Donnerstag, Januar 31, 2008

Cloverfield - Das YouTube-Monster


USA 2007

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Erinnert sich noch jemand an Snakes on a Plane? Jenes amüsante B-Trash-Filmchen, das dank seines dämlichen Titels und einer stetig wachsenden Internet-Fangemeinde bereits vor seinem Kinostart Kultstatus erlangte? Letztlich musste Snakes damit klarkommen, die im Vorfeld geschürten, immens hohen Erwartungen nicht einlösen zu können. Cloverfield – obwohl filmisch dem Schlangenmassaker haushoch überlegen – könnte vollkommen zu Unrecht ein ähnliches Schicksal ereilen. Dabei wurde der Hype um das lange Zeit wie ein Staatsgeheimnis gehütete Monster-Kastastrophen-Spektakel weniger von Fans des Produzenten J.J. Abrams (Lost) sondern von den Machern höchstselber geschürt. Mit gefaketen Nachrichtenmeldungen in verschiedenen Sprachen, die von einer Art Godzilla-Revival in den Straßenschluchten Manhattans berichteten, und einer Vielzahl unterschiedlicher Filmschnipsel heizte man gezielt die Mundpropaganda um das Phänomen Cloverfield an.

Vielerorts war bereits zu lesen, dass der Film das vom Blair Witch Project bekannte visuelle und inhaltliche Konzept auf das Action-Genre übertragen soll. Wacklige Handkamerabilder, natürliches Licht und ein minimalistischer Plot sind dabei auch das Erste, was einem an Cloverfield auffällt. Und dennoch – Hype hin oder her – wäre es falsch, den Film auf den Blair Witch-Vergleich zu reduzieren. Cloverfield leistet nämlich noch etwas ganz anderes: Das Kinodebüt von TV-Regisseur Matt Reeves macht nicht nur in Sachen Action keine Gefangenen, es verpasst dem dahinsiechenden Genre des Monster-Movies darüber hinaus ein überfälliges Facelifting.

Den Prolog für die anschließende Treibjagd durch Big Apple bilden Videoaufnahmen eines glücklichen, offenbar frisch verliebten Paares. Rob (Michael Stahl-David) und Beth (Odette Yustman) filmen sich beim Aufwachen nach der ersten gemeinsamen Nacht. Es folgt ein Zeitsprung. Einen Monat später organisieren Robs Bruder Jason (Mike Vogel) und dessen Freundin Lily (Jessica Lucas) eine Abschiedsparty. Der Job verlangt es, dass Rob nach Japan zieht. Eher am nächsten Tag sein Flieger geht, soll er zusammen mit seinen Freunden aber noch einmal so richtig ausgelassen feiern. Jedenfalls sah so der Plan aus. Doch als plötzlich Explosionen die Stadt erschüttern und Menschen in Panik vor einem monströsen Etwas flüchten, ist die Party schlagartig vorbei. Von nun an gilt die Devise: Rette sich wer kann!

Robs Freund Hud (T.J. Miller), zugleich der Spaßvogel der Truppe, hatte eigentlich den Auftrag, die Abschiedsparty auf Film festzuhalten. Stattdessen wird er zum Chronist einer Katastrophe, die der Zuschauer durch seine Augen hautnah verfolgen kann. Nach der knapp 20-minütigen Einführung, die vor allem dazu dient, mit den unterschiedlichen Charakteren warm zu werden, kennt Regisseur Matt Reeves kein Pardon mehr. Von kurzen Verschnaufpausen einmal abgesehen, die wie in der U-Bahn-Station zudem von einer beklemmenden, klaustrophobischen Stimmung durchzogen sind, entpuppt sich Cloverfield als adrenalintreibendes Chase Movie, dessen Dramaturgie von einem geheimnisvollen Riesen-Ungeheuer diktiert wird.

