem vierten Teil der Final Destination-Reihe, den Zuschauer mit einer Vielzahl plastischer Aufnahmen skurriler Tode zu beglücken. Ohne 3D-Effekt wäre es schwierig geworden, den Film als spannendes Date- und Event-Movie zu bewerben. Zu wenig unterscheidet ihn letztlich von seinen drei Vorgängern. So aber scheint das Kalkül der Produzenten aufzugehen. Seine im direkten Vergleich deutlich höheren Produktionskosten spielte Final Destination 4 bereits eine Woche nach US-Start weitgehend wieder ein.

Am Anfang steht erneut eine schreckliche Vision. Nick (Bobby Campo) besucht mit einigen Freunden die örtliche Rennstrecke. Während die Wagen im Oval ihre Runden drehen, überkommt ihn plötzlich ein ungutes Gefühl. Die laxen Sicherheitsbestimmungen, die morsche Tribüne, all das erscheint mehr als bedenklich. Und doch wollen seine Freunde von Nicks Warnungen zunächst nichts wissen. Erst im allerletzten Moment gelingt es ihm, sie von der Gefährlichkeit der Situation zu überzeugen. Kurz darauf ereignet sich ein fataler Rennunfall, bei dem schließlich über 50 Menschen sterben. Lori (Shantel Van Santen), Janet (Haley Webb), Hunt (Nick Zano) und einige andere Besucher können dieser Hölle dank Nicks beherztem Einsatz entkommen. Doch gemäß dem Gesetz der Final Destination-Filme wird der Tod schon bald zurückkehren, um sich das zu holen, was ihm zusteht.

Nach Flugzeugcrash, Massenkarambolage und Achterbahnunfall reiht sich die Eröffnung von Teil Vier nahtlos in die Serie spektakulärer Katastrophenszenarien ein. In 3D erscheint der Auftakt noch um einiges eindrucksvoller, wobei der große Aha-Effekt zumindest bei 3D-erfahrenen Kinobesuchern ausbleiben dürfte. Auch ist das Grundprinzip einfach zu ausgelutscht. Dass der Film einen Großteil seines Pulvers bereits mit der aufwändig inszenierten Anfangssequenz verschossen hat, ist ebenfalls ein weiteres, nicht erst seit Final Destination 4 hinlänglich bekanntes Manko. An dieser Stelle fordert der seit jeher äußerst dünne Plot seinen Tribut. Von einer Geschichte im herkömmlichen Sinn kann hier wohl kaum die Rede sein.

Nach dem großen Bang hangelt sich Regisseur David R. Ellis mehr schlecht als recht von einem Todesnümmerchen zum nächsten. In bewährter „Incredible Machine“-Manier werden dabei die abstrusesten Kettenreaktionen konstruiert, an deren Ende Gevatter Tod zumeist die Sense für einen der ihm zuvor entwischten Seelen schwingen darf. Da kann selbst eine harmlose Münze zum Sargnagel werden. Und auch eine Rettung in allerletzter Sekunde sollte besser nicht allzu ausgelassen gefeiert werden. Kurzum: Es gibt wieder viel zu lachen. Über die Ignoranz und Arroganz unserer Soap-Opera-tauglichen Jungdarsteller, ihre Dummheit, die Dialoge („Ich hab das mal gegoogelt. Wir sind nicht die ersten, denen so etwas passiert!“) und die nicht vorhandene Logik des Ganzen.

Ellis, der sich mit Final Destination-Mastermind James Wong bei der Regie abwechselt, unternimmt erst gar nicht den Versuch, das hinlänglich erprobte Konzept der Reihe zumindest in Nuancen abzuändern. Im Gegenteil. Das nach Saw derzeit erfolgreiche Horror-Franchise lebt gerade von seiner Berechenbarkeit. Wer sich für Final Destination 4 ein Ticket kauft, der weiß ganz genau, was ihn erwartet. Aber auch Neueinsteiger finden sich schnell zurecht. Da mit jedem Reboot das gesamte Ensemble einmal ausgetauscht wird – ein Entkommen ist letztlich zwecklos –, gibt es anders als bei Saw weder Verständnisprobleme noch versteckte Querbezüge, über die man stolpern könnte. Die schrittweise Dezimierung des jugendlichen Genpools ist unter dem Strich in etwa so innovativ wie eine durchschnittliche Folge der Lindenstraße.

