Sonntag, Dezember 30, 2007

The Village - Das Dorf


USA 2004

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„Der Mensch allein ist unvollkommen. Er braucht einen zweiten, um glücklich zu sein.“

(Blaise Pascal, französischer Philosoph und Naturwissenschaftler)


Pennsylvania, wir schreiben das Jahr 1897. „Geh niemals in den Wald!“ ist die Losung, die sämtliche Bewohner des kleinen verschlafen wirkenden Dorfes Covington verinnerlicht haben. Denn dort im Wald leben die „über die man nicht spricht“ (in der Synchronisation unverständlicherweise mit „die Unaussprechlichen“ übersetzt). Kreaturen, die, einer unsichtbaren Gefahr gleich, die Menschen ständig mit ihrer Präsenz in Angst und Schrecken gefangen halten. Angelockt werden sie durch die Farbe „Rot“, weshalb die Dorfältesten einst beschlossen, diesen Farbton aus dem Dort zu verbannen. Zudem schloss man ein gegenseitiges Abkommen, wonach jeder den Lebensraum des anderen niemals mehr betreten solle. Nur der rebellische Lucius (Joaquin Phoenix) will sich diesen Gesetzen nicht länger beugen. Selbst seine große Liebe Ivy (welch eine bezaubernde Newcomerin: Bryce Dallas Howard), die blinde Tochter des rigiden Clanchefs Edward Walker (John Hurt), kann es nicht verhindern, dass er eines Tages den Wald aufsucht. Eine neue Zeitrechung beginnt: Sowohl für die „Unaussprechlichen“, als auch für die Dorfgemeinschaft.

Als wäre nach Werken wie Unbreakable und Signs nicht auch noch dem letzten Kinogänger klar geworden, dass Shyamalan keine Thriller oder gar Horrorfilme dreht, preist Verleiher Buena Vista The Village leider in Trailern weiterhin unbeirrt als Gruselmärchen klassischer Prägung an. Sollte dahinter nicht eine bewusste Irreführung des potentiellen Zuschauers stecken, muss man wohl den Werbestrategen schlichtweg Unfähigkeit unterstellen. Mag sein, dass diese Kampagne zunächst die Massen anlockt (wer sieht sich schon freiwillig ein diskussionsintensives Drama an?), längerfristig dürfte sich die fast zwangsläufig einsetzende negative Mundpropaganda jedoch als Bumerang erweisen. Etikettenschwindel nennt man so etwas, für den der Regisseur letztlich die Prügel bezieht. Genauso wenig wie Signs ein Film über Aliens war, ist The Village ein Film über Waldkreaturen. Dabei hat sich Shyamalan längst von einem begabten Autodidakt, der seine Filme auf einen finalen Plottwist aufbaute, zu einem kompletten Filmschaffenden weiterentwickelt. Eine Entwicklung, die mit dem tragischen Duell zwischen David Dunn und Elijah Price in Unbreakable begann und die in den Wäldern Pennsylvanias ihre Vollendung erfuhr.

Achtung! Ab jetzt wird leicht gespoilert!

The Village funktioniert gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen lassen sich die Geschehnisse in dem kleinen Dorf und in den umgebenden Wäldern als politische Parabel auf das heutige Amerika interpretieren. Eine Sichtweise, die aufgrund von diversen Details wie die Erwähnung der Flugrouten und die Umdeutung der persönlichen Schicksalsschläge nahe liegt. Auch der Name Walker dürfte von Shyamalan nicht zufällig gewählt worden sein, allen anders lautenden Bekenntnissen zum trotz. Die größte Stärke des Films liegt darin, dass dieser einerseits eine politische Deutung zulässt, ohne gleichzeitig ein moralisches Urteil über die Dorfältesten zu fällen. Dieses überlässt Shyamalan dem einzelnen Zuschauer. Entspricht es unserer Ethik und unseren Grundsätzen eine solche Bevormundung zuzulassen und sie eventuell sogar zu unterstützen? Darf man Menschen wohlweißlich eigene Entscheidungen von einer solchen Tragweite abnehmen, in dem man glaubt, es geschehe alles nur zu ihrem Besten? Schlechte Filme geben simple Ratschläge, in der Hoffnung, man würde sie nicht weiter hinterfragen. Wer den Kopf allerdings nicht ausschließlich zum Tragen einer Mütze hat (um einmal „Die Ärzte“ zu zitieren), sollte sich eine eigene Meinung bilden. In The Village findet der Interessierte einen Ausgangspunkt für seine Überlegungen.

