Samstag, Juli 04, 2009

Der große Brüno-Test


Ich gebe zu: Ein eher unspektakuläres Ergebnis! Aber man(n) soll ja bei der Wahrheit bleiben!

Sonntag, Juni 28, 2009

Das Haus der Dämonen - Wie man Stillstand verfilmt


USA 2009

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„Based on a True Story“. Mit diesem Schriftzug eröffnet Das Haus der Dämonen seine Pforten, wobei sofort klar sein sollte, dass die angeblich wahre Geschichte auch nur dann wirklich funktioniert, wenn man nicht von vornherein eine Aversion gegen alles Übernatürliche und Übersinnliche hegt. Ansonsten dürfte man sich schnell langweilen und den Plot in die Schublade „spirituellen Hokuspokus“ abspeichern (was er vermutlich auch ist). Sind die Fronten zwischen Film und Zuschauer erst einmal geklärt und wurde die bereits im Titel angelegte Prämisse akzeptiert, kann die Geisterfahrt im Geisterhaus endlich losgehen.

Dass die Handlung im Jahr 1986 einsetzt, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Immerhin orientiert sich die Geschichte an einem realen Fall, über den bereits eine Dokumentation für den Sparten-Sender Discovery abgedreht wurde. Alles beginnt mit einem Umzug, der die Campbells - eine amerikanische Durchschnittsfamilie - ins beschauliche Connecticut führt. Matt (Kyle Gallner), der älteste Sohn, ist an Krebs erkrankt und soll in einer nahe gelegenen Klinik behandelt werden. Da die Familie über nur ein geringes Budget verfügt, erscheint es zunächst wie ein glücklicher Zufall, dass Mutter Sara (Virginia Madsen) ein günstiges und noch dazu überaus großzügiges Haus im viktorianischen Stil entdeckt, welches ihre finanziellen Mittel nicht übersteigt. Bei ihrem Einzug ahnen die Campbells selbstverständlich noch nicht, dass ihr neues Zuhause ein dunkles Geheimnis birgt.

Das Haus der Dämonen beginnt wie jede Geschichte über ein Geisterhaus. Eine ahnungslose Familie stolpert auf eine unheimliche Bedrohung zu, die sie als solche nicht erkennt. Matts Visionen werden nicht ernst genommen und von den Ärzten mit der Einnahme der Medikamente erklärt. Wir wissen es besser, wobei uns bereits die schaurig-schön gefilmte Einleitung, in der die geheimnisvolle Vergangenheit des Dämonenhauses angeschnitten wird, einen nicht unerheblichen Informationsvorsprung verschafft. Als die Campbells irgendwann nicht mehr weiter wissen und die Vorfälle immer bedrohlicher werden, bittet die Familie schließlich einen katholischen Priester (Elias Koteas) um Rat. Auch dessen Rolle gehört praktisch zum Inventar einer solchen Geschichte, die mit übersinnlichen und parapsychologischen Elementen arbeitet.

Es darf bezweifelt werden, ob sich tatsächlich auch nur etwas so zugetragen hat, wie uns der Film das gerne weiß machen möchte. Lässt man den etwas skurrilen Authentizitätsanspruch jedoch einmal außer Acht, so kann Das Haus der Dämonen trotz seiner allesamt bekannten Bauteile doch recht passabel unterhalten. Das liegt vor allem an den glaubwürdigen Darstellern - allen voran Newcomer Kyle Gallner schlägt sich tapfer - und der durchgängig stimmungsvollen Optik. Regisseur Peter Cornwell hat für sein Spielfilmdebüt augenscheinlich nicht nur die bekannten Vorbilder wie Amityville Horror oder The Others sondern auch so manches Musikvideo (Nine Inch Nails, Marylin Manson) genauestens studiert. Und so sieht sein Film dann auch aus. Wie ein Mix aus heimeligem Oldschool-Grusler und einem auf visuelle Spielereien ausgelegtem Mystery-Schocker.

Der ruhige, geheimnisvolle Erzählton wird dabei immer wieder von Matts zunehmend verstörenden Visionen unterbrochen, während denen die Sound-Designer ordentlich Krawall auf der Tonspur veranstalten und der Film in hübsch durchgestylten Bildern die seelischen Qualen seines Protagonisten heraufbeschwört. Wie zu erwarten greift Cornwell bei der Umsetzung der zahlreichen Geister-Attacken beständig auf altbewährte Schockeffekte zurück, die sich oftmals schon lange vorher ankündigen und daher nicht immer die gewünschte Wirkung erzielen. Dennoch reicht es, um immer mal wieder wie auf Knopfdruck zusammenzuzucken. Als kalkuliertes Date-Movie, von dem man sich in erster Linie erhofft, dass die (weibliche) Begleitung eine starke Schulter zum Anlehnen sucht, hält Das Haus der Dämonen zumindest eine interessante Alternative zu den gängigen romantischen Komödien bereit. Auch muss hier niemand befürchten, dass die Geschichte womöglich einen allzu hässlichen Verlauf nehmen könnte. Verglichen mit dem Remake zu Wes Cravens Last House on the Left oder dem erfolgreichen Saw-Franchise mutet Cornwells Dämonenhaus vielmehr wie ein harmloser Kindergeburtstag an.

Bis zum Ende, das uns in mehreren schlichten Texttafeln über den Fortgang der Ereignisse und das weitere „Schicksal“ des vermeintlichen Geisterhauses informiert, bleibt der Film seinem geradlinigen Strickmuster treu. Cornwells Debüt ist verfilmter Stillstand, cineastischer Konservatismus. Das klingt jetzt negativer, als es gemeint ist. Schließlich spielt der Film von Beginn an mit offenen Karten. Das Haus der Dämonen liefert exakt das, was sein Titel verspricht: Ein Haus und einige Dämonen.

Für BlairWitch.de.

Dienstag, Juni 23, 2009

Flash of Genius - Davids Dilemma


USA 2008

++1/2

Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Flash of Genius von dem zermürbenden Kampf eines Erfinders und Universitätsprofessors gegen den mächtigen Ford Motor-Konzern. Bob Kearns (1927-2005) entwickelte Ende der 1960er Jahre den Intervall-Scheibenwischer, der heutzutage zur Grundausstattung jedes Autos gehört. Der etwas zu brav inszenierte Film lebt vornehmlich von der glaubhaften Darstellung Greg Kinnears und der Widersprüchlichkeit seiner Hauptfigur.

Filmkritik:

Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich sehr nahe beieinander. Diese recht triviale Erkenntnis wird auch durch die wahre Geschichte des Bob Kearns (Greg Kinnear) wieder einmal belegt. Der engagierte Universitätsprofessor und Hobby-Tüftler versetzt Ende der 1960er Jahre mit seiner Erfindung des Intervall-Scheibenwischers die Entwickler der großen amerikanischen Autokonzerne in Staunen. Ihm gelingt, was Ford, GM und Chrysler trotz millionenschwerer Forschungs-Etats bis dahin nicht zu Stande brachten. Als Bob glaubt, seine Erfindung werde ihm Anerkennung und seiner Familie ein zumindest finanziell sorgenfreies Leben bescheren, erliegt er einem Irrtum. Nur wenig später zieht sich Ford ohne Angabe von Gründen aus dem gemeinsamen Projekt zurück. Bobs Enttäuschung hat sich noch nicht ganz gelegt, da muss er mitansehen, wie Ford den neuen Mustang mit dem von ihn entwickelten Intervall-Scheibenwischer der Öffentlichkeit vorstellt.

Wo andere vor der Macht des Giganten aus Detroit längst kapitulieren hätten, entscheidet sich Bob zu kämpfen. Er will, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass Ford sein geistiges Eigentum gestohlen hat. Für diese Wahrheit ist er sogar bereit, großzügige Offerten von am Ende mehreren Millionen Dollar auszuschlagen. Er lässt es auf einen Prozess ankommen – mit ungewissem Ausgang. Sein über zwei Jahrzehnte andauernder Kampf für Gerechtigkeit droht unterdessen sein gesamtes Leben zu zerstören. So verbringt er nach einem Nervenzusammenbruch nicht nur einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt, auch seine Frau Phyllis (Lauren Graham) trennt sich von ihm, da sie für Bobs verbissen geführten „Kreuzzug“ keine Kraft mehr aufbringen will und kann.

In seinem ersten Spielfilm erzählt der bislang als Produzent in Erscheinung getretene Marc Abraham (Spy Game, Children of Men) eine geradezu klassische David-gegen-Goliath-Geschichte. Obwohl Bob unserem Empfinden nach jedes Recht der Welt auf seiner Seite hat, scheint sein Ansinnen angesichts der finanziellen wie personellen Ressourcen des Gegners doch nahezu aussichtslos. Interessant ist, dass der Film, der zweifellos eindeutig Partei ergreift, seinen Don Quijote keineswegs idealisiert. Bob war ein schwieriger Charakter, bisweilen regelrecht verbohrt in seinem Streben nach Anerkennung und Gerechtigkeit. Und genau so portraitieren ihn Abraham und Drehbuchautor Philip Railsback. Über Bobs Kompromisslosigkeit mag manch einer gar den Kopf schütteln, wenn dieser wieder einmal ein millionenschweres Angebot des Autoriesen ausschlägt, das seine Familie finanziell abgesichert hätte.

In der Vergangenheit arbeitete Greg Kinnear oftmals Stars wie Jack Nicholson oder Pierce Brosnan zu, in deren Schatten er sich dann bewegte. Flash of Genius bot ihm endlich Gelegenheit, einmal eine komplexe, schwierige Hauptrolle selbst auszufüllen. Kinnear ist es dann auch, der den in seiner Dramaturgie und Konzeption recht zahmen Film vor Schlimmerem bewahrt. In seiner Darstellung des passionierten Erfinders Bob Kearns werden sowohl dessen innere Unruhe als auch Anspannung sichtbar. Manchmal ist er voller Tatkraft und Energie, dann wieder wirkt er ausgebrannt und leer. Dieses emotionale Auf und Ab vermittelt Kinnear über wenige, im ersten Moment recht unscheinbare Gesten und Blicke. Er ist darüber hinaus ein Schauspieler, der die eigene Eitelkeit mit Beginn einer Aufnahme problemlos zurückstellen kann.

Ansonsten hat Flash of Genius leider nicht wirklich viel (Neues) zu bieten. Die guten Absichten sind zwar jederzeit unverkennbar, allein das nützt wenig, wenn selbst die als Klimax inszenierte Gerichtsverhandlung sich nur allzu brav in das erprobte Schema vergleichbarer David-gegen-Goliath-Dramen wie Erin Brokovich oder Insider einfügt. Abrahams Regiedebüt mangelt es somit vor allem an Eigenständigkeit und Wagemut. Beides Dinge, für die Bob Kearns Zeit seines Lebens stand.

Für Programmkino.de.

Samstag, Juni 20, 2009

Die Gräfin - Blutleer


F/D 2009

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In Eli Roths blutigem Osteuropa-Trip Hostel 2 erregte vor allem eine Szene die Gemüter der staatlichen Jugendschützer. Darin steigt eine junge, äußerst attraktive Frau unbekleidet in eine Wanne, nicht um zu baden oder sich bei einem Bad zu entspannen. Die Dame hat ganz andere Pläne, die ersichtlich werden, als die Kamera zur Decke dreht. Dort hängt eine der drei amerikanischen Europa-Touristinnen, gefesselt und geknebelt. Schon im nächsten Augenblick wird deren nackter Körper mit einer scharfen Klinge mehrmals penetriert. Mit sichtlicher Freude und in sexueller Erregung badet die Schlitzerin im Blut ihres Opfers, das wie ein Stück Vieh allmählich ausblutet bis schließlich der Tod eintritt. Zurück bleibt eine Riesen-Sauerei, die nach Meinung der FSK dem deutschen Kinozuschauer nicht zugemutet werden konnte.

Obwohl es nicht direkt gesagt wird, so bezieht sich Roth mit der Szene doch auf eine historische Figur, welche ihm zumindest als „Inspiration“ diente. Die ungarische Aristokratin Erzebet Bathory, besser bekannt auch unter ihrem Beinamen „Die Blutgräfin“ mit dem sie in die Geschichte einging, pflegte zu jungen Frauen ein ähnlich grausames Verhältnis. Zwar ist nichts darüber bekannt, dass sie sexuelle Lust verspürte, wenn sie im Blut ihrer Opfer badete, für die schätzungsweise über 600 (!) Mädchen war das Resultat jedoch ähnlich fatal. So glaubte die Gräfin, dass der rote Saft ihr zu ewiger Jugend und Schönheit verhelfe, vorausgesetzt die Spenderin war zum Zeitpunkt des unfreiwilligen Aderlasses noch Jungfrau.

Die Gräfin, eine europäische Co-Produktion mit Starbesetzung (u.a. Daniel Brühl, William Hurt), nimmt sich der an Mythen und Spekulationen überaus reichen Geschichte der Erzebet Bathory (1560-1614) an. Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Julie Delpy war daran gelegen, Erzebet nicht als das personifizierte Böse zu portraitieren, sondern als widersprüchliche, für die damalige Zeit äußerst emanzipierte Frau, die selbst zwischen Intrigen, Wahnvorstellungen und einem zunehmenden Kontrollverlust gefangen war. Als Auslöser für ihr blutiges Handwerk identifiziert Delpy die unglückliche, weil unerwiderte Liebe zu dem weitaus jüngeren Istvan (Daniel Brühl). Dessen Vater, der einflussreiche Graf Thurzo (William Hurt), zwingt ihn, den Kontakt zur Bathory abzubrechen, was diese wiederum als Zurückweisung aufgrund ihres Alters missversteht. In der Folge verfällt sie immer mehr der bizarren Idee, wonach jungfräuliches Blut wie eine moderne Anti-Aging-Creme wirke, die Falten verschwinden und die Haut jünger erscheinen lasse.

Die Person der Erzebet Bathory wäre auch ohne ihr grausames Geheimnis eine überaus faszinierende historische Figur. Ende des 16. Jahrhunderts und damit zu einer Zeit, als Europa vornehmlich von Männern regiert wurde, zählte die ungarische Gräfin zu den wenigen Frauen, deren gesellschaftlicher Einfluss die Emanzipation der letzten Jahrzehnte bereits vorweg nahm. Erzebet war die Repräsentantin eines nach heutigen Maßstäben modernen Rollenbildes (das Morden einmal ausgenommen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen). Nach dem Tod ihres Mannes verwaltete sie die Ländereien und kümmerte sich um alle gesellschaftlichen wie diplomatischen Angelegenheiten. Sogar der ungarische König hatte Respekt vor der strengen Aristokratin. Doch gerade ihr selbstbewusstes Auftreten war manch einem ein Dorn im Auge wie die von ihrem Widersacher eingefädelte Intrige beweist.

Die Gräfin ist weniger Thriller denn ein differenziertes Charakterstück vor historischer Kulisse, bei dem Erzebets Taten entgegen mancher Erwartungen nicht im Vordergrund stehen. Dass Delpy die grausamen Exzesse nur andeutet und dabei weit weniger explizit als Eli Roth wird, ist hingegen keine Überraschung. Schließlich versteht sich ihr Film nicht als schmuddelige Genre-Produktion. Den Mangel an Suspense und Gore kann das französische Multitalent allerdings nur bedingt mit einer interessanten Geschichte ausgleichen. Die folgenschweren Liebesverwicklungen im Hause Barthory mit ihren sorgsam gesponnenen Intrigen bewegen sich auf dem Niveau eines eher altbackenen Period Piece. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Die Gräfin nur unwesentlich von vergleichbaren Kostümschinken á la Jane Austen. Allein der dunkle Unterbau hilft einem dabei, das eine vom anderen zu unterscheiden. Denn so unschuldig wie Austens Heldinnen ist die nach Jungfrauenblut lechzende Erzebet zu keiner Zeit. Schon lange bevor sie die vermeintliche Anti-Aging-Wirkung des roten Körpersaftes entdeckt, verbreitet sie mit ihrer resoluten Art Angst und Schrecken.

