Sonntag, Oktober 19, 2008

Die Stadt der Blinden - Weiße Nebelkerzen


KAN/BRA/JPN 2008

+1/2

Als Sehender fällt es einem nicht leicht, sich in die Lage eines blinden Menschen hineinzuversetzen. Sieht er tatsächlich nichts und wenn ja, wie muss man sich dieses „Nichts“ vorstellen? Gemeinhin assoziieren wir Dunkelheit und die Abwesenheit von Licht mit einer Erblindung. In Fernando Meirelles’ (City of God) soziologischem Thriller Die Stadt der Blinden, der auf dem gleichnamigen Roman des portugiesischen Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago basiert, lässt sich beides nicht gleichsetzen. Ohne Vorwarnung erkranken darin immer mehr Menschen an einem mysteriösen Augenleiden, das sich wie eine Epidemie auszubreiten droht.

Jeder, der von der Krankheit befallen wird, sieht schlagartig nur noch ein weißes, gleißendes Licht. Es scheint fast so, als sei man von einer dichten, undurchdringlichen Nebelwand umgeben, die alles in sich aufsaugt. Zu den ersten Infizierten zählt auch ein Augenarzt (Mark Ruffalo), der einen jungen Mann (Yusuke Iseya) mit jenem mysteriösen Leiden behandelte und sich dabei – ohne es zu ahnen – vermutlich selbst infizierte. Nur seine Frau (Julianne Moore) scheint gegen die „Weiße Blindheit“ immun zu sein. Als die Regierung beschließt, die Erkrankten in eine Quarantäne-Station zu internieren, täuscht sie vor, ebenfalls erblindet zu sein, um so bei ihrem Mann bleiben zu können.

Mit der Ankunft in dem gefängnisähnlichen, streng von der Außenwelt abgeschotteten Gebäudekomplex, der früher einmal als Psychiatrie genutzt wurde, nimmt der Horror seinen Lauf. Immer mehr Menschen werden in die kargen Unterkünfte gebracht, wo sich die Erkrankten in Gruppen zusammenschließen und die Spannungen allmählich unerträglich werden. Wie Saramago beschäftigt sich auch Meirelles vorrangig mit dem Zerfall einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft und dem Ausbruch von Anarchie und Chaos. Frei nach Thomas Hobbes konfrontieren die Geschehnisse in der Anstalt den Menschen mit einem unbarmherzigen Naturzustand, der immer dann aufbricht, wenn jede ordnende Instanz versagt oder ausfällt – aus welchen Gründen auch immer.

Die meiste Zeit über konzentriert sich die Handlung auf die beschränkten Räumlichkeiten der Quarantäne-Station, wo der Verlust von zivilisatorischen Spielregeln wie in einem Laborexperiment bestaunt werden kann. So entwickelt sich aus einem Streit über die gerechte Verteilung der rationierten Mahlzeiten alsbald ein gewalttätiger Machtkampf zwischen dem selbsternannten „König von Block 3“ (Gael Garcia Bernal) und der Gruppe um das Arzt-Ehepaar. Als Gegenleistung für Essensrationen sollen sich die Frauen prostituieren. Die Situation eskaliert, bis sich schließlich niemand vor dem anderen mehr sicher fühlen kann.

Es ist zugegeben harter Tobak, den uns Meirelles hier präsentiert. Sein Film, der in gewisser Hinsicht dem dystopischen Children of Men sowie dem deutschen Arthaus-Thriller Das Experiment ähnelt, verweigert einem als Zuschauer konsequent die für das Suspense-Kino charakteristischen Spannungselemente. Für Meirelles hat die Sezierung einer sozialen Ausnahmesituation, die zudem existenzielle Fragen unserer Zeit verhandelt, oberste Priorität. Eher quälend und zermürbend als schweißtreibend und spannend ist vieles von dem, was hier im Laufe von 120 Minuten auf den Zuschauer einströmt. Gerade im Mittelteil scheint der Film mitunter auf der Stelle zu treten. Langeweile und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was sich dort vor unseren Augen abspielt, dürfte sich bei nicht wenigen Zuschauern einstellen – sicherlich nicht ganz zu Unrecht.

So zeigen sich die Schwachstellen der zunehmend monotonen Dramaturgie insbesondere bei einem direkten Vergleich mit dem bereits genannten Children of Men oder Danny Boyles Endzeit-Schocker 28 Days later. Von denen leiht sich Die Stadt der Blinden nämlich nicht nur die Bilder menschenleerer, verwüsteter Straßen aus, auch die Stimmung ist ähnlich düster und deprimierend. Wurde man bei Cuarón und Boyle allerdings in das Geschehen förmlich hineingesogen, sei es, weil die dynamische Handkamera nichts anderes zuließ oder man sich mit dem Helden identifizierte, gelingt es Meirelles nie, die Distanz zwischen Leinwand und Publikum gänzlich zu überbrücken. Und das, obwohl Julianne Moore als moderne Cassandra einmal mehr einen starken Eindruck hinterlässt. Wie schon im Roman von Saramago bleiben sämtliche Akteure namenlose Archetypen (die Frau mit der Sonnenbrille, der Mann mit der Augenklappe, der „König von Block 3“ etc.).

Bereits mit City of God bewies Meirelles sein Gespür für elegante Bilder. Auch Die Stadt der Blinden besticht mit einer strengen Komposition, die die Isolation und Erkrankung der Internierten erfahrbar machen soll. Dabei dominiert ein klinisches Weiß das von Beginn an erkennbar kühle Set-Design. Das Wechselspiel zwischen verschwommenen und überbelichteten Aufnahmen ist zwar hübsch anzusehen, für die uninteressanten Charaktere und das Spannungsdefizit vermag es jedoch nicht zu entschädigen.

Für BlairWitch.de.

3 Comments:

Blogger TheRudi said...

Dem ist in der Form zuzustimmen. Auch wenn ich den Film selbst etwas höher eingestuft habe, habe mich jedoch auch schwer getan, da gerade die Prostitutionsszene, wie du sagtest, harter und eindringlicher Tobak war.

Oktober 19, 2008 11:38 nachm.  
Anonymous spidy said...

Ich bin langsam der Meinung, dass City of God nur ein glücklicher Zufall war, denn seine Filme werden von Film zu Film schlechter, ein guter Regesseur zeichnet sich nicht allein davon aus, dass er ein, zwei tolle Bilder zaubern kann und den REst dann völlig vergisst! Stadt der Blinden ist für mich ein absolutes Ärgernis.

Oktober 26, 2008 9:23 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ spidy

ich befürchte es bald auch, wobei mir "der ewige gärtner" noch recht gut gefallen hat.

Oktober 27, 2008 9:33 vorm.  

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