Donnerstag, Januar 29, 2009

Glaubensfrage - Schuldig bei Verdacht


USA 2008

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In Glaubensfrage dreht sich alles um einen schrecklichen Verdacht und die Frage, wie sich Menschen in moralischen Extremsituationen verhalten, wenn der Gewissheit ein begründeter Zweifel gegenüber steht. John Patrick Shanleys Adaption seines eigenen Theaterstücks folgt einer brisanten Kettenreaktion, an deren Ende der Zuschauer keine eindeutigen Antworten erwarten darf. Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman und Amy Adams veredeln mit ihren Leistungen diese u.a. für den Oscar hoch gehandelte Produktion.

Filmkritik:

Zu Beginn der 1960er Jahre vollzieht sich in der amerikanischen Gesellschaft ein erstaunlicher Wandel. Einst als unumstößlich angesehene Meinungen und Strukturen verlieren nach und nach ihre Bedeutung. Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung und die Präsidentschaft John F. Kennedys haben weite Teile des Landes für jedermann spürbar verändert. Auch in der Bronx hat sich das soziale Klima gewandelt, sehr zum Missfallen der strengen Schuldirektorin Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep), die an alten Tugenden wie Disziplin und Gehorsam um jeden Preis festhalten will. Die Schüler sollen ehrfurchtsvoll zu den Erwachsenen aufsehen und das tun, was man ihnen sagt.

Allerdings sind längst nicht mehr alle dieser Auffassung. Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman), ein engagierter, charismatischer Priester, der wie Schwester Aloysius an der katholische Schule von St. Nicholas unterrichtet, versteht sich vielmehr als väterlicher Freund seiner Schützlinge. Da wundert es nicht, dass seine Lehrmethoden von der resoluten Direktorin argwöhnisch beobachtet werden. Als dann noch eines Tages Schwester James (Amy Adams) ihrer Vorgesetzten berichtet, dass der Pater einem Jungen zu viel private Aufmerksamkeit zukommen lässt, droht der schwelende Konflikt endgültig zu eskalieren. Schwester Aloysius konfrontiert Pater Flynn offen mit den Missbrauchsvorwürfen, die dieser entschieden zurückweist. Dass es sich bei dem Jungen ausgerechnet um den kleinen Donald (Joseph Foster) handelt, den ersten farbigen Schüler von St. Nicholas, macht die Sache keineswegs einfacher.

Mit Glaubensfrage kehrt John Patrick Shanley nach fast zwei Jahrzehnten zum Kino zurück. Er selbst adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadway-Stück, das sich vor allem als Grundlage eines intellektuellen wie moralischen Diskurses versteht. Im Kern handelt der Film vom ewigen Widerstreit zweier unvereinbarer Positionen. Von Zweifel und vermeintlicher, meist subjektiver Gewissheit, von Sicherheit und Unsicherheit. In Zeitlupe, fast wie in einem kontrollierten Laborexperiment, lässt Shanley diese unterschiedlichen Weltbilder in Person seiner beiden Hauptfiguren aufeinander prallen. Dabei entwickelt der Film am Ort ihrer Kollision eine kriminalistische Spannung, gilt es doch die Wahrheit hinter den Anschuldigungen zu ergründen.

Wesentlichen Anteil am Gelingen dieser zeitlosen Geschichte haben die Darsteller, allen voran Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Es wäre ein Leichtes, Schwester Aloysius als die Karikatur einer verbohrten Frömmlerin der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch die Streep, mit all ihrer Erfahrung, tappt nicht in diese Falle. Bei ihr behält auch der „Drache“ von St. Nicholas (Zitat Pater Flynn) seine Würde. Die Intensität und Dynamik der Wortgefechte zwischen ihr, der resoluten Asketin, und Pater Flynn, dem Prototyp eines lebensbejahenden Genussmenschen, zeugen von Shanleys Qualitäten als Autor. Das letzte Mal, als derart geschliffene, pointierte Dialoge in einem Kinofilm zu hören waren, zerfleischten sich gerade Julia Roberts und Clive Owen in Mike Nichols Anti-Romanze Hautnah.

Shanleys analytischer Ansatz bedingt jedoch auch, dass die Duellanten vorrangig als Platzhalter einer bestimmten Geisteshaltung und weniger als Menschen aus Fleisch und Blut wahrgenommen werden. Von Beginn an sind die Fronten und Positionen klar abgesteckt und nur die leicht beeinflussbare Schwester James darf, stellvertretend für uns, immer mal wieder die Seiten wechseln. Trotz dieser leicht durchschaubaren Versuchsordnung spielt sich Shanley nie zu einem Dozenten auf. Er überlässt es uns, Rückschlüsse zu ziehen über das, was tatsächlich zwischen Pater Flynn und Donald vorgefallen ist. Man möchte nur zu gerne glauben, dass die Anschuldigungen haltlos sind. Schließlich erscheint Pater Flynn neben der strengen Oberschwester wie ein echter Sympathieträger. Leise Zweifel bleiben dennoch – und das nicht nur auf Seiten des Zuschauers, wie die letzte Szene auf eindrucksvolle Weise offenlegt.

Für Programmkino.de.

4 Comments:

Blogger Flo Lieb said...

Ich selbst fand speziell die letzte Szene sehr schwach, hätte es bevorzugt, wenn Shanley hier einfach konsequent gewesen wäre. Ohnehin glaub ich, dass die Geschichte besser auf der Bühne als der Leinwand funktioniert. Exzellent gespielt ist es allerdings, keine Frage.

Januar 29, 2009 7:08 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

der theater-appeal ist hier sicher überdeutlich. hat mich aber nicht gestört, wie seinerzeit bei "Hautnah" auch schon nicht.

hast Du denn das stück einmal auf der bühne gesehen? mir fehlt da leider der vergleich.

Januar 30, 2009 12:31 nachm.  
Blogger Flo Lieb said...

Nee, hatte ich nicht. Ich hab mir das jetzt einfach mal so vorgestellt, dass es auf der Bühne besser funktioniert :)

Januar 30, 2009 1:53 nachm.  
Anonymous Katharina said...

Was fandest du denn an der letzten Szene schwach? Inwiefern ist Shanley hier nicht konsequent gewesen?

Ich persönlich finde diese Szene sehr gelungen.

Liebe Grüße!
Katharina

Februar 26, 2009 11:55 vorm.  

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