Die grotesk überzeichneten Todesszenen werden echten Horrorfans nur ein müdes Lächeln entlocken. Obwohl es bisweilen recht blutig zur Sache geht, wird es zu keiner Zeit wirklich unangenehm. Die umher fliegenden Gedärme und Körperteile fügen sich am Ende in eine sowieso nicht ernst zu nehmende „Story“, die man am besten als ironischen Kommentar auf Darwins Evolutionstheorie akzeptiert. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein soll, erscheint angesichts der hier zu beobachtenden Verhaltensweisen eher unwahrscheinlich.

Für BlairWitch.de.

Sonntag, August 30, 2009

Julie & Julia - Die Meryl-Streep-Show


USA 2009

+++

Wer bislang glaubte, Jaime Oliver oder Martha Stewart hätten das Kochen vor einer Fernsehkamera erfunden, den belehrt Nora Ephrons kulinarische, locker-leichte Sommerkomödie Julie & Julia eines Besseren. Bereits in den 1960-er Jahren löste die temperamentvolle Julia Child in den USA eine kleine Kochrevolution aus. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Abhandlung über die Haute Cuisine längst ein Besteller. Fünf Jahrzehnte später versucht sich eine New Yorker Hobbyköchin an deren Rezept-Almanach. Ihre Erfahrungen hält sie in einem Internet-Blog fest.

Filmkritik:

Dass ein Film auf einer wahren Begebenheit beruht, ist im heutigen Hollywoodkino keinesfalls eine Seltenheit. Dass sich ein Film wiederum gleich zwei wahre Geschichten zum Vorbild nimmt jedoch sehr wohl. Nora Ephron verknüpft in ihrer neuen Arbeit zwei gegensätzliche Frauen-Portraits zu einem einzigen Loblied auf den Genuss des Essens, des Kochens und des sinnlichen Erlebens. Mit ihrem inzwischen zum Kochbuchklassiker geadelten Standardwerk „Mastering the Art of French Cooking“ revolutionierte die amerikanische Autorin und spätere TV-Moderatorin Julia Child (Meryl Streep) in den 1950-er Jahren die Kochkultur jenseits des Atlantiks.

Knapp fünf Jahrzehnte später sucht die engagierte, aber zunehmend frustrierte Sachbearbeiterin Julie Powell (Amy Adams) nach einem Ausgleich für ihren oftmals ermüdenden Bürojob. Aus ihrer Leidenschaft für das Kochen entwickelt sie die ungewöhnliche Idee, Julia Childs Rezepte – immerhin 524 an der Zahl – innerhalb eines Jahres nachzukochen und über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in einem Internet-Blog (Überschrift: „The Julie/Julia-Project“) zu berichten. Schon bald verfolgt eine wachsende Schar treuer Leser mit Begeisterung Julies nicht immer unfallfreie Auseinandersetzung mit der Welt der Haute Cuisine. Dabei fühlt sie sich Julias einzigartiger Philosophie des Kochens und ihrer sehr speziellen Leidenschaft für gutes Essen mit jedem Rezept ein Stück mehr verbunden. Fast scheint es, als würden beide Frauen über Zeit und Raum miteinander kommunizieren.

Julie & Julia zelebriert den Genuss in jeder Szene. Wenn nicht gerade gekocht, Zutaten eingekauft oder Rezepte gewälzt werden, kann man sicher sein, dass der Tisch gedeckt und das zuvor Erkochte bereits im nächsten Moment verzehrt wird. Es erscheint daher nicht unbedingt empfehlenswert, sich Nora Ephrons Ode an die hohe französische Kochkunst mit hungrigen Magen anzusehen. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass man vorzeitig das Kino verlässt, um sich den eigenen kulinarischen Genüssen hinzugeben (was ausnahmsweise eher für als gegen den Film spricht). Vor allem das Paris der Fünfziger Jahre erscheint bei Ephron wie eine einzige, überdimensionale Speisekammer, bis an den Rand gefüllt mit allerlei Köstlichkeiten und liebevoll überzeichneten Klischees des nicht nur von vielen Amerikanern verklärten „Savoir Vivre“.

