Samstag, Mai 22, 2010

A Nightmare on Elm Street


USA 2010

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Früher war alles besser. Zumindest ist das die Meinung vieler, die zurückblicken und das idealisieren, was sie vielleicht vor 10, 20 oder 30 Jahren erlebt haben. Die Wahrheit ist indes eine andere – auch im Kino. Manche Horrorklassiker lassen sich, nüchtern betrachtet, mit den heutigen Sehgewohnheiten nur sehr bedingt in Einklang bringen. So nagte der Zahn der Zeit recht unerbittlich an Wes Cravens Last House on the Left oder Tobe Hoopers Blutgericht in Texas, während sich andere, bis heute stilbildenden Vertreter wie Alfred Hitchcocks Psycho oder Halloween ihre düster-schaurige Grundstimmung bewahrt haben.

Zu den beliebtesten Ikonen des modernen Horrorkinos zählt die Person des Freddy Krueger. Alles an ihm, angefangen von seinem verbrannten Gesicht, über den Hut, den rot gestreiften Strickpulli bis hin zu seinen Messer-Fingerchen, ist Kult. Er besitzt sogar seinen eigenen Lockruf („1,2 Freddy kommt vorbei...“) und die vielleicht größte Fanbase unter allen Filmpsychopathen. Insofern ist das Unterfangen, den von Robert Englund verkörperten Kindermörder einem „Facelift“ zu unterziehen, gleich doppelt gefährlich. Man könnte einerseits die Anhänger des „alten“ Freddy vergraulen und andererseits an den immensen Erwartungen, die der Schriftzug Nightmare on Elm Street auch heute noch hervorruft, sang- und klanglos scheitern.

Die Remake-Maschinerie von Michael Bays Produktionsfirma „Platinum Dunes“ hat jedoch eines gewiss nicht: Angst vor großen Namen. Sonst hätten sich die Macher wohl kaum bereits an einem Reboot solcher Horrorikonen wie Leatherface und Jason Vorhees versucht. Das Resultat fiel dabei mal mehr (Texas Chainsaw Massacre) und mal weniger (Freitag der 13.) überzeugend aus. Nun also Freddy, der ungekrönte Herrscher über unserer Träume.

Die Handlung orientiert sich lose am Original von 1984. Nancy (Rooney Mara) heißt immer noch Nancy, ansonsten entsprechen die Rollen der anderen Teens und Twens exakt dem, was vergleichbare Slasher-Geschichten so anzubieten haben. Vor allem bei den männlichen Darstellern ist der Einfluss des von Filmen wie Twilight propagierten Bildes des Emo-Sensibelchen unverkennbar. Man(n) greift offenkundig auch schon mal ganz gern zum Cajal-Stift. Auf Freddys (Jackie Earle Haley) ersten Auftritt muss indes nicht lange gewartet werden. Noch ehe der Titelschriftzug unter lautem Getöse erscheint, hat unser aller Liebling sein erstes Opfer mit einem sicheren Kehlenschnitt geschächtet. Damit ist die Jagd eröffnet, bei der die austauschbare Teenie-Truppe dem Prinzip der „10 kleinen Negerlein“ folgend scheibchenweise dezimiert wird. Wer das Original nicht kennt und nicht weiß, dass Nancy die eigentliche Hauptfigur ist, für den hält das Remake an dieser Stelle sogar eine kleine Überraschung bereit.

Kommen wir nun auf den oftmals schiefen Blick auf die Vergangenheit zurück. Kritik ist nie objektiv. Und im Fall eines Nightmare-Neustarts kann sie es überhaupt nicht sein, zumindest dann nicht, wenn man selber mit dem Original aufgewachsen ist, es mit 10 oder 11 Jahren das erste Mal heimlich und ziemlich unvorbereitet gesehen hat, als die Eltern mal nicht zu Hause waren, und man das Geschehen – wie passend – anschließend in den eigenen Träumen verarbeiten musste. Man hat Schwächen großzügig übersehen, weil die empfundene Spannung das eigene Urteilsvermögen für 90 Minuten zum Erliegen brachte. Soviel kann auch das beste Remake niemals leisten.

Ist man sich dessen erst einmal bewusst, so muss man Regisseur Samuel Bayer zumindest für die visuelle Umsetzung Respekt zollen. Der erfahrene Videokünstler setzt die Morde rund um die Elm Street in ein atmosphärisches, düsteres Licht, das abseits aller obligatorischen und meist recht durchschaubaren lauten Schockmomente ein wohliges Gefühl von Gefahr und Suspense zu erzeugen vermag. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich die stärksten Bilder vornehmlich aus Zitaten des Originals zusammensetzen: Das Mädchen im Leichensack, Nancys Versinken im Hausflur, Freddys erster Auftritt im Heizungskeller. Eine eigenständige Idee, die über Cravens Vorlage hinausginge, ist in diesen Szenen kaum auszumachen. Allein die CGI-Effekte verdeutlichen die technische Weiterentwicklung des Mediums in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten. Ein bisschen wenig ist das schon.

Immerhin wagen es die Autoren, an Kruegers Vergangenheit einige nicht ganz unerhebliche Änderungen vorzunehmen. Über die hieraus abzuleitende, im Kern reaktionäre Botschaft darf munter gestritten werden, was man vom übrigen Film nicht gerade behaupten kann. Hierfür verläuft das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Freddy und seinen weitgehend profillosen Opfern viel zu sehr in den erwarteten Bahnen. Sogar die multiplen Traum-im-Traum-Verästelungen, die Bayer für die eine oder andere nette Finte nutzt, werden in ihrer Redundanz irgendwann langweilig.

Wenn man diesem Neustart abseits der schicken Präsentation etwas zu Gute halten muss, dann ist es der Respekt vor der Figur des Freddy Krueger. Eigentlich ist Jackie Earle Haley – anders als Robert Englund – ein viel zu guter Schauspieler, um ihn die meiste Zeit mit einer hässlichen Latexmaske herumrennen zu lassen. In den wenigen Szenen, die ihn unmaskiert zeigen, portraitiert er Krueger als einen introvertierten, stillen und zugleich seltsam unreifen Mann, dessen schreckliches Geheimnis wie ein Schatten über dem Film liegt. Sein bei Craven noch dominanter Sarkasmus wurde hier merklich reduziert. So wie Haley in die Rolle hineinwächst, würde man ihm eine Fortsetzung wünschen. Dann allerdings mit einem besseren Skript und charismatischeren Kollegen.

Erschienen bei BlairWitch.de.

2 Comments:

Anonymous hash said...

Hallo! Kann ihnen nur zustimmen, der Film war wirklich nicht besonders toll und man hätte echt mehr erwarten können!

Mai 22, 2010 7:00 nachm.  
Blogger spidy said...

Schon verdrängt Psycho + Gus van Sant = eines der größten Filmverbrechen. :-)
Halloween blieb doch auch nicht verschont.

Mai 24, 2010 6:45 nachm.  

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