Sonntag, November 09, 2008

Im Winter ein Jahr - Familienangelegenheiten


D 2008

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Der Selbstmord eines nach außen stets unbeschwerten jungen Mannes lässt seine Familie ratlos zurück. Erst ein gemaltes Porträt, das die Mutter von ihm und seiner Schwester in Auftrag gibt, setzt einen schmerzhaften und irreversiblen Prozess in Gang, an dessen Ende zwar keine einfachen Antworten jedoch eine heilsame Katharsis steht. Caroline Link (Oscar für Nirgendwo in Afrika) verfilmte einen Roman des amerikanischen Schriftstellers Scott Campbell. Lang erwartet – immerhin sind seit ihrer letzten Arbeit sieben Jahre vergangen – beeindruckt Im Winter ein Jahr mit einem sicheren Gespür für Atmosphäre und Stimmungen. Das hochsensible, aber optimistisch leicht und ruhig erzählte Familiendrama dürfte Hauptdarstellerin Karoline Herfurth endlich einem größeren Publikum bekannt machen.

Filmkritik:

Alexander (Cyril Sjöström) lebt ein Leben, um das ihn viele beneiden würden. Aufgewachsen in einem gut situierten Elternhaus, besucht er ein Elite-Gymnasium für Spitzensportler. Und dennoch scheint ihn irgendetwas zu bedrücken. So sehr, dass er sich mit einem Gewehr in den Mund schießt. Der Selbstmord ihres Sohnes zerstört für die Eltern die Illusion der perfekten Familie. Vor allem Alexanders Mutter Eliane (Corinna Harfouch), eine erfolgreiche Innenarchitektin, will sich mit der schmerzhaften Realität nicht abfinden. Stundenlang sitzt sie bisweilen im Kinderzimmer ihres Sohnes, hält Zwiesprache mit Alexander, in den sie doch so viele Hoffnungen gesetzt hat. Ihr Mann (Hanns Zischler) flüchtet sich dagegen in seine Arbeit. Als angesehener Bioniker bleibt ihm ohnehin nicht viel Zeit für die Familie.

Alexander hatte auch eine Schwester. Lilli (Karoline Herfurth) ist 22 und studiert in München Tanz und Gesang. Anders als zu ihrem Bruder war das Verhältnis zu ihren Eltern oftmals nicht frei von Spannungen. Nur wenig Begeisterung kann sie anfangs für den Vorschlag ihrer Mutter aufbringen, für ein Porträt von ihr und Alexander Modell zu stehen. Den toten Bruder plötzlich als Bild an der Wand hängen zu sehen, diese Vorstellung löst in Lilli Unbehagen aus. Nur widerwillig erklärt sie sich bereit, den Maler in seinem Atelier zu besuchen. Gänzlich unvorbereitet trifft sie dort auf Max (Josef Bierbichler). Der störrische Eigenbrödler versucht zu Lilli eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, um so mehr über sie und ihre Familie zu erfahren. Dabei stellt sich bald heraus, dass auch in seiner Vergangenheit Dinge vorgefallen sind, die ihn bis heute verfolgen.

Es ist die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen Max und der vierzig Jahre jüngeren Lilli, die im Zentrum von Caroline Links intimer Familienchronik Im Winter ein Jahr steht. Nach der epischen Weite ihres Oscar-prämierten Historiendramas Nirgendwo in Afrika suchte Link eine Geschichte, in der bereits kleine Gesten und subtile Andeutungen einen großen Unterschied ausmachen. Bei Scott Campbells Roman „Aftermath“, der ursprünglich mit einer namhaften Hollywood-Besetzung für den Weltmarkt verfilmt werden sollte, wurde sie schließlich fündig.

Link nimmt sich viel Zeit, um das von unausgesprochenen Ängsten, Hoffnungen und Enttäuschungen durchzogene Beziehungsgeflecht vor den Augen des Zuschauers zu entwirren. Und trotz dieser Ruhe, die nicht nur Max sondern der gesamte Film ausstrahlt, entwickelt die Geschichte von den ersten Aufnahmen an eine ungeheure Kraft. Zum Ende hin findet diese Energie in Lillis improvisierter Tanzeinlage – zu Peter Gabriels „Signal to Noise“ – das passende Ventil. Ungeachtet der plakativen Gegenmontage mit einer theatralisch agierenden Corinna Harfouch zählt die Szene zweifelsfrei zu den emotionalen Höhepunkten des Films. Die für Lilli heilende Katharsis ist in diesem Augenblick mit den Händen zu greifen.

Neben der herausragenden Leistung der jungen Karoline Herfurth, die sich selbst neben einem Schauspielungetüm wie Josef Bierbichler jederzeit behauptet und der hiernach vermutlich alle Türen offen stehen, ist es vor allem der Blick für Details, den Links Romanadaption von anderen Familiengeschichten unterscheidet. Obwohl im Grunde genommen nicht viel passiert und der Plot elliptisch um Lillis Besuche im Atelier kreist, gibt es dennoch so vieles zu entdecken. Seien es die Blicke, die Lilli und Max miteinander austauschen oder die eisigen Impressionen aus der „Schöner Wohnen“-Fantasie der elterlichen Villa, Link transportiert das, was ihr wichtig ist, über klar strukturierte Bilder und Motive. Als Links Stammkomponist liefert Niki Reiser den dafür passenden musikalischen Rahmen. Seine atmosphärischen Klangimpressionen wirken wie der gesamte Film noch lange nach.

Erschienen bei Programmkino.de.

1 Comments:

Blogger TheRudi said...

(...) beeindruckt Im Winter ein Jahr mit einem sicheren Gespür für Atmosphäre und Stimmungen.

Zustimmung von meiner Seite aus.

November 16, 2008 9:21 nachm.  

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