Freitag, Juli 18, 2008

Chroniken von Narnia - Prinz Kaspian von Narnia


USA 2008

++

Mit einem weltweiten Einspielergebnis von über 700 Millionen Dollar avancierten 2005 Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia zu einer der bis dato erfolgreichsten Produktionen aus dem Hause Disney. Die populäre Kinderbuch-Reihe des britischen Autors C.S. Lewis, in der es die vier Pevensie-Geschwister in das hinter einem Wandschrank verborgene Fantasy-Reich zieht, kehrt in diesem Sommer auf die Kinoleinwand zurück. Prinz Kaspian von Narnia erscheint spürbar düsterer, actionreicher und erwachsener.

Filmkritik:

Noch bevor der erste Narnia-Film im Kino anlief, gab Disney bereits grünes Licht für eine Fortsetzung der gerade im angelsächsischen Raum beliebten Fantasy-Geschichte. In Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia verschlägt es die vier Pevensie-Geschwister Peter (William Moseley), Susan (Anna Popplewell), Edmund (Skandar Keynes) und Nesthäkchen Lucy (Georgie Henley) erneut in das Reich der sprechende Tiere und Zauberwesen. Dort, wo sie einst Seite an Seite mit Aslan, dem König von Narnia, gegen die Weiße Hexe (Tilda Swinton) kämpften, finden sie bei ihrer Rückkehr eine ganz andere Welt vor. Inzwischen sind nach Narnia-Zeitrechnung über 1300 Jahre vergangen und die friedliebenden Kreaturen müssen sich vor dem mit eiserner Hand regierenden Lord Miraz (Sergio Castellitto) und der Menschenrasse der Telmarer in Acht nehmen.

In dieser scheinbar hoffnungslosen Situation treffen die Geschwister auf Kaspian (Ben Barnes), den jungen, idealistischen und rechtmäßigen telmarischen Thronfolger, der sie um ihre Unterstützung im Kampf gegen seinen verhassten Onkel bittet. Zusammen mit den Ureinwohnern Narnias, den mythischen Zauberwesen, zu denen auch der mutige Zwerg Trumpkin (Peter Dinklage) und sein misstrauischer Gefährte Nikabrik (Warwick Davis) gehören, nehmen sie den Kampf gegen den Tyrannen und dessen riesiger Streitmacht auf. Am Ende, wenn sich das Schicksal Narnias entscheiden soll, stehen sich beide Seiten auf dem Schlachtfeld gegenüber.

Was ist nur aus der zuckersüßen, bunten Narnia-Welt des ersten Teils geworden? Zwar gibt es – soviel sei verraten – auch in Prinz Kaspian von Narnia ein Wiedersehen mit dem mächtigen Löwen Aslan und einer Vielzahl putziger Tierchen, davon einmal abgesehen hat dieses Narnia nur wenig mit der verkitschten Märchen-Fantasie seines Vorgängers gemein. Wie zum Beweis liegt von Beginn an ein dunkler Schatten über dem Land und unseren Helden. Viele Szenen spielen bei Nacht oder in düsteren Gemäuern, was den erwachsenen Charakter der Fortsetzung nochmals unterstreicht. Für die jüngsten Kinogänger erscheint diese daher auch ungeeignet (die FSK dürfte den Film wohl kaum bereits ab 6 Jahren freigeben).

Annähernd die Hälfte seiner Spielzeit von deutlich über zwei Stunden verwendet der Film für seine epischen, aufwändig inszenierten Schlachten. Dass dabei nicht ein Tropfen Blut fließt und das Schwert selbst nach mehrmaligem Gebrauch noch vollkommen sauber und unbefleckt erscheint, mag man verlogen finden, letztlich ist es als ein Zugeständnis an die überwiegend jüngere Klientel zu verstehen. Selbiges gilt für die mitunter recht platten Witze, die die ansonsten äußerst martialische Handlung zumindest hin und wieder etwas auflockern. Den gerade im Mittelteil spürbaren Leerlauf können indes auch sie nicht überdecken. Weil viele Szenen nicht mehr im Studio sondern vor imposanter Kulisse in Polen, Slowenien und Neuseeland entstanden, fühlt sich der zweite Narnia deutlich geerdeter und naturverbundener an. Der störende Plastikgeruch aus Teil 1 ist im Unterschied zur christlichen Symbolik weitgehend verschwunden.

Regisseur und Co-Autor Adam Adamson ist gebürtiger Neuseeländer, mit Peter Jackson und dessen Herr der Ringe-Trilogie kann es sein Narnia jedoch allein deshalb noch längst nicht aufnehmen. Dafür fehlt es der Geschichte schlichtweg an Komplexität, Frische und charismatischen Charakteren. Vieles wie die Choreographie der ersten Verfolgungsjagd, die Abfolge der Schlachten (samt wandelnder Bäume) oder des Showdowns am Flussbett wurde von Jackson bereits überzeugender inszeniert. Vor zehn Jahren hätte man Narnia für seine monumentale Optik vermutlich in den höchsten Tönen gelobt, heute muss er damit klarkommen, als umetikettierte Herr der Ringe-Kopie abgestempelt zu werden. Unfair, aber wahr.

Für Programmkino.de.

Dienstag, Juli 15, 2008

Get Smart - Supermax Returns


USA 2008

++1/2

Sein Name ist Smart, Maxwell Smart. Und er muß die Welt retten. Vor finsteren Terroristen und geldgierigen Schurken. Ob Comedy-Meister Steve Carell dieser Aufgabe gewachsen ist? Weiter geht's auf evolver.

Samstag, Juli 12, 2008

Superhero Movie - Die Rückkehr des schlechten Geschmacks


USA 2008

ohne Wertung

Nach Katastrophen-, Horror- und Agentenfilm gerät nun auch das Superhelden-Genre in die Finger von David Zucker. Die von dem Comedy-Veteranen produzierte Parodie setzt wie immer auf derbe Zoten und brachiale Anspielungen. Weiterlesen auf Critic.de.

Dienstag, Juli 08, 2008

Underdogs - Harte Kerle mit weichem Keks


D 2008

++1/2

Hinter Gittern herrschen latente Aggressionen und ein rauer Umgangston. Auf die Idee, dagegen mit süßen Hundebabys vorzugehen, die man der Obhut der Häftlinge anvertraut, muss man erst einmal kommen. Was in einer New Yorker Strafanstalt äußert erfolgreich erprobt wurde, nahm Filmemacher Jan Hinrik Drevs zum Vorbild seines formal recht konventionellen Feel Good-Movies. Spaß macht das Ganze trotzdem. Selbst wer sich nicht unbedingt als Hundefreund bezeichnen würde, dürfte dem treuen Blick der Vierbeiner erliegen.

Filmkritik:

Dass sogar die härtesten Kerle einen weichen Kern besitzen, ist hinlänglich bekannt. Doch gerade hinter Gittern, wo es darum geht, sich gegenüber den Mitinsassen zu behaupten, ist einschüchterndes Macho-Gehabe immer noch an der Tagesordnung und das Eingeständnis von Schwäche verpönt. Auch Mosk (Thomas Sarbacher) will stark sein. Und weil das alle sehen sollen, trainiert er verbissen für die knastinternen Meisterschaften im Gewichtheben. In dieser Situation passt es nicht wirklich in sein Konzept, dass die neue Gefängnisdirektorin (Clelia Sarto) ihn und fünf andere Häftlinge für ein ganz besonders Pilotprojekt ausgewählt hat. Sie werden unter Anleitung eines erfahrenen Hundetrainers (Hark Bohm) niedliche Welpen zu zuverlässigen Blindenführhunden ausbilden. Über die Arbeit mit den Tieren sollen die Teilnehmer lernen, ihre aufgestauten Aggressionen in den Griff zu bekommen und Schritt für Schritt Verantwortung für etwas zu übernehmen.

Die Idee zu Underdogs ist in der Realität verankert. Regisseur und Autor Jan Hinrik Drevs drehte 2001 einen Dokumentarfilm über ein vergleichbares Projekt zwischen Mensch und Hund, das mit großem Erfolg in einem New Yorker Gefängnis erprobt wurde. Unter der Überschrift „Puppies behind bars“ wurden Schwerverbrecher mit jungen Hunden zusammengeführt, die sie über ein Jahr lang betreuten. In Interviews mit den Insassen erhielt Drevs einen tiefen Einblick, wie diese Begegnung die Häftlinge veränderte. Diese Erfahrungen flossen in den Film ein, der gerade deshalb so gut unterhält, weil er etwas zusammenführt, was man so im Kino zusammen noch nicht gesehen hat.

Mörder, Drogen-Dealer, Brandstifter, Vergewaltiger – sie alle müssen sich plötzlich um ein ihnen anvertrautes Lebewesen kümmern. Selbst Mosk, der das Projekt lange Zeit innerlich ablehnt, erliegt letztlich dem treuen Blick seines „Pflegekindes“. Das ist keine Überraschung angesichts der von Beginn an spürbaren Konstruktion und Konzeption des Films als familienkompatibles Feel Good-Kino. Hier gilt die alte Maxime vom Weg als das Ziel, wobei Drevs angenehmerweise auf eine allzu schlichte Instrumentalisierung seiner niedlichen Vierbeiner verzichtet. Denn selbst wenn Underdogs nicht ohne die zu erwartenden „Ach wie süß!“-Momente auskommt, kleistert Drevs nicht jede Emotion gleich mit Kitsch und klebriger Sentimentalität zu.

Da mag man dem Film schon eher seine naive Knast-Romantik ankreiden. Beim Abschiedsessen brennen überall kleine Teelichter während zwischen Mosk und der neuen Direktorin auch im übertragenen Sinn die Funken sprühen. Allerdings halten sich solche ungelenkten Drehbucheinfälle in tolerablen Grenzen. Über weite Strecken funktioniert Underdogs als sympathischer Laborversuch, dessen behutsames Knacken einer harten Schale niemanden auf die Füße tritt.

Für Programmkino.de.

