Donnerstag, November 19, 2009

Tannöd - Dunkle Tannen


D 2009

++

Ein dunkler Wald, unheilvoller Nebel und eine beunruhigende Stille. Die ersten Szenen von Bettina Oberlis Roman-Verfilmung Tannöd arbeiten mit den klassischen Bildern und Motiven des Suspense- und Horror-Kinos. In der Abgeschiedenheit dieser ländlichen Einöde ereignet sich kurz darauf ein grausames Verbrechen. Auf dem Tannödhof der Familie Danner werden sechs Menschen brutal mit einer Spitzhacke erschlagen. Der Mörder zeigt kein Erbarmen und verschont selbst die kleinen Kinder der Familie und die neue Magd nicht. Wie Tiere verenden die Opfer in ihrem eigenen Blut. Als der erste Zeuge die Kunde von dem Sechsfachmord in das nächste Dorf trägt, steht jedem Bewohner der Schock ins Gesicht geschrieben.

Zwei Jahre später kehrt die junge Krankenpflegerin Kathrin (Julia Jentsch) in genau dieses Dorf, den Ort ihrer Kindheit, zurück. Der Anlass ist indes wenig erfreulich. Ihre Mutter, die sie kaum gekannt hatte, ist gestorben. Nun will sie an der Beerdigung teilnehmen und noch einige Dinge erledigen. Unterstützung erfährt sie von der alten Traudl Krieger (Monica Bleibtreu), einer engen Freundin ihrer Mutter. Traudls Schwester war jene Magd, die seinerzeit auf dem Tannödhof erschlagen wurde und deren Mörder bis heute nicht gefasst wurde. Während die Dorfgemeinschaft fest daran glaubt, dass die Tat von einem Fremden verübt wurde – zu einem solchen Verbrechen wäre schließlich niemand von ihnen fähig –, ist sich Traudl sicher, dass der Mörder immer noch unerkannt unter ihnen lebt.

Traudls Anschuldigungen fallen auf fruchtbaren Boden. Argwohn und Misstrauen gedeihen in dem kleinen Dorf prächtig. Insgeheim verdächtigt jeder jeden, was nicht verwundert, hatte sich der alte Danner (Vitus Zeplichal) doch zu Lebzeiten nicht wenige Feinde gemacht. Bei Oberli ist dieses unheilvolle Klima aus Dorf-Klatsch, Verleumdungen und Bigotterie jederzeit spürbar. Die Bilder und Motive künden von einer fast schon klaustrophobischen Enge eines frommen Heile-Welt-Surrogats. Mit der Zeit kommen immer weitere dunkle Wahrheiten ans Licht, was der Aufklärung des Falls letztlich aber nur bedingt zuträglich ist. Eher gleicht Tannöd in seiner Konstruktion und Dramaturgie einem undurchsichtigen Labyrinth, bei dem der Rückweg längst versperrt wurde.

Ohne rettende Brotkrumen fällt es auch als Zuschauer nicht immer leicht, sich im komplexen Beziehungsgeflecht der Dorfgemeinschaft zu Recht zu finden. Viel schwerer als die zeitweiligen Orientierungsprobleme, die durch den urbayerischen Dialekt zumindest bei Nordlichtern noch verstärkt werden dürften, wiegt jedoch Oberlis sehr theaterhafte und statische Inszenierung. Dadurch büßt Tannöd einiges von seiner anfänglichen, kunstvoll etablierten Faszination und Spannung ein. Selbst wenn der Film erkennbar als Dorfdrama und nicht als reißerischer Thriller oder gar Horrorbeitrag funktionieren soll, strapazieren die überlangen Dialogszenen wie beim Leichenschmaus für Kathrins Mutter auch ansonsten geduldige Naturen. Dass die auf einem wahren Fall aus dem Jahr 1922 beruhende Mord-Geschichte zuvor bereits als Bühnenstück aufgeführt wurde, ist in diesen Momenten ein naheliegender Gedanke.

Dabei vereint auch die Kinofassung von Andrea Maria Schenkels Bestseller ein hochkarätiges Ensemble. Allen voran die im Mai verstorbene Monica Bleibtreu drückt in der Rolle der verbitterten Traudl dem Film ihren Stempel auf. Bedenkt man, dass sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits schwer erkrankt war, erscheint es umso beeindruckender, mit welcher Kraft und Vitalität sie hier auftritt. Gegen ihre Präsenz zieht selbst eine wandlungsfähige Aktrice wie Julia Jentsch den Kürzeren. Als Danners älteste Tochter Barbara bleibt die bislang vor allem im Theater anzutreffende Münchnerin Brigitte Hobmeier mit ihrer überaus couragierten Darstellung einer zerbrochenen und geschundenen Seele im Gedächtnis.

Tannöd ist schon aufgrund seiner durchweg starken Schauspielleistungen und seiner recht atmosphärischen Schilderung einer ländlichen Schein-Idylle wahrlich kein schlechter Film. Er bleibt nur konstant unter seinen Möglichkeiten. Dass praktisch zeitgleich mit Michael Hanekes Cannes-Gewinner Das weiße Band eine doch sehr ähnliche Geschichte im Kino erzählt wird, die in ihrer gnadenlosen Sezierung einer von Inzest, Gewalt und falscher Frömmigkeit verseuchten Gemeinschaft so ziemlich alles richtig macht, kommt erschwerend hinzu. Jeden Vergleich mit diesem Meisterwerk kann Tannöd nur verlieren.

Für BlairWitch.de.

1 Comments:

Anonymous Megan said...

Wow, das alles klingt ja echt schrecklich...Ich muss den FIlm unbedingt sehen. Danke für den Tipp.

November 19, 2009 1:18 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

<< Home