Donnerstag, April 13, 2006

Zuletzt gesehen - Königreich der Himmel (DVD)


USA 2004

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"Ich glaube, Gott ist es leid, von beiden Parteien angerufen zu werden."
(Inman zu Ada, „Unterwegs nach Cold Mountain“)


Die Kreuzzüge gehören, vornehm ausgedrückt, nicht zu den ruhmreichsten Kapitel der europäischen Geschichte der letzten 2000 Jahre. Der ins Heilige Land exportierte Exodus an Gräueltaten, Unterdrückung und Ausbeutung wollte am liebsten nicht nur die katholische Kirche lange Zeit vergessen machen. Im Schatten des Kreuzes waren die Europäer für hunderttausendfachen Mord verantwortlich. Im Kampf gegen die „ungläubigen“ Moslems galt es den Vormachtsanspruch der westlichen Welt auf das Land Jesu zu verteidigen. Dazu lockten Reichtum und Macht. Einer, der einst dieser Versuchung nachkam, war Godfrey (Liam Neeson), Baron von Ibelin. Nun kehrte er nach Frankreich zurück, auf der Suche nach seinem Sohn Balian (Orlando Bloom). Dieser hatte gerade Frau und Kind verloren, aus Verzweiflung und Wut tötete er einen Geistlichen. In Jerusalem erhofft er sich, Gott um Vergebung für seine Sünden bitten zu können und das schwere Erbe seines Vaters anzutreten. Godfrey war im Gegensatz zu vielen anderen seiner Zunft auch bei der Bevölkerung ein angesehener Mann, jemand, der zudem auf Frieden und Versöhnung mit König Saladin (Ghassan Massoud) drängte. Der Sarazenenführer drohte im Gegenzug für die von den Tempelrittern Guy (Martin Csokas) und Reynard (Brendon Gleeson) befohlenen Massakern an der muslimischen Zivilbevölkerung mit dem Sturm auf die heilige Stadt Jerusalem.

Dem allseits gelobten „Gladiator“ konnte ich seinerzeit nur wenig abgewinnen. Außer Russell Crowes physisch beeindruckendem Spiel besaß der Film für mich keinerlei fesselnde Momente, sondern lediglich eine Überdosis schwülstigen Pathos. Augenscheinlich ist das sogar Ridley Scott aufgefallen, weshalb er sich in „Königreich der Himmel“ mit Helden-Beweihräucherung für einen Film dieser Verhältnisse angenehm zurückhält. Was nicht heißt, hier würde nicht dramatisch gekämpft, geliebt und gestorben. Aber alles in einem erträglichen Rahmen. Bereits vor Kinostart kamen die Mahner und Kritiker aus ihren Löchern, die dem Film eine Diffamierung der arabischen Welt vorwarfen. Dieses Urteil werden sie revidieren müssen, sind es doch eindeutig die teils fanatischen Templer unter ihrem Anführer Guy de Lusignan, die bei Scott als Quelle des Übels ausgemacht werden. Der christliche König von Jerusalem, Balduin IV. (Edward Norton), suchte dagegen den Dialog, nicht die Konfrontation mit der anderen Kultur, was sicherlich nicht nur seiner Lepra-Erkrankung, sondern auch der positiven Zeichnung des Drehbuchs geschuldet sein dürfte, als notwendige Abgrenzung zu Guy und seinem Lakaien Reynard.

„Königreich der Himmel“ wird sicherlich keinen Anspruch auf eine historisch 100 % korrekte Wiedergabe der Ereignisse erheben (dafür hätte Scott z.B. nicht den fiktiven Charakter von Balians Vater einführen dürfen), was ich nicht als tragisch erachte, wenn uns der Film stattdessen den wahren Kern eines Konflikts übermittelt und in ihm auch einen relevanten Gedanken für unsere Zeit identifiziert. Um es kurz zu machen: Aktueller und brisanter könnte das Thema nicht sein. Es geht um den „Clash of Cultures“, um das, was zwischen den Menschen steht, was sie entzweit, statt sie zu verbinden. Zu Balians Zeiten waren es die Religionen, dann kamen die Ideologien und heute ist es eine gefährliche Mischung aus beiden. Nur ein Unwissender kann heute noch einen „Kreuzzug“ ausrufen, weiß er wohl kaum, um die Signalwirkung eines solchen Wortes. Wo sich Petersens „Troja“ fast zweieinhalb Stunden in hübschen Fassadenspielen erging, kommt Scott hier recht zügig zum Kern des Konflikts: Er stellt das Kreuz ganz an den Anfang seines Films, im kalten trüben Frankreich erhebt es sich aus der unwirklichen Landschaft. Genau dasselbe Kreuz sehen wir in der Schlußeinstellung wieder. Es symbolisiert eine zerstörerische Macht, die sich längst der Religion nur noch als ein Alibi bedient. Der Glauben wir zur bigotten Chimäre, die es aus Legitimitätsgründen gilt, vor sich herzutragen. Deshalb ist „Königreich der Himmel“ auch kein anti-christliches Werk, weil das, was dort im Namen Gottes verübt wurde, mit christlicher Weltanschauung so gar nichts mehr gemein hat.