Dienstag, Juli 01, 2008

Hancock - Anti-Held


USA 2008

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Wo Will Smith draufsteht, ist Blockbuster-Kino drin. Diese einfache Gleichung scheint anfangs auch auf den neuen Superheldenstreifen von Regisseur Peter Berg zuzutreffen. Doch dann vollzieht der Film eine 180-Grad-Wendung, die ihm nicht zum Vorteil gereicht. Weiterlesen auf evolver.

Samstag, Juni 28, 2008

Kung Fu Panda - Die One-Panda-Show des Jack Black


USA 2008

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„Everybody was Kung Fu Fighting” sang einst Carl Douglas. Ob er da bereits ahnte, das eines Tages ein kampfsportbegeisterter Panda die Leinwand erobern würde? Weiterlesen auf Critic.de.

Dienstag, Juni 24, 2008

Ruinen - Ich ess Blumen...


USA 2008

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Die Körperfresser sind zurück. Doch nicht so, wie man sie aus Don Siegels Klassiker her kannte. Heute ist die Gefahr nicht extraterrestisch, heute wuchert sie scheinbar friedlich vor sich hin. Pflanzen sind der neue Todfeind der Spezies Homo sapiens, keine Aliens auf Besuch oder Zombies mit penetrantem Mundgeruch. M. Night Shyamalan erzählte erst vor kurzem in seinem neuen Mystery-Thriller The Happening, wie sich die Fauna für mehrere Tausend Jahre Zerstörung durch uns Menschen rächt. Botenstoffe in der Luft besorgen hier den kollektiven Suizid. Der subversiv organisierte Massenexitus ging dabei noch vergleichsweise unblutig über die Bühne. Auch verzichtete das Grünzeug auf die physische Penetration ihres Peinigers prä- oder post-mortem. In Ruinen, der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Scott B. Smith, ist einer Gruppe junger Touristen nicht soviel Glück vergönnt.

Dort wartet der profil- und gesichtslose Gegner im dichten mexikanischen Dschungel auf seine nächsten Opfer. In diesem Fall sind das vier zumindest anfangs noch hübsch anzusehende Twentysomethings, die ihren letzten Urlaubstag zur Abwechslung mal nicht am Strand oder Hotel-Pool verbringen möchten. Ein anderer Gast, ausgerechnet ein Deutscher, erzählt ihnen von einer antiken Maya-Stätte, wohin sein Bruder Heinrich zu einer archäologischen Expedition aufgebrochen ist. Offenbar haben die Vier noch nie einen Horrorfilm gesehen, denn sonst wüssten sie, dass wenn ein Reiseziel auf keiner offiziellen Karte eingezeichnet ist, die Probleme nicht lange auf sich warten lassen.

Und tatsächlich ist die erste Begeisterung über den spontanen Urwald-Trip schnell verflogen. Besonders die Frauen erweisen sich als Spaßbremsen, wenn sie in Flip Flops durch unwegsames Gelände stolpern müssen. Am Ziel angekommen scheinen sich jedoch alle Strapazen gelohnt zu haben. Amy (Jena Malone), Stacy (Laura Ramsey), Jeff (Jonathan Tucker) und Eric (Shawn Ashmore) können sich gar nicht satt sehen an den alten, imposanten Maya-Ruinen. Umso überraschender trifft sie der wenig herzliche Empfang einiger Ureinwohner, die einem ihrer Begleiter ohne Vorwarnung den Schädel wegpusten. Spätestens jetzt wird den Vier und ihrer deutschen Urlaubsbekanntschaft Matthias (Joe Anderson) klar, dass sie in ernsten Schwierigkeiten stecken.

Kurze Zeit später hat auch das Grünzeug endlich seinen ersten großen Auftritt. Die Ranken und Blätter des Wuchergewächses machen vor nichts und niemandem halt. Sogar die moderne Technik ist den verlogen als floraler Augenschmaus getarnten Killerpflänzchen keineswegs fremd. Eher man sich versieht bohren sie sich beseelt von quiekender Fleischeslust in den Körper ihrer Wirte. Die grünen Parasiten kriechen subkutan in jede Falte, wo sie Wurzeln schlagen und ganz unschuldig aufs Neue erblühen.

Rechtzeitig, noch vor seiner Veröffentlichung, sicherte sich Dreamworks die Rechte an Smiths Roman. Dass der Autor wie schon bei seinem Oscar-nominierten Drehbuch zu Ein einfacher Plan die Adaption der Vorlage gleich selber übernahm, gewährleistete eine organische Umsetzung. Regisseur Carter Smith – die Namensgleichheit ist eher zufälliger Natur – wählte hierbei einen Ansatz, der sich zunächst wohltuend von anderen Horror-Geschichten abhebt. Während das Böse gemeinhin im Dunklen und Verborgenen auf seine Opfer wartet, präsentiert uns Smith in der Exposition das genaue Gegenteil davon: Einen strahlend blauen Himmel, Sonnenschein, Strand, kurzum eine (zu) perfekte Urlaubs-Blaupause. Dass diese Idylle schon bald ein Ende hat, macht der Film mit seiner ersten Szene unmissverständlich klar. Und so hängt bereits über jenen unbeschwerten Urlaubsimpressionen eine dunkle Vorahnung, die mit dem, was uns Smith zeigt, so gar nicht zusammenpassen will.

Dieser markante Bruch zwischen Bild- und Stimmungsebene erinnert an Greg McLeans Outback-Schocker Wolf Creek, in dem die Weite der australischen Landschaft eine vergleichbare Klaustrophobie erzeugte. Die Ähnlichkeit zu Ruinen, der kurioserweise größtenteils auch in Australien und nicht in Mexiko gedreht wurde, ist dabei vor allem atmosphärischer Natur. Wenn die Gruppe später gezwungen ist, auf dem Dach der Ruinen in sengender Hitze auszuharren, zieht sich das scheinbar endlose Dschungel-Panorama auf einen winzigen Punkt zusammen.

Wo sich andere Genre-Beiträge mit zunehmender Laufzeit verzetteln, weil sie ihr banales B-Movie-Konzept nicht konsequent durchziehen, halten Smith & Smith dem Schmuddelkino bis zum Schluss die Treue. Der Anblick halbnackter, verschwitzter Körper, die aus allen nur erdenklichen Öffnungen zu bluten und zu blühen (!) beginnen, lässt sich an bizarrer Schönheit nur schwerlich übertreffen. Mit Schönheit ist eine Haltung zur Ästhetik gemeint, wie sie auch Eli Roth in seinen Filmen vertritt und die diametral zum Geschmack des Mainstreams steht. Dessen Cabin Fever wartete mit einer Armee winziger fleischfressender Bakterien auf, die sich mit Genuss und sportlichem Ehrgeiz der Zersetzung menschlicher Körper hingaben. Auch Ruinen handelt von Verfall, Auflösung und Selbstzerstörung, wobei die Arbeit der Roth’schen Bakterien hier von den Protagonisten gleich selbst übernommen wird. Wenn sich eine bildhübsche Schauspielerin mit einem Messer zentimeterdicke Fleischstücke aus Armen und Beinen herausschneidet, ist das nicht nur Gore in Reinkultur – man kann sich förmlich vorstellen, wie Ruggero Deodato Smith für diesen Einfall applaudiert – mit dieser Szene verpasst der Film Hollywoods Schönheitsideal zugleich einen gewaltigen Arschtritt.

Damit Ruinen aber nicht nur als reines Guilty Pleasure und Party-Filmchen funktioniert, muss sich jeder fragen, inwieweit er die Vorstellung wuchernden Gestrüpps besonders angsteinflößend findet. Nur wenn einem diese Prämisse nicht vollkommen abwegig erscheint, wird man das Lachen halbwegs unterdrücken können. Weil das Ganze zudem nicht ohne zahlreiche herrlich abstruse Szenen auskommt, in denen man fassungslos vor soviel Dummheit am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte, wird man den Verdacht nicht los, dass Ruinen zumindest en passant die Regeln des Genres mit sadistischer Freude vor den Augen des Zuschauers karikiert und ausspielt – weniger auffällig als ein Scream, aber mit nicht weniger Lust am Zitat.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, Juni 18, 2008

Julia - Die Tilda Swinton-Show


F/USA/MEX/BEL 2008

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Die frisch gebackene Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton drückt mir ihrer einnehmenden und mutigen Darstellung der Alkoholikerin Julia Erick Zoncas gleichnamigen Genre-Zwitter von der ersten Minute an ihren Stempel auf. Was als das Portrait einer verzweifelten und rastlosen Frau beginnt, entwickelt sich schnell zu einem abenteuerlichen Entführungs-Thriller, dem es bei aller visuellen Klasse an einem klaren inhaltlichen Fokus und einer nachvollziehbaren Geschichte mangelt.

Filmkritik:

Mit Anfang 40 ist Julia (Tilda Swinton) in einer Sackgasse angekommen. Dem Alkohol verfallen, durchlebt sie exzessive Party-Nächte, zu denen nicht selten auch One-Night-Stands gehören. Nachdem sie ihren Job verliert, weiß sie endgültig nicht mehr, wie es weitergehen soll. Nur ihr alter Freund Mitch (Saul Rubinek) hält in dieser Situation noch zu ihr. Allerdings knüpft er seine Unterstützung an eine Bedingung: Julia soll regelmäßig die Treffen der Anonymen Alkoholiker besuchen, um sich über ihre Sucht und deren Folgen klar zu werden. Eher widerwillig geht sie auf Mitchs Forderung ein.

Bereits während des ersten Treffens lernt sie Elena (Kate del Castillo) kennen. Die junge Frau ist nicht minder verzweifelt. Weil der Schwiegervater, ein schwerreicher Industrieller, ihren Sohn Tom (Aidan Gould) zu sich genommen hat, schmiedet Elena einen verwegenen Entführungsplan. Dabei soll Julia ihr helfen, das Kind der Obhut des Großvaters zu entreißen. Anfangs will Julia von diesem Vorhaben nichts wissen. Als sie jedoch erfährt, dass auch zwei Millionen Dollar auf dem Spiel stehen, willigt sie schließlich in den Plan ein. „Was habe ich eigentlich noch zu verlieren?“ fragt sie sich. Die Antwort hierauf fällt für sie eindeutig aus.

