Montag, September 07, 2009

District 9 - Vorhof zur Hölle


USA/NZL 2009

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Wozu geschicktes Viral-Marketing in der Lage ist, das hat im vergangenen Jahr die J.J. Abrams Produktion Cloverfield bewiesen. Lange vor Kinostart leckte sich die Internet-affine Zielgruppe nach jedem noch so nichtssagenden Ausschnitt die Finger. Immer neue Videoschnipsel heizten gezielt den Hype um das wie ein Staatsgeheimnis gehütete Filmprojekt an. Obwohl bei soviel im Vorfeld geschürten PR-Getöse stets die Gefahr bestand, dass der derart geköderte Zuschauer das Kino eher enttäuscht als begeistert verlässt, ging die Rechnung letztlich auf.

Auch wenn es nicht ganz klar ist, ob sich die Macher von District 9 den Monsterangriff auf Manhattan bei der Vermarktung ihres Films zum Vorbild nahmen, experimentierte man gleichsam mit mysteriösen Plakataktionen und anderen eher ungewöhnlichen Werbeformen. Dass ausgerechnet Peter Jackson als finanzieller Förderer des Projekts auftrat, dürfte dem Erfolg ebenfalls nicht abträglich sein. Dabei sollte Regisseur Neill Blomkamp für Jackson eigentlich das populäre Videospiel „Halo“ verfilmen. Weil die an der Umsetzung beteiligten Studios jedoch kalte Füße bekamen, wurde das Vorhaben auf Eis gelegt. Gewissermaßen als Entschädigung durfte Blomkamp für das vergleichsweise bescheidene Budget von 30 Mio. Dollar seine eigene Filmidee umsetzen. Jackson übernahm die Finanzierung – vermutlich aus der Portokasse.

Der erst 30-jährige Regisseur hat sich bisher vorrangig als Special-Effects-Tüftler und Werbefilmer einen Namen gemacht. Vor vier Jahren drehte Blomkamp den Kurzfilm Alive in Jo’Burg über eine Alien-Invasion in seiner südafrikanischen Heimat. Dieses Szenario greift er in District 9 wieder auf. Über der Acht-Millionen-Metropole Johannesburg ist ein gewaltiges Raumschiff gestrandet, das seit rund zwei Jahrzehnten manövrierunfähig und bewegungslos am Himmel klebt. Die Insassen, 1,8 Mio. Außerirdische, wurden von der Regierung bereits kurz nach der Havarie in ein Auffanglager gebracht, wo sie unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Die Neuankömmlinge sind in der Bevölkerung nicht gerade beliebt. So wären die Bewohner der angrenzenden Townships – und nicht nur die – lieber heute als morgen ihre extraterrestischen Nachbarn los. Schließlich sieht sich die Regierung zum Handeln gezwungen. Die aufgrund ihres Aussehens abwertend als „Prawns“ bezeichneten Aliens sollen in ein neues, größeres Lager außerhalb der Stadt umziehen.

Auftritt: Wikus van de Merwe (Sharlto Copley). Der etwas steife, scheinbar überforderte Bürokrat soll die Umzugs-Operation leiten und zugleich für einen möglichst geräuschlosen Transport der Außerirdischen sorgen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Bei einer Hausdurchsuchung in „District 9“ kommt Wikus mit einer zunächst unbekannten Flüssigkeit in Kontakt. Diese verwandelt seinen linken Arm nach und nach in ein Greifwerkzeug der Aliens. Wikus wird sogleich isoliert und zwecks weiterer Untersuchungen in ein geheimes Labor gebracht. Da er als einziger Mensch nunmehr die biochemischen Waffen der Aliens bedienen kann, ist er plötzlich ein heiß begehrtes Forschungsobjekt. Um nicht als Versuchskaninchen zu enden, entschließt er sich zur Flucht.

District 9 nutzt gerade zu Beginn das Format der fiktiven TV-Reportage wie man es hierzulande aus Serien wie Stromberg kennt. Ein Kamerateam begleitet Wikus bei seiner Arbeit, während in Interviews seine Kollegen, Freunde und Angehörigen zu Wort kommen. Letzteres lässt bereits früh erahnen, dass die ganze Sache für Wikus kein wirklich gutes Ende nehmen wird. Der Spannung tut dies jedoch keinen Abbruch. Der überwiegende Einsatz der Handkamera und von Bildern aus Überwachungsstationen – auch in Südafrika gilt offenbar: Big Brother is Watching You! – erzeugen eine mit Hochglanz-Kinobildern im Cinemascope-Format nur schwer herstellbare Nähe und Authentizität. Die düsteren, fast entcolorierten Bilder wirken bisweilen, als habe Blomkamp sie aus einem apokalyptischen Endzeitszenario herauskopiert. Das Alien-Ghetto als der Vorhof zur Hölle.

Nicht nur an dieser Stelle drängt sich der Vergleich zum dystopischen Children of Men förmlich auf. Beide Filme spielen sehr selbstbewusst und überzeugend mit einem politischen Subtext, der soziale Missstände zwar bewusst überzeichnet, dabei aber nie seine realistische Verankerung im zeitgeschichtlichen Hier und Jetzt aufgibt. Der Schauplatz Südafrika weckt beispielsweise Assoziationen zum menschenverachtenden Apartheid-System, das von Blomkamp kurzerhand auf die Situation der Außerirdischen übertragen wurde. In der Tat bestimmen Ausgrenzung, Misstrauen und rassistische Ressentiments damals wie heute den Alttag von Millionen Menschen. Ganz nebenbei widerlegt Blomkamps intelligenter SciFi-Thriller alle Skeptiker, die glaubten, Actionfilme müssten zwangsläufig hohl und reaktionär sein.

Mit Sharlto Copley besitzt District 9 den perfekten Hauptdarsteller. Die erzwungene Metamorphose vom schüchternen Schreibtischtäter zum knallharten Action-Helden mag auf dem Papier reichlich unglaubwürdig klingen, so wie Copley sie interpretiert, erscheint der Rollenwechsel allerdings vollkommen plausibel. Wikus’ Wandlung folgt letztlich einer groben Dreiteilung der Geschichte in semi-dokumentarische Einführung, den mittleren Auf-der-Flucht-Part und einer lauten, etwas zu langen Materialschlacht, bei der Blomkamp seine Vorliebe für Roboter und verchromten Stahl voll auskosten darf. Der Südafrikaner zaubert mit bescheidenem Budget eine mitreißende, emphatische SciFi-Story, bei der erst hinterher auffällt, dass sie das bekannte Invasions-Thema nur äußerst raffiniert variiert.

Für BlairWitch.de.

4 Comments:

Blogger Flo Lieb said...

"Vorhof zur Hölle" - wie reißerisch :-D

September 07, 2009 8:11 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

Du darfst mich ab sofort als "Kai Diekmann der Kino-Blogger" beschimpfen ;)

September 08, 2009 2:38 nachm.  
Anonymous Matze said...

Echt starker Artikel...

September 10, 2009 1:56 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

Solche Kommentare liest man gern!

September 10, 2009 8:34 nachm.  

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