Unfreiwillig komisch klingen indes die schmachtenden, kitschigen Liebesschwüre, die Erzebet und ihr junger Liebhaber im Überfluss austauschen. Auch weil manche der selbst für ein Kostümdrama seltsam steifen Dialoge kein Ende zu nehmen scheinen, stellt sich statt Spannung und Interesse oftmals nicht mehr als gepflegte Langeweile ein. Die Person Erzebet Bathorys mitsamt ihrer unfassbaren Taten erklären zu wollen ist ein hehrer Anspruch, an dem Delpy letztlich scheitert. Dass sie sich dieser im Grunde schwachen und einsamen Frau nur mit dem nüchternen Blick eines interessierten Therapeuten nähert, macht aus ihrem Film eine leidenschaftslose und – man mag es in Anbetracht der Geschichte kaum glauben – blutleere Angelegenheit.

Erschienen bei BlairWitch.de.

Dienstag, Juni 16, 2009

State of Play - Stand der Dinge


USA 2009

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Die von der BBC produzierte Mini-Serie Mord auf Seite eins diente als Vorlage für Kevin Macdonalds Polit-Thriller State of Play – Stand der Dinge, der mit Russell Crowe, Ben Affleck und Helen Mirren gleich drei Oscar-Preisträger aufbietet. Doch große Namen allein garantieren noch kein überzeugendes Ergebnis. Bei dem Versuch, Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen zu imitieren, zeigen sich doch deutliche Defizite.

Filmkritik:

Als der erfahrene Journalist des „Washington Globe“ Cal McAffrey (Russell Crowe) an einen Tatort beordert wird, an dem am Vorabend ein Mensch erschossen und ein weiterer schwer verletzt wurde, deutet zunächst vieles auf ein Verbrechen im Milieu und kaum etwas auf eine politisch motivierte Tat hin. Doch mit dem nur wenige Stunden später bekannt gewordenen Selbstmord einer engen Vertrauten des aufstrebenden Kongress-Abgeordneten Stephen Collins (Ben Affleck) ändert sich plötzlich Cals Sichtweise auf den Fall. Der Tod der jungen Frau löst im politischen Washington ein Erdbeben aus. Schon bald wird gemutmaßt, dass Collins Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin nicht rein beruflicher Natur war. Der so Beschuldigte gerät immer stärker in die Defensive, bis er schließlich bei einer öffentlichen Anhörung die Nerven verliert.

Auch ohne eine journalistische Spürnase oder ein besonderes Faible für Verschwörungstheorien ahnt man zu diesem Zeitpunkt bereits, dass die ganze Wahrheit weitaus komplexer, schmutziger und gefährlicher ist. Für die weiteren Recherchen bekommt Cal von seiner anfangs misstrauischen Chefin (Helen Mirren) eine junge, noch recht unerfahrene Kollegin (Rachel McAdams) aus der Online-Redaktion an die Seite gestellt. Doch die lässt sich von dem schroffen Umgangston ihres Kollegen nicht entmutigen. Immerhin spürt auch sie, dass sie da an einer ganz großen Story dran sind.

Bei State of Play handelt es sich um die Hollywood-Adaption der sechsteiligen BBC-Serie Mord auf Seite eins. Die politisch brisante Geschichte erfuhr infolge des Formatwechsels eine deutliche Straffung und Kürzung. Angesichts des komplexen Themas und der Vielzahl an Charakteren wundert es nicht, dass die Kinoversion daher gegenüber dem britischen Original in vielerlei Hinsicht den Kürzeren zieht. Insbesondere die Recherche-Arbeit der engagierten „Globe“-Journalisten bricht das Drehbuch von Tony Gilroy, Billy Ray und Matthew Carnahan zu oft auf die Ebene einer unglaubwürdigen Schnitzeljagd herunter wie man sie aus weniger ambitionierten Produktionen zur Genüge kennt.

Hinzu kommt, dass der Film überhaupt nur wenig Aufwand und Zeit in eine differenzierte Charakterzeichnung investiert. Russell Crowes kantiger, von einem fast schon pathologischen Gerechtigkeitssinn getriebener Journalisten-Haudegen alter Schule erfüllt alle Klischees, die man als Zuschauer über dessen Berufsstand seit Die Unbestechlichen so haben kann. Richtig ärgerlich wird es jedoch erst, wenn sich State of Play bisweilen wenig differenziert über die Arbeit von Online-Journalisten äußert. Tenor: Nur was tatsächlich in gedruckter Form publiziert wird, darf sich mit dem Etikett des „Qualitäts-Journalismus“ schmücken. Blogs seien dagegen das digitale Pendant zur Yellow Press und ihre Betreiber „Blutsauger“.

Mit jeder Wendung, die der Plot zum Ende hin nimmt, entfernt sich State of Play etwas weiter von seinem durchaus spannenden Sujet. Die Frage, welche Konsequenzen und Interessenskonflikte aus einer Privatisierung hoheitlicher Aufgaben erwachsen, tritt zugunsten einer wenig spektakulären Thriller-Logik in den Hintergrund, in der Freund und Feind erwartungsgemäß mehrmals die Rollen wechseln dürfen. Aus der Tatsache, dass multinationale Militärdienstleister wie „Blackwater“ – diesem realen Vorbild ist die Film-Version „Pointcorp“ zweifelsfrei nachempfunden – unsere demokratische, rechtsstaatliche Kultur bedrohen, schlägt Kevin Macdonalds oberflächlicher Polit-Thriller letztlich zu wenig Kapital.

Für Programmkino.de.

Samstag, Juni 13, 2009

Alle Anderen - Anatomie einer Beziehung


D 2008

+++1/2

Ein Sommerurlaub in einem idyllischen Ferienhaus stellt die noch junge Beziehung eines gegensätzlichen Paares schon bald auf eine harte Probe. Filmemacherin Maren Ade (Der Wald vor lauter Bäumen) beleuchtet in ihrem preisgekrönten Berlinale-Beitrag das Gemeinsame und Trennende einer scheinbar modernen Beziehung, in der sich beide Partner einer trügerischen Illusion hingeben. In den Hauptrollen brillieren die mit einem „Silbernen Bären“ ausgezeichnete Birgit Minichmayr und ihr Kollege Lars Eidinger.

Filmkritik:

Die alte Floskel, wonach Gegensätze sich anziehen, trifft auch auf Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger) zu. Beide Anfang 30, sie eine quirlige, selbstbewusste Frau, er ungefähr im selben Alter und dabei doch oftmals in sich gekehrt, melancholisch, zweifelnd an sich, seiner Männlichkeit und seinen Fähigkeiten als Architekt. Sie sind noch nicht lange ein Paar, als sie beschließen, im Ferienhaus von Chris’ Eltern auf Sardinien ihren ersten gemeinsamen Sommerurlaub zu verbringen. Dort möchten sie einige unbeschwerte Wochen verleben. Tatsächlich schleichen sich schon bald erste Misstöne in das junge Liebesglück ein. Unerfüllte Sehnsüchte und subtile Machtspiele belasten das Miteinander, was sich zunächst aber weder Gitti noch Chris eingestehen wollen. Als Chris jedoch einen alten Studienkollegen (Hans-Jochen Wagner) trifft, der im Gegensatz zu ihm mit sich und seiner Arbeit vollkommen im Reinen zu sein scheint, melden sich nicht nur bei ihm erste Zweifel an. Plötzlich glaubt auch Gitti, das sie sich für Chris ändern muss.

Fünf Jahre nach Der Wald vor lauter Bäumen meldet sich Filmemacherin Maren Ade mit einer unglaublich genau beobachteten Liebesgeschichte zurück. Alle Anderen, der auf der diesjährigen Berlinale den „Großen Preis der Jury“ erhielt, lenkt bereits mit dem Titel die Aufmerksamkeit auf den entscheidenden Stolperstein in Gittis und Chris’ Beziehung. Als Paar vergleicht man sich zwangsläufig mit anderen Paaren und erliegt dabei nur zu leicht der Illusion, dass deren Miteinander weitaus harmonischer, unkomplizierter und liebevoller verläuft. Aber auch das Gegenteil, dass man nie so werden will wie alle anderen, kann für eine Beziehung zur Belastung werden. Gitti und Chris versuchen den Spagat. Zwar wollen sie mit den alten, eigentlich längst ausrangierten Rollenbildern brechen, in bestimmten Situationen fallen sie dann jedoch exakt in diese Verhaltensmuster zurück. So glaubt Gitti, sie müsse sich anpassen und zu ihrem Freund voller Bewunderung aufschauen.

Mit jeder Einstellung, jedem Dialog und jeder Geste seziert Maren Ade das junge Glück, dessen Risse erst nach und nach sichtbar werden. Der Versuch, diese Bruchstellen so gut es geht zu kitten, löst in Chris und Gitti nur noch mehr Unbehagen aus. Auf einmal ist sie weg, diese kindlich-naive Unbekümmertheit, die beide zu Beginn des Films fast schon demonstrativ zur Schau stellen und die Ade in herrlich banale Dialoge verpackt. Viel zu schnell, so hat es den Anschein, müssen sie in ihrer Beziehung erwachsen werden, Verantwortung übernehmen und (über-)fällige Entscheidungen treffen.

Schenkt man den Aussagen der beiden Hauptdarsteller Glauben, so hatten sie nur wenig Raum zu improvisieren, was die Qualität von Ades Drehbuch nochmals unterstreicht. Die Authentizität der Personen wird von den mitunter phrasenhaften Dialogen zwar ironisch gebrochen, der hohe Wiedererkennungswert vieler Aussagen, die man so oder so ähnlich aus eigener Erfahrung nur zu gut kennt, lässt einen allerdings nie an der Plausibilität einer Situation zweifeln. Eher entlockt uns Ade hierüber ein wissendes Schmunzeln, was aus Alle Anderen trotz seines ernsten Themas das Gegenteil eines schwermütigen, humorlosen Films macht.

Sogar der Schauplatz inmitten einer mediterranen Ferienidylle scheint klug gewählt. Was zunächst als Flucht oder Auszeit vor dem Daheim gedeutet werden kann, endet in einem mit verkitschten Nippes zugestellten Zimmer von Chris’ Mutter, wo die Grönemeyer-CD praktisch zum Inventar gehört. Plötzlich ist auch auf Sardinien die Heimat ganz nah. Dass ausgerechnet nach einem gemeinsamen Urlaub viele Beziehungen auseinander gehen, ist sicherlich kein Zufall. Spätestens nach Alle Anderen weiß man auch, warum das so ist. Die Abgeschiedenheit und Isolation wirken wie ein Verstärker.

Birgit Minichmayr, die für ihre Darstellung der Gitti mit dem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet wurde, und Lars Eidinger verkörpern ihre jeweiligen Rollen derart authentisch, dass der fiktionale Charakter bisweilen in Vergessenheit gerät. Ihr Spiel ist glaubhaft, nuanciert aber nie übertrieben dramatisch. Obwohl beide vom Theater kommen, vermeiden sie allzu dramatische Gesten und Posen, die in Ades kleiner, intimer Geschichte auch absolut Fehl am Platz wären. So passt schlussendlich alles zusammen. Die Schauspieler, der Film, die Inszenierung, der Anfang und das Ende. Nur in Bezug auf Gitti und Chris mag man zu einem anderen Urteil kommen.

Für Programmkino.de.

Dienstag, Juni 09, 2009

Drifter - Dreißig Jahre nach Christiane F.


D 2007

+++

Als Ende der siebziger Jahre das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Deutschland bewegte und für hitzige Debatten sorgte, war noch keiner der Protagonisten aus Sebastian Heidingers Milieu-Studie Drifter überhaupt geboren. Und dennoch werden sie in ihrem Alltag immer wieder von diesem zerstörerischen Mythos eingeholt. Heidingers Film begleitet Aileen (16), Daniel (25) und Angel (23) bei dem Versuch, ihre Würde und ihr Leben zwischen Heroin spritzen und Straßenstrich zu bewahren. Drifter, der im vergangenen Jahr auf der Berlinale mit dem „Dialogue en Perspective“-Preis ausgezeichnet wurde, zwingt zu einer Auseinandersetzung mit Schicksalen, die viel zu oft übersehen werden.

Filmkritik:

Die Gegend um den Berliner Bahnhof Zoo wirkt auf Außenstehende wie ein hermetisch abgeschlossener Kosmos, um den sich seit nunmehr drei Jahrzehnten vermutlich mehr Mythen und Legenden als um jeden anderen öffentlichen Ort der Hauptstadt ranken. Seitdem die Geschichte der Christiane F. aufgeschrieben und verfilmt wurde, ist deren Schicksal untrennbar mit der Topografie des Bahnhofs Zoologischer Garten sowie der angrenzenden Straßen und Plätze rund um die Gedächtniskirche verbunden. Mittlerweile lebt dort eine andere Generation von „Christiane F.s“, die Sebastian Heidinger, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, in seinem Debüt Drifter über mehrere Monate zunächst ohne und dann mit Kamera begleitete.

Die Alltagsbeobachtungen dieser als „erzählerischer Dokumentarfilm“ (Zitat: Presseheft) konzipierten Milieustudie folgen der erst 16jährigen Aileen und ihren Freunden Angel und Daniel. Die Drogen, vor allem Heroin, bestimmen den Tag und geben ihm – so seltsam es klingen mag – eine Struktur. Eine ohne jeden Zweifel Zerstörerische. Um an das Geld für ihren Drogenkonsum zu kommen, gehen Aileen und Angel regelmäßig anschaffen. Bisweilen übernachtet Angel sogar bei einem seiner Freier, zu dem er ein auf den ersten Blick seltsames Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Da kann es passieren, dass er das gemeinsame Abendessen kocht und sie anschließend wie ein altes Ehepaar gemeinsam vor dem Fernseher sitzen. Aileen wiederum zieht es vor, eine Notunterkunft für Jugendliche aufzusuchen und dort zu übernachten. Bevor sie sich jedoch in ihr Bett legen kann, wird sie wie in einem Gefängnis auf mögliche Drogen kontrolliert. Routine für alle Beteiligten.

Bewusst verzichtet Heidinger auf einen begleitenden Kommentar. Auch bleiben die Biographien seiner Protagonisten weitgehend im Dunkel. Über ihre Vergangenheit erfährt man so gut wie nichts. Als Aileen später mit dem Zug in ihren Heimatort aufbricht, bleibt es dem Zuschauer überlassen, sich das soziale wie familiäre Umfeld des Teenagers vorzustellen. Heidinger und mit ihm die Kamera verlassen zu keiner Zeit das Carré um den Bahnhof Zoo. Aus dieser geographischen Beschränktheit erwächst ein diffuses Gefühl der Enge, was sich zugleich im Aufbau des Films widerspiegelt. Es sind anonyme Orte, an denen Menschen kaum Spuren hinterlassen, die hier als Motiv einer anderen Berliner Republik herhalten müssen. Öffentliche Toiletten, Krankenhäuser, Arztpraxen, Notunterkünfte oder der Straßenstrich treten für Aileen, Angel und Daniel an die Stelle einer für uns selbstverständlichen Privatheit in den eigenen vier Wänden. Das Milieu, so wie Heidinger es einfängt, wird zu einem Synonym für Orientierungslosigkeit, Überforderung und Heimatlosigkeit. Der Blick ist nüchtern, fast sachlich und der Mythos weit weg.

Ein loser, sprunghafter Erzählstil beschreibt den Grundrhythmus von Drifter. Erst allmählich verdichten sich dabei die Beobachtungen zu einem Handlungsgerüst, das sich organisch aus der Szeneabfolge ergibt und gerade deshalb weder forciert noch konstruiert erscheint. Interessant ist, dass die Tristesse im Milieu ab und an sogar ironische Zwischentöne zulässt. Nicht-Hauptstädter könnten zudem glauben, dass in Berlin niemals die Sonne aufgeht, derart viele Aufnahmen entstanden abends oder nachts. Bezeichnenderweise endet Drifter jedoch mit dem Bild einer Morgendämmerung, in die sich – wenn man den von Heidinger angebotenen Strohhalm ergreifen will – die vage Hoffnung eines echten Neuanfangs für Aileen, Daniel und Angel hineinprojizieren lässt.