Als Julia auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere feierte, schlug Eric Zoncas radikalem Frauen-Portrait Bewunderung wie Ablehnung entgegen. Nur in einem waren sich die versammelten Pressevertreter einig: Tilda Swinton spielt die Rolle ihres Lebens. Die vor kurzem für ihren Part in dem Polit-Thriller Michael Clayton mit dem Oscar ausgezeichnete Britin zeigt auf höchst eindrucksvolle Art, wieso sie zu den größten Schauspielern ihrer Generation gezählt werden darf. Kaum eine Szene in Julia kommt ohne sie aus. Zuweilen scheint die Kamera förmlich an ihren Lippen zu kleben. Ihre unglaubliche Präsenz, ihre Fähigkeit, Julias Irrationalität, ihren Egoismus und Leichtsinn in jedem Moment spürbar werden zu lassen, hebt den Film auf ein Niveau, das dieser abseits seiner grandiosen Hauptdarstellerin nicht halten kann.

Zonca wandelt mit seinem unangepassten Frauen-Portrait erkennbar auf den Spuren eines John Cassavates (die Parallelen zu einem Film wie Gloria sind nicht zu übersehen). Doch allein aus dieser Analogie erwächst noch kein Werk, das einen als Zuschauer fesseln oder gar mit Haut und Haar verschlingen würde. So angenehm es ist, die Arbeit eines Filmemachers zu betrachten, der sich moralisch nicht über seinen Protagonist erhebt, der dessen Schwächen zeigt, ohne sie gleich zu verurteilen, so sehr krankt sein Mix aus Sucht-Drama, Road Movie, Film Noir und Entführungs-Thriller an der eigenen Unentschlossenheit. Man hätte gerne mehr über Julias Vergangenheit erfahren, über ihre Beziehung zu Mitch und über das Leben, das bereits hinter ihr liegt. Stattdessen stolpert Julia von einer aberwitzigen und unglaubwürdigen Situation zur nächsten, wobei das Hickhack um die Entführung des kleinen Tom kein Ende zu nehmen scheint. Selbst die stilvollen Aufnahmen der kalifornisch-mexikanischen Wüste können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Zoncas Genre-Zwitter letztlich nicht allzu viel zu erzählen hat.

Für Programmkino.de.

Sonntag, Juni 15, 2008

Bank Job - Very British


UK 2008

+++1/2

Das Heist-Motiv hat eine lange filmische Tradition. Von Rififi über Ocean’s 11 bis hin zu 90er Jahre-Blüten wie Roger Avarys Killing Zoe, immer wieder kreisten Filme um den einen großen Coup. In Bank Job, der den Ablauf, die Hintergründe und das schmerzhafte Nachspiel eines legendären Londoner Bankraubs aus dem Jahr 1971 erzählt, verwebt Regisseur Roger Donaldson die einzelnen Fäden zu einem überaus spannenden Polit-Thriller. Dabei schlägt die Story einen gewaltigen Bogen vom kleinkriminellen Milieu des Londoner East End bis in die Welt des organisierten Verbrechens. Sogar höchste Regierungskreise und das Königshaus scheinen in den Fall verwickelt.

Filmkritik:

Alles beginnt mit einem verlockenden Angebot, das der Gebrauchtwagenhändler Terry (Jason Staham) von Martine (Safran Burrows), einer Freundin aus Jungendtagen, erhält. Er soll in den Tresorraum einer Londoner Bank einsteigen und den Inhalt der Schließfächer mitgehen lassen. Da das Alarmsystem kurzzeitig abgeschaltet wurde, droht von dieser Seite kein Ungemach. Die Aussicht auf Juwelen, Gold und mehrere Millionen lässt Terrys anfängliche Skepsis bald schwinden. Zusammen mit seinen Kumpels Kevin (Stephen Campbell Moore) und Dave (Daniel Mays) beginnt er, den Plan in die Tat umzusetzen. Dieser sieht vor, einen Tunnel in den Tresorraum zu graben und die Beute unterirdisch über die angrenzende Tiefgarage abzutransportieren. Was Terry allerdings nicht weiß: In einem der Schließfächer lagern kompromittierende Fotos eines Mitglieds der Königsfamilie, mit denen ein stadtbekannter Drogenbaron und Zuhälter (Peter De Jersey) die Behörden erpresst und sich so seiner eigenen Verhaftung entzieht.

Dass die Geschichte den Rahmen eines typischen Heist-Plots sprengt, wird schnell klar. Agenten in grauen Anzügen, korrupte Polizisten, zwielichtige Unterweltgrößen, Minister mit geheimen Vorlieben, den beiden Drehbuchautoren Dick Clement und Ian Le Frenais gelang es, eine Vielzahl von Handlungssträngen und Personen in ihr Skript einzubauen, ohne dass sich der Film in Details verliert und der Zuschauer womöglich aus Frust über so viele Informationen gedanklich aussteigt. Bis heute ist im Übrigen nicht ganz geklärt, was damals genau geschah, wer die Hintermänner und Drahtzieher waren und wieso in der Presse bereits vier Tage nach dem Einbruch kein Wort darüber mehr zu lesen war.

Roger Donaldson, der in seinen Arbeiten zu No Way Out und Thirteen Days bereits reichlich Erfahrung mit politisch brisanten Thrillern sammeln konnte, erweist sich einmal mehr als intelligenter und versierter Geschichtenerzähler. Er inszeniert Bank Job in der Tradition großer Heist-Movies, wobei er zu jeder Zeit erkennbar um eine eigene Handschrift bemüht ist. Gerade der Wechsel zwischen Terrys Perspektive, dem Milieu der einfachen Malocher und Kleinkriminellen, und der Welt der Londoner High Society, die hinter einer schicken Fassade ihre dreckigen Geheimnisse unter Verschluss hält, macht den Reiz dieses Films aus. Donaldson ist zudem ein Meister der Suspense. Den Wettlauf zwischen der Polizei und Terrys Bande, die bei ihrem Vorhaben zufällig von einem Amateurfunker belauscht wird, inszeniert er als ein aus zwei Perspektiven aufgenommenes Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder überrascht uns der Plot mit neuen Wendungen und Enthüllungen.

Bank Job ist aber auch in anderer Hinsicht ein Film spannender Gegensätze. Während die gedeckte, erdige Farbpalette und die Ausstattung ein authentisches 70s-Feeling evoziert, kamen bei der Aufnahme nur die neuesten High-Definition-Digitalkameras zum Einsatz. Die Schärfe und Klarheit der Bilder verleiht diesem ansonsten eher nostalgischen London-Trip eine bemerkenswerte Frische und Modernität. Der Mix aus Altem und Neuen setzt sich zu einem Stil zusammen, der Bank Job von seinen Genre-Kollegen deutlich abgrenzt.

Gegen Ende, als der eigentliche Bank Job getan ist und das große gegeneinander Ausspielen beginnt, zieht das ohnehin straffe Erzähltempo nochmals an. Dann kann auch Jason Statham, dessen Leinwandkarriere mit den Ganoven-Stücken eines Guy Ritchie begann, endlich seine imposante Physis voll ausspielen. In einem Film, der über weite Strecken mit brachialer Action geizt und stattdessen der Sogkraft seiner größtenteils wahren Geschichte vertraut, sind die Sympathien klar verteilt. Terry und die Seinen mögen keine Heiligen sein, dass sie bei ihrem Coup allerdings auf Gewalt verzichten und von einflussreichen Kreisen selbst als Mittel zum Zweck „missbraucht“ werden, lässt uns mit ihnen bis zuletzt Hoffen und Bangen.

Smart, mitunter ironisch, temporeich, spannend. An Bank Job werden sich zukünftige Heist-Storys messen lassen müssen.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, Juni 12, 2008

The Happning - Ahorn an Gänseblümchen


USA 2008

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Der Meister des sorgsam eingefädelten Plot-Twists ist zurück. Nach seiner von der Kritik zerrissenen und vom Publikum verschmähten Erwachsenen-Fabel Das Mädchen aus dem Wasser kehrt M. Night Shyamalan zu seinen kreativen Wurzeln zurück. The Happening besitzt vieles von dem, was den Erfolg seiner Suspense-Thriller The Sixth Sense und Signs begründete: Eine bedrohliche Atmosphäre, sorgsam dosierte Thrills und eine unzweifelhafte, wenngleich nicht wirklich überraschende Auflösung. Soweit das Positive, denn in seiner Gesamtschau lassen sich zugleich eine Reihe von eklatanten Schwächen identifizieren.

Shyamalan drehte schon immer Filme, die zu gleichen Teilen auf Spannung wie Gefühl setzten. Er verbindet in seiner Arbeit Elemente des klassischen Thrillers, des Horrors und des Dramas zu einer großen Zaubershow, die beim Zuschauer allerdings stets die Bereitschaft voraussetzte, sich auch tatsächlich verzaubern lassen zu wollen. Shyamalan ist darüber hinaus auch ein Romantiker. Spätestens seit seinem fälschlicherweise auf den finalen Plot-Twist reduzierten The Village dürften hieran keine Zweifel bestehen. Sein Neuer bestätigt diese Erkenntnis, wobei das Geschehen und speziell manche Dialoge zuweilen hart an der Grenze zum Kitsch vorbeischrammen.

