Dienstag, Juni 16, 2009

State of Play - Stand der Dinge


USA 2009

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Die von der BBC produzierte Mini-Serie Mord auf Seite eins diente als Vorlage für Kevin Macdonalds Polit-Thriller State of Play – Stand der Dinge, der mit Russell Crowe, Ben Affleck und Helen Mirren gleich drei Oscar-Preisträger aufbietet. Doch große Namen allein garantieren noch kein überzeugendes Ergebnis. Bei dem Versuch, Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen zu imitieren, zeigen sich doch deutliche Defizite.

Filmkritik:

Als der erfahrene Journalist des „Washington Globe“ Cal McAffrey (Russell Crowe) an einen Tatort beordert wird, an dem am Vorabend ein Mensch erschossen und ein weiterer schwer verletzt wurde, deutet zunächst vieles auf ein Verbrechen im Milieu und kaum etwas auf eine politisch motivierte Tat hin. Doch mit dem nur wenige Stunden später bekannt gewordenen Selbstmord einer engen Vertrauten des aufstrebenden Kongress-Abgeordneten Stephen Collins (Ben Affleck) ändert sich plötzlich Cals Sichtweise auf den Fall. Der Tod der jungen Frau löst im politischen Washington ein Erdbeben aus. Schon bald wird gemutmaßt, dass Collins Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin nicht rein beruflicher Natur war. Der so Beschuldigte gerät immer stärker in die Defensive, bis er schließlich bei einer öffentlichen Anhörung die Nerven verliert.

Auch ohne eine journalistische Spürnase oder ein besonderes Faible für Verschwörungstheorien ahnt man zu diesem Zeitpunkt bereits, dass die ganze Wahrheit weitaus komplexer, schmutziger und gefährlicher ist. Für die weiteren Recherchen bekommt Cal von seiner anfangs misstrauischen Chefin (Helen Mirren) eine junge, noch recht unerfahrene Kollegin (Rachel McAdams) aus der Online-Redaktion an die Seite gestellt. Doch die lässt sich von dem schroffen Umgangston ihres Kollegen nicht entmutigen. Immerhin spürt auch sie, dass sie da an einer ganz großen Story dran sind.

Bei State of Play handelt es sich um die Hollywood-Adaption der sechsteiligen BBC-Serie Mord auf Seite eins. Die politisch brisante Geschichte erfuhr infolge des Formatwechsels eine deutliche Straffung und Kürzung. Angesichts des komplexen Themas und der Vielzahl an Charakteren wundert es nicht, dass die Kinoversion daher gegenüber dem britischen Original in vielerlei Hinsicht den Kürzeren zieht. Insbesondere die Recherche-Arbeit der engagierten „Globe“-Journalisten bricht das Drehbuch von Tony Gilroy, Billy Ray und Matthew Carnahan zu oft auf die Ebene einer unglaubwürdigen Schnitzeljagd herunter wie man sie aus weniger ambitionierten Produktionen zur Genüge kennt.

Hinzu kommt, dass der Film überhaupt nur wenig Aufwand und Zeit in eine differenzierte Charakterzeichnung investiert. Russell Crowes kantiger, von einem fast schon pathologischen Gerechtigkeitssinn getriebener Journalisten-Haudegen alter Schule erfüllt alle Klischees, die man als Zuschauer über dessen Berufsstand seit Die Unbestechlichen so haben kann. Richtig ärgerlich wird es jedoch erst, wenn sich State of Play bisweilen wenig differenziert über die Arbeit von Online-Journalisten äußert. Tenor: Nur was tatsächlich in gedruckter Form publiziert wird, darf sich mit dem Etikett des „Qualitäts-Journalismus“ schmücken. Blogs seien dagegen das digitale Pendant zur Yellow Press und ihre Betreiber „Blutsauger“.

Mit jeder Wendung, die der Plot zum Ende hin nimmt, entfernt sich State of Play etwas weiter von seinem durchaus spannenden Sujet. Die Frage, welche Konsequenzen und Interessenskonflikte aus einer Privatisierung hoheitlicher Aufgaben erwachsen, tritt zugunsten einer wenig spektakulären Thriller-Logik in den Hintergrund, in der Freund und Feind erwartungsgemäß mehrmals die Rollen wechseln dürfen. Aus der Tatsache, dass multinationale Militärdienstleister wie „Blackwater“ – diesem realen Vorbild ist die Film-Version „Pointcorp“ zweifelsfrei nachempfunden – unsere demokratische, rechtsstaatliche Kultur bedrohen, schlägt Kevin Macdonalds oberflächlicher Polit-Thriller letztlich zu wenig Kapital.

Für Programmkino.de.

5 Comments:

Blogger Flo Lieb said...

Nur zwei "+"? Und dabei kriegt doch sonst eigentlich jeder Film hier mind. "+++". Fand State of Play sehr gelungen :P

Juni 17, 2009 8:16 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

bedenkt man das potenzial (die vorlage, die schauspieler, der regisseur), so ist das ergebnis doch wirklich ernüchternd.

gerade das journalisten-bild trieft nur so vor unverzeihlicher klischees.

Juni 17, 2009 8:33 nachm.  
Blogger Flo Lieb said...

Die Vorlage war (in meinen Augen) ja die größte Schlaftablette schlechthin. Und die hat mit Klischees ja auch nicht gespart. Zudem, welcher Film über Journalisten spiegelt schon ein authentisches Journalisten-Bild wieder?

Juni 17, 2009 11:15 nachm.  
Anonymous Thomas said...

@Marcus: Ernüchternd? ERNÜCHTERND? Es geht um ein wichtiges politisches Thema, die Story wird spannend erzählt, die Kameraarbeit ist auf sehr hohem Niveau, der Score ist überdurchschnittlich. Und natürlich ist das Journalistenbild fiktiv, stört Dich das bei Ärzten, Polizisten, Gerichtsmedizinern und Wissenschaftlern im Kino auch? SchönerDenken war zu viert im Kino und unser einstimmiges Ergebnis war: 9 von 10. So, das musste ich jetzt los werden. "Ernüchternd" ... ts, ts, ts

Juni 20, 2009 1:41 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ thomas

allein die schlichte einteilung der figuren in gut/böse-schablonen und die des print- und online-journalismus (das eine schlecht und mies, das andere über jeden zweifel erhaben) zeigt, wie ernst der film seine themen wirklich nimmt.

Juni 20, 2009 5:31 nachm.  

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