In dieser malerischen Kulisse erleben wir eine aufgedrehte, wieder einmal hinreißende Meryl Streep, die mit entwaffnendem Witz und Temperament den Film kurzerhand in eine One-Woman-Show verwandelt. Gegen sie und ihre bereits für einen Oscar gehandelte Vorstellung kommt niemand wirklich an, auch nicht Amy Adams, deren Filmfigur im hektischen New York gegen einen bisweilen ungeliebten Job, kleinere Beziehungskrisen und die eigene Antriebslosigkeit ankämpfen muss. Allenfalls Stanley Tucci als Julias geduldiger Ehemann Paul kann der temperamentvollen Streep hier und da Paroli bieten. Aber selbst seine Rolle ändert noch lange nichts an der Tatsache, dass Julie & Julia ganz eindeutig ihr Film ist. Wie zum Beleg dafür gehört Julia und nicht Julie das letzte Bild. Es zeigt ihre Küche, in der sie wie eine Naturgewalt wirkte.

Die Stärken von Ephrons dekaden- und generationenübergreifendem Frauen-Portrait liegen abseits einer Meryl Streep in den erfrischend trockenen und schlagfertigen Dialogen. Die gerade zum Ende hin für den Erzählfluss eher hinderlichen Ausflüge auf das Terrain der romantischen Komödie sind dagegen in ihrer Mehrheit entbehrlich, wenngleich die Intention dahinter durchaus erkennbar wird. Nicht wenige dürften beim Namen Nora Ephron zunächst an moderne Kuschel-Klassiker wie Schlaflos in Seattle und E-Mail für Dich denken. Auch diese Zuschauer sollen offenkundig zufrieden gestellt werden. Das Ergebnis entspricht einer durchweg vergnüglichen, angepassten Komödie über eine alles andere als angepasste Persönlichkeit.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, August 27, 2009

LOL - Laughing Out Loud


F 2009

++1/2

Das Verhältnis von Teenagern zu ihren Eltern ist nur selten frei von Spannungen und Konflikten. Das späte Weggehen und das zu frühe Nachhause- kommen, die Clique, der Freund oder die Freundin, Drogen und Partys, all das sorgt regelmäßig für Zoff im Elternhaus. Die französische Teenie-Komödie LOL begleitet die pubertierende Lola ein Schuljahr bei dem Versuch, sich zwischen Liebe, Lernen und Erwachsenwerden zu Recht zu finden. Ein gewisser Wiedererkennungswert scheint dabei vorprogrammiert. Weiterlesen auf Koeln.de.

Mittwoch, August 26, 2009

The Horsemen - Apocalypso


USA 2008

+1/2


Sie ist ein Bestseller. Und das nun schon seit fast zweitausend Jahren. Die Bibel. Das Fundament des christlichen Glaubens inspiriert immer wieder Autoren und Filmemacher bei der Suche nach neuen oder zumindest neu arrangierten Geschichten. Dass es dabei zu jener Zeit oftmals alles andere als friedlich zugegangen sein muss, dass Gewalt, Tod und Barbarei den Alltag vieler Menschen bestimmte, ist abseits aller theologischen Fragen längst eine gesicherte Erkenntnis. Zu den eindrucksvollsten, stärksten Motiven zählt das in der Offenbarung des Johannes skizzierte Bild des nahenden Weltuntergangs, das sich in den vier apokalyptischen Reitern manifestiert.

Nicht nur an dieser Stelle liest sich die Bibel wie ein harter, kompromissloser Mystery-Schocker, so dass die Überlegung, sich gewisser biblischer Motive für einen modernen, düsteren Thriller zu bedienen, fast zwangsläufig aufkommen musste. David Finchers verregnetes Serienkiller-Puzzle Sieben trieb das Spiel mit religiöser Symbolik auf die Spitze. Der schwedische Regisseur Jonas Ǻkerlund knüpft nun in seinem neuen Film Horsemen an diese Tradition an, wobei es ihm nicht die sieben Todsünden sondern die zuvor erwähnten Reiter der Apokalypse angetan haben. In deren Namen scheint sich eine grausame Mordserie zu ereignen. Obwohl die Polizei zwischen den ersten Opfern zunächst keine direkte Verbindung ermitteln kann, weisen beide Verbrechen dieselben Merkmale auf. Auch die Tatorte gleichen sich bis ins Detail.