Mark Wahlberg tritt dabei die Nachfolge von Bruce Willis und Mel Gibson an. Offenbar hat Shyamalan einen Narren daran gefressen, harten Kerlen einen radikalen Image-Wechsel zu verpassen. In The Happening spielt das ehemalige Unterwäsche-Model einen engagierten Biologie-Lehrer, der immer zu Späßen aufgelegt ist und seinen Schülern die Grundzüge wissenschaftlichen Arbeitens wie ein Mantra eintrichtert. Doch an Unterricht ist schon bald nicht mehr zu denken. Als die ersten Berichte über mysteriöse Massen-Selbstmorde aus dem Nordosten der USA eintreffen, glauben die Medien noch an einen Terror-Anschlag. Hals über Kopf beschließen Elliot (Wahlberg) und seine Freundin Alma (Zooey Deschanel), die Stadt zu verlassen. Zusammen mit Elliots Kollegen Julian (John Leguizamo) und dessen kleiner Tochter Jess (Ashlyn Sanchez) machen sie sich auf dem Weg. Doch sehr weit kommen sie nicht. Mitten im Nirgendwo holen die Ereignisse die Gruppe ein.

Mitunter wirkt The Happening wie ein „Best Of“ älterer Shyamalan-Geschichten. Gerade in der Wahl der Sets erinnert der Film in der zweiten Hälfte stark an Signs. Verlassene Farmen, weite Felder, ländliche Stille, alles das findet sich auch hier wieder. Dabei versteht es Shyamalan erneut, die jeweiligen Gegebenheiten effektiv in die sehr straighte Story einzubauen. Die Schocks sitzen, weil sie unerwartet daherkommen. Auch hart gesottene Horror-Fans werden mehr als einmal einen echten Adrenalinkick verspüren. Nichts und niemand scheint vor der unsichtbaren Gefahr sicher. Diese Erkenntnis transportiert der Film mit einer für eine große Studio-Produktion doch erstaunlichen Kompromisslosigkeit.

Selbst die an drei Stellen merklich gekürzte deutsche Kinofassung – Grundsatzdiskussionen über das Pro und Contra solcher Bevormundung sollen hier nicht geführt werden – ist für Shyamalan-Verhältnisse recht explizit und blutig geraten. In dieser Hinsicht schlägt der Meister des sanften Gruselns erkennbar eine härtere Gangart an. Wenn schon die unheilvolle Bedrohung visuell nichts hergibt, gleicht der Film dieses Manko über die Inszenierung ihrer weit reichenden und zumeist tödlichen Folgen aus. Obwohl Shyamalan uns Zuschauer somit die erwarteten Thrills liefert, will sich uneingeschränkte Begeisterung dieses Mal jedoch nicht einstellen.

Das offenkundigste Problem trägt den Namen Mark Wahlberg. Die Rolle des Schnellmerkers und naturverbundenen Biologie-Lehrers nimmt man ihn zu keiner Zeit ab. Ausdruckslos und überfordert chargiert Wahlberg zwischen unfreiwillig komischem Overacting und „Besorgt aus der Wäsche gucken“. Sein Mienenspiel ähnelt dabei dem Steven Seagals, sprich es existiert nicht. Dass die zentrale Identifikationsfigur zur Lachnummer verkommt, ist aber nicht alleine Wahlbergs Schuld. Shyamalan, der wie zu all seinen Filmen das Drehbuch schrieb, spart in vielen Dialogen nicht mit trivialer Melodramatik und peinlichem Untergangs-Pathos. Fremdschämen ist angesagt, wenn in einer Szene eine verzweifelte Mutter mit ihrer Tochter telefoniert und Shyamalan den Holzhammer rausholt, um auf der Klaviatur von Mitgefühl und Drama zu spielen.

Abseits aller verunglückten Gefühlsduseleien krankt der Film an seiner gerade während der letzten fünf Minuten dozierten „Zurück zur Natur“-Botschaft, bei der Shyamalan vor allem dem Zeitgeist hinterherzulaufen scheint. Sein gerade in den ruhigen Passagen wenig überzeugender Mix aus Krieg der Welten und Die Wolke endet zudem nicht mit dem erhofften Big Bang. Stattdessen entscheidet sich Shyamalan für eine im Horror-Genre bis zum Erbrechen durchexerzierte Pointe, die auch die letzten Zweifel über die Ursache des mysteriösen Massensuizids beiseite wischt. Der Mensch ist eine Bedrohung für diesen Planeten. Mehr als das hat The Happening eigentlich nicht zu erzählen.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, Juni 11, 2008

Nie wieder Sex mit der Ex - Dick Flick


USA 2008

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Judd Apatow und seine Getreuen starten mit dieser sommerlichen, etwas anderen RomCom einen neuen Angriff auf unsere Lachmuskeln. Vom dämlichen deutschen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Weiterlesen auf evolver.

Samstag, Juni 07, 2008

Prom Night - Der Anti-Slasher


USA 2008

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Als Europäer mag es schon etwas befremdlich wirken, welches Bohei die Amis um ein Event wie den Abschlussball veranstalten. Die Prom Night markiert das Ende der High School-Zeit und den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Während die Mädels darum bemüht sind, an jenem Abend möglichst gut auszusehen – schließlich steht der Titel der Prom Queen auf dem Spiel –, wollen die Jungs mit dem hübschesten Mädchen der Stufe auf dem Ball erscheinen.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an den Horrorfilm Prom Night, in dem es die junge Jamie Lee Curtis auf ihrem Abschlussball mit einem maskierten Schlitzer zu tun bekam. Knapp dreißig Jahre später greift Regisseur Nelson McCormick auf ein vergleichbares Setup zurück, wobei sich sein Prom Night nicht als Remake qualifiziert, da allein schon die Charaktere andere sind. Aus der eher trostlosen und muffigen Turnhallen-Absteige, die im ersten Prom Night-Film zum Festsaal umfunktioniert wurde, wird bei McCormick ein edles Grand Hotel mit imposanter Fassade, futuristischer Tanzfläche und aufwändiger Video-Installation. Keine Frage, hier feiern die Kids aus O.C. California und Beverly Hills 90210.

Eine von ihnen ist Donna (Brittany Snow). Die heiße Anwärterin auf den Titel der Prom Queen geht zusammen mit ihrem Freund Bobby (Scott Porter) auf den opulenten Ball. Es soll ein unvergesslicher Abend werden. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt die Vergangenheit Donna einzuholen droht. Einst kamen ihr Bruder und ihre Eltern bei einem tragischen Verbrechen ums Leben. Ein irrer Verehrer (Jonathon Schaech) metzelte aus verschmähter Liebe Donnas gesamte Familie nieder. Rechtzeitig zur Prom Night gelingt dem Killer die Flucht aus der Psychiatrie. Die Aussicht, seinem Love Interest möglichst bald möglichst nahe zu sein, löst eine unheimliche Mordserie aus, bei der die Polizei stets das Nachsehen hat.

Gemäß dem in unzähligen Slasher-Storys erprobten „Zehn kleine Negerlein“-Prinzip verabschiedet sich in Prom Night brav ein Teenager nach dem nächsten. Weil der Film im Unterschied zu den meisten seiner Genre-Kollegen aus den Achtzigern vorrangig auf ein junges, pubertierendes Publikum abzielt, muss der Killer bei seiner Arbeit penibel auf die Einhaltung bestimmter Jugendschutzvorschriften achten. Es wirkt schon reichlich seltsam, wenn nach einer mehr als schüchtern gefilmten Messerattacke lediglich einige wenige, scheinbar abgezählte Flecken Blut auf dem Kleid des Opfers zu sehen sind. Aber eigentlich hätte man schon bei einem Blick auf die PG-13-Freigabe der amerikanischen Filmbewertungsstelle vorgewarnt sein müssen. Prom Night ist die leicht verschärfte Variante eines im Grunde harmlosen Suspense-Kinos, das mit einem echten Slasher bis auf den formalen Rahmen nichts gemein hat.

So unschuldig, klinisch rein und sterbenslangweilig wie Prom Night waren bis dato Gott sei Dank nur die wenigsten Teenie-Horror-Produktionen. Cheesy ist hier gar nichts. McCormick und sein Drehbuchautor J.S. Carbone vollbringen das seltene Kunststück, die beiden einzigen Konstanten des Slashers – Sex und Gewalt – fast gänzlich aus ihrem Film zu verbannen. Vor der Heirat darf höchstens ein bisschen gefummelt werden. Damit hat es sich dann aber auch schon. Die augenscheinlich nach den Schönheitsidealen populärer MTV-Shows zusammengecastete Darstellerriege übt sich ansonsten in einer geradezu päpstlichen Keuschheit. Überhaupt fällt auf, dass jede nur erdenkliche Ecke fein säuberlich abgeschliffen wurde. Dass die Abschlussklasse nur aus Modeltypen zu bestehen scheint, kann man nur als ein weiteres Indiz für die Stromlinienförmigkeit dieser erschreckend ideenlosen Produktion werten.

Wenn ein Konzept wie das des irren Jungfrauenschlitzers bereits derart ausgelutscht ist, sollte zumindest die Verpackung stimmen und der Regisseur sein Handwerk verstehen, damit keine Langweile aufkommt. Beides ist bei Prom Night, für dessen Fortsetzung Sony unglücklicherweise längst grünes Licht erteilt hat, nicht gegeben. McCormick stolpert nach dem akzeptablen Intro, das mit einer schicken Kamerafahrt über den Columbia River aufwartet, von einer Peinlichkeit zur nächsten. Die Inszenierung der einzelnen Morde erweist sich dabei als ausgesprochen monoton. Wenn der Killer nicht gerade plötzlich hinter einer Säule oder in einem der zahlreichen Spiegel auftaucht, beobachtet er seine potenziellen Opfer, wie diese ahnungslos in die Falle tapsen. Dass man als Zuschauer zumeist den Ausgang einer Szene bei ihrem Beginn erahnt, ist der Spannung nur wenig zuträglich. Da kann die Tonspur auch noch so verzweifelt aufheulen, für einen echten Horror-Fan ist Prom Night nicht mehr als eine unfreiwillig komische Kaffeefahrt.

Für BlairWitch.de.