Für Programmkino.de.

Freitag, Juni 05, 2009

Drag me to Hell - Zurück im Schmuddel-Wohnzimmer


USA 2009

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Darauf haben Fans lange warten müssen. Sam Raimi, dank Genre-Highlights wie der Tanz der Teufel-Trilogie ungekrönter Horror-Fantast der Achtziger, besinnt sich nach großen Erfolgen im familienkompatiblen Blockbuster-Segment auf seine filmischen Wurzeln. Und diese liegen nun einmal nicht beim braven Peter Parker sondern im eher schmuddeligen Körperflüssigkeiten-Kino wie es auch ein Peter Jackson zu Beginn seiner Karriere zelebrierte. Mit Drag Me to Hell, schon der Titel klingt verheißungsvoll, liefert er mehr als nur eine unscheinbare, angenehm verspielte Fingerübung ab. Er zeigt, dass Horror sich sehr wohl mit Comedy verträgt und dass das Genre im Jahr 2009 mehr als humorlose Folterszenarien und schematische Kopien anzubieten hat.

"Eine schöne Frau als Protagonistin eines Horrorfilms ist nie verkehrt," dachte sich vermutlich Raimi, als er die Hauptrolle mit der engelsblonden Alison Lohmann besetzte. Lohmann, die unter anderem bereits in Tim Burtons Big Fish und Ridley Scotts Tricks zu sehen war, spielt die ehrgeizige, aber eigentlich doch etwas zu gutmütige Bank-Angestellte Christine Brown. Um die vakante Stelle des stellvertretenden Filialleiters zu ergattern, wird sie von ihrem Chef (David Paymer) zu einer härteren Gangart gegenüber säumigen Kreditschuldner ermutigt. Als eine der ersten bekommt das die alte Mrs. Ganush (Lorna Raver) zu spüren, der Christine schweren Herzens eine nochmalige Fristverlängerung verweigert. Die alte Frau fühlt sich daraufhin zutiefst gedemütigt und in ihrer Ehre verletzt. Sie belegt Christine mit einem uralten Zigeuner-Fluch, der das Leben der jungen Frau schon bald in einen Albtraum verwandelt.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle angesichts des nach wir vor grassierenden Remake-Wahns ausdrücklich darauf hinweisen, dass Drag Me to Hell weder auf einer asiatischen noch einer europäischen Vorlage basiert. Die Story ist vielmehr den Hirnwindungen Raimis und seines Bruders Ivan entsprungen, wobei diese sich augenscheinlich von alten Mythen und Legenden inspirieren ließen. Damit erklärt sich auch, warum ihr Film, würde man ihn einmal in seine Einzelteile zerlegen, nur bedingt das Attribut „originär“ verdient. Dass einem vieles vertraut erscheint, tut dem Spaß indes keinen Abbruch - im Gegenteil. Der Wissensvorsprung des Zuschauers wird von Raimi immer wieder geschickt für ein ironisches und selbstreflexives Spiel mit Genre-Konventionen eingesetzt. Man ahnt, dass Drag Me to Hell nur mit einer fiesen und dabei äußerst unterhaltsamen Schluss-Pointe zu Ende gehen kann und ist dann doch überrascht, auf welch elegante Art Raimi die Handlung auflöst.

Von Beginn an lässt der Film keine Zweifel aufkommen, dass er von Raimi vornehmlich als wilde Geisterbahnfahrt für seine treuen Fans der ersten Stunde konzipiert wurde. Wer dagegen mit Saw und Hostel filmisch „sozialisiert“ wurde, wird sich anfangs schwer tun, den Trash-Appeal von Raimis Rückkehr ins Horrorfach vollauf zu goutieren. Für ihn stehen Comedy- und Horror-Elemente gleichberechtigt nebeneinander, wobei keine Idee zu abwegig oder abstrus erscheint, als dass er sie nicht in die gleichsam abstruse Handlung unterbringen könnte. Da wird wie selbstverständlich ein Ziegenbock zur gemeinschaftlichen Geisteraustreibung mitgebracht oder das geliebte Haustier den dunklen Mächten geopfert. Erlaubt ist, was gefällt und was auf seine Weise entweder spannend, komisch, trashig oder einfach eklig ist.

Hauptdarstellerin Alison Lohmann wird hier von Raimi so Einiges zugemutet. Mal sind es Schleim- und Blutfontänen, die sich über sie ergießen, dann wiederum drapiert man nur bedingt appetitliches Getier auf ihrem schönen Gesicht. Die Lohmann meistert all diese Szenen souverän. Sogar ein Ganzkörperschlammbad kann die Schauspielerin nicht aus der Fassung bringen. Diese Vorliebe für perfekt getimte Geschmacklosigkeiten wirkt wie der gesamte Film im positiven Sinn antiquiert und erinnert darüber hinaus an Genre-Klassiker wie Poltergeist oder Nightmare on Elm Street. Nicht zufällig stammen auch die aus den Achtzigern, einem Jahrzehnt, das Raimi als Horror-Regisseur maßgeblich mitprägte. Drag Me to Hell orientiert sich ungeachtet aller handwerklichen Parallelen in Stimmung und Tonalität allerdings mehr an Armee der Finsternis als an Raimis erster Tanz der Teufel-Arbeit.

Nun soll nicht der falsche Eindruck entstehen, Raimis charmanter Nostalgie-Trip sei womöglich ein bewusst schlampig inszeniertes B-Movie. Gemessen an den üblichen Budget-Standards des Genres ist dieses Werk nämlich immer noch eine astreine Blockbuster-Produktion, die vom Verleih ähnlich offensiv vermarktet wird. Dazu gehört, dass Raimi mit Blick auf das Rating die Gewaltdarstellungen eher sparsam dosiert. Wenn die legendären Make-up-Künstler Howard Berger und Gregory Nicotero tätig werden, wird es daher nur selten richtig unangenehm. Statt auf allzu brutale Schockmomente setzen Raimi und sein Team auf comichafte Überzeichnungen, die in ihrer spielerischen Naivität mehr an die Illustrationen eines düsteren Märchens denn an einen Horrorfilm erinnern. Und wie in einem Märchen sind die Rollen klar verteilt. Während das eingeschüchterte Aschenputtel sich des Angriffs der bösen Hexe erwehren muss, kämpft ihr Prinz (Justin Long) gegen seine Mutter (Molly Cheek), die eine Verbindung ihres Sohnes mit Aschenputtel als nicht standesgemäß erachtet.

Für wohligen Grusel sorgen da schon eher die ausgeklügelten Soundeffekte und Ton-Arrangements. Vor allem die Musik von Christopher Young bleibt im Gedächtnis. Sein effektvolles Leitthema veredelt einen Film, der trotz weitgehend bekannter Dramaturgie nicht eine Sekunde langweilt. Für die Zukunft würde man sich jedenfalls wünschen, dass Raimi noch öfters eine kreative Auszeit vom großen Blockbuster-Kino nimmt.

Für BlairWitch.de.

Montag, Juni 01, 2009

Rückenwind - Verbotene Früchte


D 2009

++1/2

In Rückenwind schickt Filmemacher Jan Krüger ein junges schwules Paar und den Zuschauer auf eine mitunter recht mysteriöse Reise. Als Rucksack-Touristen erkunden Johann und Robin die idyllischen Wälder und Seen Brandenburgs, wobei sie schon bald die Orientierung verlieren. Krügers Film, der in diesem Jahr auch in der Panorama-Sektion der Berlinale gezeigt wurde, vereint einen experimentellen, ambitionierten Erzählstil mit sommerlichen Landschaftsimpressionen und verspielter Erotik.

Filmkritik:

Zwei junge Männer, Anfang 20, unternehmen einen Ausflug aufs Land. Dabei haben sie nur wenig Gepäck, ein Zelt, das sie als Schlafplatz nutzen wollen sowie ihre Fahrräder. Johann (Sebastian Schlecht) und Robin (Eric Golub) sind ein Paar und augenscheinlich frisch verliebt. In der Brandenburgischen Natur mitsamt ihrer idyllischen Wälder und Seen erkunden sie sich und ihre Beziehung, was nicht immer frei von Spannungen abläuft. Manches wie ihr Rollenspiel, bei dem Robin Johann hinterrücks überwältigt und fesselt, erscheint zunächst etwas bizarr. Überhaupt stellen sich schon bald viele Fragen. Als die Fahrräder plötzlich verschwunden sind und auch die anschließende Suche erfolglos verläuft, verdächtigt Johann insgeheim seinen Freund, hierfür verantwortlich zu sein. Schließlich hat dieser schon die Zeltstangen nicht eingepackt – vermutlich aus Absicht.

Also geht es für die beiden notgedrungen zu Fuß weiter. An einem alten Bauernhof machen sie am nächsten Tag Station. Obwohl dort ihre erste Begegnung mit den Besitzern, der patenten Grit (Iris Minich) und ihrem 16jährigen Sohn Henri (Denis Alevi), nicht allzu freundlich ausfällt, werden Johann und Robin kurzerhand zum Abendessen eingeladen. Auch ein Nachtquartier in einer alten Scheune hält Grit, die auf dem Hof einmal Gästezimmer für Wanderer und Familien herrichten lassen will, bereit. Die nächsten Tage nutzen die Vier, um sich besser kennenzulernen. Während Robin und Grit mit dem Luftgewehr trainieren, kümmern sich Henri und Johann um die Tiere. Im Unterschied zu seiner Mutter wahrt der in sich gekehrte Henri aber immer eine gewisse Distanz zu den Gästen.

Schon in seinem Debüt war Jan Krüger Unterwegs, eine Umschreibung, die auch sein neuestes Projekt Rückenwind zutreffend charakterisiert. Allerdings unterscheidet sich seine vor allem zu Beginn unkonventionell erzählte Geschichte doch deutlich von den üblichen Abenteuer- und Naturfilmen, wie man sie nicht zuletzt aus dem amerikanischen Kino kennt. Weder Johann noch Robin eignen sich als echte Identifikationsfigur, da man als Zuschauer schlicht zu wenig über sie erfährt. Ihre Vergangenheit, wie sie sich einst kennenlernten, was sie verbindet, wie sie denken und empfinden, das alles bleibt weitestgehend im Dunkeln. Selbst die Dialoge reduzierte Krüger auf ein Minimum. Dafür spielt der Film umso ausgiebiger mit der zunehmenden Orientierungslosigkeit seiner Protagonisten, die sich recht bald auch auf den Zuschauer überträgt.

Wechselt die erste halbe Stunde noch fortlaufend zwischen scheinbar alltäglichen Beobachtungen eines verliebten Paares und Impressionen der Brandenburgischen Landschaft, so ändern sich mit Robins und Johanns Ankunft auf dem Hof Tonalität und Komposition des Films. Die experimentelle, bruchstückhafte Narration und mysteriöse Grundstimmung sind verflogen. Schlagartig wird aus Rückenwind eine unbeschwerte Sommer-Episode mit allem, was dazu gehört (Freunde, gutes Essen, Lagerfeuerromantik, Ausflüge in die Natur). Das mag man wahlweise als Stärke oder Schwäche von Krügers Rucksack-Trip auslegen. Als Stärke, weil man Johann und Robin auf diese Weise endlich etwas näher kommt, oder aber als Schwäche, da sich dieser Teil nicht so recht in den übrigen Film einfügen will. Zum Ende hin entwickelt sich Rückenwind nämlich wieder in eine Richtung, die in ihrer Ambivalenz und Dramaturgie an die erste halbe Stunde anknüpft. Der Verzehr giftiger Beeren löst bei Johann schwere Halluzinationen und Wahrnehmungsstörungen aus. Dabei lässt der Film den Zuschauer ganz bewusst im Unklaren darüber, was sich von all dem tatsächlich ereignet hat. Krügers flirrende, von verspielter Erotik durchzogene Sommer-Fantasie endet so unvermittelt wie sie begann: Mit einem großen Fragezeichen.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, Mai 28, 2009

The Limits of Control - Kontrollverlust


USA 2009

+1/2

Jim Jarmusch gilt als einer der letzten großen Independent-Filmer des amerikanischen Kinos. Doch dieser Status ist jetzt in Gefahr. Mit seinem neuen, kryptischen Road-Movie-Thriller liefert der Wahl-New-Yorker enttäuschendes Kunstkino zum Abgewöhnen. Warum und wieso, das lässt sich auf evolver nachlesen.

Sonntag, Mai 24, 2009

Der Fluch der zwei Schwestern


USA 2009

+1/2

Würde man all die Horrorfilme aufzählen, deren Handlung in der Psychiatrie beginnt und/oder endet, man wäre vermutlich einige Stunden beschäftigt. In diese illustre Sammlung, die kruden Murks (Gothika) ebenso wie so manches Highlight (Haute Tension) umfasst, reiht sich auch Der Fluch der zwei Schwestern ein. Anders als der englische Originaltitel (The Uninvited) deutet die hiesige Übersetzung bereits die enge Verwandtschaft zum koreanischen Überraschungserfolg A Tale of Two Sisters an, der vor knapp sechs Jahren auch außerhalb seines Heimatlandes für Furore sorgte. Damals, als die scheinbar unendliche Welle des Asia-Horrors mit seinen blassen Gestalten und okkulten Geistergeschichten über uns hinwegschwappte, stach Kim Ji-woons Film aus der Masse der fernöstlichen Genre-Beiträge deutlich heraus. Und weil sogar höchstens durchschnittliche Vertreter wie Takeshi Miikes One Missed Call eine US-Kopie nach sich zogen, überrascht es nicht, dass Hollywood auch ein Remake der beiden Schwestern in Auftrag geben ließ.

Die Ausgangslage ähnelt dabei noch der des Originals. Anna (Emily Browning), ein junges Mädchen von vielleicht 15 oder 16 Jahren, kann nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik endlich zu ihrer Familie zurückkehren. Nach dem tragischen Tod ihrer schwerkranken Mutter hofft sie auf einen Neuanfang zusammen mit ihrem Vater (David Strathairn) und Alex (Arielle Kebbel), ihrer älteren Schwester. Tatsächlich muss Anna schon bald feststellen, dass auch Rachel (Elizabeth Banks), die ehemalige Pflegerin ihrer Mutter, in der Zwischenzeit in das großzügige Anwesen mit eingezogen ist. Rachel und Annas Vaters lieben sich. Das Paar schmiedet sogar bereits Hochzeitspläne, was der psychisch ohnehin labilen Anna einen schweren Schock versetzt. Ihr Misstrauen wächst, als sie Rachels zweifelhafter Vergangenheit auf die Schliche kommt. Zusammen mit Alex versucht sie ihren Dad davon überzeugen, dass Rachel nicht die ist, für die sie sich ausgibt.

Unter der Regie des britischen Bruderpaares Charles und Thomas Guard (alias „The Guard Brothers“) schlägt Der Fluch der zwei Schwestern von Beginn an die Richtung eines konventionellen Gruselthrillers ein, dessen Psycho- und Geisterelemente nur noch entfernt an das koreanische Vorbild erinnern. Während Kim Ji-woon in langen, ruhigen und deshalb so bedrohlichen Einstellungen die Flure und Zimmer der elterlichen Villa erkundete, spielt der Schauplatz in der Neuauflage so gut wie keine Rolle mehr. Stattdessen dominieren kurze Thrills und bekannte Genre-Versatzstücke die deutlich auf mehr Action und Tempo ausgerichtete Handlung. An die Stelle eines unheimlichen Knarrens oder anderer, zunächst nicht einordbarer Geräusche setzen die Brüder schon in der Einleitung den offensichtlichsten Schockeffekt (in Form eines blutverschmierten Plastiksacks).

