Montag, September 22, 2008

Burn after Reading - Coen'sche Kettenreaktion


USA 2008

+++1/2

Im Universum der Coen-Brüder wimmelt es nur so von verschrobenen Typen, die blindlings in ihr Verderben rennen. Auch Burn after Reading, der auf dem Filmfestival von Venedig seine Weltpremiere erlebte, fühlt sich dieser Tradition verpflichtet. Als eine CD mit brisantem Geheimdienstmaterial in die falschen Hände gerät, nimmt das Unheil für zwei Angestellte eines Fitness-Studios seinen Lauf. Bei den turbulenten Verwicklungen zwischen Fitness-Umkleide und Regierungsviertel mischen neben den alten Coen-Weggefährten George Clooney und Frances McDormand auch Brad Pitt und John Malkovich kräftig mit.

Filmkritik:

Die Zutaten: Eine CD mit vermeintlich brisanten Geheimdienstinformationen, eine sehnsüchtig erwartete Schönheits-OP, zwei kaputte Beziehungen, ein Dutzend heimliche Affären. Das Personal: Ein frustrierter Ex-CIA-Agent, eine untreue Ehefrau, ein sexuell umtriebiger Regierungsbeamter und zwei Fitnesstrainer, die sich als Möchtegern-Erpresser versuchen. Alles zusammen ergibt einen herrlich absurden, schwarzhumorigen Cocktail, der für alle Beteiligten und den Zuschauer die eine oder andere Überraschung bereithält. Burn after Reading heißt das unterhaltsame Gemisch, mit dem die Joel und Ethan Coen höchstwahrscheinlich an den Erfolg ihres Oscar-gekrönten, lakonischen Noir-Thrillers No Country for Old Men anknüpfen dürften.

Dabei stand am Anfang eine denkbar einfache Idee. Die Coens wollten wieder mit George Clooney zusammen arbeiten, mit dem sie bereits zwei Filme – namentlich O Brother, Where Art Thou? und Ein (un)möglicher Härtefall – abgedreht hatten. Auch Brad Pitt und John Malkovich standen auf ihrem Wunschzettel ganz oben. Also erdachten sie für ihre Traumbesetzung die passenden Rollen und eine Geschichte, in deren Verlauf sich die Wege ihrer Figuren mehrfach kreuzen sollten.

Das Schlamassel nimmt seinen Lauf, als das Manuskript mit den Memoiren des geschassten CIA-Agenten Ozzie Cox (John Malkovich) in die Hände zweier leicht trotteliger, aber dennoch liebenswerter Fitnesstrainer fällt. Linda (Frances McDormand) träumt von einer umfassenden Verjüngung ihres in die Jahre gekommenen Körpers, wofür ihr allerdings bislang das nötige Kleingeld fehlte. Mit der CD als Pfand und der Hilfe ihres iPod-süchtigen Kollegen Chad (Brad Pitt) startet sie einen erschreckend amateurhaften Erpressungsversuch.

Wer die Coen-Klassiker wie Blood Simple und Fargo kennt, weiß spätestens zu diesem Zeitpunkt, dass Lindas Vorhaben grandios scheitern wird. Bis es jedoch soweit ist, schlägt die Geschichte noch zahlreiche, mitunter recht blutige Haken. Teil des Puzzles ist auch Cox’ Ehefrau Katie (Tilda Swinton), die mit ihrer Ehe schon lange abgeschlossen hat und sich statt mit ihrem Gatten lieber mit dem Regierungsbeamten Harry Pfeffer (George Clooney) vergnügt. Der wiederum nutzt jede freie Minute für ausschweifende One-Night-Stands mit einer seiner zahlreichen Internet-Bekanntschaften.

Mit Burn after Reading legen die Coens nach eigenem Bekunden ihre Version eines Tony-Scott- oder Jason-Bourne-Films vor, nur ohne die Explosionen. Der Schauplatz rund um den Regierungsdistrikt in Washington D.C. gaukelt ebenso wie das Mitwirken des typischen Agentenfilm-Personals eine solche Analogie vor. Letztlich entpuppt sich ihr Film jedoch vorrangig als eine turbulente, schwarze Komödie, deren Noir-Einsprengsel für die Coen-typische Düsternis sorgen.

Glanzstück des Films sind zweifellos die geschliffenen Dialoge. Ihnen gelingt das Kunststück, die Absurdität des ohnehin absurden Plots nochmals zu übertreffen. Unterhaltungen wie die zwischen Chad und Linda über die Vor- und Nachteile von Internetkontaktbörsen erinnern nicht nur wegen Frances McDormand an alte Fargo-Zeiten. McDormand, aber auch den anderen Darsteller, allen voran George Clooney, der sein öffentliches Image als Herzensbrecher genüsslich persifliert, merkt man an, wie sehr sie sich für ihre Rollen ins Zeug legen. Die Chance, in einem Coen-Film mitwirken zu dürfen, wollte sich niemand entgehen lassen. Die Chance, einen Coen-Film im Kino zu sehen – dafür ist Burn after Reading Beweis genug – sollte sich erst Recht niemand entgehen lassen!

Für Programmkino.de.

4 Comments:

Blogger Jochen said...

Das hört sich ja nicht schlecht an. Kann es kaum noch erwarten! Aber mit lediglich dreieinhalb Sternen hat er ja nicht unbedingt hoch gepunktet. Liegt das an deinen Erwartungen, die du an die Coens hast?

Ich hab irgendwo gelesen, Burn After Reading sei auf Intolerable Cruelty-Niveau - würdest du dem zustimmen oder heftig widersprechen?

September 27, 2008 4:34 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

na ja, ich hab ihm fast die höchswertung (++++) gegeben. dass er damit über "intolerable cruelty"-niveau liegt, meiner meinung nach, dürfte klar sein.

ich würde etwas die erwartungen herunterschrauben. dann macht der film einfach spass. und den "fargo"-touch habe ich auch sehr gemocht.

September 27, 2008 5:07 nachm.  
Blogger Jochen said...

Ooh sorry, mein Fehler. Ich dachte, du hättest ein Fünfsternesystem *schäm*

Aber das sind ja dann tolle Aussichten!

September 28, 2008 1:26 vorm.  
Blogger a.montana said...

Dieser Film macht einfach nur Laune, genüsslich habe ich die genialen Dialoge verfolgt und mich auf das Ende gefreut. Die Figuren sind teilweise soo schön trottelig und dann der krönende Abschlußdialog der beiden Männer im CIA Hauptquartier, einfach zum totlachen. Ich habe beim Film auch total das Zeitgefühl verloren, boom und Ende, ging alles sehr schnell aber dafür 100 % Unterhaltung.

November 21, 2008 4:15 nachm.  

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