Montag, Juni 02, 2008

Funny Games U.S. - Auf der Anklagebank


USA/F/D/AT/I/UK 2007

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Die Aufregung war groß. Mit seiner radikalen und schonungslosen Darstellung einer in vielerlei Hinsicht beklemmenden Extremsituation erhielt der kleine österreichische Film Funny Games nicht nur eine Unmenge an Publicity, die Reaktion der Medien, die sich wie Aasgeier auf den Gewalt-Aspekt der Geschichte stürzten, sollte zudem Regisseur und Autor Michael Haneke in seinen Thesen über die Gewaltfixierung unserer Gesellschaft Recht geben. Für Haneke war Funny Games eine einzige Anklage. An die Wirkung der Darstellung von Gewalt in den modernen Massenmedien, an die Macher solcher Programme und letztlich auch an uns Zuschauer, die bereitwillig alles konsumieren, was man ihnen vorsetzt.

Für Haneke lässt sich die Verrohung unserer Sehgewohnheiten zum Teil auf das angelsächsische Kino - sprich Hollywood - zurückführen. Es ist seiner Meinung nach mitverantwortlich dafür, dass die Hemmschwelle in Sachen Gewalt immer weiter absinkt. Und weil er mit seinem Film vor allem das „englischsprachige Gewaltkonsumentenpublikum“ (Zitat Presseheft) erreichen wollte, drehte er zehn Jahre nach Funny Games eine 1-zu-1-Kopie in englischer Sprache und mit bekannten Hollywood-Gesichtern in den Hauptrollen. Schließlich soll die Botschaft beim Empfänger auch ankommen.

Auch im Remake bricht der Terror unvermittelt über eine glückliche, wohl situierte Familie herein. George (Tim Roth) und Ann (Naomi Watts) wollen zusammen mit ihrem kleinen Sohn Georgie (Devon Gearhart) die Sommerferien in ihrem idyllisch an einem See gelegenen Ferienhaus verbringen. Vater und Sohn lassen gerade das Segelboot zu Wasser, da taucht im Haus bei Ann ein junger Mann auf, der sich als Gast der Nachbarn ausgibt. Peter (Brady Corbet) scheint zunächst wohlerzogen und freundlich. Doch das ist nur eine Maskerade. Als plötzlich ein zweiter Mann (Michael Pitt) in der Tür steht, wird Ann die Situation allmählich unheimlich. Sie ruft ihren Mann zur Hilfe, der die beiden Besucher höflich aber bestimmt nach draußen bitten soll. Doch daraus wird nichts. Die Eindringlinge haben längst die Kontrolle übernommen und bitten die Kleinfamilie zu einem menschenverachtenden Spiel.

Wer das Original nicht gesehen hat, dem kann Funny Games U.S. eine Horrorerfahrung bieten, die durch Mark und Knochen geht. Alle anderen dürften sich zu Recht fragen, wieso sie sich dieser Tortur nochmals freiwillig aussetzen sollten. Schließlich bleiben die größten Schockeffekte aus, wenn man den Fortgang der Story bereits kennt. Dabei ist Funny Games U.S. wie das österreichische Original kein klassischer Horrorfilm, da er auf viele Genre-Mechanismen bewusst verzichtet. Die Inszenierung will keine Suspense erzeugen – die oftmals viel zu langen, monotonen Einstellungen sind nur eins: langweilig –, ebenso untypisch ist das Fehlen jeglicher Filmmusik und auch Naomi Watts Charakter mutiert entgegen erster Vermutungen nicht zum Final Girl.

Dennoch verfehlt das, was Haneke hier ungemein lässig und langsam vor unseren Augen ausbreitet, zumindest bei erster Ansicht nicht seine Wirkung. Obwohl die Gewalt zumeist Off-Screen stattfindet, ist der Horror, den diese Familie durchleidet, in jeder Einstellung präsent. Die Kälte und der Zynismus der beiden Täter ist derart verstörend, dass man sich am liebsten vor Ekel und Abscheu abwenden möchte. Ein großes Kompliment geht in diesem Zusammenhang an Michael Pitt und Brady Corbet, die als versnobter, arroganter Wohlstands-Nachwuchs ihre Rollen so überzeugend wie einst Frank Giering und Arno Frisch ausfüllen. Vielleicht sind sie sogar noch etwas besser. Watts und Roth, beides erfahrene und gestandene Schauspieler, dürfen in zahlreichen Wein- und Heulkrämpfen ihre Bereitschaft zur absoluten Selbstaufgabe unter Beweis stellen.

Das Grundproblem des Originals bleibt aber auch im Remake evident. Funny Games U.S. ist nur schwerlich als „Film“ im herkömmlichen Sinn zu bezeichnen. Hanekes Arbeit ähnelt eher einem verfilmten Thesenpapier, einer Ansammlung von Anschuldigungen, die wie ein Kübel voller Dreck über dem Publikum ausgekippt werden. Die Protagonisten bleiben stets Erfüllungsgehilfen für Hanekes eingangs erwähntes Welt- und Menschenbild. Spätestens wenn sie die direkte Ansprache zum Publikum suchen und dazu in die eigentlich unsichtbare Kamera blicken, enttarnt sich Funny Games als pädagogisches, selbstgefälliges Experiment, das vorrangig auf Belehrung und die Zurschaustellung eines krankhaften, vermeintlich durch die Medien herangezüchteten Voyeurismus abzielt.

Für BlairWitch.

Mittwoch, Mai 28, 2008

Sex and the City - Vier gewinnt


USA 2008

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Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda sind vier moderne, selbstbewusste New Yorkerinnen. Ihre Freundschaft zueinander, ihre Erfahrungen mit dem vermeintlich starken Geschlecht und ihr nicht Enden wollender Gesprächsbedarf über Elementares wie Banales bescherten der HBO-Serie Sex and the City weltweit eine treue, überwiegend weibliche Fangemeinde. Nachdem 2004 in den USA die letzte Staffel ausgestrahlt wurde, feiert das promiskere Damen-Quartett etwas gealtert, aber nicht minder redselig nun sein Comeback. Der Start des 135-minütigen Kinoauftritts hätte kaum besser getimt sein können. Sex and the City – Der Film bietet das perfekte Kontrastprogramm zu Indiana Jones und Fußball-EM.

Filmkritik:

Es sind rund vier Jahre vergangen, seitdem die vier Freundinnen Carrie (Sarah Jessica Parker), Samantha (Kim Cattrall), Charlotte (Kristin Davies) und Miranda (Cynthia Nixon) in der letzten Folge der HBO-Erfolgsserie Sex and the City ihr Glück in einer monogamen Beziehung fanden. Als die Handlung des Films einsetzt, halten Carrie und ihr Mr. Big (Chris Noth) gerade Ausschau nach einer ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. Eher beiläufig kommen sie dabei auf das Thema Heirat zu sprechen und damit auf etwas, das beide eigentlich nie ernsthaft in Betracht zogen. Doch plötzlich ist es passiert. Nach einem eher unromantischen Antrag findet sich Carrie mitten in den Hochzeitsvorbereitungen wieder. Auch für die anderen Sex and the City-Mädels hält das Leben so einige Überraschungen bereit. Manche zieht es weg aus New York, andere wiederum müssen damit zurecht kommen, dass ihre scheinbar heile Welt binnen weniger Minuten zusammenbricht.

Unter der Regie von Michael Patrick King, dem langjährigen Produzenten und Autoren der Serie, breitet der Kinofilm die erprobte Mixtur aus intelligentem Wortwitz, erotischen Intermezzi und einer wohl dosierten Portion Drama auf 135 Minuten aus. Die Geschichte der modisch stets perfekt gestylten New Yorkerinnen kreist dabei im Kern – wie im Übrigen jede andere Romantic Comedy auch – fortwährend um die Suche nach der einen großen Liebe. Und selbst wer diese wie Carrie oder Miranda gefunden zu haben scheint, kann sich seiner Sache nie wirklich sicher sein.

Sollte sich tatsächlich jemand in den Film verirren, der die Serie nicht kennt, so ist das nicht weiter tragisch. In einer Art „Sex and the City für Dummies“ erhält der Unwissende noch während des Vorspanns einen Überblick über das Leben der vier Hauptcharaktere und ihren jeweiligen Beziehungsstatus. Vor allem die männlichen Begleiter dürften diesen Service zu schätzen wissen. Alle anderen werden vermutlich mit Begeisterung zur Kenntnis nehmen, dass die Macher das Erfolgsrezept des ungemein populären Serien-Franchise unangetastet ließen. Sex and the City füllte bei seinem Start eine Lücke aus, indem es das Leben moderner Großstadt-Frauen jenseits der 30 ohne den Rückgriff auf konsensfähige Rollenmuster zeigte. Für eine amerikanische Mainstream-Serie wurde hier ausgesprochen frei und ungezwungen über Sex geredet und dieser zudem recht explizit praktiziert.

Auch wenn das Ende weitestgehend vorhersehbar ist und der Logik ähnlich gelagerter Produktionen gehorcht, hebt sich der Film wohltuend von seinen zunehmend einfallslosen Genre-Kollegen ab. Viele der Beobachtungen und wunderbar trockenen Kommentare könnten so auch von Woody Allen, einem anderen berühmten New Yorker, stammen. King dirigiert seinen Cast durch die Höhen und Tiefen des Großstadt-Dschungels, wobei er nicht davor zurückschreckt, romantische Vorstellungen erst genüsslich zu karikieren, um sie später doch noch zu bedienen. Letztlich ist Sex and the City eben weit weniger progressiv, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Film wie Serie beschreiben die Sehnsucht nach einer im positiven Sinn emanzipatorischen Spießigkeit.

Carrie und ihre Freundinnen, für die King jederzeit eine fast schon fanatische Empathie aufbringt, verkörpern die ideale Identifikations- und Projektionsfläche für eine Generation von Frauen, die sich nicht länger zwischen beruflichem Erfolg und einer glücklichen Beziehung entscheiden will. Obwohl jede von ihnen einen ganz bestimmten Typus darstellt – Samantha gibt die Sexhungrige, Charlotte die Brave, Miranda die Zynikerin, Carrie die Undefinierbare –, lassen sie sich nicht in die engen Vorgaben gängiger RomCom-Schablonen pressen. Dafür sind sie zu komplex und zu vielschichtig, was im Umkehrschluss erklärt, warum sie das Kinoformat derart souverän ausfüllen. Auch wenn der Film mit seiner Laufzeit von deutlich über zwei Stunden andere Befürchtungen schürt, verliert das Liebes- und Beziehungskarussell nie an Schwung.