An einer Stelle muss man zwangsläufig noch einmal auf „Gladiator“ zurückkommen. Hatte dieser einen unglaublich präsenten Russell Crowe zu bieten, kann Tennie-Schwarm Orlando Bloom nicht ansatzweise in die großen Fußstapfen seines filmischen Vorgängers treten. Er müht sich zwar redlich im großen Bild nicht unterzugehen, guter Wille allein ist aber leider noch keine Garantie fürs Gelingen. Auch ein mühsam „antrainiertes“ Bärtchen kann sein ordinäres Boygroup-Charisma nicht kaschieren. Schreiben wir es der schauspielerischen Unerfahrenheit der Jugend zu, verbunden mit der Hoffnung, dass er sich mit den Jahren zu einem profilierteren Darsteller entwickeln möchte. Um Bloom herum wartet der Film dagegen mit einer ganzen Reihe außergewöhnlich starker Schauspieler auf: Liam Neeson, Eva Green, Brendon Gleeson, Jeremy Irons, Ghassan Massoud, sie alle zeigen, wie sie aus nur wenigen Szenen, eine sehr direkte Brücke zum Zuschauer schlagen können. Eva Green weint als Königin Sybilla derart verloren in sich hinein, dass nicht nur in Balian der Beschützerinstinkt geweckt wird, und der Syrer Ghassan Massoud verleiht seinem Charakter die nötige Weisheit und Würde, die Saladin auch von seinen Feinden attestiert wurde.

Pluspunkte sammelt Ridley Scott für seinen behutsamen Umgang mit dem heiklen Sujet, der höchst positiven Darstellung der Muslime und der technischen Finessen in der Inszenierung. Obwohl nur eine große Schlacht im Film vorkommt (die anderen Scharmützel finden weitestgehend „off-screen“ statt), durchzieht „Königreich der Himmel“ ein Gefühl des echten monumentalen Epos. Dieses zeigt sich eher in den großen Ideen der Toleranz und des Respekts, denn in gigantischen Menschenansammlungen, von denen es selbstverständlich auch einige zu bewundern gibt. Es ist nicht Scotts Schuld, das jeder nach Peter Jacksons „Herr der Ringe“ zumindest unterbewusst Hobbits, Elben und Orks kämpfen sieht, wenn sich in Wirklichkeit Christen und Moslems gegenüberstehen. Eher ist es ein Kompliment, wenn die perfekt choreographierten Kämpfe aus „HdR“ rezitiert werden. Handkameragewackel gehört mittlerweile leider zum guten Ton, was auch John Mathieson mitbekommen hat. Diesen Schönheitsfehler ausgenommen, taucht er den Film und seine Ausstattung (welche weit weniger künstlich als noch in „Alexander“ aussieht) in teils sehr kühle (Frankreich-Episode), teils in verschwenderisch satte und leuchtende Farben (Palast in Jerusalem). Damit unterstützt er dezent die Stimmungen und Spannungen zwischen den einzelnen Lagern.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, Scott würde auf die obligatorische „Braveheart“-Ansprache verzichten. Vergeblich. Immerhin ritt unser Held diesmal nicht vor tausenden seiner Männer auf und ab, was den Peinlichkeitsfaktor der Szene etwas abmilderte. Dennoch brach hier unverhohlen das Pathos heraus, was bis dato nur wohl dosiert zum Einsatz kam. Wo „Königreich der Himmel“ aufgrund der eingeschränkten Fähigkeiten seines Hauptdarstellers eine Vater-Sohn-Beziehung nur unzureichend transportieren kann, obsiegt er in der Brisanz und Aktualität seines Themas. Mit der Aufrichtigkeit von Scotts Epos können es nur wenige Filme in letzter Zeit aufnehmen. Seine Botschaft einer Reaktivierung des Dialogs mit anderen Kulturen auf Augenhöhe ist das Extrakt eines spannungsreichen Kinoabends.

Erschienen bei kino.de.

1 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Schön zu sehen, dass Du auch mal Filme besprichst, die nicht aktuell im Kino laufen (auch wenn es sich hierbei "nur" um eine alte kino.de-Kritik handelt). Es tut Deinem Blog gut, dass hier auch mal ein etwas älterer Film Einzug hält. Noch besser täte es Deinem Blog, wenn Du öfters mal etwas über ältere Filme und vor allem über Filmklassiker schreiben würdest (auch wenn es nur ein paar Zeilen sein sollten), denn sicherlich wäre es Deiner Reputation als Filmjournalist nur zuträglich, wenn Du in Deinem Blog auch mal zeigst, dass Du in der Filmgeschichte bewandert bist und zu diesen Filmen auch etwas zu sagen hast, weshalb Du folglich auch aktuelle Filme auch im filmhistorischen Kontext zu betrachten in der Lage bist.
Also, hau ruhig rein. Und wie gesagt: ich persönlich wäre Besprechungen älterer Filme Deinerseits nicht abgeneigt. Die Oldtimer sind ja sowieso besser als das Meiste, was uns aktuell im Kino vorgesetzt wird. Wenn ich allein schon daran denke, wie der Dilettant und Ignorant Chris Columbus eines der bedeutensten musikalischen Dramen unserer Zeit zu einem peinlichen Hoppsassa-Filmchen verwurstet hat, wird mir ganz anders...

April 15, 2006 1:18 nachm.  

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