Obwohl immer wieder davon die Rede ist, dass Anna die Vergangenheit verarbeiten und lieber gleich vergessen soll, interessiert sich der Film nur sehr eingeschränkt für die Psyche und Befindlichkeit seiner Hauptfigur. Annas Geisteszustand ist im Grunde nur dann von Belang, wenn der Zuschauer über die Vorgänge wieder einmal in die Irre geführt werden soll. Bildet sich Anna die dunklen Absichten ihrer Stiefmutter in spe nur ein oder führt die sexy Blondine tatsächlich etwas Böses im Schilde? Indes stellt sich eine ganz andere Frage: Wenn sich schon die Macher nicht sonderlich für ihre Figuren interessieren, aus welchem Grund sollte der Zuschauer an den familiären Verwicklungen Anteil nehmen? In Kim Ji-woons Original gab es zum Ende hin eine erschütternde und zugleich tief traurige Szene, die einen abseits aller Horror-Kabinettsstückchen die ganze Tragik der Geschichte intuitiv nachempfinden ließ. Darin wird der Tochter plötzlich bewusst, dass sie die Vergangenheit und all die Schmerzen und Erinnerungen, die damit verbunden sind, nur ablegen kann, wenn sie ihren eigenen Tod als Ausweg akzeptiert. Einen ähnlich packenden Moment sucht man hier leider vergebens.

Skeptiker dürften sich somit in ihrer Vermutung bestätigt sehen, dass der Remake-Versuch eines an sich nahezu perfekten Films fast immer zum Scheitern verurteilt ist. Dabei machen die Schauspieler - allen voran die junge Emily Browning - gar keine schlechte Figur. Nur werden sie und ihre Rollen in das viel zu enge Korsett eines fantasielosen Drehbuchs gezwungen, das sich weitgehend erfolglos an Genre-Klischees (unheilvolle Visionen, aufmüpfige Geister) abarbeitet. Die Mär von der mordenden Erbschleicherin, die auf ihre misstrauische Stieftochter trifft, entsprang bei Kim Ji-woon zumindest einem stringenten, psychologischen Konzept. Der finale Plot-Twist verwirrte und schockierte gleichermaßen. Vermutlich aus Angst, der Zuschauer könnte mit einer solchen Auflösung womöglich überfordert sein und frustriert das Kino verlassen, entschied man sich dieses Mal für ein abgeschwächtes Ende, das nach mehreren Rückblenden und einer allerletzten Pointe keine Fragen mehr offen lässt. Da aber auch der übrige Film ohnehin nicht an die Komplexität des Originals heranreicht, ist diese Entscheidung fast schon wieder konsequent.

Für BlairWitch.de.

Donnerstag, Mai 21, 2009

Simons Geheimnis - Die ganze Welt in einem Film


KAN 2008

++

Der kanadische Filmemacher Atom Egoyan ist dafür bekannt, dass er in seinen Werken gerne einmal die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt und den Zuschauer mit einer verschachtelten, fragmentarischen Erzählstruktur herausfordert. So gesehen fügt sich Simons Geheimnis nahtlos in sein bisheriges Oeuvre ein. Darin muss sich ein Teenager mit Vorurteilen und diffusen kulturellen Ressentiments auseinandersetzen, nachdem er in Internet-Chatforen den eigenen, inzwischen verstorbenen Vater als Terroristen enttarnte.

Filmkritik:

Der junge Simon (Devon Bostick) erscheint zunächst wie ein ganz normaler Teenager. Vielleicht etwas verschlossener und zurückhaltender als andere, etwas verträumter und ruhiger. Und doch deutet nichts auf das hin, was er kurze Zeit später seinen Mitschülern über sich und seine Vergangenheit zu erzählen hat. Sein Vater (Noam Jenkins) sei ein Terrorist gewesen, der plante, mittels einer selbst gebastelten Bombe ein Passagierflugzeug in die Luft zu sprengen. Dabei habe er den Sprengsatz im Handgepäck seiner Frau (Rachel Blanchard) versteckt, die von all dem nichts wusste und die damals gerade mit Simon schwanger war. Während die Klasse geschockt auf diese unfassbare Geschichte reagiert, weiß Simons Lehrerin (Arsinée Khanjian), dass die Wahrheit eine andere ist. Anstatt ihren Schützling jedoch zurechtzuweisen, ermuntert ihn sie dazu, offensiv diese Rolle weiterzuspielen. Dazu gehört, dass er auch in Internet-Chatrooms anderen, ihm vollkommenen fremden Personen von den angeblichen Terror-Plänen seines Vaters erzählt.

Willkommen in der Welt des Atom Egoyan. Der kanadische Filmemacher liebt es, den schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Lüge zu betreten und zu erforschen. Vieler seiner bisherigen Werke (Das süsse Jenseits, Wahre Lügen) kreisten um diesen Themenkomplex, wobei Simons Geheimnis ausgehend von der Terrorismus-Beichte seiner Hauptfigur noch eine Vielzahl anderer, teils hochaktueller Fragestellungen berührt. Unseren Umgang mit dem Internet versucht Egoyan ebenso wie den oftmals von Misstrauen und Intoleranz geprägten Diskurs zwischen den Religionen in Simons Geschichte einzubringen. Auch geht er der Frage nach, wieso die Kulturen immer weiter auseinander driften, wenn sie in einer derart vernetzten Welt doch eigentlich näher zusammen rücken müssten.

Damit – man ahnt es vielleicht schon – bürdet er seinem kleinen Film allerdings nicht selten schlichtweg zu große Lasten und Gewichte auf. So läuft Simons Schicksal Gefahr, angesichts der von Egoyan verhandelten weltumspannenden, interkulturellen Probleme bagatellisiert zu werden. Dabei ist dessen Geschichte alles andere als eine Bagatelle. Wie es in ihm aussieht, was ihn dazu veranlasste, eine andere Identität anzunehmen und was sein Vater in Wahrheit für ein Mensch war, das sind die wirklich spannenden Fragen, die einen als Zuschauer in Egoyans Film ziehen und die bisweilen von einer zu verkopften Debatte um Vorurteile und Toleranz überlagert werden. Gerade in den Sequenzen mit Simons Chat-Partnern, deren unterschiedlichen Meinungen und Ideologien – von radikal bis gemäßigt – augenscheinlich reine Platzhalterfunktionen übernehmen, offenbart sich die holprige, ungelenke Didaktik des Films.

Egoyan will einfach zuviel, was auch in der für ihn charakteristischen, fragmentarischen Erzählstruktur zum Ausdruck kommt. Obwohl die Orientierung nie wirklich schwer fällt, kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass über das Vor- und Zurückspringen in der Zeit künstlich einige zusätzliche Spannungsmomente etabliert werden sollen. Anders als Egoyans letzte Regiearbeit, Wahre Lügen, erscheint Simons Geschichte jedoch denkbar ungeeignet, um sich ihr über das Mittel der Suspense zu nähern. Zumindest den Darstellern mag man keinen Vorwurf machen. Dass das ambitionierte, multikulturelle Puzzle am Ende nur bedingt funktioniert, liegt weder an dem jungen Devon Bostick noch an Scott Speedman, der in der Rolle von Simons Onkel nachdrücklich seine Qualitäten im Charakterfach unter Beweis stellt.

Für Programmkino.de.

Dienstag, Mai 19, 2009

Kurzkritik - Ricky


F 2009

++1/2

„Eine ganz gewöhnliche Frau und ein ganz gewöhnlicher Mann verlieben sich ineinander“. Mit diesem lapidaren Satz beginnt die Inhaltsangabe zu Ricky, François Ozons (5x2, Swimming Pool) sehr eigener Interpretation eines Familienfilms. Denn aus der Liebe zwischen Katie (Alexandra Lamy) und Paco (PANS LABYRINTH-Star Sergi Lopez) erwächst ein Baby, das anders als alle anderen Babys ist. Wenige Monate nach seiner Geburt wachsen Ricky plötzlich zwei Flügelchen. Ja, richtig gelesen! Zwei Flügelchen! Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird klar, dass Ozon kein realistisches Drama einer im Arbeitermilieu angesiedelten Patchwork-Familie vorschwebte. Obwohl der Tonfall über weite Strecken betont unaufgeregt, fast schon nüchtern erscheint und Ozon damit auf den ersten Blick alle Attribute eines fantastischen Films unterläuft, lässt sich Ricky eigentlich nur als Märchen klassifizieren. Als eines, das realistische mit fantastischen Elementen vermischt und sich so schlussendlich als liebevoller Genre-Zwitter präsentiert.

Die Idee zu Ricky ist einer Kurzgeschichte der britischen Autorin Rose Tremain entnommen. Dabei tauschte Ozon die White-Trash-Wohnwagensiedlung der Vorlage allerdings gegen eine anonyme, französische Trabanten-Vorstadt aus. Doch so trist die Szenerie zunächst erscheint, Ozon spürt auch in diesem Umfeld immer wieder sehr warme, herzliche Momente auf. Wenn bei Dunkelheit die Lichter der betongrauen Hochhäuser in den nahe gelegenen See projiziert werden, löst sich der Film bereits etwas von seiner Verankerung im Hier und Jetzt. Überhaupt zeigt sich Ricky offen für eine ganze Reihe von Interpretationen und Deutungen. Man mag in ihm ein fantasievolles Plädoyer für Andersartigkeit und Vielfalt sehen oder auch nur eine ungewöhnliche Familienstudie, die beschreibt, wie sehr ein solch kleines Wesen die Welt aller Beteiligten auf den Kopf stellt. Auf der Berlinale war Ricky indes nur „der Film mit dem fliegenden Baby“. Auch das ist, so trivial es klingt, zweifellos richtig.

Samstag, Mai 16, 2009

My Bloody Valentine 3D - Gebrochene Herzen


USA 2008

++ (2D-Fassung)

+++ (3D-Fassung)

Anfang der achtziger Jahre gelang dem Slasher nicht nur der endgültige kommerzielle Durchbruch – raus aus der Schmuddelecke, rein in den Kino-Mainstream –, auch seine Protagonisten wurden urplötzlich zur Ikonen der Popkultur. Heute, knapp drei Jahrzehnte später, scheint die zielgruppengerechte Politur dieser Genre-Klassiker kein Ende zu nehmen. Das jüngste Remake eines seinerzeit stilbildenden Slashers nimmt sich den kanadischen Kultstreifen Blutiger Valentinstag aus dem Jahre 1981 zum Vorbild. Mit minimalen Budget und maximalem Blutzoll sicherte sich die Geschichte um den rachsüchtigen Bergarbeiter Harry Warden schon bald nach seiner Premiere eine treue Fangemeinschaft. Und obwohl der mit Spitzhacke und Atemschutzgerät ausgestattete Schlitzer immer etwas im Schatten seiner „Kollegen“ Jason, Freddy und Michael stand, war seine maskierte Erscheinung doch nicht minder furchteinflößend.

Ausgangspunkt der Handlung in Original wie Remake ist eine folgenschwere Explosion in einer Mine, bei der am Valentinstag mehrere Bergleute sterben. Allein jener Harry Warden überlebt schwer verletzt die Katastrophe. Es vergeht ein Jahr bis er aus dem Koma aufwacht, fest entschlossen, diejenigen, die seiner Meinung nach das Unglück zu verantworten haben, zur Rechenschaft zu ziehen. Am Ende seines blutigen Rachefeldzugs hat Harry 22 Menschenleben auf dem Gewissen. Nur Tom Hanniger (Jensen Ackles), der einmal die Mine von seinem Vater erben wird, kann der Hölle im letzten Moment entkommen. Als Tom jedoch nach zehn Jahren ausgerechnet am Valentinstag in seinen Heimatort Harmony zurückkehrt, beginnt das Morden von Neuem.

Regisseur Patrick Lussier hält sich nicht lange mit irgendwelchen Vorreden und Erklärungen auf. Stattdessen lässt er nach dem aus alten Zeitungsmeldungen hübsch montierten Vorspann einen sichtlich angepissten Harry Warden auf den Zuschauer los. Von Beginn an weist My Bloody Valentine dabei einen mehr als respektablen Blutzoll auf, der Genre-Fans wie Kenner des Originals gleichermaßen begeistern dürfte. Es wird gemordet bis die Spitzhacke glüht – und das ohne Rücksicht auf Verluste. Nachdem Harry sein Tagwerk schließlich vollbracht hat, schaltet der Film verständlicherweise erst einmal einen Gang zurück. Ansonsten wäre Harmony wohl auch innerhalb kürzester Zeit eine Geisterstadt und My Bloody Valentine nicht mehr als ein Kurzfilm.

Toms Rückkehr in seinen Heimatort gibt Lussier dann ausreichend Gelegenheit, die einzelnen Charaktere vorzustellen und gleichzeitig eine Reihe falscher Fährten zu legen, um so die wahre Identität des scheinbar von den Toten auferstandenen Killers für ein nettes Whodunit-Spielchen zu verschleiern. Speziell in diesem Punkt beschreitet die Neuauflage auch inhaltlich einen anderen Weg. Überhaupt war den beiden Autoren Todd Farmer und Zane Smith erkennbar daran gelegen, keine modernisierte Kopie abzuliefern. Ihr blutiger Valentinstag-Film weicht insbesondere bei der Wahl der einzelnen Tatorte deutlich von George Mihalkas Original ab. Während letztgenannter vor allem die düsteren Stollengänge und das Gelände rund um die Mine für ein ganz und gar unromantisches Schlachtfest nutzte, spielt sich bei Lussier doch vieles im Ort selber ab.

Diese Entscheidung ist nicht ganz unproblematisch. Zwar beugen die häufigen Tatortwechsel einer ansonsten womöglich einsetzenden Langeweile vor, andererseits geht durch die weitgehend austauschbaren Sets (Supermarkt, Motel) eine ganze Menge des charakteristischen Valentine-Flairs verloren. Da nützt es wenig, dass unser Psychopath stets korrekt gekleidet in Bergarbeiterkluft und Spitzhacke zur Tat schreitet. Immerhin können sich Fans – gewissermaßen als Wiedergutmachung –auf zahlreiche nette Anspielungen und Referenzen freuen. So darf trotz aller Änderungen der besonders grausame Tod in der Waschmaschine auch in der Neuauflage nicht fehlen.

Lussier, der sich bislang vor allem als Cutter vieler Wes Craven-Produktionen wie Scream und Red Eye auszeichnen konnte, kennt die Spielregeln des Genres nur zu genau. Er weiß, was das Publikum von ihm erwartet. Neben möglichst realistischen Gore-Effekten kommt kaum ein Slasher, der etwas auf sich hält, ohne „Full Frontal Nudity“ aus, wobei einzig die weiblichen Darsteller dem ungeschriebenen FKK-Appell Folge leisten müssen. In My Bloody Valentine erfüllt diesen Part vor allem die mit zwei äußerst überzeugenden Argumenten ausgestattete blonde Schönheit Betsy Rue. Die scheucht Lussier gar splitterfasernackt umher, was vor allem die männlichen Kinozuschauer zu würdigen wissen dürften.

Obwohl sich My Bloody Valentine somit insgesamt kaum von anderen handwerklich soliden Genre-Beiträgen unterscheidet, macht Lussiers Film doch ungleich mehr Spaß. Der Grund dafür ist simpel und heißt 3D. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, eine dieser dämlichen, weil unbequemen 3D-Brillen zu tragen, wird mit hochauflösenden, plastischen Bildern belohnt, die ein ganz besonderes Filmerlebnis vermitteln. Die engen, dunklen Gänge der Mine wirken dadurch erst so richtig unheimlich. Abwechselnd scheint es, als würden Sets und Gegenstände wie Harrys Spitzhacke aus der Leinwand hervortreten oder tief in diese hineinragen. Damit knüpft My Bloody Valentine an die lange Tradition des 3D-Kinos an, das sich nach Kinderkacke wie Der Polarexpress und unzähligen IMAX-Dokumentationen nun endlich auch im Horrorfach eindrucksvoll zurückmeldet.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, Mai 13, 2009

Illuminati - Langdon, übernehmen Sie!


USA 2009

+1/2

Nach seinem zumindest kommerziell überaus erfolgreichen ersten Kinoausflug in Der Da Vinci Code darf der von Tom Hanks verkörperte Experte für religiöse Symbolik erneut einen sakralen Hindernis-Parcours bewältigen. Ron Howards Film liefert mit maximalem Aufwand minimale Unterhaltung. Zur Besprechung geht es hier (Ihr werdet weitergeleitet auf evolver).