Mit den Ermittlungen wird der erfahrene Detective Aidan Breslin (Dennis Quaid) beauftragt. Seit dem Tod seiner Frau sucht dieser in der Arbeit Bestätigung und Ablenkung. Seine Söhne kommen dabei immer öfter zu kurz. Ohne es zu wollen, beginnt er Sean (Liam James) und den älteren Alex (Lou Taylor Pucci) zu vernachlässigen. Damit ist Aidan zweifellos der Prototyp des arbeitssüchtigen, schuldbeladenen Cops, der vor den Problemen in seinem Alltag nur zu gerne die Augen verschließt. Wer nun denkt, dass auf den Detective so ziemlich jedes erdenkliche (Film-)Klischee zutrifft, der soll schlussendlich Recht behalten. Im Übrigen gilt diese Beobachtung nicht nur für Quaids Rolle sondern für den gesamten Film. Aus zunächst hilfsbedürftigen Opfern werden Verdächtige, aus Verdächtigen Täter. Und natürlich soll es kein Zufall sein, dass ausgerechnet Aidan in dem Fall ermittelt. Erst als es zu spät ist, wird ihm bewusst, dass er auch persönlich in die ganze Sache verstrickt ist.

Das Drehbuch von Dave Callaham verfügt zugegeben über einige interessante, spannende Ansätze. Doch über die kommt es zu keiner Zeit hinaus. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto unglaubwürdiger und unlogischer erscheint einem die Prämisse des Films. Das viel zu überhastete Ende setzt dieser schleichenden Entgleisung letztlich die Krone auf. Statt zu schockieren oder zu überraschen wirkt es vielmehr unfreiwillig komisch. Ein sichtlich gelangweilter Dennis Quaid (mit Betonmimik) trägt seinen Teil dazu bei, dass man sich nie wirklich mit ihm und seiner Rolle identifizieren kann. Zu sehr arbeitet sich der Film zudem an den aktuellen Gesetzmäßigkeiten des Genres ab, zu denen es auch gehört, dass ein einzelner Plot-Twist längst nicht mehr ausreicht.

Obwohl es die Horsemen auf gerade einmal 90 Minuten inklusive Abspann bringen, stellen sich schon bald deutliche Längen ein, die Ǻkerlund mit pittoresk-unterkühlten Landschaftsaufnahmen und stylischen Montagen zu füllen versucht. Dass der Schwede früher einmal Musikvideos u.a. für Christian Aguilera, Madonna und The Prodigy (das berühmte „Smack my Bitch up“-Video geht auf sein Konto) inszenierte, ist seinem Film durchaus anzumerken. Ǻkerlund gibt sich alle Mühe, über das Visuelle eine bedrohliche Stimmung zu etablieren. Der Anfang ist dann auch in der Tat vielversprechend weil erfrischend anders. Dem übertriebenen und daher nicht selten lächerlichen Dauerregen-Szenario vieler anderer Serienkiller-Formate setzt er die Helligkeit einer schneebedeckten Idylle entgegen. Leider hält Ǻkerlund diesen emanzipatorischen Ansatz nicht lange durch. Schon nach wenigen Minuten fügt er sich dem ästhetischen Diktat des Genres.

Horsemen gelingt es nicht, sich aus der Umklammerung vergleichbarer Produktionen zu lösen. Sowohl die religiöse Symbolik als auch das nur bedingt spannende Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Täter(n) erfüllen am Ende leidenschaftslos Thriller-typische Vorgaben, bei denen man sich ruhig fragen darf, wann ein Regisseur wieder einmal den Mut aufbringt, diese komplett zu ignorieren. Jonas Ǻkerlund, soviel scheint sicher, ist dazu nicht gewillt.

Für BlairWitch.de.

Sonntag, August 23, 2009

Beim Leben meiner Schwester - Betroffenheitskino


USA 2009

+1/2

Seit dem Alzheimer-Drama Wie ein einziger Tag eilt Nick Cassavetes der Ruf voraus, weder vor rührseligem Kitsch noch vor manipulativen Herzschmerz-Schicksalen zurückzuschrecken. Wie zum Beweis dieser These geizt auch sein neuer Film nicht mit emotionalen Ausnahmemomenten. Beim Leben meiner Schwester erzählt mit großem Star-Aufgebot (u.a. Cameron Diaz, Alec Baldwin, Abigail Breslin) die Geschichte eines an Leukämie erkrankten Mädchens und ihrer verzweifelten Eltern.