Aber auch ohne auf eine derartige moralische Ebene zu abstrahieren, erfreut uns Shyamalans vierte Regiearbeit mit etwas ganz Besonderem: einer der schönsten Liebesgeschichten dieses Kinojahres. Wie Liebe nicht nur als eine abstrakte Idee existieren kann, sondern auch als die größte Kraft, die uns Menschen gegeben wurde, zeigt sich daran, wie Ivy für Lucius die eigenen Ängste überwindet (Zyniker mögen dies der Unerfahrenheit der Jugend zuschreiben). Aus einem scheinbaren Makel, ihrer Blindheit, erwächst ein unschätzbarer Vorteil, da sie am Ende nicht aufgibt und für ihre große Liebe bedingungslos eintritt. Dass sie mit dem Herzen sieht, wäre eine Schlussfolgerung, die nicht nur hoffnungslose Romantiker aus The Village mit nach Hause nehmen könnten. Klingt äußerst kitschig, ist es aber nicht. Denn das Drehbuch umschifft souverän sämtliche Klippen und Fallen billiger Groschenromane. So gehört Lucius’ Liebeserklärung an Ivy zu dem Originellsten, was ich seit langer Zeit in einer Hollywoodproduktion mitanhören durfte. Merke: Stille Wasser sind bekanntlich nicht nur tief, manchmal verbirgt sich sogar ein waschechter Literat in ihnen. Komplimente darf man in diesem Zusammenhang ebenfalls an Joaquin Phoenix und Bryce Dallas Howard verteilen. Inmitten einer durchweg erstklassigen Besetzung (allen voran Hurt, Brody, Gleeson, Weaver) sticht ihr emotionales Schauspiel besonders heraus.

Spoiler Ende!

Shyamalan ist ein großer seiner Zunft. Woran man das erkennt? Indem er sich auch in The Village auf das Wesentlichste beschränkt, unnötige Dinge weglässt, anstatt die Handlung nachträglich zu verkomplizieren. Es ist keine Kunst, bei einem 60 Millionen Dollar-Film über mysteriöse Waldmonster in Effekthascherei abzudriften oder allerlei visuelle Spielereien einzubauen. Diese Gimmicks überlässt er lieber anderen. Für ihn hat die Story höchste Priorität. Den Effekt, den er hierdurch erzielt, überdauert die Halbwertzeit des üblichen Fast Food-Kinos um Längen. The Village ist der Prototyp des perfekten Anti-Blockbusters, das lang ersehnte Antidot für den ganzen Schrott, der unsere Kinos tagtäglich überschwemmt.

6 Comments:

Blogger TheRudi said...

Ich fand den ja nicht mehr so prickelnd, für mich ist der Night ein One-Hit-Wonder, auch wenn UNBREAKABLE mit Abstrichen noch akzeptabel war.

Dezember 31, 2007 11:25 vorm.  
Anonymous CineKie said...

Sehr schön: Ich wusste doch schon immer, dass es außer mir noch mehr Menschen geben muss, die "The Village" zu schätzen wissen.

Dezember 31, 2007 12:00 nachm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Bespreche doch sowieso auch mal ältere Filme, Markus!

Frohes Fest dir.

Dezember 31, 2007 1:30 nachm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Ich meinte natürlich Frohes Neues. ;)

Januar 02, 2008 12:19 nachm.  
OpenID mediensucht said...

Bravo! Zustimmung ... wie bekannt! Leider konnte Shya an dieses Meisterwerk nicht anknüpfen! Gutes Neues!

Januar 02, 2008 9:49 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

nachdem ich mir zuletzt "the village" noch einmal angesehen hatte, entschloss ich mich dazu, den text auch hier nochmal zu veröffentlichen. freut mich, wenn der eine oder andere meiner kritik und dem film etwas abgewinnen konnte.

Januar 03, 2008 4:05 nachm.  

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