Montag, Mai 11, 2009

Deadline #15 - Ab Mittwoch im Handel!


Da sieht man mal, wie schnell doch zwei Monate vergehen können. Am 13. Mai erscheint bereits wieder die neue DEADLINE im gutsortierten Zeitschriftenhandel! Von mir gibt es darin eine Besprechung zum deutsch-schweizerischen IM SOG DER NACHT nachzulesen.

Titelstory: SPLINTER
inklusive Interview mit Regisseur Toby Wilkins

Breitwand - jetzt im Kino
MY BLOODY VALENTINE 3D inklusive Interview mit Regisseur Patrick Lussier
LAST HOUSE ON THE LEFT
DAS HAUS DER DÄMONEN
THE HAUNTING IN CONNECTICUT
TRANSFORMERS - DIE RACHE inklusive Interview mit Produzent Don Murphy
STAR TREK inklusive Interviews mit Chris Pine und Zachary Quinto
DER FLUCH DER ZWEI SCHWESTERN
PUBLIC ENEMY NO.1: TODESTRIEB inklusive Interview mit Regisseur Jean-Francois Richet
ICHI - DIE BLINDE SCHWERTKÄMPFERIN
IM SOG DER NACHT
DRAG ME TO HELL-Preview
ILLUMINATI-Preview
CONTACT HIGH
CROSSING OVER

Heimservice - neu auf DVD
Über 100 Reviews
Inklusive Interviews mit
Bruce Dickinson (IRON MAIDEN) zu CROWLEY - BACK FROM HELL Bruce McDonald zu TRACEY FRAGMENTS Jeff Wayne zu WAR OF THE WORLD on Stage

Sonntag, Mai 10, 2009

Ichi - Die blinde Schwertkämpferin


JP 2008

++1/2

Der blinde Schwertkämpfer Zatoichi zählt zu den bekanntesten Samurai-Figuren überhaupt. Stets wurde der schweigsame Einzelgänger von Männern verkörpert – zuletzt von Takeshi Kitano. Mit dieser patriarchalischen Tradition bricht Filmemacher Fumihiko Sori in der jüngsten Verfilmung des Zatoichi-Mythos. Viele andere Gesetzmäßigkeiten und Motive des Samurai-Films lässt er dagegen unangetastet. So finden sich auch in Ichi kunstvolle Schwertkämpfe, eine strenge Gut-Böse-Dichotomie und reichlich asiatisches Helden-Pathos.

Filmkritik:

Auf den ersten Blick erscheint sie als das genaue Gegenteil einer unerschrockenen, kompromisslosen Kämpferin. Die blinde Ichi (Haruka Ayase) reist als Wandermusikerin von Dort zu Dorf, im Gepäck Schwert und Laute. Letztere beherrscht sie ebenso meisterhaft wie ihre Waffe. An die Einsamkeit während der Wanderschaft hat sie sich inzwischen gewöhnt. Sie redet nicht viel – mit wem auch? – und gibt sich auch ansonsten verschlossen und wortkarg. Einzig dem traumatisierten Samurai Toma (Takao Osawa) gelang es bisher, zu der geheimnisvollen Schwertkämpferin eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Bei einer Rast in dem kleinen Ort Bitu werden die beiden Samurai ohne es zu wollen in einen bereits lange Zeit schwelenden Konflikt hineingezogen. Die Dorfbewohner leben in ständiger Angst vor dem gerissenen Bandenführer Banki (Shido Nakamura), der mit äußerster Brutalität seine Gegner aus dem Weg räumt und der es nun auf Bitus Clan-Chef Shirakawa (Yôsuke Kubozuka) abgesehen hat. Schließlich bekommen auch Ichi und Toma Bankis erbarmungslose Härte zu spüren.

Die vom japanischen Autor Kan Shimozawa geschaffene Figur des blinden Schwertkämpfers Zatoichi zählt in seiner Heimat zu den populärsten Samurai-Charakteren überhaupt. Dort kennt praktisch jedes Kind die Geschichte des schweigsamen Wandersmann, der es seit den sechziger Jahren auf stolze 26 Filme und eine über 100 Folgen starke TV-Serie brachte. Als alleiniger Zatoichi-Darsteller wurde Shintaro Katsu zu einer nationalen Berühmtheit. Katsu und Zatoichi, diese beide Namen schienen untrennbar miteinander verbunden. Doch dann kam Takeshi Kitano und mit ihm sein Kinofilm Zatoichi - Der blinde Samurai, mit dem er das Erbe des inzwischen verstorbenen Katsu antrat. Aber erst Fumihiko Sori, der zuvor so unterschiedliche Werke wie die Sport-Komödie Ping Pong und das Science-Fiction-Anime Vexille inszenierte, wagt nochmals fünf Jahre später die Revolution des Mythos.

Erstmals wird der Zatoichi-Charakter von einer Frau verkörpert. Haruka Ayase interpretiert Ichi als mysteriöse Schönheit, die zunächst kühl und unnahbar auftritt. Anders als eine Lady Snowblood wird sie jedoch nie zu einer gefühlslosen Rächerin. In der Rolle ihres Gegenspielers, des gnadenlos überzeichneten Oberschurken Banki, darf Shido Nakamura unablässig wahnsinnige Grimassen schneiden und ein höhnisches Dauerlachen aufsetzen. So ungewöhnlich ein solcher Geschlechtertausch im von Männern dominierten Samurai-Genre auch sein mag, so klassisch und geschichtsbewusst präsentiert sich doch der restliche Film. Sori zitiert nicht nur ausführlich Kurosawas stilbildendes Meisterstück Die sieben Samurai, er bemüht sich gleichsam um einen respektvollen Umgang mit den traditionsreichen Motiven des Zatoichi-Stoffs. Die einzelnen Duelle sind – obwohl in Zeitlupe gefilmt – meist recht kurz, blutig und von einer fast schon spielerischen Leichtigkeit.

Soris Hauptaugenmerk gilt insgesamt jedoch weniger den zweifellos elegant choreographierten Action-Sequenzen als den Figuren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang wieviel Zeit der Film aufbringt, um das Seelenleben seiner beiden Helden zu erkunden. Vor allem Toma, der als sympathischer Pechvogel und Pointenlieferant eingeführt wird, durchläuft eine beachtliche Wandlung, deren kathartisches Element weit über den Abspann hinauswirkt. Auch schenkt Sori seinen Helden eine zarte und deswegen besonders anrührende Liebesgeschichte, die Ichi im Zusammenspiel mit seinen harten Kampfszenen zu einer ausgereiften Balance verhilft.

Für Programmkino.de.

Freitag, Mai 08, 2009

Last House on the Left - Willkommen in den 70ern!


USA 2009

+++

Waren die zahllosen Neuverfilmungen asiatischer Horror-Werke nur in den seltensten Fällen tatsächlich von Erfolg gekrönt, so schneiden die Remake-Versuche amerikanischer Genre-Klassiker zumindest in der Gesamtschau doch weitaus besser ab. Selbst eher schwächere Neuverfilmungen wie zuletzt Marcus Nispels Freitag, der 13. boten zumeist noch recht passable Unterhaltung. Jetzt hat es auch Wes Cravens Frühwerk The Last House on the Left erwischt, wobei der Meister höchstpersönlich zusammen mit Kumpel Sean S. Cunningham (Freitag, der 13.) als Produzent die Dreharbeiten der Neuauflage überwachte. Das Resultat sollte daher auch ihn zufriedenstellen können.

Auf dem Regiestuhl nahm der Grieche Denis Iliades Platz, der zuvor mit dem grellen Prostituierten-Drama Hardcore auch außerhalb seines Heimatlandes für Furore sorgte. Dass auch sein zweiter Spielfilm die brutale Misshandlung/Vergewaltigung junger Frauen thematisiert, ist sicherlich kein Zufall. Eher diente sein Debüt Iliades als Türöffner bei seiner ersten Arbeit in Hollywood. Diese bleibt recht dicht bei Cravens Original. So erzählen beide Filme von einem schrecklichen Verbrechen und den unmittelbaren Folgen für Opfer und Täter. Die junge Mari (Sara Paxton) will mit ihren Eltern (Tony Goldwyn, Monica Potter) die Sommerferien in einem idyllisch gelegenen Ferienhaus der Familie verbringen und sich gelegentlich mit ihrer besten Freundin Paige (Martha MacIsaac) treffen. Bei einer ihrer Ausflüge lernen die Mädchen den schüchternen Justin (Spencer Treat Clark) kennen, der ihnen etwas Gras anbietet und beide zu sich ins Motel einlädt.

Gutgläubig gehen Mari und Paige auf das Angebot des Jungen ein. Dabei denken sie nicht einmal im Entferntesten daran, dass sie sich nur wenig später in einem realen Albtraum wiederfinden werden. Denn Justins Vater (Garret Dillahunt) ist wohl das, was man gemeinhin einen Psychopathen nennt. Zusammen mit seiner nicht minder durchgeknallten Freundin (Riki Lindhome) und einem Kumpel (Joshua Cox) findet dieser Gefallen an einem perversen Machtspiel. In letzter Sekunde, schwer verletzt und voller Todesangst gelingt Mari die Flucht. Mit allerletzter Kraft erreicht sie das Ferienhaus der Eltern, die anfangs nicht glauben können, was nur wenige Minuten zuvor ihrer Tochter widerfahren ist.

Last House on the Left knüpft an das klassische „Rape-and-Revenge“-Szenario an, wie es viele Exploitation-Filme der 70er Jahre zum Ausgangspunkt ihrer Geschichte machten. Manche wie Meir Zachis I Spit on your Grave oder der schwedische Thriller - A Cruel Picture müssen sich noch heute für ihre explizite Darstellung von Sex und Gewalt rechtfertigen. Mit einem vergleichbaren Tabubruch kann die Neuauflage von Cravens Frühwerk erwartungsgemäß nicht aufwarten. Iliades legt es - klammert man einmal die allerletzte Szene aus, die irgendwie reichlich deplaziert erscheint - aber auch erst gar nicht auf eine Kontroverse an. Und dennoch löst sein Film gerade in der ersten Hälfte, in der es zu den brutalen Übergriffen auf die Mädchen kommt, ein mehr als ungutes Gefühl in der Magengegend aus. Vergleichbar Gaspar Noés Irreversible, dem Iliades zumindest an einer Stelle ganz offensichtlich huldigt (Feuerlöscher!), überträgt sich die Beklemmung der Opfer auch auf den Zuschauer. Insbesondere die Vergewaltigung, während der das Mädchen unablässig seine ganze Angst und Ohnmacht herausschreit, ist in ihrer Intensität nur schwer zu ertragen.

Mit der Ankunft der Täter im Ferienhaus der Eltern wird aus dem „Rape“- schließlich ein „Revenge“-Movie. Als die Eltern erkennen, wer bei ihnen soeben nichtsahnend eingezogen ist, sind beide fest entschlossen, das Leid ihrer Tochter zu rächen. Koste es, was es wolle. Der moralische Zwiespalt, einerseits das Verhalten der Eltern nachvollziehen zu können, gleichzeitig jedoch Selbstjustiz als Mittel der Wahl abzulehnen, zieht sich wie ein roter Faden durch das blutgetränkte Finale, bei dem alles, was sich als Waffe einsetzen lässt, auch zum Einsatz kommt. Sogar Hartgesottene werden während der nächtlichen Jagdszenen auf eine ernstzunehmende Probe gestellt. Unablässig dröhnen die dunklen Bässe aus der Soundanlage, treibt Iliades die Eskalation der Ereignisse voran. Ganz eindeutig grenzt sich das Last House on the Left damit von den meisten anderen Horror-Produktionen der vergangenen Monate ab, denen es vorrangig auf möglichst spektakuläre Splatter-Effekte oder originelle Folter-Spielchen ankam. Und von den weichgespülten PG-13-Möchtegern-Schockern ist Iliades Film gleich mehrere Lichtjahre entfernt.

Cravens Low-Budget-Perversität erscheint heute, seien wir ehrlich, mit ihrem Trash-Look der ausklingenden Grindhouse-Ära reichlich antiquiert. Insofern macht eine Neuauflage, auch wenn sie dem Original inhaltlich nichts Substanzielles hinzufügt, durchaus Sinn. Vor allem wer im alten Last House on the Left noch keine Station gemacht hat und sich Iliades Remake gänzlich unvorbereitet ansieht, dürfte am Fortgang der Geschichte doch schwer zu Tragen haben. Derart konsequent wie Craven und Iliades stellen nur die wenigsten Horrorfilmer die Natur des Menschen in Frage.

Für BlairWitch.de.

Montag, Mai 04, 2009

Der Junge im gestreiften Pyjama


USA/GB 2008

+++1/2

In der Romanverfilmung Der Junge im gestreiften Pyjama trifft kindliche Unschuld auf die Schrecken des Holocaust. Durch die Augen des achtjährigen Bruno schildert das zurückhaltende Drama von Regisseur Mark Herman die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Der Film findet eindrucksvolle Bilder und Metaphern für den Horror des Nazi-Terrors, der die Freundschaft zwischen Bruno und dem gleichaltrigen jüdischen Jungen Schmuel überschattet. Beide begegnen sich am Stacheldrahtzaun eines Konzentrationslagers – auf unterschiedlichen Seiten.

Filmkritik:

Es ist Krieg, doch davon bekommt der achtjährige Bruno (Asa Butterfield) zunächst nicht viel mit. Als Sohn eines hochrangigen Nazi-Offiziers (David Thewlis) verlebt er mit seinen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin eine nahezu unbeschwerte Kindheit. Die Front und der Tod scheinen im Sommer des Jahres 1940 noch weit weg zu sein. Daran ändert sich erst etwas, als der Vater eine Versetzung erhält und die Familie gezwungen ist, aufs Land zu ziehen.

Die neue Idylle inmitten der grünen Natur erweist sich schon bald als trügerisch. Ganz in der Nähe befindet sich ein Konzentrationslager, das Bruno für eine Farm hält und die Häftlinge für Arbeiter, die aus ihm unerklärlichen Gründen auch tagsüber ihre gestreiften Pyjamas tragen. Obwohl seine Mutter (Vera Farmiga) ihm verbindet, dorthin zu gehen, schleicht sich Bruno am nächsten Tag wieder zu der vermeintlichen Farm. Auf der anderen Seite des Stacheldrahtzaunes entdeckt er Shmuel (Jack Scanlon). Wie Bruno ist auch er acht Jahre alt. Zwischen den beiden Jungen entwickelt sich schon bald eine echte Freundschaft, die Bruno vor seinen Eltern geheim zu halten versucht.

Obgleich die Geschichte, die Der Junge im gestreiften Pyjama erzählt, der Fiktion entsprungen ist, könnte sie sich doch so oder in ähnlicher Weise tatsächlich zugetragen haben. Lediglich die praktisch nicht vorhandene Absicherung des Lagers mit einem spartanischen Stacheldrahtzahn erscheint reichlich unglaubwürdig. Dass der Film die Gräueltaten anfangs ausblendet und ähnlich wie Roberto Benignis Tragikomödie Das Leben ist schön den Horror eher subtil andeutet, hat ihm einiges an teils harscher Kritik eingebracht. Der Film betreibe eine unerträgliche Romantisierung der Bedingungen in den Arbeits- und Konzentrationslager, sogar eine Verharmlosung und Banalisierung des Holocaust warf man Regisseur Mark Herman vor.

Letztlich laufen all diese Kritikpunkte ins Leere. So resultiert der naive, unschuldige Blick auf das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts aus der besonderen Erzählperspektive. Der Zuschauer sieht die Welt und damit auch die Ereignisse rund um das Lager durch die Augen eines achtjährigen Kindes. Wie soll Bruno verstehen, was er da sieht, wenn selbst Erwachsene die Vernichtungsmaschinerie der Nazis lange Zeit für unvorstellbar hielten?

