Montag, Juli 18, 2011

Barney's Version - Ein Selbstzerstörer zum Gernhaben


USA 2010

+++1/2

Sympathieträger stellt man sich gemeinhin anders vor. Mittsechziger Barney ist zynisch, eigensinnig, manchmal sogar verletzend und dem Alkohol nie abgeneigt. Und obwohl das so ist, schließt man ihn früher oder später in sein Herz. Ein Paul Giamatti in Bestform ist nur einer von gleich mehreren Garanten dieses intimen, tragikomischen Zeit- und Personenportraits, das mit bissigem, schwarzem Humor und einer ebenso anrührenden wie inspirierenden Liebesgeschichte aufwartet.

Filmkritik:

Es ist ein Leben, das normal und ungewöhnlich zugleich ist, das von Momenten des reinen Glücks und einer herzzerreißenden Einsamkeit ausgefüllt wird, von Liebe und von Leid. Fernsehproduzent Barney Panofsky (Paul Giamatti) erscheint auf den ersten Blick alle Vorurteile an einen zynischen, verbitterten, alten Kauz erfüllen zu wollen. Mit seinen Kindern pflegt er einen zumeist rauen Umgangston und auch gegenüber seinen Angestellten nimmt er wahrlich kein Blatt vor den Mund – selbst wenn das, was er zu sagen hat, seinen Gesprächspartner verletzten könnte. Barney hat viel erlebt und um zu verstehen, wie er zu dem Menschen geworden ist, der er nun mit fast 70 ist, muss man mit ihm zurück in seine Vergangenheit reisen.

Barney’s Version entwickelt sich auf diesem Weg zu einem intimen und emotional zugleich unglaublich gewaltigen Film. Vom Italien der frühen siebziger Jahre und der Nach-Hippie-Ära, über Montreal bis in das New York der Gegenwart verläuft der Handlungsbogen, aus dem sich Barneys tragikomische Erinnerungen und Anekdoten zusammensetzen. Drei Ehen und zumindest eine ganz große Liebe füllten sein bewegtes Leben aus, zu dem auch das mysteriöse Verschwinden seines einst besten Freundes (Scott Speedman) gehörte. Noch heute gilt er für den seinerzeit ermittelnden Polizeibeamten als der Hauptverdächtige. Barney, ein potentieller Mörder? Es ist nicht zuletzt dieser ungeheuerliche Vorwurf, den der zynische Lebemann mit seiner Version der Ereignisse entkräften will.

Es sind vor allem der bissige, jüdische Witz und Barneys gutes Herz, an dem trotz aller von ihm durchaus gepflegten Misanthropie nie ein Zweifel besteht, die auch in der Verfilmung des berühmten Romans des kanadischen Schriftstellers Mordecai Richler Ton und Stimmung vorgeben. Obwohl Barney seine Mitmenschen nicht immer fair behandelt, obwohl er ganz offensichtlich zu viel trinkt und flucht, kann er sich unserer Sympathien stets gewiss sein. Der Grund dafür ist einfach. Nicht nur mag ein jeder sich zu einem kleinen Teil in ihm wiedererkennen, mag in ihm eigene Fehler und Schwächen entdecken, Barney, so wie er von Giamatti verstanden wird, ist kein Unmensch sondern am Ende seines Leben eher ein Unzufriedener, der auf der Suche nach seinem inneren Frieden ist.

Wir dürfen ihn bei dieser keineswegs leichten Suche begleiten. Dabei lernen wir alte Weggefährten, Freunde, Geliebte und Familienmitglieder kennen. Seinen durchaus eigenwilligen Vater Izzy (Dustin Hoffman) zum Beispiel, dessen unkonventionelle Ratschläge von seinem Sohnemann nicht immer befolgt werden. Oder Barneys erste große Liebe Clara (Rachelle Lefevre), die in seinem Herz für lange Zeit eine gewaltige Lücke hinterlassen hat. Warum Paul Giamatti für diese schon aufgrund ihres anspruchsvollen Zeithorizonts außergewöhnliche Rolle keine Oscar-Nominierung erhielt – nur das Make-up-Team wurde seinerzeit berücksichtigt –, dürfte auf ewig das Geheimnis der Academy bleiben. Giamatti scheint zunächst den misanthropischen Comiczeichner Harvey Pekar aus American Splendor zu reaktivieren, später dann entwickelt sich sein Barney mehr und mehr zu einem Allen-Charakter, dem man bei jedem Blick, jeder Geste Giamattis tief in seine verletzliche Seele zu schauen glaubt.

Giamattis Kollegen – darunter Oscar-Preisträger Dustin Hoffman und die großartige Rosamund Pike als Barneys wahre Liebe Miriam – veredeln schließlich diesen schauspielerisch außergewöhnlichen Film, bei dem Regisseur Richard J. Lewis jederzeit ganz genau wusste, wie er all diese Vorgaben und Zutaten am besten zusammenführen sollte. Er erschuf ein sensibles Charakterstück, das souverän zwischen von Leonard-Cohen-Songs untermalter Sentimentalität und Sarkasmus navigiert. Einen liebenswerteren Selbstzerstörer als Barney wird das Kino so schnell nicht mehr hervorbringen.

Für Programmkino.de.