Freitag, Juni 05, 2009

Drag me to Hell - Zurück im Schmuddel-Wohnzimmer


USA 2009

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Darauf haben Fans lange warten müssen. Sam Raimi, dank Genre-Highlights wie der Tanz der Teufel-Trilogie ungekrönter Horror-Fantast der Achtziger, besinnt sich nach großen Erfolgen im familienkompatiblen Blockbuster-Segment auf seine filmischen Wurzeln. Und diese liegen nun einmal nicht beim braven Peter Parker sondern im eher schmuddeligen Körperflüssigkeiten-Kino wie es auch ein Peter Jackson zu Beginn seiner Karriere zelebrierte. Mit Drag Me to Hell, schon der Titel klingt verheißungsvoll, liefert er mehr als nur eine unscheinbare, angenehm verspielte Fingerübung ab. Er zeigt, dass Horror sich sehr wohl mit Comedy verträgt und dass das Genre im Jahr 2009 mehr als humorlose Folterszenarien und schematische Kopien anzubieten hat.

"Eine schöne Frau als Protagonistin eines Horrorfilms ist nie verkehrt," dachte sich vermutlich Raimi, als er die Hauptrolle mit der engelsblonden Alison Lohmann besetzte. Lohmann, die unter anderem bereits in Tim Burtons Big Fish und Ridley Scotts Tricks zu sehen war, spielt die ehrgeizige, aber eigentlich doch etwas zu gutmütige Bank-Angestellte Christine Brown. Um die vakante Stelle des stellvertretenden Filialleiters zu ergattern, wird sie von ihrem Chef (David Paymer) zu einer härteren Gangart gegenüber säumigen Kreditschuldner ermutigt. Als eine der ersten bekommt das die alte Mrs. Ganush (Lorna Raver) zu spüren, der Christine schweren Herzens eine nochmalige Fristverlängerung verweigert. Die alte Frau fühlt sich daraufhin zutiefst gedemütigt und in ihrer Ehre verletzt. Sie belegt Christine mit einem uralten Zigeuner-Fluch, der das Leben der jungen Frau schon bald in einen Albtraum verwandelt.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle angesichts des nach wir vor grassierenden Remake-Wahns ausdrücklich darauf hinweisen, dass Drag Me to Hell weder auf einer asiatischen noch einer europäischen Vorlage basiert. Die Story ist vielmehr den Hirnwindungen Raimis und seines Bruders Ivan entsprungen, wobei diese sich augenscheinlich von alten Mythen und Legenden inspirieren ließen. Damit erklärt sich auch, warum ihr Film, würde man ihn einmal in seine Einzelteile zerlegen, nur bedingt das Attribut „originär“ verdient. Dass einem vieles vertraut erscheint, tut dem Spaß indes keinen Abbruch - im Gegenteil. Der Wissensvorsprung des Zuschauers wird von Raimi immer wieder geschickt für ein ironisches und selbstreflexives Spiel mit Genre-Konventionen eingesetzt. Man ahnt, dass Drag Me to Hell nur mit einer fiesen und dabei äußerst unterhaltsamen Schluss-Pointe zu Ende gehen kann und ist dann doch überrascht, auf welch elegante Art Raimi die Handlung auflöst.

Von Beginn an lässt der Film keine Zweifel aufkommen, dass er von Raimi vornehmlich als wilde Geisterbahnfahrt für seine treuen Fans der ersten Stunde konzipiert wurde. Wer dagegen mit Saw und Hostel filmisch „sozialisiert“ wurde, wird sich anfangs schwer tun, den Trash-Appeal von Raimis Rückkehr ins Horrorfach vollauf zu goutieren. Für ihn stehen Comedy- und Horror-Elemente gleichberechtigt nebeneinander, wobei keine Idee zu abwegig oder abstrus erscheint, als dass er sie nicht in die gleichsam abstruse Handlung unterbringen könnte. Da wird wie selbstverständlich ein Ziegenbock zur gemeinschaftlichen Geisteraustreibung mitgebracht oder das geliebte Haustier den dunklen Mächten geopfert. Erlaubt ist, was gefällt und was auf seine Weise entweder spannend, komisch, trashig oder einfach eklig ist.

Hauptdarstellerin Alison Lohmann wird hier von Raimi so Einiges zugemutet. Mal sind es Schleim- und Blutfontänen, die sich über sie ergießen, dann wiederum drapiert man nur bedingt appetitliches Getier auf ihrem schönen Gesicht. Die Lohmann meistert all diese Szenen souverän. Sogar ein Ganzkörperschlammbad kann die Schauspielerin nicht aus der Fassung bringen. Diese Vorliebe für perfekt getimte Geschmacklosigkeiten wirkt wie der gesamte Film im positiven Sinn antiquiert und erinnert darüber hinaus an Genre-Klassiker wie Poltergeist oder Nightmare on Elm Street. Nicht zufällig stammen auch die aus den Achtzigern, einem Jahrzehnt, das Raimi als Horror-Regisseur maßgeblich mitprägte. Drag Me to Hell orientiert sich ungeachtet aller handwerklichen Parallelen in Stimmung und Tonalität allerdings mehr an Armee der Finsternis als an Raimis erster Tanz der Teufel-Arbeit.