Eigentlich ist es genau umgekehrt. Gerade weil die Geschichte den Holocaust nicht für manipulative Gesten instrumentalisiert, lässt einen Shmuels Schicksal nicht unberührt. Ohnehin ist der Horror auch in den scheinbar unbeschwerten Momenten stets präsent. Wenn plötzlich der zur Küchenarbeit abkommandierte Lagerhäftling Pavel (David Hayman) verschwunden ist oder schwarzer Rauch aus den Schornsteinen des Lagers in den blauen Sommerhimmel entweicht, weiß jeder außer Bruno, welch unermessliches Leid sich hinter diesen auf den ersten Blick unscheinbaren Bildern verbirgt.

Herman belässt es zumeist bei Andeutungen, die allesamt unmissverständlich sind. Erst zum Ende, als die Geschichte eine dramatische Wendung nimmt, werden die Bilder expliziter. Insbesondere die letzten Minuten sind in ihrer bitteren Konsequenz nur schwer zu ertragen und der Grund, weshalb Der Junge im gestreiften Pyjama nur älteren Kindern zuzumuten ist. Aber auch diese sollten sich nur in Begleitung eines Erwachsenen den Film ansehen. Mit dem letzten Bild, das langsam in eine Schwarzblende übergeht, bringt Herman das für viele seinerzeit Unvorstellbare in eine verständliche Form.

Für Programmkino.de.

Donnerstag, April 30, 2009

Spiel der Träume (Machan)


Sri Lanka/D/I 2008

++1/2

Uberto Pasolini, Produzent der Erfolgskomödie Ganz oder gar nicht, hat augenscheinlich ein Herz für Underdogs. Spiel der Träume erzählt die wahre, geradezu abenteuerliche Geschichte der ersten inoffiziellen Handball-Nationalmannschaft Sri Lankas. Auf Einladung des Deutschen Handball-Bundes reisen die Spieler zu einem Turnier nach Bayern. Dabei haben sie von Handball nicht die geringste Ahnung. Pasolinis Film setzt auf Authentizität und vermischt auf bewährte Weise Ethno-Comedy mit Globalisierungskritik.

Filmkritik:

Dafür dass Not erfinderisch macht, sind Stanley (Dharmapriya Dias) und sein Kumpel Manoj (Gihan De Chickera) der beste Beweis. Beide wollen der Armut ihrer Heimat Sri Lanka entfliehen und im Westen ihr Glück versuchen. Doch der Traum von einem besseren Leben scheint ausgeträumt, ehe er überhaupt beginnen konnte. Nicht nur, dass ihre Visa-Anträge allesamt abgelehnt werden, sogar der Schlepper, der sie eigentlich gegen ein üppiges Salär auf dem Seeweg nach Europa bringen sollte, lässt die Freunde kurzerhand im Stich. Nur durch Zufall entdecken Stanley und Manoj in der Tageszeitung einen Aufruf des Deutschen Handball Bundes. Für ein Turnier in Bayern sucht dieser ein Team aus Sri Lanka. Obwohl sie selber kein Handball spielen und anfangs noch nicht einmal die Regeln kennen, geben sie sich als das Nationalteam ihres Landes aus. Und tatsächlich: Schon wenig später halten sie bereits eine Einladung nach Deutschland in ihren Händen.

Würde die Geschichte nicht auf einem wahren Vorfall aus dem Jahr 2004 beruhen, man wäre vermutlich geneigt, den Autoren eine allzu lebhafte Fantasie zu unterstellen, derart absurd klingt die ganze Aktion. Noch unglaublicher erscheint es, dass die bunt zusammen gewürfelte Truppe mit ihrem dreisten wie sympathischen Coup zunächst keinerlei Misstrauen erregte. Erst nach drei absolvierten Spielen traten die deutschen Behörden schließlich auf den Plan – zu spät, wie sich herausstellte. Kurz zuvor hatten Stanley, Manoj und die Anderen ihr Quartier verlassen. Wohin es sie verschlug, ist nicht bekannt. Bis heute fehlt von den 23 Männern jede Spur.

Nachdem Regisseur Uberto Pasolini in den neunziger Jahren als Produzent der britischen Sozialkomödie Ganz oder gar nicht seinen bislang größten Erfolg feierte, kehrt er nun mit einer anderen, gar nicht so unähnlichen Underdog-Geschichte zurück. Auch Machan (der Titel verweist auf das singhalesische Wort für Freund oder Kumpel) erzählt von Menschen, die der Wunsch nach einem würdevollen Leben antreibt und die hierüber allmählich ihre Kreativität und ihren Mut entdecken. Die Männer aus Colombo sind nüchtern betrachtet illegale Einwanderer, aber dennoch hofft, fühlt und lacht man mit ihnen. Und man freut sich am Ende, wenn sie gerade noch rechtzeitig dem Zugriff der deutschen Polizei entkommen.

Der indische Subkontinent, zu dessen Einzugsgebiet auch Sri Lanka gehört, ist dank der britisch-indischen Co-Produktion Slumdog Millionär endgültig im Kino-Mainstream des Westens angekommen. Auch Pasolinis Arbeit profitiert von dem plötzlich entfachten Interesse für Filme aus der Region, wobei sich sein „Machan“ nicht mit der optischen Brillanz und erzählerischen Raffinesse des vierfachen Golden Globe-Preisträgers messen kann. Dafür zeigt Pasolini die Armenviertel von Colombo ohne die bei Boyle bisweilen spürbare Slum-Romantik. Leider schleppt sich die Handlung gerade im ersten Filmdrittel etwas zäh dahin. Pasolini lässt einfach zuviel Zeit verstreichen bis die Operation „Nationalmannschaft“ endlich anläuft. Diesen Leerlauf kann selbst das glänzend aufgelegte Ensemble – allesamt Schauspiel-Neulinge – nicht kaschieren.

Klingt der Plot zunächst nach einer Variante von Disneys Komödienerfolg Cool Runnings – Exoten üben sich in einer für sie exotischen Sportart –, wird schon bald deutlich, dass es Pasolini um mehr als nur Unterhaltung geht. Seine Kritik zielt auf die rigide Einwanderungspolitik des Westens. Dabei ist der Vorwurf, den Machan an dieser Stelle erhebt, so wenig neu wie die eingestreute Globalisierungskritik. Immerhin transportiert Pasolini sein Anliegen mit viel Charme und Witz, was über die recht vertraute Agenda hinwegtröstet.

Für Programmkino.de.

Dienstag, April 28, 2009

X-Men Origins: Wolverine - Backenbart im Setzkastenkino


USA 2009

+1/2

Hugh Jackman schlüpft ein viertes Mal in die Rolle, die ihm seinerzeit den internationalen Durchbruch einbrachte. Das vom Südafrikaner Gavin Hood (Tsotsi) inszenierte Mutanten-Spektakel erkundet den Ursprung des Wolverine-Mythos. Doch nach einem forschen Auftakt wird´s leider bald zu einer zähen Geisterfahrt. Weiterlesen auf evolver.

Samstag, April 25, 2009

Tage oder Stunden - Kalkulierter Amoklauf


F 2008

+++1/2

Antoine hat sich geschworen, auf nichts und niemandem mehr Rücksicht zu nehmen. Scheinbar gelangweilt von einem auf den ersten Blick perfekten Wohlstandsleben bricht er mit sämtlichen Konventionen. Nach dem eher gemütlichen, mitunter leicht kitschigen Dialog mit meinem Gärtner schlägt Regisseur Jean Becker in seinem neuen Film ganz andere Töne an. Tage oder Stunden erweckt anfangs den Eindruck einer schonungslos offenen, bitterbösen Satire. Erst später zeigt sich, dass uns Becker damit auf eine völlig falsche Fährte gelockt hat. Das Ende provoziert, erschüttert und überrascht zugleich.

Filmkritik:

Er ist der Prototyp eines egozentrischen, von sich eingenommenen Ekels. Antoine (Albert Dupontel) sagt das, was er denkt und macht das, was er für richtig hält. Doch weder seine Frau Cécile (Marie-Josée Croze) noch seine Freunde verstehen, warum sich Antoine plötzlich so verhält. Während sie ihn verdächtigt, eine Geliebte zu haben, erlaubt er sich auf der Arbeit einem Kunden gegenüber ausfallend zu werden. Ohnehin scheint ihn der Job als Mitinhaber einer Werbeagentur nur noch anzuöden. Kurzerhand wirft er die Brocken hin und kehrt der oberflächlichen Werbewelt den Rücken. Selbst die von Freunden organisierte Überraschungsparty zu seinem Geburtstag endet in einem Desaster. Antoine tritt die Flucht an. Ihn zieht es nach Irland, dorthin, wo sein Vater (Pierre Vaneck) bereits seit über dreißig Jahren ein naturverbundenes Leben führt.

Der neue Film von Jean Becker (Dialog mit meinem Gärtner) beginnt als ätzende Satire, die kein Blatt vor den Mund nimmt und einem (Anti-)Helden, der in der Rolle des geborenen Zynikers aufzugehen scheint. Vieles erinnert zunächst an den französischen Medien-Rundumschlag 39,90, dessen ätzender Blick gleichsam so manche Banalität und Verlogenheit unseres modernen Konsumverhaltens entlarvte. Antoine mag, so wie er von Becker hier eingeführt wird, ein Unsympath sein und dennoch möchten wir ihm insgeheim dafür applaudieren, dass er die nicht immer angenehmen Wahrheiten endlich offen ausspricht. Wo wir uns vielleicht aus Angst um die Konsequenzen oder aus Gründen der „Political Correctness“ um eine ehrliche Antwort drücken würden, kennt er kein Pardon. Dass er dabei immer öfter über das Ziel hinausschießt, erzeugt bisweilen aber auch Unbehagen, was sicherlich Beckers Intention entspricht.

Albert Dupontel verkörpert den augenscheinlich vom Leben gelangweilten und von einer Art Midlife-Crises erfassten Mittvierziger jederzeit glaubhaft. Hat sein Spiel zu Beginn etwas Spitzbübisches an sich, so verkehrt sich diese Haltung mit zunehmender Laufzeit in etwas Bedrohliches, fast schon Manisches, das sich zunächst nicht genau kategorisieren lässt. Wenn Antoine in Irland ankommt und seinen Vater aufsucht, kippt die Stimmung. Dort, wo Beckers Film in seiner ersten Stunde auf das satirische Element setzte, macht sich plötzlich eine tiefe Melancholie breit. Erst in den letzten Minuten enthüllt der Film schließlich seine wahren Absichten, die Antoines Verhalten und Entscheidungen rückblickend in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

Obgleich diese Wende wohl kalkuliert ist und die Handlung auf sie wie auf einen schwarzen Punkt zusteuert, ist man als Zuschauer nicht wirklich vorbereitet auf das, was Tage oder Stunden in letzter Konsequenz beschreibt. Das Ende, das in einem anderen Kontext leicht zu einer manipulativen, inhaltsleeren Geste verkommen könnte, setzt ein dickes Ausrufezeichen hinter Antoines Geschichte. Der wiederum hat die Maske des Zynikers zu diesem Zeitpunkt längst abgenommen. Was genau dahinter zum Vorschein kommt, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: In jedem Fall bricht es einem das Herz, wenn ganz zum Schluss Serge Reggiani sein „Le Temps Qui Reste“ vorträgt und so einen in sich stimmigen Film auf unverwechselbare Art abrundet.

Für Programmkino.de.

Dienstag, April 21, 2009

Beverly Hills Chihuahua - Accessoire auf vier Pfoten


USA 2008

++

Was geschieht, wenn ein verhätscheltes Haustier mit der rauen Wirklichkeit außerhalb seines goldenen Käfigs konfrontiert wird? Disneys Hundekomödie Beverly Hills Chihuahua versucht sich an einer Antwort und lässt dabei kein Klischee im Verhältnis zwischen Amerikanern und ihren mexikanischen Nachbarn aus. In der Originalfassung leihen Hollywood-Stars wie Drew Barrymore und Andy Garcia den mal mehr, mal weniger niedlichen Vierbeinern ihre Stimme.

Filmkritik:

Gibt es ein Kind, das sich noch nie ein Haustier gewünscht hat? Wohl kaum. Hunde, Katzen, Meerschweinchen oder Kaninchen besitzen einfach die Lizenz zum Liebhaben. Auch im Hause Disney weiß man um die große Anziehungskraft eines knuffigen Vierbeiners auf das junge Publikum. Egal ob als Real- (Snow Dogs) oder Trickfilm (Susi und Strolch), die Rechnung des Studios ging in den meisten Fällen zumindest gemessen an den Einspielergebnissen auf. Manche Geschichten wie die der 101 Dalmatiner waren sogar so erfolgreich, dass sie gleich mehrmals verfilmt wurden. Für Beverly Hills Chihuahua, der allein in den USA bislang annähernd 100 Mio. Dollar einnahm, vertraute Disney einmal mehr dem Niedlichkeitsfaktor seiner tierischen Hauptdarsteller, die dank moderner Tricktechnik in ihrer Mimik mitunter sehr menschlich erscheinen. Hier verdrücken Hunde, wenn sie traurig sind, auch schon mal eine Träne.

Das Konzept ist hinlänglich erprobt. So überführt Beverly Hills Chihuahua lediglich das klassische „Fish-out-of-Water“-Szenario in das Genre eines Kinderfilms. In diesem Fall muss sich der verwöhnte Chihuahua Chloë (im Original gesprochen von Drew Barrymore) in einer für ihn fremden und bedrohlichen Welt zu Recht finden. Während einer spontanen Urlaubsreise nach Mexiko verliert Aushilfs-Frauchen Rachel (Piper Perabo) ihren Schützling aus den Augen. Der fällt daraufhin prompt skrupellosen Organisatoren illegaler Hundekämpfe in die Hände. In dieser scheinbar ausweglosen Situation steht dem hilflosen Chihuahua allein der mutige Delgado (Andy Garcia), ein deutscher Schäferhund, zur Seite. Dank ihm gelingt Chloë schließlich auch die Flucht, womit das Abenteuer in der Fremde eigentlich erst beginnt.

Vor allem zu Beginn feuert der Film eine satirische Breitseite in Richtung der von Luxuslabels und Schönheits-OPs infiltrierten High Society ab, in der es nicht erst seit Paris Hilton zum guten Ton gehört, seinen kleinen Liebling wie ein Accessoire in der Louis-Vuitton-Handtasche mit sich herumzutragen. Später dann setzt Beverly Hills Chihuahua ganz auf den Charme seiner tierischen Darsteller und einem für viele Ausreißer-Geschichten charakteristischen Gefühl von Freiheit und Abenteuer, mit dem sich die jungen Kinogänger identifizieren sollen. Dass dabei skizzierte Mexiko-Bild macht allerdings vor keinem noch so dümmlichen Klischee halt. Das ganze Land scheint von unfähigen Polizisten und verschlagenen Ganoven, die es auf reiche „Gringos“ abgesehen haben, bevölkert zu sein. Sieht man von diesem Ausrutscher einmal ab, so liefert Regisseur Raja Gosnell (Scooby Doo) genau das, was der Titel verspricht. Eine weitgehend sinnfreie Komödie mit sprechenden Hunden, hohem Niedlichkeitsfaktor und einem Schuss Glamour.

Für Programmkino.de.

Samstag, April 18, 2009

Unbeugsam - Defiance


USA 2008

++

Defiance folgt einer Gruppe jüdischer Widerstandskämpfer zu Zeiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in die undurchdringlichen Wälder Weißrusslands. Besser bekannt als die “Bielski-Partisanen“ schlossen sich der Gruppe immer mehr Menschen an, die nur dadurch überlebten und der Deportation entgingen. Nun hat Hollywood die Geschichte für sich entdeckt. Epos-Experte Edward Zwick (Glory, Last Samurai) verschenkt deren Potenzial jedoch an eine viel zu brave Inszenierung.