Dabei entfalten gerade die Szenen die größte Sogwirkung, in denen das lange Zeit nur schemenhaft zu erkennende Godzilla-Double gar nicht einmal selber vorkommt, sondern die sich vielmehr mit der aufsteigenden Angst und Panik innerhalb der Gruppe beschäftigen. Allein die Flucht durch den stockfinsteren U-Bahn-Tunnel steht für Terrorkino in Perfektion. Spätestens dann wird auch klar, dass der Film ohne seine anfangs vielleicht als banal empfundene Exposition nicht funktionieren würde. Erst nachdem wir in Rob und den Anderen nicht mehr gesichtsloses Futter für die Bestie sehen, können wir mit ihnen bangen und leiden.

Als weiterer geschickter Schachzug erweist sich die Entscheidung, den Plot über eine Liebesgeschichte zusätzliches emotionales Gewicht zu verleihen. Damit Rob seiner Beth zur Hilfe eilen kann, ist er gezwungen, in das Zentrum des Chaos und der Zerstörung zurückzukehren – gegen jede Vernunft, gegen jede Ratio. Während die Massen versuchen, Manhattan auf schnellstem Wege zu verlassen, kämpft sich Rob mit jedem Häuserblock ein Stückchen näher an seine große Liebe heran. Leider fällt ihr Wiedersehen mit einem schrecklich klischeehaften Moment zusammen, bei dem man seinen Blick am liebsten schamhaft von der Leinwand abwenden möchte.

Weil Cloverfields gesamte Konstruktion als 84minütiges Augenzeugenvideo einen für das Genre ganz neuen Authentizitätsgedanken postuliert, war es enorm wichtig, dass die digitalen Effekte diese Illusion nicht zerstören. Das Ergebnis kann sich sowohl sehen als auch hören lassen. Realistischer wurde Manhattan jedenfalls noch nie in Schutt und Asche gelegt. Sogar vor amerikanischen Ikonen wie der Statue of Liberty machen Reeves und Abrams nicht halt. Die Wucht der Einschläge lässt einen dabei unweigerlich zusammenzucken, vorausgesetzt die Soundanlage tritt angesichts der zu leistenden Schwerstarbeit nicht irgendwann in den Ausstand.

Die Verpackung mit ihrer verwackelten Handkamera-Optik ist kein inszenatorischer Selbstzweck. Bedenkt man, dass der gesamte Film als ein nach dem Angriff aufgefundenes Videodokument konzipiert wurde, liegt der visuelle Ansatz auf der Hand. Und erst der macht aus Cloverfield einen weit überdurchschnittlichen Schocker, bei dem es letztlich nicht darauf ankommt, dass das Geheimnis um die Herkunft des Monsters nicht gelüftet wird. Warum dieses ausgerechnet in New York wütet, bleibt ebenso ein Rätsel.

Bei seinem Kinostart in den USA sorgten dann auch weniger die recht dreisten Godzilla-Anleihen als die Parallelen zu einem der tragischsten Kapitel der jüngeren amerikanischen Geschichte für hitzige Diskussionen. Zu deutlich ähneln die Bilder von herumirrenden Menschen, einstürzenden Hochhäusern und gigantischen Staubwolken denen vom 11. September. Sogar der Schauplatz ist derselbe. Die Frage, ob man auf diese Weise mit der immer noch angeknacksten Psyche einer Nation spielen darf, kann hier nicht beantwortet werden. Wenn man nach dem Kinobesuch jedoch auf den Times Square tritt und erleichtert feststellt, dass die soeben durchlebte Zerstörungsorgie nur das Produkt einer perfekt choreographierten Hollywood-Fantasie war, gibt es an der Klasse von Cloverfield keine Zweifel mehr.

Erschienen bei BlairWitch.de.

4 Comments:

Blogger TheRudi said...

Die Tatsache, dass die Herkunft des Monster nicht gelüftet wird (ich danke dir für den Spoiler), zeigt mir, dass dieser Film, der scheinbar ohne Sinn konstruiert ist und lediglich durch seine Inszenierung zu gefallen weiß, wahrlich nichts für mich ist.