Nun soll nicht der falsche Eindruck entstehen, Raimis charmanter Nostalgie-Trip sei womöglich ein bewusst schlampig inszeniertes B-Movie. Gemessen an den üblichen Budget-Standards des Genres ist dieses Werk nämlich immer noch eine astreine Blockbuster-Produktion, die vom Verleih ähnlich offensiv vermarktet wird. Dazu gehört, dass Raimi mit Blick auf das Rating die Gewaltdarstellungen eher sparsam dosiert. Wenn die legendären Make-up-Künstler Howard Berger und Gregory Nicotero tätig werden, wird es daher nur selten richtig unangenehm. Statt auf allzu brutale Schockmomente setzen Raimi und sein Team auf comichafte Überzeichnungen, die in ihrer spielerischen Naivität mehr an die Illustrationen eines düsteren Märchens denn an einen Horrorfilm erinnern. Und wie in einem Märchen sind die Rollen klar verteilt. Während das eingeschüchterte Aschenputtel sich des Angriffs der bösen Hexe erwehren muss, kämpft ihr Prinz (Justin Long) gegen seine Mutter (Molly Cheek), die eine Verbindung ihres Sohnes mit Aschenputtel als nicht standesgemäß erachtet.

Für wohligen Grusel sorgen da schon eher die ausgeklügelten Soundeffekte und Ton-Arrangements. Vor allem die Musik von Christopher Young bleibt im Gedächtnis. Sein effektvolles Leitthema veredelt einen Film, der trotz weitgehend bekannter Dramaturgie nicht eine Sekunde langweilt. Für die Zukunft würde man sich jedenfalls wünschen, dass Raimi noch öfters eine kreative Auszeit vom großen Blockbuster-Kino nimmt.

Für BlairWitch.de.

6 Comments:

Blogger Franzi said...

Wer dagegen mit Saw und Hostel filmisch „sozialisiert“ wurde, wird sich anfangs schwer tun

Mist! Zu denen muss ich mich wohl zählen.

Ich hab letztens die Vorschau im Kino gesehen und konnte mich einfach nicht entscheiden ob ich sie gut finde oder nicht. Die Story an sich hatte mich nicht überzeugt aber die Alte Frau war schon echt gruselig.

Ich denke ich geb dem Film ne Chance.

Juni 07, 2009 3:07 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ja, mach das! ich glaube, Du wirst nicht enttäuscht, wenn Du den film vor allem als spaßige geisterbahn-fahrt verstehst.

kennst Du raimis "Tanz der Teufel"?

Juni 07, 2009 4:58 nachm.  
Blogger Franzi said...

Ach das ist doch dieser alte Film oder? Aus den 80ern oder so? Nee, ich hab glaub ich mal den Anfang gesehen, aber ich steh nicht so auf alte Horrorfilme. Hab letztens im Fernsehen "Das Dorf der Verdammten" gesehen. Die Carpenter Version. Hab mich da schon zu tode gelangweilt. Die Storys sind gut aber die Effekte lahm. Schimpf mich Banause aber ich bin so ein typisches amerikanische-Remakes-Opfer^^

Juni 07, 2009 5:11 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

genau. und die effekte sind natürlich eher zum lachen, da gebe ich Dir recht. dennoch zeigt er, mit wieviel herzblut raimi einen horrorfilm inszeniert. und genau dieses gefühl ist auch in "Drag me to Hell" allgegenwärtig.

Juni 07, 2009 6:29 nachm.  
Blogger a.montana said...

Hallo Marcus !!!
Habe jetzt schon viele Kritiken zu diesem Film gelesen und leider werden sie meinen Erwartungen nicht gerecht. Ich weis ja nicht wie es dir erging, aber als ich den Trailer das erste mal gesehen habe, war ich voller Begeisterung (wie schon lange nicht mehr). Lange ist es her das mich eine Vorschau soo sehr in seinen Bann gezogen hat. Doch leider ist mir nun auch bewusst (wie ich es mir aber auch schon gedacht hatte) das der Film diesen Erwartungen nicht ganz stand halten kann. Kannst du mit evtl. einen Vergleich geben bei welchen Filmen du ähnliche Emotionen hattest ,beim Schauen, wie bei diesem. Dann könnte ich Vergleiche ziehen.

PS: ich hoffe das du dich beim Vergleich mit "Armee der Finsternis" geirrt hast, denn dieser war nun nicht so mein Fall.

Juni 25, 2009 10:22 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

Hmm,sehr schwierig ist das. "Drag me to Hell" ist im heutigen Horror-Genre schon recht speziell in seiner Verquickung von Horror, Suspense und durchaus ironischen (Selbst-)Zitaten. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, wenn Du die Erwartungen nicht ganz so hoch hängst. Ansonsten läuft man doch auch bei einem guten Film schnell Gefahr, dass man am Ende entäuscht das Kino verlässt.

Ich würde den Film am ehesten mit einer Fahrt in der Geisterbahn vergleichen wollen ;)

Juni 27, 2009 3:46 nachm.  

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