Filmkritik:

Sara (Cameron Diaz) ist eine erfolgreiche Anwältin, ihr Mann Brian (Jason Patric) ein hohes Tier bei der Feuerwehr von Los Angeles. Auf den ersten Blick scheinen die Fitzgeralds sämtliche Erwartungen an die amerikanische Vorzeigefamilie zu erfüllen. Das Paar kann sich nicht nur über ein schickes Zuhause sondern auch über drei eigene, wohl erzogene Kinder freuen. Dass die Wahrheit indes eine andere ist, zeigt sich recht bald. Denn Katie (Sofia Vassilieva), die Ältere der beiden Fitzgerald-Schwestern, ist seit frühester Kindheit schwer krank. Seinerzeit diagnostizierten die Ärzte Leukämie bei dem kleinen Mädchen. Da weder Katies Eltern noch ihr Bruder Jesse als geeigneter Blut- und Knochenmarkspender in Frage kommen, fassen Sara und Brian einen moralisch wie ethisch zumindest fragwürdigen Entschluss. Mittels künstlicher Befruchtung wollen die Eltern noch ein drittes Kind bekommen, das über den genetischen Fit einmal zu Katies Lebensretter werden soll.

Und so erblickt Anna (Abigail Breslin) das Licht der Welt. Zu ihrer älteren, kranken Schwester hat sie ein inniges und äußerst liebevolles Verhältnis. Dass sie regelmäßig Blut oder Knochenmark spenden muss, daran hat sich Anna längst gewöhnt. Als man jedoch von ihr verlangt wird, eine Niere zu spenden, weigert sie sich. Sie hat es satt, dass andere über ihren Körper wie über ein menschliches Ersatzteillager verfügen. Mit Hilfe eines erfahrenen Rechtsanwalts (Alec Baldwin) will sie gegen die eigenen Eltern ihr Recht auf medizinische Emanzipation und Selbstbestimmung einklagen.

Nick Cassavetes, Sohn des berühmten John Cassavetes, gilt seit dem Alzheimer-Drama Wie ein einziger Tag als Experte für tränenreiche Herzschmerz-Geschichten. Dieses Mal adaptierte und inszenierte er einen Roman der amerikanischen Bestseller-Autorin Jodi Picoult – beides allerdings mit recht mäßigem Erfolg. So krankt auch Beim Leben meiner Schwester an ähnlichen Misstönen wie sein vorletzter Film. Cassavetes hält augenscheinlich immer noch nichts von subtilen Schicksalsschilderungen oder einer zurückhaltenden Erzählweise. Dem beispielsweise von Eastwood perfektionierten Prinzip der Steigerung durch Zurücknahme setzt er manipulativen Gefühlskitsch entgegen. Am deutlichten wird das während der zahlreichen Montagen, die mittels eines redundanten Musikeinsatzes die Geduld des Zuschauers recht bald auf eine harte Probe stellen. Immer wenn Cassavetes nichts mehr einzufallen scheint, greift er auf dieses vermeintlich erprobte Stilmittel zurück.

In einzelnen Rückblenden beleuchtet der Film Katies Leidensgeschichte, ihr Verhältnis zu Anna und den generellen Umgang der Familie mit der schrecklichen Diagnose. Dabei wird, wie nicht anders zu erwarten, viel zusammen gelitten und geweint. Einen Ausgleich hierzu bilden die heiteren Einschübe, in denen vor allem Little Miss Sunshine Abigail Breslin ihren kindlichen Charme spielen lassen und gleichzeitig ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen darf. Immerhin: Nicht jede dieser Episoden ist Cassavetes misslungen. Die kurze, schüchterne Romanze zwischen Katie und einem ebenfalls krebskranken Jungen (Thomas Dekker), zählt mit Sicherheit zu den Höhepunkten dieser ansonsten entlarvend schematischen Betroffenheitsstudie.

Für Programmkino.de.

Freitag, August 21, 2009

Inglourious Basterds - Once upon a Time


USA 2009

+++1/2

Quentin Tarantino, der ungekrönte Meister des (Selbst-)Zitats und kinobesessene Autodidakt, wechselt mit jedem neuen Film das Genre und bleibt dabei stets sich und seinem ganz eigenen Stil treu. Nach Gangsterstück, Pulp-Fantasie, Rache-Epos und 70er-Jahre-Trash-Hommage drehte er nun seinen ersten Kriegsfilm, der - wie sollte es anders auch sein - wiederum tief in der Tradition des Genres verankert ist. Weiterlesen auf Koeln.de.

