Montag, Juli 13, 2009

The Universe of Keith Haring - Kunst-Demokrat


IT/F 2008

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Er gilt als einer der einflussreichsten Künstlern des späten 20. Jahrhunderts: Keith Haring revolutionierte mit seinen unverwechselbaren Bildern, Zeichnungen und Graffitis die Popkultur. Längst sind seine Werke moderne Ikonographien, die sowohl T-Shirts als auch Museen zieren. The Universe of Keith Haring zeichnet den Werdegang des exzentrischen Workaholics nach. Aus zahlreichen Archivaufnahmen, O-Tönen und einem Interview, das Haring wenige Monate vor seinem Tod gab, rekonstruiert der Film das Bild einer außergewöhnlichen Künstler-Persönlichkeit.

Filmkritik:

Keith Harings Credo war eindeutig: Mit den Worten „Kunst ist für jeden!“ wurde der für seine stilisierten Figuren weltberühmt gewordene Haring immer wieder zitiert. Ihm gelang es, dass Kunst für jedermann erfahrbar und erlebbar wurde. Weil viele Menschen nicht ins Museum gehen, brachte er das Museum einfach zu den Menschen. Er malte auf der Straße, in U-Bahn-Stationen, Schulen und an anderen öffentlichen Plätzen, mit dem Ergebnis, dass seine inkonographischen Zeichnungen schon bald Eingang in die moderne Popkultur fanden. Auch heute noch sind seine Motive allgegenwärtig, egal ob auf T-Shirts, Postern, Tassen oder den für Haring so charakteristischen Buttons. Der popkulturelle Einfluss verband ihn darüber hinaus mit Andy Warhol, der Haring als väterlichen Freund und Unterstützer in der vitalen New Yorker Kunstszene der achtziger Jahre bekannt machte.

In ihrer Dokumentation The Universe of Keith Haring, die hierzulande schlicht „Keith Haring“ betitelt wurde, begibt sich die italienische Filmemacherin Christina Clausen auf die Spuren des vielleicht populärsten und einflussreichsten Künstlers der vergangenen dreißig Jahre. Bis zu seinem viel zu frühen Tod im Jahr 1989 produzierte Haring unzählige Zeichnungen, Graffitis und Bilder. Clausen entschied sich für eine weitgehend chronologische Aufarbeitung von Harings viel zu kurzem Leben. Wir lernen seinen beschaulichen Heimatort Kutztown kennen, seine Familie und sein Zuhause. Und wir erfahren, dass er die Liebe zum Zeichnen von seinem Vater geerbt hatte, der ihm nicht nur Kohlestifte schenkte, sondern ihm zugleich erste Grundkenntnisse im Zeichnen vermittelte. So konventionell dieser Ansatz unter filmischen Gesichtspunkten auch sein mag – immerhin sind die meisten biographischen Dokumentationen nach dem exakt gleichen Schema aufgebaut –, Clausens Entscheidung hilft dabei, einen Zugang zu der Privatperson Keith Haring aufzubauen, über die sich der Künstler und Paradiesvogel Haring im weiteren Verlauf erst erklärt.

In zahlreichen Interviews mit Freunden, Weggefährten und Förderern begibt sich Clausen auf die Suche nach dem, was Haring und dessen Kunst so einzigartig machte. Dabei spielt es letztlich keine so große Rolle, ob sie gerade mit Kenny Scharf, Harings langjährigem Künstlerfreund, Bruno Schmidt, Harings Professor an der New Yorker School of Visual Arts, oder anderen engen Vertrauten spricht. Alle beschreiben ihn als einen kreativen Tausendsassa, rastlos, voller Ideen und stets auf der Suche nach neuen Projekten. Schon lange bevor er wusste, dass er an AIDS erkrankt war, arbeitete er wie ein Besessener.

Haring selbst kommt auch zu Wort. Neben Archivaufnahmen, die ihn bei spontanen Aktionen in der New Yorker U-Bahn oder bei seinen zahlreichen Auslandsreisen zeigen – selbst die Berliner Mauer diente ihm als Leinwand –, blickt er in einem wenige Monate vor seinem Tod aufgenommenem Interview mit dem renommierten Kulturjournalisten John Gruen auf sein äußerst bewegtes Leben zurück. Wenn er über die prägenden Einflüsse seiner Arbeit spricht, die einen Bogen von Walt Disney über Warhol bis zu gänzlich unbekannten Straßen-Künstlern schlägt, erkennt man plötzlich Harings kindlich-naive Freude an dem, was ihn Zeit seines Lebens beschäftigte.

Clausens Film ist jedoch mehr als nur ein Künstler-Portrait. The Universe of Keith Haring funktioniert zugleich als das spannende Dokument einer gesellschaftlichen Sollbruchstelle. Auf die liberalen Siebziger folgte der Konservatismus der Reagan-Ära. Die Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas bekam insbesondere die schwule New Yorker Subkultur zu spüren, der Haring angehörte. Mit dem Aufkommen von AIDS, zunächst despektierlich als „gay cancer“ umschrieben, war vielen nicht mehr nach ausschweifenden Partys und sexuellen Abenteuern zu Mute. Im Film wird dieser Stimmungsumschwung durch die Überblendung mit Harings frühem Tod noch verstärkt. Er lässt einen nachdenklich und voller Wehmut zurückblicken.

Für Programmkino.de.

1 Comments:

Anonymous Nils said...

Der Film kann übrigens auf Arte+7 in voller Länge angesehen werden: http://plus7.arte.tv/de/1697660,CmC=2761222,scheduleId=2734662.html

Juli 29, 2009 1:03 nachm.  

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