Montag, Januar 07, 2008

I am Legend - Rehe am Times Square


USA 2007

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Spoilerwarnung bzgl. des letzten Absatzes!

Er glaubt, der letzte Mensch auf Erden zu sein. Der Virologe Robert Neville (Will Smith) zieht mit seinem einzigen Begleiter, der Schäferhündin Sam, durch die verlassenen Straßen New Yorks. Nachdem ein genmanipuliertes Virus, das eigentlich zur Bekämpfung von Krebs entwickelt wurde, eine Pandemie unbeschreiblichen Ausmaßes auslöste, gleicht die Metropole einer Geisterstadt. Aus unerfindlichen Gründen ist Neville immun gegen das Virus – scheinbar als Einziger. Doch er ist nicht allein. Sobald die Sonne untergeht, wagen sich unheimliche Kreaturen aus ihren Verstecken. Die Mutanten erscheinen dabei als eine Kreuzung aus blutsaugenden Vampir-Monstern und wieselflinken Untoten. Sie beobachten Neville bei seinen Streifzügen auf Schritt und Tritt.

Auch wenn er bislang niemandem begegnet ist, der sein Schicksal teilt, gibt Neville tief in seinem Herzen die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwo da draußen noch weitere Überlebende geben könnte. Als früherer Militär-Wissenschaftler weiß Neville, dass er nur mit Disziplin in einem derartigen Chaos überleben kann. Aus diesem Grund hat er seinen Tagesablauf akribisch durchgeplant. Wenn er nicht gerade seine Fitness trainiert, durchsucht er zusammen mit Sam die Stadt nach Vorräten oder arbeitet in seinem Kellerlabor an einem Gegenmittel.

So vergehen die Tage, ohne dass Neville weder bei seinen Labor-Experimenten noch bei der Suche nach anderen Menschen wirklich vorankäme. Es ist erstaunlich, wieviel Zeit sich I am Legend für die Beschreibung eines dystopischen Szenarios nimmt, das mit nur wenig Action und – bedingt durch das Setup – mit noch weniger Text auskommt. Nahezu zwei Drittel des Films zeigen Nevilles Überlebenskampf in den gespenstisch leeren Straßen New Yorks, wo sich die Natur mit jedem Tag das zurückholt, was ihr der Mensch zuvor in Jahrhunderten genommen hat. Es mutet schon reichlich skurril an, wenn Orte, an denen gemeinhin das Leben pulsiert plötzlich als übergroßes, leinwandfüllendes Stillleben daherkommen. Die Stadt, die niemals schläft, scheint in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Vor Grand Central grasen Rehe und sogar am Times Square stört kein Verkehrslärm die ungewohnte urbane Ruhe.

Wie in Danny Boyles Zombie-Schocker 28 Days later, der seinerzeit die City von London in eine Geisterstadt verwandelte, sind es genau diese Aufnahmen des menschenleeren Manhattans, die den stärksten Eindruck hinterlassen. Die Dreharbeiten an den Originalschauplätzen kamen einer logistischen Meisterleistung gleich. Wer nur einmal das Chaos rund um den Times Square erlebt hat, wird dem nicht widersprechen wollen. Obwohl Regisseur Francis Lawrence (Constantine) bei seiner ungewöhnlichen New York-Tour durchaus den Konventionen des modernen Action-Kinos folgt und den Angriff der infizierten Massen mit lautem Getöse in Szene setzt, hebt sich I am Legend die meiste Zeit über wohltuend von den nicht selten hohlen Big Budget-Produktionen Hollywoods ab.

So gelingt es Lawrence, dem Zuschauer die zwei Seiten von Nevilles Robinson Crusoe-Dasein über einen konzentrierten und im positiven Sinn einfachen Plot näher zu bringen. Einerseits genießt er die Freiheit, all das tun zu können, wonach ihm gerade der Sinn steht. Er kann auf einem vor Anker gegangenen Flugzeugträger Golf spielen oder im schicken Sportflitzer durch Manhattan rasen. Nichts und niemand hindert ihn daran. Auf der anderen Seite leidet er aber auch unter der Vorstellung, der letzte Überlebende zu sein. Um an Einsamkeit und Verzweiflung nicht zu ersticken, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Sam gelegentlich sein Herz auszuschütten oder mit Schaufensterpuppen eine besondere Form der Konversation zu pflegen.

Die mittlerweile dritte Verfilmung von Richard Mathesons wegweisenden Roman steht und fällt mit ihrem Hauptdarsteller. I am Legend wurde erkennbar auf Superstar Will Smith zugeschnitten. Und dieser revanchiert sich mit einer verletzlichen und nicht selten hochemotionalen Darstellung. Nach Auftritten in eher Mainstream-tauglichen Feel Good-Movies wie Hitch – Der Datedoktor und Das Streben nach Glück vollzieht er mit der Rolle des Robert Neville zudem einen überaus klugen Imagewechsel. Der Erfolg an den Kinokassen dürfte ihm die Möglichkeit eröffnen, zukünftig auch wieder stärker als Charakterdarsteller wahrgenommen zu werden, der nicht ausschließlich über coole Sprüche und den antrainierten Sixpack definiert wird (wobei es beides auch hier zu bestaunen gibt).

Dass der Film gegen Ende seine düstere Zustandsbeschreibung zugunsten des bekannten Zombie-Horror-Szenarios aufgibt, bei dem Smith in Bruce Willis Fußstapfen treten und die Menschheit vor ihrem Untergang retten darf, mag ein Schönheitsfehler sein. Jedoch kann selbst diese Auflösung den positiven Gesamteindruck nicht ernsthaft gefährden. I am Legend steht für engagiertes Blockbusterkino, wie man es viel zu selten antrifft.

Für BlairWitch.de.

1 Comments:

Blogger Romeroson said...

Ich liebe Endzeitszenarien. Mit hat besonders gefallen, wie Neville seine Tage verbringt und mit Disziplin vorgeht. Die Szene, wo die Darkseekers den Spies umdrehen und Neville mit der Schaufensterpuppe eine Falle stellen, ist Extraklasse. Das Einschläfern der infizierten Sam ... heul ... war genauso mit meinem alten Schäferhund. Die Mensch-Hund-Geschichte an sich ist mir auch unter die Haut gegangen. Sowas kann ich als Hunde-Mensch nachvollziehen.
Störend fand ich, wie die Darkseekers dargestellt waren. Für meinen Geschmack einfach zu smart, die Gesichts- und Gefühlsregungen bei dem "Oberdarkie" gingen mir besonders auf die Nerven. Auch die computeranimierten Rehe und vor allem die Löwen waren übertrieben.
Nochmal: Super, wie lange sich der Film Zeit gelassen hat, einfach den Alltag im (fast) ausgestorbenen NewYork zu schildern. Dabei wurde eine Suspense aufgebaut, die ich besonders hoch schätze.
Alles in allem 20 Punkte Abzug für Darkies, Rehe und Löwen. Sonst wären es 100 Punkte geworden.

Dezember 11, 2008 11:06 nachm.  

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