Filmkritik:

Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich 2009 bereits zum 64. Mal. Trotz dieser langen Zeitspanne erreichen uns immer neue Schilderungen, die das Grauen von Hitlers Vernichtungsfeldzug und das Leiden der von den Nazis systematisch verfolgten Juden dokumentieren. Zu den weniger bekannten Schicksalen zählt sicherlich auch der Überlebenskampf einer Gruppe Juden in den Wäldern im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet. Das unwegsame Gelände diente vielen als letzte Zuflucht vor Verfolgung und Deportation. Auch den Brüdern Tuvia (Daniel Craig), Zus (Liev Schreiber), Asael (Jamie Bell) und Aron (George MacKay) Bielski bleibt nach der Ermordung ihrer Eltern keine andere Wahl, als sich in das angrenzende Waldgebiet zurückzuziehen. Dort schließen sie sich russischen Partisanen an, die mit gezielten Angriffen und Sabotageakten den Deutschen empfindliche Verluste bescheren.

Allerdings sind sich die Brüder unter einander über die Wahl der Mittel und die Legitimation mancher Racheakte nicht immer einig. Während Tuvia, der älteste und Vordenker der Gruppe, auf Mäßigung und Umsicht bedacht ist, drängt Zus auf blutige Vergeltung. Blind vor Hass beschwört er das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Mit der Zeit verbreitet sich die Nachricht ihrer Taten und ihres Mutes in der Bevölkerung. Immer mehr Menschen, darunter viele Frauen, Kinder und Alte, zieht es in den Wald, in der Hoffnung zumindest dort nicht gänzlich schutzlos zu sein. Allerdings steht die wachsende Gemeinschaft bald vor neuen Problemen. Das Essen reicht nicht mehr für alle und so müssen die ohnehin bescheidenen Vorräte streng rationiert werden. Hinzu kommt, dass der harte Winter das Überleben im Wald erheblich erschwert und sich zunehmend Krankheiten wie Typhus unter den Flüchtlingen ausbreiten.

So wenig bekannt die Geschichte der Bielski-Brüder und ihres Widerstands auch sein mag, der filmische Ansatz von Defiance erscheint dagegen reichlich konventionell, um nicht zu sagen altbacken. Regisseur Edward Zwick, der im Umgang mit historischen Stoffen nach Glory und Last Samurai eigentlich genügend Erfahrung mitbringen sollte, vertraut auf das, was schon zahlreiche andere Holocaust-Filme in recht ähnlicher Weise vorgemacht haben. Er stellt Archivaufnahmen nationalsozialistischer Kriegsverbrechen, von Massenexekutionen und Deportationen, der eigentlichen Geschichte voran. Diese verläuft wiederum in den erwarteten Bahnen. Tuvia hält anfangs als moralischer wie intellektueller Anführer die Gruppe zusammen. Dabei schlägt er in seinen viel zu noblen Ansprachen („Our act of revenge is to live!“) zumeist moderate Töne an, was vor allem bei Zus und den anderen Kämpfern auf wenig Verständnis stößt. Es kommt zum Zerwürfnis, auf das jedoch rechtzeitig die erhoffte Versöhnung folgt, wenn Zus und seine russischen Kameraden den Flüchtlingen praktisch in letzter Minute zur Hilfe eilen. Dann ist auch Zwick ganz in seinem Element. In der Tradition amerikanischer Action-Reißer wie Rambo inszeniert er den eigentlichen ungleichen Kampf zwischen schwer bewaffneter Wehrmacht und zu allem entschlossenen Partisanen.

Ohne (mindestens) eine Liebesgeschichte wäre aber auch dieser Zwick nicht komplett und so dürfen –vermutlich um den Gleichheitsgrundsatz nicht zu verletzen – gleich drei der vier Bielskis mit einer jeweils anderen Herzensdame anbandeln. Letztlich sind diese Romanzen genauso wie die überdeutlichen Anspielungen auf den Exodus mehr als entbehrlich. Das halbgare Ergebnis schmerzt besonders, weil Defiance von einem ansonsten sträflich vernachlässigten Kapitel des Holocaust erzählt. Der jüdische Widerstand findet in den meisten Filmen über das Nazi-Regime nicht statt und das, obwohl es ihn vielerorts gegeben hat. Es lässt sich nur erahnen, was ein anderer, weniger auf den Mainstream fixierter Regisseur aus der Vorlage von Nechama Tec herausgeholt hätte.

Erschienen bei Programmkino.de.

Dienstag, April 14, 2009

Radio Rock Revolution - Zurücklehnen, mitsingen, wohlfühlen


GB 2009

+++

Britisches Gute-Laune-Kino par exellence!
Nach zahlreichen romantischen Komödien widmet sich Regisseur und Autor Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Tatsächlich…Liebe) einer anderen Herzensangelegenheit. Sein Radio Rock Revolution ist ein knallbunter, mit trockenem britischem Humor durchsetzter Spaß, der der modernen Pop- und Rockmusik ein filmisches Denkmal setzt. Der nostalgische Feel-Good-Trip wirkte augenscheinlich auch auf die Darsteller schwer ansteckend. Bill Nighy, Philip Seymour Hoffman und Kenneth Branagh zelebrieren Overacting auf höchstem Niveau.

Filmkritik:

Vier junge Männer aus Liverpool sorgten Mitte der 1960er Jahre mit ihrer Musik für eine Revolution. Heute gelten die „Fab Four“ als die Wegbereiter der modernen Pop- und Rock-Musik. Ist ihr Status inzwischen längst unumstritten, so gab es seinerzeit nicht wenige Bedenkenträger und Traditionalisten, die einen Verfall der guten Sitten befürchteten. Die britische BBC spielte in der Woche gerade einmal zwei Stunden Rock’n’roll. Glücklicherweise gab es zahlreiche private Radiosender, meist illegale Stationen, die rund um die Uhr ihr Programm mit dem füllten, was die Jugend – und nicht nur die – wirklich hören wollte.

In der neuen Komödie von Notting Hill- und Vier Hochzeiten und ein Todesfall-Autor Richard Curtis dreht sich alles um eine dieser musikalischen Freibeuter-Oasen. Der vom exzentrischen Rock’n’roll-Fan Quentin („Mr. Obercool“ Bill Nighy) geführte Radiosender hat sein Quartier auf einem Schiff mitten in der Nordsee aufgeschlagen, sehr zum Ärger der Behörden, die den Betrieb lieber heute als morgen einstellen lassen würden. Vor allem einer hat Blut geleckt. Kabinettsmitglied Dormandy (Kenneth Branagh) betrachtet es als seine ganz persönliche Aufgabe, die Musikpiraten zur Aufgabe zu bewegen. Doch dabei hat er nicht deren Ideenreichtum und Schlitzohrigkeit bedacht. Hinter Quentin steht eine bunte Truppe bedingungsloser Musik-Fanatiker, die nicht einmal im Traum daran denken, das für sie wichtigste auf dieser Welt so einfach aufzugeben. Typen wie Pausenclown Dave (Nick Frost) oder der wortkarge Mark (Tom Wisdom), der legendäre Radio-DJ „The Count“ (Philip Seymour Hoffman) oder der bärtige Grasliebhaber Bob (Ralph Brown) leben den Rock’n’roll – auf ihre Weise.

Zurücklehnen, mitsingen, wohlfühlen. So in etwa lautet das Credo von Radio Rock Revolution, der den Zuschauer auf eine nostalgische Zeitreise mitnimmt, bei der man sich wünscht, dass sie doch niemals enden würde. Auch wer jene Zeit nie selbst erlebt hat, wird sich nur schwerlich dem Charme der Geschichte und der Kraft des Rock’n’roll entziehen können. Dabei ist der Einstieg reichlich konfus geraten. Hektisch und ohne einen Moment des Innehaltens springt Curtis von Charakter zu Charakter, zeigt er uns Episoden aus dem alles andere als alltäglichen Alltag der Radio Rock-Crew. Doch bevor man sich hieran ernsthaft stören könnte, sind einem die verschrobenen Typen – und mit ihnen die Musik – längst ans Herz gewachsen. Die Aufwärmphase ist letztlich doch kurz, das anschließende Vergnügen dafür umso länger.

Hinzu kommt, dass man jederzeit spürt, mit wieviel Elan und Enthusiasmus die Darsteller hier bei der Sache sind. Was zunächst vielleicht nach einer filmjournalistischen Plattitüde oder reinem Marketing-Gewäsch klingt, wird nach Ansicht von Radio Rock Revolution niemand ernsthaft in Zweifel können. Curtis bietet auch dieses Mal das Who-is-Who britischer Schauspielkunst auf. Insbesondere Bill Nighy und Kenneth Branagh, ansonsten eher im ernsten Fach zu Hause, können sich einmal so richtig austoben und dabei eindrucksvoll ihre Entertainer-Qualitäten unter Beweis stellen. Als Exilant steuert Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman den nötigen Schuss amerikanische Gelassenheit bei.

Alles an und in Radio Rock Revolution atmet Musik. Der mehr als 100 Songs umfassende Soundtrack gleicht einem „Best of“ der sechziger und siebziger Jahre. The Who, Jimi Hendrix, Cat Stevens, The Turtles, The Kinks, Dusty Springfield, Otis Redding, die Supremes und natürlich die Beatles sind nur einige, denen Curtis auch als ein Teil seiner eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen hiermit ein filmisches Denkmal setzte. Die Handlung, die zum Ende hin bisweilen Gefahr läuft, sich in eine holprige Titanic-Persiflage zu verwandeln, ist dagegen nur Mittel zum Zweck. Während sich die Behörden und die Radio Rock-Mannschaft ein höchst amüsantes Katz-und-Maus-Spiel liefern, bei dem der typisch britische Humor nicht zu kurz kommen darf, thront über allem der Geist des Rock’n’roll. Auf die nächsten vierzig Jahre!

Für Programmkino.de.

Samstag, April 11, 2009

Crank 2: High Voltage - Unter Strom


USA 2009

+++

Vergesst den "Transporter"! Dies ist in Wahrheit der ultimative Jason-Statham-Film. Daran läßt auch die mit Spannung erwartete Fortsetzung keinen Zweifel, in der es noch abgedrehter und irrwitziger zur Sache geht. Weiter geht's bei den Freunden von evolver.

Mittwoch, April 08, 2009

Bedingungslos - Abseitiges aus Dänemark


DK 2007

++1/2

Genre-Filmer Ole Bornedal (Nachtwache) präsentiert seine Variante eines Film noir. In der clever konstruierten Thriller-Groteske Bedingungslos verstrickt sich der (Anti-)Held in einem gefährlichen Netz aus Lügen und falschen Identitäten. Obwohl nicht jeder Winkelzug des Drehbuchs immer glaubhaft erscheint, geht die Rechnung am Ende auf. In einem spannenden Finale zieht Bornedal schließlich alle Register seines Könnens. Bedingungslos war der erfolgreichste Film des Jahres 2007 in Dänemark.

Filmkritik:

Es schüttet sprichwörtlich wie aus Eimern. Wir erblicken einen Mann, der nahezu regungslos auf dem nassen Asphalt liegt. Blut, vermutlich sein eigenes, bildet sich rings um ihn und vermischt sich allmählich mit dem Regen. Plötzlich eilt eine Frau herbei. Sie kann nicht glauben, was sie da sieht. Sie kniet über ihm, zieht an ihm, fleht ihn an. Dazu hören wir einen lakonischen Kommentar aus dem Off. Mit dieser filmreifen Pose eröffnet Dänemarks Thriller-Spezialist Ole Bornedal (Nachtwache) seine verschachtelte Noir-Spielerei Bedingungslos, in der das Ende augenscheinlich am Anfang steht. Die Szene wirft intuitiv eine Vielzahl an Fragen auf. Wer war dieser Mann, der hier auf offener Straße verblutet? Wer hat ihm das angetan und – vor allem – aus welchem Grund?

Auf manche Antworten muss man nicht lange warten, auf andere dagegen schon. Bei dem zunächst namenlosen Opfer handelt es sich um Jonas (Anders W. Berthelsen), einem zweifachen Familienvater, der als Polizeifotograph sein Geld verdient. Der Zufall will es, dass Jonas in einen schweren Autounfall verwickelt wird, bei dem sich eine junge Frau (Rebecka Hemse) lebensbedrohliche Verletzungen zuzieht. Julia liegt im Koma, als Jonas sie das erste Mal im Krankenhaus besucht. Er fühlt sich mitschuldig an dem, was geschehen ist. Noch im Krankenhaus kommt es daraufhin zu einer folgenschweren Verwechslung. Julias Familie hält ihn für Sebastian, ihren Freund, den sie auf einer Asien-Reise kennen gelernt hat. Unfähig den Irrtum umgehend aufzuklären, nimmt Jonas nach und nach die Identität des ihm unbekannten Sebastian an.

„Eine schöne Frau mit einem Geheimnis...fängt nicht so jeder Film noir an?" wird Jonas von seinem Kumpel Frank (Dejan Cukic) einmal gefragt. Auch ohne eine solch selbstreflexive Geste ließe sich erahnen, dass die Geschichte schon bald nicht mehr der Logik einer Mainstream-tauglichen Liebes-Romanze folgen dürfte. Bornedal spielt vielmehr von Beginn an mit offenen Karten, in dem er Bedingungslos erkennbar als Genrefilm positioniert, der für alle Beteiligten kein gutes Ende nehmen soll. Der Weg dorthin repräsentiert in diesem Zusammenhang das eigentliche Geheimnis und das für jeden Film noir so charakteristische Mysterium, welches sich Szene für Szene zu einem immer klareren Bild zusammenfügt. Als auch Jonas schließlich die Gefahr erkennt, ist es im Grunde schon zu spät.

Ungeachtet seiner visuell überzeugenden Aufbereitung – Bornedal vertraute einmal mehr seinem Stamm-Kameramann Dan Lautsen, der in wechselnden Aufnahmen die Tristesse eines Kopenhagener Neubaugebiets mit der Postkarten-Idylle Thailands kreuzte – leidet Bedingungslos bisweilen unter der typischen Film noir-Krankheit. Nicht immer erscheint jede Reaktion der Figuren unmittelbar glaubhaft und nachvollziehbar. Warum Jonas, der uns zunächst als Familienmensch vorgestellt wird, Hals über Kopf seine Frau und die beiden Kinder verlässt, mag Bornedal nicht hinreichend zu beantworten. Sicherlich, Jonas ist gelangweilt von einem Leben im Wohlstands-Mittelmaß, und er empfindet mehr als nur Freundschaft für seine Femme fatale, allein das erscheint als Erklärung letztlich nicht tragfähig.

Zum Glück weiß Bornedal um diese und andere Stolpersteine. So reichert er seine zunehmend groteske Geschichte mit mehr als nur einer Prise schwarzen Humor an, der manche scheinbar ernst gemeinte Wendung wieder relativiert. Auch wenn das Augenzwinkern nicht zu übersehen ist, baut der Film im letzten Akt doch eine ungemein düstere Suspense auf. Die Leinwand färbt sich (blut-)rot, als Jonas schließlich mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen und Lügen konfrontiert wird. Bornedal holt in diesem Moment das gefräßige Krokodil auf die Bühne, das zuvor im Verborgenen auf seinen großen Auftritt lauerte.

Für Programmkino.de.

Sonntag, April 05, 2009

Knowing - Zahlenteufel


USA 2009

++

Was haben Zahlen nur an sich, dass man alles Mögliche bis Undenkbare in sie hinein projiziert? Vielleicht ist es ihre klare Struktur, ihre Ordnung oder der Umstand, dass sich auch komplexe Sachverhalte in mehr oder weniger simple Zahlencodes überführen lassen. Die Logik der Zahl fasziniert und verstört zugleich. Sie kann Menschen im schlimmsten Fall sogar in den Wahnsinn treiben. Im Hacker-Drama 23 verfiel der 19jährige Karl Koch ihrer Anziehungskraft. Ganz ähnlich erging es Jim Carrey wenige Jahre später in Joel Schumachers Paranoia-Thriller Number 23. Selbst Genies, das zeigte der mehrfach Oscar-prämierte A Beautfiul Mind, sind nicht davor gefeit, sich in einer Welt endloser Zahlenreihen zu verlieren.