Januar 31, 2008 12:55 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ohne sinn? nunja, wieviel sinn ein monster-godzilla-film überhaupt haben kann, ist jetzt schwer zu sagen. mich hat das nicht gestört, da es hier auf die verpackung und weniger den inhalt ankommt. und das meine ich gar nicht abwertend. denn die verpackung sorgt für so manch einen adrenalinstoß ;)

und ich gehöre zu denjenigen, die seinerzeit dem "blair witch project" nicht wirklich viel abgewinnen konnten.

Februar 03, 2008 5:23 nachm.  
Anonymous Anteeru said...

Nach dem "Genuss" des Filmes kann ich nur sagen, dass ich obige Rezension schlicht für ein stückweit zu "nett" erachte. Tatsächlich bekommt man zwar spannende Unterhaltung fürs Geld geboten und ein paar tolle Momente gibt "Cloverfield" somit sicher her (das Ableben diverser Hauptcharaktere ist teilweise hoch schockierend inszeniert), doch schwebt darüber einfach die Feststellung: Wäre die Perspektive nicht so extravagant, man wäre schlicht verärgert über diesen Film, weil er einfach GARNICHTS Neues zu bieten hat. Die Charaktere sind einem zwar nicht völlig schnuppe, aber wenn es einen aus ihren Reihen dann halt mal erwischt, ist man kurz erschüttert, macht sich gleich darauf jedoch (wie das Drehbuch) keine großen Gedanken mehr um ihn. Auch die Handlung ist im Prinzip nur ein Konstrukt, das ohne das nette Konzept des Films zusammenfiele wie die unzähligen Wolkenkratzer darin. Insofern ist wirklich endgültig geklärt, ob J.J. Abrams sich interessante Rahmenhandlungen ausdenken kann. Er kann es nicht. Dafür kann er entweder unzählige dieser simplen Konstrukte in ein kunstfertiges Kaleidoskop aus diversen Versatzstücken aller Genres einweben, das in Form von "Lost" dann wieder unterhaltsam ist, oder ein einzelnes dieser Handlungsgerippe mit einer netten Grundidee ("Cloverfield") optisch aufpeppen. Wie man einfache, nicht gerade das Rad neu erfindende Ideen veredelt, das weiß Abrams und damit passt er wohl ganz gut ins heutige Mainstreamkino aus Übersee. Und das ist in seinen Schauwerten dann auch, wie gesagt, sehr unterhaltsam und wohl auch den Kinobesuch wert (zumindest den preisgünstigeren unter der Woche), macht jedoch auch klar, das Hollywood sich erneut davor drückt, im Horror- und Thrillerbereich wirklich neue Konzepte auszurufen. Stattdessen bekommen wir nette Spielereien feilgeboten, wissen aber unterm Strich nun kaum mehr, als wie eine hochbudgetierte Mischung aus "Blair Witch Project" und "Godzilla" aussieht. Sich das jedoch einfach nur mal im Geiste auszumalen, dafür hätte die Fantasie der meisten Kinogänger wohl ausgereicht und dadurch verliert "Cloverfield" wohl leider auch ein großes Stück seiner Existenzberechtigung.

Februar 05, 2008 12:07 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ anteeru

erstmal danke für Dein ausführliches feedback zum film! die existenzberichtigung möchte ich einfacher, aber effektivem thriller-/ suspense-kino wie "cloverfield" nicht absprechen wollen. ein film muss sich nicht immer an problemen oder realitäten abarbeiten, damit ich ihn als sehenswert empfinde. vielleicht erwartest Du von einem simplen, aber effektiven monster-filmchen wie "cloverfild" da auch etwas, was er überhaupt nicht leisten kann.

sicherlich wäre der film ohne seine spezielle verpackung nicht halb so interessant. nur finde ich das eine eher hypothetische diskussion, da die optik "cloverfield" letztlich definiert und man ihn ohne diese nicht bewerten kann.

Februar 05, 2008 2:17 nachm.  

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