Donnerstag, August 20, 2009

Tengri - Das Blau des Himmels


D/KGZ/F 2008

++

Nur selten zuvor hat ein Spielfilm die entlegene Bergwelt Kirgisistans erkundet. Tengri – Das Blau des Himmels entführt den Zuschauer in eine archaische, von Männern bestimmte Welt, in der die Moderne allenfalls im Schneckentempo Einzug zu halten scheint. Im Gegensatz zu den imposanten Landschaftsaufnahmen weiß die eigentliche Liebesgeschichte zwischen einem desillusionierten Seemann und einer jungen, verheirateten Frau nie wirklich zu fesseln.

Filmkritik:

Die Arbeit als Fischer und auf See bringt dem jungen Kasachen Temür (Ilimbek Kalmouratov) trotz aller Anstrengung viel zu wenig ein, um wirklich davon leben zu können. Er beschließt den Aralsee zu verlassen, seine alte Arbeit aufzugeben und in sein Heimatdorf in den kirgisischen Bergen zurückzukehren. Seitdem er dieses einst verließ, hat sich dort einiges verändert. Viele Bewohner sind in der Zwischenzeit weggezogen. Bei seiner Ankunft erfährt Temür, dass sein Vater bereits vor einigen Jahren gestorben ist. Ganz plötzlich kommt ihm die Siedlung, die einst sein Zuhause war, seltsam fremd und anders vor.

Gerade, als es den Anschein hat, dass ihn dort nichts und niemand halten könne, lernt er die 18jährige Amira (Albina Imasheva) kennen. Und es geschieht, was eigentlich nicht hätte geschehen dürfen. Nach ersten, eher zögerlichen Versuchen der Kontaktaufnahme kommen sich beide näher. Die junge Frau flüchtet sich in Temürs Arme, während ihr Ehemann (Busurman Odurakaev), ein strenggläubiger Moslem, für die Mudschaheddin im benachbarten Afghanistan kämpft. Natürlich bleibt die schüchterne Liebelei nicht lange geheim und so sehen sich Temür und Amira letztlich gezwungen, die Siedlung zu verlassen.

Obwohl die Französin Marie-Jaoul de Poncheville mit Tengri – Das Blau des Himmels ihren ersten Spielfilm inszeniert, scheint sie bereits ganz genau zu wissen, wie sie die raue Bergwelt Kirgisistans möglichst eindringlich und imposant in Szene setzt. Nun macht es ihr die atemberaubende Landschaft im Gegenzug auch nicht allzu schwer. Nahezu jede Einstellung wäre es wert, dass man sie als Postkartenmotiv verewigt. Das satte Grün der Wiesen und die endlose Weite der Steppe geben jedoch mehr als nur eine hübsche Kulisse ab. Sie sind so etwas wie die heimlichen Hauptdarsteller dieser an sich doch recht unspektakulären Liebesgeschichte, die auf einem Roman des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatov beruht.

Die Landschaft und die zum Teil Jahrhunderte alten Traditionen haben auch Temür und Amira geformt, geprägt und in ihrem Denken beeinflusst. Als Außenstehender erhält man eine ungefähre Ahnung, wie sehr traditionelle Moralvorstellungen und Rollenbilder bis heute den Alltag dieser Menschen bestimmen. Insbesondere die Episode um Amiras ältere Schwester Uljan (Taalai Abazova) ist hierfür ein eindrucksvoller Beleg. Ohne gleich in einen semi-dokumentarischen Duktus zu verfallen, versucht sich de Poncheville, der kulturellen Identität ihrer Protagonisten zu nähern. Zu dieser gehört neben folkloristischen Gesängen und Tänzen auch ein respektvoller Umgang mit der Natur. Ihre Entscheidung, die Nebenrollen vorwiegend mit Laiendarstellern zu besetzten, unterstützt einerseits den postulierten Authentizitätsgedanken, andererseits wirken dadurch manche Szenen etwas ungelenk und steif.

Während es auf der Bildebene manches zu entdecken gibt und der von vielen Älteren gefürchtete Einbruch der Moderne für heitere Zwischentöne sorgt, verharrt die verbotene Romanze zwischen Amira und Temür in einem seltsamen, letztlich unbefriedigenden Schwebezustand. An den Schauspielern lässt sich diese emotionale Blockade allerdings nicht festmachen. Ilimbek Kalmouratov und Albina Imasheva füllen ihre jeweiligen Rollen recht überzeugend aus. Vielmehr fehlt es schlichtweg an intensiven Momenten der Zweisamkeit. Eine neckische Spielerei im Heu ist da zu wenig. Und so sind es vor allem die Schauwerte, die von diesem Film in Erinnerung bleiben.

Für Programmkino.de.