Auch in Alex Proyas’ Mystery-Thriller Knowing beginnt alles mit einer auf den ersten Blick wahllosen Aneinanderreihung irgendwelcher Zahlenkolonnen. Diese wurden Ende der fünfziger Jahre zusammen mit anderen Zeichnungen und Notizen in einer Art Zeitkapsel für ein halbes Jahrhundert eingelagert. Die Schüler der Lexington Grundschule sollten damals ihre Vision der Zukunft in einem Bild festzuhalten. Fünfzig Jahre später werden ihre Aufzeichnungen bei einem feierlichen Festakt an die heutigen Schüler verteilt. Das Blatt mit den seltsamen Zahlenreihen fällt Caleb (Chandler Canterbury), dem Sohn des renommierten Astrophysikers John Koestler (Nicolas Cage), in die Hände. Während Caleb enttäuscht ist, dass er als einziger kein schönes Bild erhalten hat, entdeckt sein Vater in der zunächst wirr erscheinenden Zahlenabfolge einen geheimen Code, der die Daten und Opferzahlen der schlimmsten Katastrophen der letzte fünf Jahrzehnte enthält.

So schrecklich diese Entdeckung auch ist, was geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Viel bedrohlicher erscheint es da, dass John bei seinen Nachforschungen auf drei weitere Ereignisse stößt, die laut dem mysteriösen Code bereits in den nächsten Tagen eintreffen sollen. Dabei prophezeit das Dokument einen globalen Super-Gau, den kein Mensch überleben wird. Wer oder was das genau sein soll, darüber kann John anfangs nur spekulieren. In jedem Fall ahnt er, dass die Zeit allmählich knapp wird.

Knowing, das wird bereits nach der ersten halben Stunde deutlich, begnügt sich nicht damit, nur einem Genre zu folgen. Der Film will zu gleichen Teilen Mystery, Endzeit-Thriller und Familiendrama sein. Hinzu kommt eine gute Portion klassisches Blockbusterkino „Made in Hollywood“, das vornehmlich über seine Schauwerte funktioniert. Die Einleitung mit ihrem kurzen Abstecher in die 50er Jahre mag zwar das erhoffte Tempo noch vermissen lassen, dafür etabliert Proyas eine diffuse Grundstimmung, die irgendwo zwischen alten Gruselgeschichten, Akte X und einer aufwändig produzierten Folge von „Galileo Mystery“ angesiedelt ist. Der Vergleich mit der oftmals unfreiwillig komischen Pro Sieben-Pseudo-Wissens-Show erscheint insofern passend, da sich auch Knowing ungemein ernst nimmt. Selbst als die Geschichte immer abstruser wird, baut der Film keinerlei ironische Distanz zu seinem religiös eingefärbten Endzeit-Szenario auf.

Stattdessen sollen wir mit John mitfiebern und ihm die Daumen drücken, dass er den Armageddon in letzter Sekunde doch noch abwenden kann. Nun ist Nicolas Cage nicht Bruce Willis und Alex Proyas nicht Michael Bay (zum Glück), was erklärt, warum sich Knowing zumindest in dieser Hinsicht wohltuend von den gängigen Blockbustern unterscheidet. So wird es bei Proyas, der ohnehin ein Faible für düstere Geschichten mitbringt, ein Zurück zum Status Quo nicht geben. Das verdient Anerkennung und Respekt. Leider legt sich der Film zumindest in Teilen eine Auflösung zurecht, die allenfalls noch Steven Spielberg begeistern dürfte. Gerade die letzten Minuten machen vieles von der grimmigen Atmosphäre kaputt, die Proyas zuvor mühsam aufzubauen versuchte. Ganz gewiss wirkte eine Schlusseinstellung in ihrer verkitscht-religiösen Naivität schon lange nicht mehr derart deplaziert.

Dass sich Knowing über sein verunglücktes Ende selbst ein Bein stellt, ist bedauerlich, schließlich liefert Proyas über weite Strecken recht passable Unterhaltung ab. Die immer wieder eingestreuten Mystery-Elemente – beispielsweise in Gestalt seltsamer Fremder, die John und Caleb zu verfolgen scheinen – sorgen für die nötige Suspense, wobei man kein Genre-Kenner sein muss, um hinter das Geheimnis der schweigsamen Herren zu kommen. Dazu genügt es bereits, einmal einen Film von Emmerich oder Spielberg gesehen zu haben. Die beiden zentralen Action-Sequenzen zählen zweifellos zu den Highlights dieser Studio-Produktion. Vollkommen unerwartet bricht das Chaos über uns und die Hauptperson herein. Das Gefühl, sich plötzlich unmittelbar und orientierungslos im Zentrum einer Katastrophe zu bewegen, transportieren Proyas und sein Kameramann Simon Duggan mittels eines geschickten Handkamera-Einsatzes, der bei aller Dynamik stets saubere, kaum verwackelte Bilder liefert.

Für Nicolas Cage bleibt hier nicht mehr zu tun, als sich mit besorgtem Blick schützend vor seinen Sohnemann zu stellen. Dabei durchläuft seine Filmfigur die absehbare Wandlung vom nüchternen Realisten, für den allein der Zufall die Dinge ordnet, zum schicksalsgläubigen Übervater, der gerade noch rechtzeitig in den Schoß der Familie zurückfindet. Vor allem zum Ende hin übertreibt es Proyas mit sentimentalen Peinlichkeiten (Gruppenkuscheln!), die aus Knowing letztlich ein manipulatives Rührstück machen. Zwar scheint Proyas sein Gespür für stimmige Bildkompositionen nach fünf Jahren der kreativen Pause nicht verloren zu haben, manch erzählerische Qualitäten dagegen sehr wohl.

Für BlairWitch.de.

Mittwoch, April 01, 2009

Rachels Hochzeit - Die kleine Schwester


USA 2008

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Eine junge, drogenabhängige Frau (Anne Hathaway) kehrt für wenige Tage anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester nach Hause zurück. Es dauert nicht lange und schon brechen alte Wunden und Konflikte innerhalb der eigenen Familie wieder auf. Nach Ausflügen in den Dokumentar- und Musikfilm versucht sich Regisseur Jonathan Demme mit Rachels Hochzeit an einer im puristischen „Dogma“-Stil gehaltenen Charakterstudie. Deren emotionales Zentrum ist eine souverän aufspielende Anne Hathaway, die hier wunderbar gegen ihr Sauberfrau-Image besetzt wurde, was ihr unlängst eine Oscar-Nominierung als „Beste Hauptdarstellerin“ einbrachte.

Filmkritik:

Familienfeste scheinen prädestiniert dafür zu sein, aufgestaute Konflikte und Animositäten an die Oberfläche zu befördern. Der dänische Filmemacher Thomas Vinterberg präsentierte mit seinem Dogma-Beitrag Das Fest einst die zugegeben extreme Variante eines familiären Ausnahmezustands, bei dem am Ende vor allem blanker Hass und Verachtung zum Vorschein kamen. Soweit lässt es Oscar-Preisträger Jonathan Demme nicht kommen. In Rachels Hochzeit, immerhin seinem ersten Spielfilm seit über vier Jahren, ist der familiäre Zusammenhalt trotz manch hart ausgetragener Aussprache nie wirklich in Gefahr.

Obwohl der Titel etwas anderes vermuten lässt, ist nicht Rachel (Rosemarie DeWitt) sondern ihre jüngere Schwester Kym (Anne Hathaway) die eigentliche Hauptfigur der Geschichte. Kym ist zugleich das schwarze Schaf der Familie. Schon früh fing sie an, exzessiv zu trinken und Drogen zu nehmen – mit verheerenden Folgen. Anders als ihre Schwester fühlte sie sich zudem oft missverstanden und ausgegrenzt. Nun heiratet diese Schwester und Kym darf aus diesem Anlass für einige Tage die Entzugsklinik verlassen. Wieder zu Hause dauert es nicht lange, bis erneut ein Streit zwischen ihr und Rachel ausbricht. Auch die ständige Überwachung durch den Vater (Bill Irwin), sein Misstrauen ihr gegenüber, lässt in Kym ein ungutes Gefühl aufkommen. Dass sie kaum einen Schritt unbeobachtet tun kann und sich alles wieder einmal nur um Rachel dreht, ist für sie eine äußerst schmerzhafte Erfahrung.

Anders als einer Lee Holloway – Maggie Gyllenhaals Charakter aus Secretary – fehlt Kym ein Ventil, um die eigene Angst kontrolliert abzulassen. Stattdessen tritt sie die Flucht an, in der vagen Hoffnung zumindest bei ihrer Mutter (Debra Winger) auf Verständnis und Zuspruch zu treffen. Währenddessen laufen die Vorbreitungen für die Hochzeit mehr oder weniger nach Plan. Irgendwann ist auch Kym wieder zurück und die Feierlichkeiten können beginnen.

Die stilistische Nähe zu den Arbeiten der Dogma-Reihe ist in Rachels Hochzeit in jeder Szene evident. Der zuletzt als Dokumentar- und Konzertfilmer tätige Demme setzt auf eine bewegliche Handkamera und verzichtet dabei gänzlich auf künstliches Licht sowie klassische Filmmusik. Der hieraus resultierende Heimvideo-Touch, das Gefühl der Authentizität, weil man glaubt, als Gast einer echten Hochzeit beizuwohnen, produziert mitunter jedoch auch eine Menge Leerlauf. So reiht sich beim „Probeessen“ am Vorabend der Hochzeit eine langweilige Tischrede an die nächste. Die ganze Szene scheint kein Ende nehmen zu wollen, was zwar realistisch sein mag, gleichzeitig die Geduld des Zuschauers aber auf eine harte Probe stellt. Auch die eigentliche Hochzeit wird von Demme mit Aufnahmen des tanzenden Party-Volks unnötig in die Länge gezogen. Insgesamt ließe sich der Film problemlos um über eine halbe Stunde kürzen, ohne dass damit irgendein Substanzverlust verbunden wäre.

Interessant wird es immer, wenn Demme sich von seinen Ambitionen als Hochzeits-Dokumentarfilmer löst und Kyms Gefühlswelt in den Mittelpunkt rückt. Die zumeist auf unverfängliche Komödien abonnierte Anne Hathaway dankt es ihm mit einer zerbrechlichen Darstellung, in der sich die ganze Unsicherheit und Verletzlichkeit ihres Filmcharakters widerspiegelt. Kym hat bei aller vorgeschobenen Coolness nämlich bis heute mit einer schweren Schuld zu kämpfen, deren Ursache erst allmählich enthüllt wird. Souverän meistert Hathaway das enorme Pensum emotionaler Höhen und Tiefen. Selbst wenn letztlich so mancher Konflikt in der ausgelassenen Party-Stimmung untergeht, ist der Film weit davon entfernt, seinen Figuren ein verlogenes Happy End aufzuzwingen. Als Kym wieder in die Entzugsklinik aufbricht, warten viele Wunden weiterhin auf ihre Heilung.

Für Programmkino.de.

Samstag, März 28, 2009

Religulous - Ohgottohgott


USA 2008

++1/2

US-Comedian und Talk-Show-Moderator Bill Maher hat die Religion als Wurzel allen Übels identifiziert. Zumindest glaubt er das, wie sein in Religulous dokumentierter „Kreuzzug“ belegt. In zahlreichen Gesprächen führt Maher religiösen Würdenträgern, Gläubigen und Experten auf den Zahn. Immer unter dem Vorwand, nur Fragen zu stellen, verstricken sich seine Gesprächspartner nicht selten in abstruse Widersprüche. Das macht aus der im Michael-Moore-Stil gehaltenen Dokumentation eine bisweilen recht unterhaltsame Satire, bei der Polemik groß und Information klein geschrieben wird.

Filmkritik:


In den USA zählt Bill Maher zu den profiliertesten Talkshow-Moderatoren und Kabarettisten. Einem großen Publikum wurde er durch die inzwischen eingestellte Late-Night-Show „Politically Incorrect“ bekannt, aber auch als Stand-up-Comedian, Schriftsteller und Kommentator betätigte sich Maher in den vergangenen Jahren. Heute moderiert der Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters die wöchentliche Talk-Show Real Time. Maher nimmt nur selten ein Blatt vor den Mund. Seine oftmals beißende Satire richtet sich sowohl gegen staatliche Institutionen als auch gegen Doppelmoral, Heuchlerei und religiösen Fanatismus. Überhaupt greift der bekennende Agnostiker nur zu gerne das Thema Religion auf – so auch in seiner aktuellen Kino-Dokumentation Religulous.

Darin begibt sich Maher auf eine globale Exkursion, die ihn ausgehend von seiner Heimat USA zu einigen der wichtigsten Orte der großen monotheistischen Weltreligionen führt. Er besucht den Vatikan, wo die Türen für ihn allerdings verschlossen bleiben, den Tempelberg in Jerusalem und die antike Stätte Megiddo, wo laut der Offenbarung des Johannes die endzeitliche Schlacht zwischen Gut und Böse stattfinden wird. Weitere Abstecher führen ihn nach Utah, der Hochburg des Mormonentums, Amsterdam und in den Freizeitpark „Holy Land“ bei Orlando. Überall verwickelt er seine Gesprächspartner, darunter viele geistliche Würdenträger und Gläubige, in teils kontroverse, teils entlarvende Diskussionen über die Bedeutung des Glaubens, Widersprüche zwischen Religion und Wissenschaft sowie religiöse Moralvorstellungen. Maher gibt sich dabei nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden. Er hakt nach, widerspricht und kommentiert.

Unter der kreativen Leitung von Borat-Regisseur Larry Charles zielt Mahers entgegen aller Beteuerungen ganz und gar subjektiver „Kreuzzug“ vor allem auf Pointen. Die Interviews werden immer wieder von kurzen Einspielern oder Videoclips unterbrochen, die Mahers Gegenüber wahlweise als bigotten Frömmler oder reaktionären Fanatiker zu entlarven versuchen. Auf recht ähnliche Weise funktionieren die Filme eines Michael Moore. Wie dieser zeigt sich auch Maher nur selten offen für andere Meinungen, was schade ist, schließlich überraschen doch manche seiner Gesprächspartner wie der Leiter des Vatikan-Observatoriums Pater George Coyne oder der Vatikan-Vertreter Reginald Foster mit ihren aufgeklärten Ansichten. So spricht sich Foster entschieden gegen die von manchen Evangelikalen propagierte wörtliche Auslegung der Bibel mitsamt ihrer Evolutions-feindlichen Kreationismus-Lehre aus.

Für eine wirklich kritische wie informative Auseinandersetzung mit den sensiblen Themen Religion und Glauben eignet sich Religulous aufgrund seiner Polemik nur sehr eingeschränkt. Der Film ist durch und durch Satire und fühlt sich als solche vornehmlich der Unterhaltung verpflichtet. Auf diesem Gebiet funktioniert er dann auch über weite Strecken recht ordentlich. Die Impressionen aus dem Freizeitpark „Holy Land“, wo mehrmals täglich das Leben Jesu als Musical Auferstehung feiert, sind an bizarrem Christen-Kitsch kaum zu überbieten. Zu den weiteren Höhepunkten zählt Mahers Unterhaltung mit einem „geläuterten“, ehemals schwulen Pfarrer, der fortan andere Homosexuelle mit Hilfe der Bibel auf den vermeintlich einzig rechten Pfad zurückführt (Leitmotto: „Homosexuality can change!“).

Zum Ende hin schlägt der Film zunehmend ernste Töne an. Die Menschheit, das ist Mahers feste Überzeugung, muss sich von Religion und Irrglauben emanzipieren. Ansonsten drohe die Welt in Chaos zu versinken. Religion sei gefährlich, weil sie uns Nonsens als unumstößliche Wahrheiten verkaufe und den Menschen nicht zur kritischen Reflexion erziehe. Wenn Maher diese Schlussworte spricht, scheint er sich seiner Sache sehr sicher zu sein. So sicher wie jene, die sich auf das Wort Gottes berufen.

Erschienen bei Programmkino.de.