Für Programmkino.de.

Montag, Mai 26, 2008

Things We lost in the Fire - Accept the Good


USA 2007

++1/2

Things We Lost in the Fire markiert das Hollywood-Debüt der dänischen Filmemacherin Susanne Bier (Open Hearts, Nach der Hochzeit). Die Regisseurin bleibt trotz des Schauplatzwechsels aber auch bei ihrer ersten englischsprachigen Arbeit vieler ihrer früheren Themen treu. So dreht sich auch dieses Mal alles um einen unerwarteten Schicksalsschlag, der das Leben aller Beteiligten für immer verändern soll. Im Besonderen ähnelt der Film von seiner Struktur Biers vielfach preisgekrönten Familiendrama Brothers, dessen Klasse er jedoch nicht erreicht. Sehenswert ist Things We Lost in the Fire aber dennoch, Benicio Del Toro sei Dank.

Filmkritik:

Ein Traumhaus im Grünen, zwei gesunde, aufgeweckte Kinder, eine glückliche Ehe. Für Audrey (Halle Berry) hielt das Leben bislang nahezu ausschließlich Gutes bereit. Das ändert sich erst mit einem tragischen Zwischenfall, der Audrey ihre große Liebe Brian (David Duchovny) für immer entreißen soll. Brian wird hinterrücks erschossen und von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr so, wie es einmal war. Anfangs gelingt es ihr, den Schmerz über diesen unermesslichen Verlust noch zu überspielen. Vor allem gegenüber den Kindern bemüht sie sich, stark zu erscheinen.

Brians bester Freund Jerry (Benicio Del Toro) empfindet es als seine Verpflichtung, Audrey in dieser schwierigen Zeit beizustehen. Immerhin war Brian oftmals der Einzige, der zu ihm gehalten hat, als es ihm wieder einmal dreckig ging, als seine Heroinsucht sein ganzes Leben zu zerstören drohte. Audrey ist sich zunächst unschlüssig, wie sie auf Jerrys Hilfsangebot reagieren soll. Doch dann fasst sie Vertrauen zu ihm. Schließlich bietet sie Jerry sogar an, in die zu einem Appartement umgestaltete Garage einzuziehen. Obwohl sie weiß, dass er die durch Brians Tod entstandene Lücke vermutlich nicht füllen kann, klammert sie sich an die Hoffnung, dass seine Nähe ihr dabei hilft, mit ihrer Einsamkeit fertig zu werden.

Mit Thing s We Lost in the Fire gibt die frühere Dogma-Regisseurin Susanne Bier ihren Einstand in Hollywood. Doch abgesehen davon, dass ihre Darsteller nunmehr weitaus prominentere Namen tragen, halten sich die Veränderungen gegenüber ihren früheren Arbeiten sehr in Grenzen. Wieder einmal beschäftigt sich Bier mit der Reaktion von Menschen auf einen unerwarteten Schicksalsschlag, wie sie mit persönlicher Trauer und einem vorher so nicht gekannten Gefühl der Einsamkeit umgehen. Gerade Brothers – Biers preisgekröntes Familiendrama um zwei ungleiche Brüder, von denen der eine sich um die Frau und Familie des anderen kümmert, als dieser nach einem Kampfeinsatz in Afghanistan für tot erklärt wird – scheint es Drehbuchautor Allan Loeb angetan zu haben.

Wenngleich die Verpackung insgesamt eine Spur glatter, edler daherkommt, mehr Hochglanz und weniger Dogma die Komposition der Bilder bestimmt, sind die Konstanten in Biers Werk nicht zu übersehen. Nicht nur, dass sich erneut Johan Söderqvist für die sehr atmosphärische und zurückhaltende Filmmusik verantwortlich zeichnet, Bier bleibt darüber hinaus ihrer Vorliebe für extreme Close Ups und einer recht intuitiven Handkameraführung treu. Immer wieder fixiert die Kamera die Augenpartien der Darsteller, verweilt der Blick des Zuschauers bei kleinen Gesten wie den schüchternen Berührungen zwischen Jerry und Audrey. Damit sagen die Bilder mehr als die bisweilen zu sehr auf Symbolik und Bedeutung getrimmten Dialoge über den Seelenzustand der Figuren aus.

Die Geschichte nimmt in der zweiten Hälfte den erwarten Verlauf. Jerry wird rückfällig, dann auf kalten Entzug gesetzt und bricht schließlich zwar nicht geheilt, aber zumindest mit gestärkten Selbstwertgefühl in einen neuen Lebensabschnitt auf. Hier scheint Things We Lost in the Fire den Weg des geringsten Widerstands gehen zu wollen. Dazu passt, dass sich seine Kernaussage auf drei Worte („Accept the Good“) reduzieren lässt. Mag das Ende manches an Konflikten einfach unter den Teppich kehren und der Film somit nicht zu Biers stärksten Arbeiten gehören, die Leistung der Darsteller bleibt davon unberührt. Wie schon in Iñárritus Schuld und Sühne-Drama 21 Gramm zieht Benicio Del Toro einmal mehr sämtliche Blicke auf sich. Sein mitreißendes Portrait eines von Selbstzweifeln gequälten Heroinjunkies ist wohl das, was man gemeinhin einen schauspielerischen Parforceritt nennt. Und so ist es wenig verwunderlich, dass ausgerechnet Jerrys Cold Turkey als emotionaler Höhepunkt in Erinnerung bleibt.

Für Programmkino.de.

Freitag, Mai 23, 2008

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels


USA 2008

++

Back for good? Nach fast zwei Jahrzehnten reaktivieren Steven Spielberg und George Lucas den bekanntesten Archäologen der Filmgeschichte für ein viertes Indy-Abenteuer. Ob das eine so kluge Entscheidung war? Weiterlesen auf evolver.

Dienstag, Mai 20, 2008

Die Unbekannte - Eine Frau mit zwei Gesichtern


I/F 2006

++

Egal ob Spaghetti-Western, Giallo oder das Autorenkino eines Fellini, der italienische Film hat über die letzten Jahrzehnte viele Genres und Richtungen maßgeblich geprägt und sie erfolgreich in alle Welt exportiert. Mittlerweile ist der Glanz früherer Tage jedoch merklich verblasst. Nur eine Handvoll Regisseure erreichen heute noch ein Publikum außerhalb ihres Heimatlandes. Giuseppe Tornatore gehört sicherlich dazu. Lange war es still um den Mann, der bereits vor zwanzig Jahren für Cinema Paradiso einen Oscar gewann. Sechs Jahre hat sich Tornatore für seinen neuen Film Zeit gelassen. Nachdem er in dem nostalgischen Coming-of-Age-Drama Malèna aus Monica Belluci einen internationalen Star machte, wendet er sich in Die Unbekannte einem deutlich sperrigeren und unbequemeren Stoff zu.

Es geht um sexuellen Missbrauch, um Gewalt gegen Frauen, um jahrelange Demütigung und ein menschenverachtendes System aus Abhängigkeiten und Einschüchterung. Bereits die erste Szene macht deutlich, dass hier die Machtverhältnisse sehr ungleich verteilt sind. In einer seltsamen Form der Fleischbeschau werden eine Reihe junger Frauen in einen Raum geführt. Einige von ihnen werden aufgefordert sich auszuziehen. Ihre Gesichter sind dabei die ganze Zeit von einer ausdruckslosen Maske verdeckt. Hinter einer Wand, in der kleine Löcher eingelassen sind, verfolgen einige gleichsam anonyme Augenpaare den Striptease der Mädchen. Was hier genau vorgeht, soll sich jedoch erst später wirklich klären lassen.

Szenenwechsel. Wir befinden uns plötzlich in einer namentlich nicht genannten Stadt in Nord-Italien. Eine dem Akzent nach zu urteilen aus Osteuropa stammende junge Frau (Xenia Rappoport) ist auf der Suche nach einer Wohnung und einer festen Anstellung. Der Koffer, den sie bei sich trägt, ist voller Geld. Geld, dessen Herkunft zunächst unbestimmt ist. Die Frau nennt sich selbst Irena. Sie bemüht sich in der Nachbarschaft um einen Job als Putzfrau. Dabei hat sie es auf ein ganz bestimmtes Haus abgesehen, in dem vor allem reiche Juwelierfamilien wohnen. Ihr Interesse gilt einem Goldschmiede-Ehepaar (Claudia Gerini, Pierfrancesco Favino) und deren Tochter Tea (Clara Dossena). Auch das scheint keineswegs ein Zufall zu sein.

An Ehrgeiz hat es Tornatore noch nie gemangelt. Doch selbst für einen Perfektionisten wie ihn erscheint Die Unbekannte seltsam überambitioniert. Das betrifft sowohl den Inhalt als auch die Form, in die er Irenas Geschichte zwängt. Von den ersten Minuten an versucht sich Tornatore an der intuitiven Vermischung zweier Zeitebenen, von denen die eine wie ein Blitz die andere immer wieder durchschlägt. Diese eruptiven Einschübe zeigen, was hinter Irena liegt, welches Martyrium sie durchlitten hat. Die irritierend weich und warm fotografierten Szenen stehen dabei in einem starken Kontrast zur eigentlichen Handlung um Irenas wohl nicht ganz zufällige Annäherung an das Goldschmiede-Ehepaar und deren Tochter. Nach einer Weile führt der immer wiederkehrende Rückgriff auf dieses Stilmittel jedoch zu unübersehbaren Abnutzungserscheinungen.

