Montag, Juni 19, 2006

Unbekannter Anrufer - Kein Anschluss unter dieser Nummer

USA 2006

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Wenn es überall knirscht und knattert, Nebel aufzieht, Vorhänge im Wind wehen und schwarze Katzen durchs Bild rennen, sollte es sich möglichst um eine Parodie auf die Grusel-Klassiker wie „Bis das Blut gefriert“ handeln. Ernst gemeinter Horror gelingt mit diesen Stilmitteln nur noch absoluten Könnern des Fachs (Alejandro Amenábar und sein meisterlicher „The Others“). Simon West ist keiner dieser Talente, das merkt man recht schnell. Bereits nach 10 Minuten ist der Schauplatz, eine verlassen an einem gespenstischen See gelegene High Tech-Villa eines reichen Arzt-Ehepaares, bezogen, das Opfer vorgestellt und der filmische Niedergang besiegelt.

Natürlich arbeitet die attraktive Studentin Jill (Camilla Belle) als Babysitterin, um ihr Taschengeld etwas aufzubessern. Doch die Behausung ihrer Auftraggeber macht auf sie neben all dem perfekt arrangierten Luxus schon zu Beginn einen reichlich seltsamen, mysteriösen Eindruck. Diese erste Eingebung verstärkt sich, nachdem sie immer wieder von einem unbekannten Anrufer belästigt wird. Mehr als ein Röcheln bringt er dabei zunächst nicht raus. Von Panik ergriffen schildert sie dem Polizisten an der Notrufnummer ihre Erlebnisse. Doch dieser kann zunächst nicht viel für sie tun. Nur eine Fangschaltung soll ermitteln, wer hinter den Anrufen steckt. Bis dahin ist Jill ganz auf sich alleine gestellt.

Das Remake des gleichnamigen Films aus dem Jahre 1979 („When a Stranger Calls“) scheitert kläglich an der zeitgemäßen Umsetzung einer bereits nicht wirklich prickelnden Vorlage. Wenn ich mir als Regisseur schon eine solch dutzendfach heruntergeleierte Story aussuche, die ohnehin mit der „Scream“-Trilogie die beste Persiflage auf sich selber und das Slasher-Genre ablieferte, dann sollte ich mir wenigstens im Hinblick auf den Unterhaltungsfaktor mehr einfallen lassen, als das Publikum mit einer Aneinanderreihung scheinbar endloser öder „Buh!“-Momente zu langweilen. Denn wenn „Unbekannter Anrufer“ etwas besitzt, dann ist es der unverwechselbare Charme einer fast komatösen Langeweile, die sich wie Mehltau über das adrette Haus am See legt. Wir haben ausreichend Zeit, Jill dabei zu beobachten, wie sie ein Geräusch wahrnimmt, sich langsam dorthin begibt, sich kurz erschrickt nur um dann wieder einmal festzustellen, dass nur die böse Miezekatze dahintersteckte. So geht das geschlagene 70 Minuten. Herumschleichen, Anschwellen der überdreht dramatischen Musik, ein kurzer Schrei, die Entdeckung des Nichts.

Die eigentliche Unverschämtheit steckt deshalb weniger in der uninspirierten Inszenierung als in der eigentlichen „Handlung“. Man wähnt sich eher in einer Sendung von Neun Live („Der Hot Button sucht!“), denn in einem Kinofilm. Es ist ein unablässiges stupides Klingeln, was sich nicht für Jill zum Terror entwickelt. Und dabei, das macht der letzte Spot vor Filmbeginn doch klar, sollten nervige Mobiltelefone abgeschaltet oder, noch besser, erst gleich ganz zu Hause gelassen werden. Während die Kamera elegant aber hoffnungslos auf verlorenem Posten durch die nicht enden wollenden Korridore des noblen Anwesens irrt, quetscht das Drehbuch mittels zickiger Freundinnen und hilfloser mexikanischer Hausangestellten das Letzte aus der verfaulten Zitrone der dankbaren Bauernopfern heraus. Dass die schöne Jill höchstens angeritzt, aber nicht zerteilt werden darf, gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des massenkompatiblen Horrors.

Selbst die Aussicht auf einen kurzen knackigen Showdown mit dem Unbekannten will als wirksames Antidot gegen spontane Ermüdungserscheinungen nicht wirklich helfen. Im besten Fall leidet man nicht alleine und kann stattdessen mit seinen Freunden ganz im klassischen „Mystery Science Theatre“-Stil über diese filmische Einfallslosigkeit herziehen. Todernst so etwas unter der Überschrift eines angsteinflößenden Thrillers zu verkaufen, lässt einen wahrhaftig an dem Verstand der Marketingabteilung zweifeln. Regisseur West, das könnte die Erklärung für sein Versagen auf ganzer Linie sein, vergißt anscheinend bei der Ausleuchtung schöner Frauen die Essenz des Filmemachens. Wie schon bei „Lara Croft“ wird auf Narration und dramaturgische Integrität keine Rücksicht genommen. Logikfehler und Ungereimtheiten multiplizieren sich mit einer Auflösung über die Identität des Unbekannten zu einer schallenden Ohrfeige für jeden halbwegs engagierten Zuschauer, der noch nicht vor dem Eintreffen des Abspanns ins Reich der Träume entschlummert ist. Ist der asthmakranke Telefonstöhner vielleicht Jills Ex-Freund? Oder steckt doch der Sohn des Arzt-Ehepaars dahinter? Letztlich schert sich der Film einen Dreck um diese Frage.

Dieser „Unbekannter Anrufer“ gehört in die unzugänglichsten Ecken jeder schlecht sortierten Dorf-Videothek verbannt, optional auch in das B- und C-Movie-Nachtprogramm von RTL 2. Unglücklichweise hat das Desaster allein in den USA bereits fast 50 Mio. US-$ eingespielt, ein Vielfaches seiner Produktionskosten. Wer bei den keuchenden Anrufen genau hinhört, kann das ungeduldige Zähneknirschen der Produzenten vernehmen, die es nicht mehr erwarten können, endlich eine Fortsetzung auf die Menschheit loszulassen.

Auch veröffentlicht bei evolver.

4 Comments:

Blogger call me said...

Und ich habe den Satz vermisst :"Haben sie schon nach den Kindern gesehen?".

Juni 22, 2006 1:44 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

der kam doch drin vor oder bin ich da gerade eingenickt? ;-))

aus beruflichen gründen den film gesehen oder zufällig in einer sneak?

Juni 22, 2006 2:47 nachm.  
Blogger call me said...

Hier in Luxemburg ist die Zone 1 legal, in unseren Videotheken stapeln sich die Filme die eigentlich noch nicht im Kino zu sehen sind. Und ich liebe Filme!

Juni 23, 2006 9:42 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

also ich wurde mit diesem müll in der sneak "zwangsbeglückt". ansonsten hätte ich mir dieses filmische valium sicher nicht angesehen.

wenn Du horror-komödien mit splatter-einschlag magst, kann ich Dir "slither" empfehlen. habe den erst gestern abend gesehen, unterhaltsam und eine wunderbare hommage an die b-movies der 50er bis 80er jahre und peter jacksons splatter-absurditäten. ich werde noch eine kritik dazu schreiben und hier dann veröffentlichen.

Juni 24, 2006 11:34 vorm.  

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