Dienstag, Januar 20, 2009

Der fremde Sohn - Verschenktes Potenzial


USA 2008

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Clint Eastwood ist so etwas wie die graue Eminenz Hollywoods. Vom rauen Action- und Westernhelden hat es der heute 78jährige zu einem der respektabelsten Filmemacher gebracht. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass Eastwood nicht eine neue Arbeit vorstellt. 2008 drehte er gleich zwei Filme, darunter mit Gran Torino sogar einen in der Doppelfunktion als Hauptdarsteller und Regisseur. Der andere heißt Der fremde Sohn und erzählt die wahre Geschichte der Christine Collins.

Los Angeles, im März 1928. Alles sieht anfangs nach einem ganz normalen Samstag im Leben der allein erziehenden Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) aus. Morgens verabschiedet sie sich wie immer von ihrem neunjährigen Sohn Walter (Gattlin Griffith), um ihrer Arbeit in einer Telefonvermittlung nachzugehen. Als sie nach Dienstschluss wieder zu Hause eintrifft, ist Walter verschwunden. Alle Bemühungen, ihren Sohn ausfindig zu machen, bleiben erfolglos. Walter scheint wie vom Erdboden verschluckt. Erst fünf Monate später ereilt Christine schließlich die erlösende Nachricht. Die Polizei hat ihren Sohn gefunden. Doch die Freude hierüber währt nur kurz. Denn das Kind, das die Beamten der Öffentlichkeit vorstellt, ist nicht Walter. Davon ist Christine überzeugt. Bei der Suche nach ihrem Sohn und ihrem Kampf gegen das korruptionsverseuchte Los Angeles Police Department erhält sie prominente Unterstützung. Der allseits respektierte Radio-Prediger Reverend Briegleb (John Malkovich) drängt die Behörden mit seinen flammenden Anklagen immer stärker in die Defensive.

Der fremde Sohn ist nicht nur wegen seiner Laufzeit von 142 Minuten ein gewaltiges Stück Kino. Eastwoods Neuer versucht sich an einem alles andere als leichten Spagat. Einerseits will der Film ein emotionales Mutter-Sohn-Drama erzählen, andererseits durchleuchtet er die nicht immer legalen Machenschaften des LAPD, dessen Ansehen in der Bevölkerung nach zahlreichen Skandalen schweren Schaden genommen hatte. Als wäre das nicht bereits genug, vollzieht das Drehbuch von J. Michael Straczynski in seiner zweiten Hälfte einen weiteren Schwenk hin zu einer klassischen Kriminalstory. Plötzlich wird das Verschwinden des Jungen Teil eines viel größeren Falles, der als die „Wineville Chicken-Coop Murders“ in die amerikanische Kriminalgeschichte eingehen sollte.

Nach und nach kommen die unvorstellbaren Verbrechen des Serienkillers Gordon Northcott (Jason Butler Harner) ans Licht. Aber selbst der anschließende Prozess, den Christine aufmerksam verfolgt und der mit Northcotts Hinrichtung endet, lässt manche Fragen unbeantwortet. So bleibt Walters Schicksal auch nach Jahren ungeklärt. Damit man als Zuschauer den Film gleichwohl nicht ohne Hoffnung verlässt, greifen Eastwood und Straczynski auf einen einfachen Taschenspielertrick zurück. Statt Walter taucht Jahre später ein anderer Junge auf, dem seinerzeit die Flucht von Northcotts Farm gelang und der seitdem unter falschem Namen bei einer fremden Familie lebte. Warum soll es Walter nicht ähnlich ergangen sein? Vielleicht konnte auch er fliehen. Es sind genau solche Gedanken, die Christine bis zu ihrem Tod begleiten werden.

In Punkto Detailtreue und Ausstattung gibt sich die Produktion keine Blöße. Das aufwändig rekonstruierte und durch zusätzliche CGI-Aufnahmen wieder zum Leben erweckte Los Angeles der dreißiger Jahre wurde von Eastwoods Kameramann Tom Stern in ein stilvolles Licht und matte Farben getaucht. Soweit die technische Seite. Die weniger mysteriöse als vielmehr erschütternde Geschichte weist hingegen des Öfteren spürbare Längen auf. Gerade Christines Aufenthalt in der Psychiatrie (Durchgeknallt?) sowie der spätere Gerichtsprozess hat man so oder in leicht anderer Verpackung bereits zur Genüge gesehen. Immerhin übernahm mit Angelina Jolie Hollywoods derzeitige Übermutter die Hauptrolle. Wie passend könnte man zunächst meinen. Überraschenderweise erweist sich ihr Spiel jedoch als fortlaufender K( r )ampf, bisweilen hart an der Grenze zur Karikatur. Es scheint, als wolle sie ihren zweiten Oscar förmlich erzwingen. Wie zurückhaltend und eindringlich fiel dagegen ihr Auftritt in Michael Winterbottoms letztjährigem Dokudrama A Mighty Heart aus.

Dass die Jolie doch so weit unter ihren Möglichkeiten bleibt, mag ein Hinweis sein, wieso Der fremde Sohn trotz seines routinierten Regisseurs und seiner technischen Brillanz nur bedingt funktioniert. Statt Christine Collins sehen wir immerzu Angelina Jolie in typischer Dreißiger-Jahre-Garderobe. Fairerweise sei erwähnt, dass auch Straczynskis Skript eine Straffung gut getan hätte. Im Geflecht der vielen Erzählstränge, die vom zentralen Vermisstenfall bis zur Aufklärung der unheimlichen Mordserie reichen, gehen Spannung und Interesse zusehends verloren. Allen Eastwood-Fans sei vielmehr dessen Dirty Harry-Comeback in Gran Torino ans Herz gelegt. Dort gibt sich der Meister auch vor der Kamera die Ehre. Vielleicht zum letzten Mal.

Für BlairWitch.de.

3 Comments:

Anonymous Curly said...

Super Blog! Und ein sehr guter Review des Films! Hab ihn leider nur einmal im Kino gesehen und es noch nicht geschafft ihn mir auf DVD zu kaufen! Werd in mir das Monat aber sicher auf Sky ansehen! Angelina ist einfach die genialste Schauspielerin ever und die Story des Films ist sehr spannend und berührend zugleich!

April 30, 2010 10:21 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Was für eine tolle Mutter, was für eine tolle Schauspielerin. Niemand außer Angelina Jolie könnte diese Rolle besser spielen. Ich habe teilweise geweint als ich den Film angeschaut habe. Wenn ich gewusst hätte, dass der Film so schnell auf Sky ausgestrahlt wird, hätte ich ihn mir aber damals nicht im Kino angeschaut. Was auch immer, aus Fehlern wird man klüger!

Mai 11, 2010 1:04 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Oh, der Kritiker läßt ja weit blicken, was er von Angelina Jolie hält, darum zerreißt er sie auch in jedem Satz. Tatsächlich bewerten immer die Dinge, die sie selber gar nicht wirklich beurteilen können, selber weder Schauspieler, noch Regisseur, aber immer schön schlecht reden.

Tatsachlich hat Angelina Jolie brillant gespielt, der Film hat Tiefgang und Klasse.

Vielleicht möchte der Kritiker den Schauspielern gerne vorgeben, nie wieder eine Psychatrie-Szene zu spielen, wenn man schon mal eine hatte!

Durchgeknallt hat Angelina Jolie zu Recht den Oscar gebracht - es war eine schauspielerische Meisterleistung.

Krampf - bekam ich beim Lesen dieser ungerechten Kritik.

Oktober 06, 2011 12:51 nachm.  

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