Natürlich holt die Vergangenheit auch Irena eines Tages ein. In Person ihres früheren Peinigers Muffa (Michele Placido) kommt der Terror zurück in ihr Leben. Dann erhält die vorher nur recht abstrakt spürbare Bedrohung auf einmal eine sehr konkrete Gestalt. Untermalt wird all dies von einem atmosphärischen, zuweilen aber auch recht aufdringlichen Score des Altmeisters Ennio Morricone, der sich offenkundig von den Kompositionen eines Bernard Herrmann und den Suspense-Klassikern Alfred Hitchcocks inspirieren ließ (auch wenn er das niemals zugeben würde). Überhaupt folgt Tornatore einem Konzept, das dem eines typischen Hitchcock-Thrillers schon recht nahe kommt, wobei er allerdings gerade im letzten Filmdrittel den geradlinigen Thriller-Plot links liegen lässt, um stattdessen in mehr als sentimentalen Gewässern zu fischen.

Spätestens dann zeigt sich auch, dass Tornatore einfach zu viel will, weil er zu viel und zu Gewichtiges zu erzählen hat. Irena soll den Zehntausenden Frauen ein Gesicht geben, die mit falschen Versprechungen nach Westeuropa gelockt und dann von ihren Peinigern nur noch wie ein Stück Vieh behandelt werden. Diese sicherlich ehrenwerte Absicht will nicht so recht zu dem eigentlich simplen Exploitation-Thema passen. Wo Die Unbekannte zunächst mit Versatzstücken des genuin italienischen Giallos durchaus versiert spielt – auch bei Tornatore wird das Vergießen von Blut reichlich kunstvoll inszeniert –, flüchtet sich der Film am Ende in einen berechenbaren Plot-Twist, der Genre-Kennern nicht mehr als ein kurzes Schmunzeln entlocken dürfte. Auch von der anfangs bedrohlichen Grundstimmung, die wohl nicht ganz zufällig an einen David Lynch-Albtraum erinnert, ist dann nichts mehr zu spüren. Wird der Zuschauer bei Lynch nämlich zumeist sich selbst überlassen, bleiben hier schlussendlich keine Fragen offen.

Für BlairWitch.de.

Freitag, Mai 16, 2008

Brügge sehen... und sterben? - Wandern in Flandern


GB/BEL 2007

+++1/2

Zwei irische Profi-Killer, eine geheimnisvolle blonde Schönheit, ein rassistischer Zwerg und eine graue Eminenz, die keinen Spaß versteht: Im malerischen Brügge kreuzen sich die Wege all dieser Akteure in einem äußerst blutigen Shootout. Weiterlesen auf evolver.

Montag, Mai 12, 2008

Paranoid Park - He was a Sk8er Boy...


USA 2007

+++1/2

Gus van Sant bleibt seinen bevorzugten Themen treu. Auch in Paranoid Park lenkt er den Blick auf einen ganz bestimmten Ausschnitt amerikanischer Jugendkultur und den von Ängsten und Selbstzweifeln gekennzeichneten Prozess des Erwachsenswerdens.

Kaum ein amerikanischer Independent-Filmer stößt auf soviel Bewunderung und Ablehnung wie Gus Van Sant. Gerade seine letzten Werke, der experimentelle Gerry (2002) und Elephant (2003), die in Cannes gleich zweifach ausgezeichnete, an das Highschool-Massaker von Columbine angelehnte Chronik einer rational nicht fassbaren Tragödie, spalteten das Publikum. Zu artifiziell, zu selbstverliebt, zu distanziert, Van Sants Filme boten stets reichlich Angriffsfläche für Kritik. Auch an Paranoid Park schieden sich bei seinen Aufführungen in Cannes, Toronto und Wien die Geister. Kein Wunder, findet sich doch hier Manches, für das man Van Sant wahlweise lieben oder hassen kann.

Erneut taucht Gus Van Sant in das Milieu einer typischen amerikanischen High School ein. Dabei gilt sein Interesse einer ganz bestimmten Subkultur. Im Burnside Skate Park, von den Jugendlichen auch Paranoid Park genannt, treffen sich Portlands Skater, um in selbstgebauten Parcours ihrer Leidenschaft nachzugehen und sich an neuen, oftmals halsbrecherischen Tricks zu versuchen. Alex (Gabe Nevins) würde nur zu gerne einer von ihnen sein, doch sein Talent, was das Skateboard fahren angeht, hält sich in Grenzen. So bleibt ihm nicht anderes übrig, als zusammen mit seinem Kumpel Jared (Jake Miller) abzuhängen und den anderen Kids in der Halfpipe zuzusehen. Oder er trifft sich mit seiner hübschen Freundin Jennifer (Taylor Momsen). Zuhause ist Alex dagegen nur selten, wohl auch, weil seine Eltern gerade ihre Scheidung durchleben.

Soweit eine ganz normale Jugend könnte man meinen. Erst ein nächtlicher Zwischenfall, bei dem Alex einen Unfall provoziert und der einen Parkwächter das Leben kostet, stürzt den Jungen in ein moralisches Dilemma. Der Druck auf ihn wächst, nachdem ein Detective (Dan Liu) in Alex’ Schule auftaucht, um ihn und die anderen Skater über die Ereignisse jener Nacht zu befragen.

Wie schon in Elephant entschied sich Van Sant für eine non-lineare Erzählstruktur. Der Film kreist dabei um den Tod des Wachmanns, der Alex Leben in ein Davor und Danach einteilt und der Auslöser für all die Gedanken und inneren Konflikte ist, die Paranoid Park als Leitmotiv bis in die letzte Einstellung begleiten. So kommt es, dass Szenen sich wiederholen und Einstellungen erst einen Sinn ergeben, nachdem Van Sant die Lücken zwischen ihnen geschlossen hat. Der Film nimmt sich bewusst Zeit, um uns Alex’ Alltag näher zu bringen. In einem stark verdichteten Mix aus Super 8-, Digital- und 35mm-Aufnahmen fängt die Kamera von Christopher Doyle und Rain Kathy Li die Ästhetik und Faszination des Skatebord-Sports ein.

Je länger man den anfangs etwas willkürlich erscheinenden Impressionen folgt, desto klarer wird das Big Picture und desto stärker zieht einen Paranoid Park in seinen Bann. Van Sant verknüpft geschickt die Ästhetik der Bilder mit einem markanten Soundtrack, der von Hip Hop über Country, Folk, Songwriter-Pop bis hin zu hartem Rock unzählige Stilrichtungen vereint, und der zunächst als Kommentar auf Alex’ jeweiligen Gemütszustand funktioniert. Die Musik und die großartigen Soundcollagen von Leslie Shatz leisten aber noch weitaus mehr. Sie formen so etwas wie ein hörbares Unterbewusstsein. Als Alex nach dem tragischen Unfall unter der Dusche zusammenbricht, scheint sich die Szene in einem ohrenbetäubenden Fanal aus exotischem Vogelgezwitscher und dröhnenden Wasserrauschen aufzulösen. Intuitiver und direkter lässt sich kaum die Angst und Verunsicherung abbilden, die Alex in diesem Moment fühlt und unter deren Last er beinahe kollabiert.

Das Casting für Paranoid Park nahm Van Sant über das Internet-Portal MySpace vor. Dort entdeckte er auch den jungen Gabe Nevins, der hier sein Schauspieldebüt gibt. Nevins gelingt es, Alex über weite Strecken als ein Mysterium darzustellen, bei dem man rätselt, was tatsächlich in ihm vorgehen mag. Warum reagiert er derart gelangweilt auf die sexuellen Avancen seiner Freundin? Warum lässt ihn die Scheidung seiner Eltern von außen zu urteilen nur so kalt? Mehr und mehr durchdringt der Film im Lauf seiner rund 80 Minuten diesen schwierigen Charakter, der sich einem Ereignis stellen muss, das ihn sein gesamtes Leben nicht mehr loslassen wird.

Paranoid Park ist wie schon Elephant nicht frei von Van Sants typischen Manierismen, nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal Form und Inhalt ein sinnvolles Ganzes ergeben. Die fragmentarische Narration, das Vor- und Zurückspringen in der Zeit ist Ausdruck von Alex’ Unsicherheit, dem Kampf zwischen seinem Gewissen und dem Bedürfnis, das Ereignis möglichst rasch zu verdrängen. Auf diese Weise wird Paranoid Park zum überzeugenden und aufwühlenden Dokument eines adoleszenten Traumas.

Mittwoch, Mai 07, 2008

Love Vegas - Das bekannte Was-sich-liebt-das-neckt-sich-Prinzip


USA 2008

+1/2

Eine rauschende Partynacht und ihre weit reichenden Folgen: In dieser nach Schema F inszenierten romantischen Komödie werden Ashton Kutcher und Cameron Diaz zu sechs Monaten Ehe verurteilt. Alles weitere auf Critic.de.

Sonntag, Mai 04, 2008

[Rec] - Kontrollverlust in Echtzeit


ESP 2007

+++1/2

Dieser Text enthält leichte Spoiler!

Mit seinem Ansatz, einen Film als quasi authentisches Live-Dokument zu konzipieren, stieß ein kleiner amerikanischer Horrorfilm namens Blair Witch Project vor knapp zehn Jahren die Tür zu einer ganz neuen Art von Genrefilmen auf. Doch es dauerte lange, bis auch andere Kreative den pseudo-dokumentarischen Look nutzten, um ihre Geschichten auf eine ähnlich effektive Weise zu erzählen. Nach Cloverfield, der dem ausgelutschten Monsterhorror über seine Videoästhetik einen erfrischenden Neustart ermöglichte, startet nun der spanische [Rec] in unseren Kinos.

Die Arbeit von Nameless-Regisseur Jaume Balagueró und seinem Kollegen Paco Plaza wurde auf renommierten Festivals wie Sitges bereits mit Auszeichnungen überhäuft. Entsprechend hoch dürften die Erwartungen der heimischen Horrorgemeinde sein. Daher das Wichtigste vorab: [Rec] löst sämtliche Versprechungen an einen guten, will heißen wirklich angsteinflößenden, Horrorfilm ein.

