Samstag, Oktober 10, 2009

Thirst - Durst


ROK 2009

++1/2

Der Vampir-Mythos ist mindestens so unzerstörbar wie die Blutsauger selber. Solange diese nicht mit Sonnenlicht in Berührung kommen oder von Kruzifixträgern gejagt werden, kann die Erben des transsilvanischen Grafen Dracula kaum etwas aus der Ruhe bringen. Und auch im Kino erfreut sich der Vampir einer ungebrochenen Beliebtheit. Egal ob Mainstream (Twilight) oder Indie (So finster die Nacht), nirgendwo ist man vor ihm und seinen Fängen sicher. Mal gibt er sich keusch und unschuldig, dann wieder lässt er recht ungeniert die Sau raus, was dann meist in einem ekstatischen, nicht-jugendfreien Blutrausch endet. Auch Koreas Ausnahmeregisseur Park Chan-wook, dessen Rache-Trilogie zweifellos zu den Meilensteinen modernen asiatischen Kinos zählt, ist der Faszination für Vampir-Geschichten erlegen. Zumindest muss man das stark vermuten, wenn man seinen neuen Film Thirst – Durst als Referenz heranzieht, der bei den Filmfestspielen in Cannes bereits mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet wurde.

Es beginnt alles ganz harmlos. Der Wunsch, Gutes zu tun, bewegt den katholischen Priester Sang-hyun (Song Kang-ho) dazu, an einem durchaus riskanten Experiment teilzunehmen und sich als menschliches Versuchskaninchen zur Verfügung zu stellen. Bei Tests soll ein neuer Impfstoff gegen das aggressive Emmanuel-Virus erprobt werden. Doch das Vorhaben misslingt. Alle Patienten sterben, auch Sang-hyun. So scheint es zunächst. Plötzlich sendet der für tot erklärte Körper jedoch hierzu konträre Signale. Der Herzschlag setzt wieder ein, das Bewusstsein kehrt zurück und es stellt sich – gewissermaßen als Nebenwirkung nach zahllosen Transfusionen – bei Sang-hyun ein reichlich seltsames Verlangen nach menschlichem Blut ein, das er anfangs zu verdrängen sucht.

Während der Gottesmann noch wie ein neuer Heilsbringer gefeiert wird, reift in ihm längst eine dunkle Sehnsucht heran. Von der ahnt die resolute Madame Ra (Kim Hae-sook) nichts, als sie ihn zu sich nach Hause einlädt, wo er auf einen alten Schulfreund trifft. Kang-woo (Shin Ha-kyun) ist ein ziemlicher Jammerlappen, ein Muttersöhnchen und die Reinkarnation des eingebildeten Kranken, der sich von unserem Priester eine Art Wunderheilung erhofft. Die bleibt zwar aus, dafür verliebt sich Sang-hyun unsterblich in Tae-ju (Kim Ok-vin), die hübsche Ehefrau des um Mitleid buhlenden Milchbubis. Alle Anstrengungen, dies zu leugnen, bleiben erfolglos. Am Ende sind Blutdurst und Fleischeslust einfach zu übermächtig und es kommt zu einer für beide gefährlichen Liaison.

Das Interessante an dieser vermutlich nicht nur in den Augen des Vatikans sündigen Affäre ist der darin angelegte Rollentausch. So geht die Initiative eindeutig von Tae-ju aus. Sie ist es auch, die Sang-hyun mehrmals dazu drängt, ihr Blut zu trinken. Weil sie ihr altes, eintöniges Leben satt hat und sich der ständigen Kontrolle durch ihre herrschsüchtige Schwiegermutter nicht länger aussetzen will, ergreift sie die Chance zur Flucht. Sang-hyun zögert dagegen. Ihn quält lange Zeit sein Gewissen. Und er kämpft gegen seine Erziehung, gegen seinen Glauben und nicht zuletzt auch gegen das Zölibat. Nun ist der Geist zwar willig, doch der Körper bekanntlich schwach und Sang-hyuns Widerstand irgendwann gebrochen.

Überhaupt spielt Körperlichkeit in den Filmen des Park Chan-wook seit jeher eine besonders große Rolle. Das war schon in Oldboy so, als der eingekerkerte Oh-Daesu mit seiner ganzen Physis gegen die eigene Gefangenschaft rebellierte. In Thirst kommt es nun nicht nur zu dem für Vampirgeschichten charakteristischen Biss in Hals und Arme, auch andere Körperflüssigkeiten tauschen Tae-ju und ihr Vampir-Freund regelmäßig an den unterschiedlichsten Orten aus. Park gewährt den Liebesszenen viel Raum, womit er den erotischen Subtext des Vampir-Mythos offen betont und ihn anders als beispielsweise eine Stephenie Meyers nicht in einer unschuldigen, christlich eingefärbten Teenager-Romanze versteckt. Ohnehin richtet sich sein Film an ein gänzlich anderes Publikum. Eine Freigabe ab 12 Jahren ist schon aufgrund der expliziten Gewaltszenen – von Blut saugen über Blut lecken bis Blut kotzen wird so ziemlich alles geboten – unwahrscheinlich.

Thirst gleicht einem Fest für die Sinne. Aufwändige Kamerafahrten, dekorative Shots, ein eingängiger, wuchtiger Klassik-Score, die Handschrift des kreativen Workaholic Park ist unverkennbar. Wenn Tae-ju und Sang-hyun des Nachts über die Dächer der Stadt schweben und scheinbar mühelos an Häuserwänden emporklettern, verliert sich der Film für einen Augenblick in der Magie betörend schöner (Kino-)Bilder.

Über das Ausstellen solcher und anderer Äußerlichkeiten vergisst Park allerdings bisweilen seine Protagonisten und ihr Schicksal. Irgendwie bleibt da immer eine unsichtbare Barriere, eine Distanz, die er erst mit der letzten Szene und einem einprägsamen Schlussbild einreißt. Zuvor dominieren abseits der blutigen Intermezzi eher die grotesken Momente. Der gesamte Handlungsstrang um Tae-jus mehr als wundersame Sippschaft ist reiner Komödienstoff, vollgestopft mit absurden Ideen, von denen manche sicherlich auf das Konto eines für uns Europäer mitunter befremdlichen asiatischen Humors gehen.

Thirst ist folglich kein Vampirfilm zum Fürchten oder Gruseln. Parks Interpretation der Legende kann weder schocken noch verunsichern. Dafür liegt die Betonung einfach zu sehr auf den heiteren bis absurden Einfällen. Nach einem atmosphärischen Einstieg zerfasert der Plot zudem immer weiter, was den Verdacht nährt, dass Thirst etwas zu wenig Substanz für seine 133 Minuten mitbringt. Dazu passt es, dass der theologische Unterbau, immerhin ist Sang-hyun ein Mann Gottes, weitgehend unangetastet bleibt. Ein Film der verpassten Chancen – wenngleich auf insgesamt hohem Niveau.

Für BlairWitch.de.