Montag, April 09, 2007

Sunshine - Sonnenbank-Flavour


GB 2007

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In 50 Jahren herrscht auf der Erde eine lebensfeindliche Kälte. Weil die Sonne stirbt, ihre Kraft nachlässt und uns ihre Energie nicht mehr erreicht, scheint die Menschheit dem Untergang geweiht. Die letzten Hoffnungen ruhen auf acht Männern und Frauen, die an Bord des Raumschiffs „Icarus II“ einen nuklearen Sprengsatz zur Sonne transportieren sollen. Durch dessen Explosion – so der kühne Plan – könne dem sterbenden Stern neues Leben eingehaucht werden. Die Crew hat ihr Ziel beinahe erreicht, als sie in den Weiten des Alls auf die vor Jahren gestartete und seitdem vermisste Vorgängermission trifft. Mit dem Andocken an die „Icarus I“ nehmen die Ereignisse einen für alle verhängnisvollen Verlauf.

Sunshine ist nach 28 Days later die bereits zweite Zusammenarbeit des Trios Danny Boyle (Regie), Alex Garland (Drehbuch) und Andrew MacDonald (Produktion). Boyle, der sich in den 90ern mit der schwarzen Komödie Kleine Morde unter Freunden und der radikalen Drogen-Groteske Trainspotting eine treue Fangemeinde erarbeitet hatte, wagt sich erneut an eine düstere Zukunftsvision, die zwar keine Zombies dafür aber die bedrohliche Weite und Stille des Weltalls aufzubieten hat. Im ersten Drittel des Films, wenn sich die Mannschaft auf den Weg zur verglühenden Sonne macht, zelebriert Boyle dementsprechend ausgiebig den transzendentalen Aspekt der Geschichte. Die Reise ins Nichts, in die Dunkelheit eines scheinbar leeren Raumes als den mühsamen und gefahrvollen Weg zu sich selbst. Hierher rühren auch manche Vergleiche zu Stanley Kubricks Space-Oper 2001 – Odyssee im Weltall, die dem Science Fiction-Film ihre ganz eigene Ikonographie aufdrückte und das Genre wie vielleicht nur noch die Star Wars-Saga prägte.

Und tatsächlich schwingt eine religiöse und mythologische Deutung in vielen Details im Subtext von Sunshine mit. Das fängt bereits beim Namen der Raumschiffe an, die auf die griechische Ikarus-Sage verweisen. Ikarus, Sohn des Dädalus, musste sterben, weil er in seinem Übermut der Sonne zu nahe kam und damit den Zorn der Götter auf sich zog. Die Crew der „Icarus II“ müsste also vorgewarnt sein, de facto hält es sie jedoch nicht davon ab, die einem Menschen psychisch wie physisch auferlegten Grenzen und Limitationen mehr als nur einmal zu überschreiten.

Ähnlich grenzüberschreitend präsentiert sich auch der gesamte Film. Was als philosophischer Weltraum-Trip beginnt, wandelt sich im Mittelteil in ein packendes Psycho-Duell, als die Konflikte unter den Besatzungsmitgliedern zu eskalieren drohen. Die klaustrophobische Enge des Schauplatzes, die schmalen Gänge und sterilen Kammern der „Icarus II“ werden dann im Finale zum eigentlichen Hauptdarsteller. Sobald klar wird, dass die vor Jahren ins All geschickte Mannschaft der Vorgängermission etwas Furcheinflößendes hinterlassen hat, mutiert Sunshine zu einem adrenalintreibenden SF-Schocker, der mit Motiven berühmter Vorgänger wie Ridley Scotts Alien spielt. Boyle legt letztlich jegliche falsche Zurückhaltung ab, indem er den Aderlass liefert, der sich die Horror-Gemeinde seit 28 Days later von ihm gewünscht hat. Dann ist Sunshine einem konventionellen Slasher-Film weitaus näher als Kubricks 2001. Erst auf der Zielgeraden soll sich daran wieder etwas ändern. Die Auflösung mag nicht jedem gefallen, aber sie knüpft zumindest inhaltlich wieder an den Ursprung der Geschichte an.

Ungewöhnlich und gleichsam beeindruckend präsentiert sich die visuelle Umsetzung. Nach einer epischen Bebilderung der für uns kaum fassbaren Weiten des Weltraums mündet Sunshine in einen radikalen Fiebertraum, der die einzelnen Bildbestandteile zum Schmelzen zu bringen scheint. Wenn der Schrecken losgelassen und das Setting zu einem Survial-of-the-Fittest umfunktioniert wurde, nutzen Boyle und sein Kameramann Alwin Küchler das Sonnen-Thema, um die Leinwand in ein glühendes Inferno zu verwandeln. Die markanten Bässe der britischen Techno-Formation Underworld, die schon für Trainspotting das einprägsame Thema („Born Slippy“) beisteuerten, potenzieren nochmals die hohe suggestive, expressionistische Kraft der Bilder. Raum und Zeit lösen sich auf, weil uns Boyle alle Koordinaten wegnimmt. Zuletzt gelang Marc Forster mit seinem hypnotischen Stay ein vergleichbar beängstigendes Rendezvous mit dem eigenen Unterbewusstsein.

Sunshine kann zwar nicht die zu großen und zuweilen auch überschätzten Fußstapfen eines 2001 treten, dafür nutzen Boyle und Garland ihre Bühne Millionen Kilometer abseits der unter Schnee und Eis erstarrten Erde mit einer fast schon gnadenlosen Effektivität. Ihr dystopisches Science Fiction-Spektakel, das Schicht für Schicht den menschlichen Überlebenswillen seziert, ist mutiges Kino, wie man es heute nicht mehr oft findet.

Erschienen bei BlairWitch.

2 Comments:

Blogger TheRudi said...

Nette Review, hab auch bei einem anderen Blogger schon positives gelesen. Da ich zudem ohnehin ein Fan von Boyle bin, werde ich mir den Film wohl im Kino zu Gemüte führen!

April 12, 2007 9:51 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

hi rudi!

ja, im kino kommt "Sunshine" wohl deutlich besser als auf jedem noch so guten heimkino-system. die bilder und die klangkulisse tragen viel zur atmosphäre des films bei.

und wenn Du ein boyle-fan bist, muss der gang ins kino eigentlich ohnehin pflicht sein ;-)

April 12, 2007 1:14 nachm.  

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