Montag, Februar 18, 2008

Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street


USA 2007

+++1/2

Ein Friseur sieht rot. In Stephen Sondheims Musical-Thriller Sweeney Todd übt ein zu Unrecht Verurteilter blutige Rache an seinen Peinigern. Tim Burton nahm sich den düsteren Stoff nun als Kinofilm vor. Seine sechste Zusammenarbeit mit Johnny Depp vereint große Gefühle mit expliziter Gewalt und einer pittoresk-morbiden Optik. Burtons Ehefrau Helena Bonham Carter, Alan Rickman und der britische Comedian Sacha Baron Cohen komplettieren die größtenteils Musical-unerfahrene Besetzung.

Filmkritik:

Ihm und seiner Familie ist unbeschreibliches Unrecht widerfahren. Benjamin Barker (Johnny Depp) landet für 15 Jahre unschuldig hinter Gittern. Zu allem Überfluss muss er die Strafe am anderen Ende der Welt absitzen, während seine Frau und Tochter in die Hände des skrupellosen Richter Turpin (Alan Rickman) fallen. Doch Barker entkommt und kehrt in seine Heimatstadt London zurück, wo er sein grausames Schicksal auf ebenso grausame Weise rächen will. Er erfährt, dass seine Frau von Turpin missbraucht wurde. Daraufhin habe sie sich das Leben genommen. Barkers inzwischen halbwüchsige Tochter Johanna (Jayne Wisener) lebt derweil wie eine Gefangene in Turpins Haus. Der einflussreiche Richter hat sich in das bildschöne Mädchen unsterblich verliebt und betrachtet sie als seinen Besitz. Bei seinen Racheplänen erfährt Barker, der sich fortan „Sweeney Todd“ nennt, Unterstützung von Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter). Die Witwe betreibt unterhalb des Friseurladens ein schlecht gehendes Pasteten-Geschäft. Erst als sie ihre Backwaren mit dem Fleisch von Sweeneys Opfern „verfeinert“, kann sie sich vor Kunden nicht mehr retten.

Allein die Ankündigung, dass Tim Burton bei der Verfilmung des erfolgreichen Bühnenstücks und Musicals auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird, trieb die Erwartungshaltung in schwindelerregende Höhen. Denn obwohl der eigenwillige Filmemacher noch nie zuvor ein Musical inszeniert hatte, schien er angesichts seiner Vorliebe für märchenhafte Grusel-Geschichten geradezu prädestiniert für den düsteren Stoff. Deshalb zunächst das Wichtigste: Sweeney Todd bietet Burton in hochgradig konzentrierter Form. Jede Szene, jedes der schaurig-schönen Sets, die der mehrfache Oscar-Preisträger Dante Ferretti in Anlehnung an das viktorianische England der Jack the Ripper-Zeit entwarf, sind von seiner morbiden Ästhetik durchzogen.

Die hochstilisierte Optik mit ihrer stark auf verwaschene Grau- und Brauntöne reduzierten Farbpalette erinnert an ältere Burton-Filme wie Edward mit den Scherenhänden und vor allem Sleepy Hollow. Dass in beiden auch Johnny Depp die Hauptrolle übernahm, dürfte kaum ein Zufall sein. Denn in Depps Darstellung des einsamen, von Rachegelüsten infizierten Friseurs spiegeln sich ebenfalls vieler seiner früheren Rollen wider. Insgesamt sechs Mal arbeitete er mit Burton bereits zusammen. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Depp ist am besten, wenn er unter Burton spielt und vice versa.

Depp meistert die Musicaleinlagen mit Bravour. Seine sonore Stimme passt perfekt zu Sweeney Todds mysteriösen, dunklen Charakter und zur düsteren Atmosphäre, die der Film mit seiner verstörend schönen wie blutigen Einleitungssequenz vorgibt. Helena Bonham Carter, Burtons Ehefrau und die zweite schauspielerische Konstante während seiner letzten Arbeiten, merkt man dagegen an, dass das Musical nicht unbedingt ihre Domäne ist. In anspruchsvolleren Gesangspassagen wirkt Bonhams Stimme allzu dünn.

Für die Umsetzung des Broadway-Musicals von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler mussten einzelne Stücke filmgerecht gekürzt und umgeschrieben werden. Burton schaffte es, die Spielszenen und Musicaleinlagen sanft ineinander fließen zu lassen, wodurch sich ein organisches Ganzes ergibt. Ein gewisses Faible für das Musical-Genre sollte man allerdings schon mitbringen, immerhin wird hier ausgiebig bei jeder sich bietenden Gelegenheit gesungen und musiziert.

Seit seiner Uraufführung im Jahr 1979 erfreute sich Sondheims musikalische Interpretation der Sweeney-Legende einer stetig wachsenden Fangemeinde. Die vom Filmkomponisten Bernard Herrmann beeinflussten Songs erwiesen sich als ideale Untermalung einer zu gleichen Teilen brutalen wie zärtlichen Geschichte. Der Film konserviert diese Essenz. Bei Burton stehen das Drama und die Horrorelemente gleichberechtigt nebeneinander. Wenn Sweeney Tood seinen blutigen Racheplan in die Tat umsetzt, fühlt er keine Genugtuung oder gar Freude. Ihm geht es vielmehr darum, dass diejenigen, die ihm alles genommen haben, seinen Schmerz teilen. Zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Bis die Klinge ihre Arbeit vollbracht hat.

Für Programmkino.de.

4 Comments:

Blogger TheRudi said...

Das alle die Carter kritisieren, ich fand sie hat die Passagen gut gemeistert, ich würde zwar keine CD von ihr kaufen, aber gemeinsam mit Depp und Rickman haben die Schauspieler meiner Ansicht nach einen guten Job gemacht.

Februar 18, 2008 12:34 nachm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Sehr schön, dass er dir so gut gefallen hat. Zustimmung bei Bonham Carter, nachdem ich jede Sekudne der CD verinnerlicht habe, bleibt kaum ein anderes Urteil - ja, sie hat die schwierigsten Parts, und ja, sie hat da gewisse Probleme. Dennoch funktionietr das Konzept für mich, gerade weil sie alle nicht ausgebildet sind. So wird dem Film die verlockende Bühnentheatralik ausgetrieben.

Ist für mich der persönliche Lieblingsfilm bislang 2008, auch wenn formal nichts an THERE WILL BE BLOOD vorbeiführt.

Februar 19, 2008 9:20 nachm.  
Anonymous Kaiser_Soze said...

"Die hochstilisierte Optik mit ihrer stark auf verwaschene Grau- und Brauntöne reduzierten Farbpalette erinnert an ältere Burton-Filme wie Edward mit den Scherenhänden und vor allem Sleepy Hollow."

EDWARD SCISSORHANDS ist doch quietschbunt. ;)

Februar 25, 2008 6:51 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ rajko

TWBB habe ich noch nicht gesehen, leider. was Sweeney Todd angeht, so ist der film auch bei erneuter ansicht nicht in sich zusammengefallen - im gegenteil. bestärkt mich in meinem positiven urteil.

@ kaiser

stimmt, gegenüber Sweeney Todd ist er das ;)

Februar 26, 2008 12:28 vorm.  

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