Samstag, August 01, 2009

Zerrissene Umarmungen - Spiegelungen und Doppelgänger


ESP 2009

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Spaniens Regie-Star Pedro Almodóvar liebt das exaltierte Spiel mit Genres, Stimmungen und Motiven. Auch sein neuer Film, in dem erneut Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz eine der Hauptrollen übernahm, ist Ausdruck dieser Experimentierfreude. Die Geschichte um den nach einem schweren Unfall erblindeten Drehbuchautoren Harry Caine wechselt beständig zwischen Drama und Film noir, zwischen Komödie und liebevoller Selbstreflexion. In Cannes eher reserviert aufgenommen, ist Zerrissene Umarmungen letztlich doch ein typischer Almodóvar.

Filmkritik:

Pedro Almodóvars Zerrissene Umarmungen mangelt es nicht an Ambitionen. Immerhin hat sich Spaniens Meisterregisseur dazu entschlossen, mehrere Zeitebenen, drei filmische Realitäten und zahlreiche Doppelgänger-Referenzen miteinander zu kombinieren und diese in ein stilvolles Geflecht aus Melodram, Film Noir und Komödie einfließen zu lassen. Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht ganz Almodóvar. Erstaunlicherweise stiften jedoch die Noir-typischen Winkelzüge weniger Verwirrung, als man das zunächst vielleicht vermuten würde. Um den Überblick über die Personen und ihre Motive zu behalten, muss man zudem kein ausgewiesener Almodóvar-Experte sein.

Das Doppelgänger-Motiv spiegelt sich bereits in der Hauptfigur wider. Drehbuchautor Harry Caine (Lluis Homar) hieß früher einmal Mateo Blanco. Unter diesem Namen feierte er als Regisseur einige Erfolge. Seit einem tragischen Autounfall vor 14 Jahren ist Harry/Mateo allerdings blind und ganz auf die Hilfe seiner Freunde und Verwandten angewiesen. Vor allem seine frühere Produktionsleiterin Judit (Blanca Portillo) und ihr Sohn Diego (Tamar Novas) helfen ihm bei alltäglichen Dingen. Als ihn ein junger Mann aufsucht, um mit ihm eine Filmidee zu besprechen, holt Harry die Vergangenheit urplötzlich wieder ein. Die Erinnerungen führen ihn und uns zurück an ein Filmset. Bereits während des Castings verliebt sich Mateo unsterblich in die wunderschöne Lena (Penélope Cruz) und sie sich in ihn. Da die Schauspielerin zu diesem Zeitpunkt offiziell noch mit dem mächtigen und schwerreichen Finanzjongleur Ernesto Martel (José Luis Gómez) liiert ist, glauben beide, ihre Beziehung zunächst geheim halten zu müssen. Tatsächlich weiß dieser längst um die Affäre seiner Frau.

Stück für Stück setzt Almodóvar die Puzzleteile seiner von Identitäts- und Zeitwechsel bestimmten Geschichte zu einem klaren Bild zusammen. Obwohl hierbei nicht jede Erhüllung wirklich überrascht, entwickelt Zerrissene Umarmungen aus der Verknüpfung tragischer und leidenschaftlicher Momente eine gewisse Faszination. Vor allem zwischen Mateo und Lena, die zusammen mit dem eifersüchtigen Ernesto das charakteristische Trio eines Film noir bilden, knistert es. Sinnlich und erotisch ist auch dieser Almodovár und für beides zeichnet sich einmal mehr des Meisters neue Muse Penélope Cruz verantwortlich. Von ihren Lippen und Kurven scheint sich Rodrigo Prietos Kamera mitunter gar nicht mehr lösen zu wollen. Sie ist es, die der Geschichte ihren Stempel aufdrückt. Selbst im eher züchtigen Kostüm mit stilsicherer Audrey-Hepburn-Frisur verkörpert die Cruz noch die sirenenhafte Versuchung einer tragischen Femme fatale.

Almodóvars cineastisches Vexierspiel arbeitet nahezu in jeder Einstellung mit ikonographischen Bildern und Motiven des Kinos. Die für den Fortgang zentrale Szene im Treppenhaus, die Überwachung durch Ernestos Sohn (der im Übrigen nicht ganz zufällig auch Ernesto heißt) sowie der immer wiederkehrende Blick durch das Objektiv der Videokamera, all diese Einflüsse gehen nachweislich auf Almodóvars Lieblingsfilme zurück. Dabei bedient sich Spaniens bekanntester Filmemacher nicht nur bei geschätzten Kollegen. Die von Mateo inszenierte Komödie „Frauen und Koffer“, einer von gleich zwei Film-im-Film-Installationen, könnte glatt als Neuauflage von Almodóvars Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs durchgehen. Was manch einer bereits vorschnell als eitles Selbstzitat auslegte, sorgt letztlich für einen spannenden Kontrast zu dem eher düsteren Grundton der eigentlichen Dreiecks-Geschichte.

Insbesondere zu La Mala Edicación, Almodóvars vorletztem Film, lassen sich zahlreiche Bezüge herstellen. Beide Arbeiten bauen anfangs ein nur wenig greifbares Bedrohungsszenario auf, welches im weiteren Verlauf Konturen erhält und zunehmend konkreter wird. Sie operieren mit Film-noir-Elementen, vorgetäuschten Identitäten, Dopplungen, Zeitsprüngen und Perspektivwechseln. Und sie formulieren eine in rauschende Farben gekleidete Liebeserklärung an Almodóvars vielleicht größte Leidenschaft: Das Kino.

Für Programmkino.de.

1 Comments:

Blogger Flo Lieb said...

ist Zerrissene Umarmungen letztlich doch ein typischer Almodóvar.

Kann ich nur unterschreiben.

August 10, 2009 11:12 nachm.  

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