Mittwoch, Februar 06, 2008

Kurzkritik - Der Krieg des Charlie Wilson


USA 2007

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Nicht erst seitdem George W. Bush im Weißen Haus residiert, tritt die US-Diplomatie und mit ihr der Geheimdienst CIA regelmäßig in mal mehr, mal weniger tiefe Fettnäpfchen. Mike Nichols Polit-Satire Der Krieg des Charlie Wilson widmet sich mit Afghanistan einem besonders bitteren Kapitel amerikanischer Außenpolitik. Denn während die USA die Mudschahidin einst in ihrem Kampf gegen die sowjetischen Truppen noch finanziell unterstützten, mussten sie einige Jahre später feststellen, dass der Abzug der Sowjets das Land in einen blutigen Bürgerkrieg stürzte, aus dem die radikalen Taliban als die neuen Machthaber hervorgingen.

Die Filmhandlung setzt zu Beginn der 80er Jahre ein. Für den jungen Kongressabgeordneten Charlie Wilson (gespielt von Tom Hanks) ist es eine aufregende Zeit. Statt sich im tristen Politikalltag zu verlieren, vergnügt er sich lieber mit Prostituierten und auf Partys. Das ändert sich erst, als die engagierte texanische Millionärin Joanne Herring (Julia Roberts) ihn damit beauftragt, Hilfe für die Menschen in Pakistan zu organisieren. Seitdem im Nachbarland Afghanistan Krieg herrscht, strömen Hunderttausende Flüchtlinge dorthin. Wilson lässt sich zu einem Besuch der Flüchtlingslager und einem Gespräch mit dem pakistanischen Präsidenten überreden. Geläutert und davon überzeugt, die Mudschahidin im Kampf gegen die Sowjets mit Waffen versorgen zu müssen, schmiedet Wilson zusammen mit CIA-Mann Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman) einen mehr als windigen Plan.

Weil die Folgen dieser kurzsichtigen „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Politik bis heute zu beobachten sind, ist Nichols Film ungeachtet seiner Verwurzelung in den 80er Jahren hochgradig aktuell. Offiziell als Drama deklariert, darf hier mehr als in den meisten Komödien gelacht werden. Scharfzüngig und pointiert beschreibt das Drehbuch von „West Wing“-Autor Aaron Sorkin die Absurditäten des Washingtoner Politik-Zirkus. Leider ist das Tempo der Dialoge derart hoch, dass viele der Seitenhiebe vermutlich der Hektik des Geschehens zum Opfer fallen werden. Nicht zu übersehen ist dagegen, wie Philip Seymour Hoffman seinen Kollegen Hanks und Roberts in jeder Szene aufs Neue die Show stiehlt.

Erschienen im Smart Investor.

5 Comments:

Blogger TheRudi said...

Auch du bestätigst meinen Eindruck, die ersten beiden Monate scheinen vor guten Filmen nur so überzufließen, bei dir purzeln ja auch nur so die "+++" heraus *g* - sollte das so weitergehen, wird die Top 10 dieses Jahr sicherlich schwieriger zu erstellen ;)

BTW, was war denn jetzt DEIN Nummer 1 Film 2007 - hattest damals ja gemeint, dass noch zu sagen, es dann aber wohl vergessen ;)

Februar 06, 2008 4:55 nachm.  
Blogger Knurrunkulus said...

Tom Hanks habe ich in seiner Rolle aber auch seit langer Zeit das erste Mal wieder so richtig gerne zugesehen, Frau Roberts hingegen kam mir tatsächlich überflüssig vor wie ein Kropf. Fand in "Charlie Wilsons War" außerdem die letzte Viertelstunde am stärksten, da es dort einfach am meisten auf den Punkt geht und das Tempo stimmt.

Generell aber war ich dann doch ein bißchen enttäuscht. Irgendwie kam mir das alles ein bißchen zu handzahm daher; was vielleicht tatsächlich an dem teilweise sehr rasanten Abhandeln der Wegpunkte liegt.

Februar 08, 2008 11:56 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ rudi

der jahresauftakt hat wirklich einiges zu bieten. mit blick auf die nächsten monate scheint sich das aber auch zu ändern. jetzt starten halt auch viele oscar-anwärter bei uns.

hmm, ich würde sagen,d ass ich meine nr. 1 salomonisch auf "letters from iwo jima" und "the prestige" aufteilen würde. wüsste jetzt nicht, wem ich da den vorzug geben würde.

@ knurru

ja, die roberts fiel nicht besonders auf. war ja ohnehin noch nie ein fan von ihr...

Februar 09, 2008 12:30 nachm.  
Blogger Christian said...

Ja, der gesamte Film war klasse, und der letzte Satz deiner Rezension trifft den Nagel auf den Kopf. Philip Seymour Hoffman war wirklich so was von großartig. Ich möchte fast sagen, dass er seine Kollegen förmlich an die Wand gespielt hat, und das obwohl auch Tom Hanks eine tolle Leistung abgeliefert hat...

Februar 10, 2008 3:45 nachm.  
Anonymous der Rote said...

Habe den übrigens die Tage auch gesehen und fand ihn sehr gelungen. Sehr passend aktuell. Ich frage mich allerdings, ob in Zeiten des AGG die Bezeichnung "Presse-Pussy" zulässig wäre...

Februar 10, 2008 7:32 nachm.  

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