Dabei beginnt die bewusst einfach gehaltene Story noch recht harmlos und unspektakulär. Die Lokalreporterin Angela Vidal (Manuela Velasco) soll zusammen mit ihrem Kameramann Pablo die Arbeit einer Gruppe von Feuerwehrmännern dokumentieren. Deren Alltag, das wird Angela schnell klar, besteht größtenteils aus Warten und langweiligen Routineeinsätzen. Auch die Fahrt zu einem alten Mietshaus scheint anfangs ein solcher Routineeinsatz zu sein. Die Feuerwehr soll der Polizei Zutritt zu einer Wohnung verschaffen, aus der Nachbarn fürchterliche Schreie vernommen haben. Am Einsatzort angekommen treffen die Männer der Feuerwehr und das TV-Team auf eine Reihe neugieriger Hausbewohner, die nur zu gerne wüssten, was sich hinter der Wohnungstür zugetragen hat.

Als sich die Beamten schließlich Zutritt verschaffen, passiert etwas, womit wohl niemand gerechnet hat. Eine auf den ersten Blick hilfsbedürftige alte Frau greift die Männer unvermittelt an. Ein Polizist wird von ihr sogar so schwer in den Hals gebissen, dass er zu verbluten droht. Doch Hilfe zu holen ist unmöglich. So hat die Polizei inzwischen das Haus auf Anweisung des Gesundheitsamtes weiträumig abgesperrt. Alle Bewohner, das TV-Team und die eingeschlossenen Feuerwehrmänner werden aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Bis endgültig geklärt ist, was in dem Haus tatsächlich vor sich geht, dürfen sie das Gebäude nicht verlassen. Und so sind sie alle plötzlich Gefangene in einem Albtraum, der sich – man ahnt es – längst nicht mehr kontrollieren lässt.

Akzeptiert man die Prämisse, dass die Kamera eine heilige Kuh ist und die Akteure lieber jedes Detail in Bild und Ton festhalten, anstatt anderen womöglich in höchster Not zur Hilfe zu eilen, kann die Fahrt in der Geister-Achterbahn beginnen. Einmal eingestiegen gibt es nach der kurzen und wie bei Cloverfield etwas beliebig erscheinenden Einleitung kaum noch Gelegenheit, einmal entspannt durchzuatmen. Selbst wenn das Timing mancher Schocks nicht optimal gewählt ist, dürften diese kaum ihre Wirkung verfehlen. Dafür sorgt bereits die subjektive Ich-Perspektive des Films, die jede Distanz zwischen Leinwand und Publikum aufkündigt und uns so zu einem Mitgefangenen im Vorhof der Hölle macht.

Balagueró und Plaza legten großen Wert darauf, die Action möglichst echt und zufällig erscheinen zu lassen. Im Gegensatz zum modernen Blockbusterkino, wo dramaturgische Höhepunkte zumeist mit Pauken und Trompeten angekündigt und inszeniert werden, geschieht der Horror in [Rec] fast beiläufig. Nicht immer kann die Kamera dabei jede Aktion von Anfang bis Ende festhalten, sei es, weil Kameramann Pablo selbst überrascht wurde oder er sich schlichtweg nicht unmittelbar am Ort des Geschehens aufhielt. Auch die zeitweiligen Bildaussetzer oder das zum Ende hin nicht mehr funktionstüchtige Licht des Aufnahmegeräts wurden stimmig und effektiv in den Plot integriert.

[Rec] funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil die Macher es verstehen, die Beschränktheit und Enge des Schauplatzes für ihre You Tube-Version eines Zombie-/Mutantenfilms optimal auszunutzen. Neben einer möglichst realistischen Darstellung des Horrors, der sich organisch aus einer anfänglich alltäglichen Situation peu á peu entfaltet, erzeugt die Isolation ein ungutes, beinahe klaustrophobisches Gefühl. Dazu muss man nicht einmal besonders unter Platzangst leiden. Während die Eskalation im Haus unaufhaltsam voranschreitet, arbeiten die überall anzutreffenden verschlossenen Türen und Fenster an der Steigerung des ohnehin omnipräsenten Grauens.

Balagueró und Plaza kennen bis zuletzt kein Pardon. Je mehr die Bedrohung in Gestalt immer weiterer Infizierter um sich greift, desto deutlicher schlägt der Kontrollverlust auch in der audio-visuellen Präsentation durch. Die Bilder werden noch verwackelter, die Schreie auf der Tonspur noch markerschütternder. Am Ende löst sich der Film in einem Fanal aus Blut, (Angst-)Schweiß und Tränen auf, das bei aller Unsicherheit nur eine Gewissheit zulässt: An [Rec] geht in Sachen Horror dieses Jahr kein Weg vorbei.

Erschienen bei BlairWitch.de.

Freitag, Mai 02, 2008

Wilde Unschuld - An der Oberfläche


USA 2007

++

Es ist die Chronik einer wahren Katastrophe. Verpackt in elegante Bilder und basierend auf dem Tatsachen-Roman von Howard A. Rodman erzählt Wilde Unschuld von einer unglücklichen Ehe, zerstörerischen Abhängigkeiten und einer inzestuösen Mutter-Sohn-Beziehung. Das Familiendrama rund um den schwerreichen Baekeland-Clan wäre heutzutage ein gefundenes Fressen für Paparazzis und Yellow Press.

Filmkritik:

Das Leben schreibt immer noch die unglaublichsten Geschichten. Dabei ist die Tragödie, die das drei Dekaden umspannende Familiendrama Wilde Unschuld vor dem Zuschauer ausbreitet, durch zahlreiche Zeugenaussagen und Briefe der Beteiligten bis ins Detail verbürgt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als die hübsche Möchtegern-Schauspielerin Barbara Daly (Julianne Moore) in die hoch angesehene Baekeland-Dynastie einheiratet. Ihr Mann Brooks (Stephen Dillane) ist der Enkel des aus Belgien stammenden Chemikers Leo Hendrik Baekeland, der Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung des nach ihm benannten Kunststoffes Bakelite ein Vermögen machte.

Die Ehe ist nur nach außen perfekt. Beide haben Affären. Barbara sucht zudem verzweifelt nach Anerkennung und Bestätigung, was ihr im Kreis der High Society aber zumeist verwehrt bleibt. Auch die Geburt des gemeinsamen Sohnes Antony und der Umzug nach Europa ändern nichts an dieser Situation. So vergehen die Jahre, in denen sich die Eheleute immer weiter voneinander entfremden. Während Antony (Eddy Redmayne) allmählich erwachsen wird und seine eigene Sexualität entdeckt – schnell wird klar, dass er eigentlich Männer liebt –, zieht Brooks einen Schlussstrich unter die Beziehung zu Barbara. Sein Herz gehört einer Jüngeren. Bianca (Elena Anaya), ausgerechnet ein früherer Urlaubsflirt seines Sohnes, ist fortan die Frau an seiner Seite.

Man ahnt, dass diese Geschichte kein Gutes Ende nehmen wird. Von den ersten Minuten an liegt eine erdrückende Last auf den opulenten Bildern des High Society-Lebens, das bereits damals erschreckend genau den von Boulevard-Blättern kolportierten Klischees des modernen Jetsets entsprach. Kameramann Juan Miguel Azpiroz packt den verschwenderischen Luxus in stilvolle, bisweilen gar stilisierte Aufnahmen. Dabei ist die Idylle an Urlaubsorten wie der Costa Brava oder Mallorca stets zu perfekt, als dass man ihr auch nur für einen Moment trauen könnte, zumal der an klassische Suspense-Filme angelehnte Score die düstere Vorahnung noch befeuert.

Ein Hauch von Shakespeare umweht Tom Kalins tragische Familien-Chronik, die von selbstzerstörerischen, neurotischen und psychisch schwer gestörten Charakteren förmlich zu bersten scheint. Und vermutlich ist das auch der größte Haken an Wilde Unschuld. Denn es fällt trotz der durchweg erstklassigen Besetzung schwer, sich für diesen Haufen – pardon – arroganter Schnösel zu interessieren, deren einziger Zeitvertreib die Zurschaustellung der eigenen Eitelkeit zu sein scheint. Lediglich für Julianne Moores einsame Society-Lady lässt sich so etwas wie Verständnis aufbringen. Dabei beeindruckt die Moore einmal mehr in einer dramatischen Rolle, deren distinguierte Eleganz gewisse Parallelen zu Todd Haynes Douglas Sirk-Hommage Dem Himmel so fern offenbart.

Leider trägt das mondäne Setting nicht über die gesamte Laufzeit. So kann auch die ausgeklügelte Ästhetik das mitunter deutlich spürbare inhaltliche Vakuum nicht kaschieren. Denn obwohl Wilde Unschuld innerhalb seiner 96 Minuten vieles behandelt – angefangen von einer unglücklichen Ehe, über einen Coming-of-Age-Subplot bis hin zu einer inzestuösen Mutter-Sohn-Beziehung–, geht der Film nur selten in die Tiefe. Es mag zwar konsequent sein, einen oberflächlichen Film über vermeintlich oberflächliche Menschen zu drehen, wirklich zufriedenstellen kann diese Analogie letztlich jedoch nicht.

Für Programmkino.de.

Dienstag, April 29, 2008

Iron Man - Der eiserne Jungmann


USA 2008

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Willkommen zur One-Man-Show des Robert Downey Jr.! In der neuen Comic-Verfilmung, die das Genre des Superhelden-Films um einen weiteren schillernden Charakter bereichert, darf Hollywoods Enfant terrible so richtig loslegen. The world is yours, Tony Stark! Weiterlesen auf evolver.

Mittwoch, April 23, 2008

Football Under Cover - Zu Gast bei Fremden



D 2008

++1/2

Ein Fußballspiel zwischen einer Berliner Multikulti-Truppe und der iranischen Frauen- Nationalmannschaft birgt allerlei politischen Sprengstoff. Die deutsch-iranische Co-Produktion Football Under Cover begleitet die Spielerinnen bei ihren Vorbereitungen auf diese in vielerlei Hinsicht bedeutsamen 90 Minuten. Weiterlesen auf Critic.de.