Sonntag, April 09, 2006

Good Night, and Good Luck - Passen Sie gut auf sich auf!


USA 2005

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Dass früher entgegen dem landläufigen Klagen nicht alles besser war, beweist George Clooneys ambitionierte Regiearbeit “Good Night, and Good Luck” über den Kampf couragierter Journalisten in den von Paranoia und Hysterie gekennzeichneten 50er Jahre der berüchtigten “McCarthy-Ära”. Der Senator aus Wisconsin, wie er von dem CBS-Aushängeschild Edward R. Murrow (David Strathairn) etwas abschätzig genannt wird (ein Freund wies mich auf die Parallele zu dem „Professor aus Heidelberg“ hin), verbreitete mit seinem Ausschuss zu jener Zeit Angst und Schrecken. Wer jemals nur den geringsten Kontakt zu einer kommunistischen Organisation oder einer mit einer kommunistischen Organisation befreundeten Organisation hatte oder auch nur jemand kannte, der wiederum einen Kommunisten kannte, stand kollektiv unter dem Verdacht des Landesverrats. Vor allem auf Intellektuelle, Journalisten und Künstler hatte es Senator John McCarthy (spielt sich in Archivaufnahmen selbst) abgesehen.

Das Team der CBS-Nachrichtensendung „See it now!“ um den Produzenten Fred Friendly (George Clooney) will diesen unerträglichen Zustand nicht länger hinnehmen. Sie entscheiden sich dazu, einen kritischen Bericht über den Fall eines aus der U.S. Air Force entlassenen Major zu senden. Weil ihm fälschlicherweise das Stigma einen kommunistischen Sympathisanten anhaftete, was ihn seinerzeit automatisch zu einem „nationalen Sicherheitsrisiko“ machte, verlor er seinen Job. Murrow kritisiert in seiner Sendung direkt die Methoden des Senatsauschusses und im speziellen die Arbeit des eifrigen Kommunistenjägers McCarthy. Kein Wunder, dass die Gegenseite das so nicht auf sich sitzen lassen will. Das Duell um die Meinungshoheit, ein Spiel mit nicht immer ganz fairen Mitteln, hat begonnen.

„Good Night, and Good Luck“ versteht sich als eine detailgenaue Rekonstruktion der damamligen Ereignisse, die jeder journalistischen Überprüfung standhalten soll. Das war Clooney sehr wichtig, der gemeinsam mit Grant Heslov auch das Drehbuch verfasste. Somit wird sein Film zu einem neuen alten historischen Dokument über ein Amerika, das um den eigenen Platz in der Welt noch kämpfte, während sich ein neuer Gegenblock zu den freitheitlichen westlichen Demokratien formte: der Kommunismus und Sozialismus. Die Post-Weltkriegs-Atmosphäre durchzog ein Klima der diffusen Verdächtigung, ausgelöst von Leuten wie McCarthy, ein übereifriger Karrierist in Washington, der sich selber schon zu gern im Amt des Präsidenten sah. Dort saß aber noch der so populäre Dwight D. Eisenhower (dieser hat gegen Ende einen äußerst pointierten Gastauftritt). Wenn Clooneys Film eine Schwachstelle hat, dann ist sie mit dem Begriff des realistischen „historischen Dokuments“ bereits umschrieben. Alles atmet ein Gefühl der Überkorrektheit, jeder Satz klingt sorgfältig abgewogen, was eigentlich niemand verwundern dürfte, spielt der Film doch in einem Milieu gestandener Nachrichtenmänner. Sprache ist wichtig, sie ist ihre Waffe, die sie aber nicht als solche verstanden wissen wollen, sondern als ein Instrument zur Aufklärung.

Murrows Vorstellungen über das, was das Fernsehen leisten soll, bilden die formale Klammer in „Good Night, and Good Luck“. Fernsehen kann der Unterhaltung dienen oder der Information und Erziehung. Das klingt pädagogisch und offenbart Murrows nicht unbedingt positives Bild über den amerikansichen Durchschnittsbürger, der sich nach dessen Meinung nur allzu gern von der kleinen Flimmerkiste ablenken und verführen lässt. Somit nutzen Clooney und Heslov ihr Werk nicht nur als mahnendes Beispiel für das hohe Gut der Presse- und Meinungsfreiheit, sie appelieren auch direkt an den Zuschauer, kritisch die ihm heute in den unterschiedlichen Medien übermittelten „Informationen“ zu reflektieren. Merke: die Wahrheit von Fox News und CNN muss nicht immer auch die ganze Wahrheit sein.

Das komprimierte Kammerspiel in den Räumen der CBS-Truppe entwickelt nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit, immerhin werfen die Akteure mit Namen und Daten nur so um sich, eine intensive intellektuelle Spannung. Das Duell Murrow gegen McCarthy elektrisiert auch in seiner Aufbereitung in einem Spielfilm, zumal die Nutzung der Archivaufnahmen ein cleverer Schachzug in Bezug auf eine fast nicht mehr zu überbietende Authentizität darstellt. Die einzig richtige Entscheidung in Schwarz-Weiss zu drehen rundet das stimmige Bild ab. Kameramann Robert Elswit gelingen ästhtetisch überaus ansprechende Einblicke in die verwinkelten Gänge der Nachrichtencrew und in die kleinen heimeligen Studios. Oftmals verschmelzen seine Bilder mit dem historischen Filmmaterial. Auf diese Weise kann eine Synthese zwischen zwei unterschiedlichen Zeitebenen entstehen, die eigentlich über fünf Jahrzehnte auseinander liegen. Dann ist die Illusion perfekt und der Zuschauer kann ganz tief in das stress- und schweißbeladene Geschehen eintauchen. Und überhaupt: soviel wie hier geraucht und gequalmt wird, das sähe in Farbe weit weniger elegant und mondän aus.

Indem Clooney das Brennglas ganz auf die Arbeit in der Redaktion legt, fallen zwangsläufig andere Aspekte unter den Tisch. Über den „privaten“ Edward R. Murrow erfährt man so gut wie nichts. Zwar sind seine Überzeugungen und Ansichten auch in seiner Arbeit allgegenwärtig, einen tieferen Einblick in Murrows Psyche erlauben sie jedoch nicht. Was ihm bei so manch verlorenem Blick durch den Kopf schießt, das überlässt Clooney der Phantasie des Zuschauers. Lediglich die in den konservativen 50er Jahren nicht gern gesehene Liasion zwischen zwei CBS-Angestellten thematisiert „Good Night, and Good Luck“ am Rande. Was das alles heute noch mit uns und unserer heutigen modernen Informationsgesellschaft zu tun hat? Diese Frage beantwortet sich spätestens, wenn Murrow in einem seiner geschliffenen Statements folgendes zur Sprache bringt:

„We will not walk in fear, one of another, we will not be driven by fear into an age of unreason. (..) We proclaim ourselves as indeed we are, the defenders of freedom where ever it still exists in the world. But we cannot defend freedom abroad by deserting it at home.”

Dieser Text würde sich auch als Präambel jeder Regierungserklärung gut machen.

Veröffentlicht bei kino.de.

9 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Heinrich Breloer lässt grüßen. Ein akribisch recherchiertes Lichtspiel, das so sehr darum bemüht ist, als exakte 1:1-Abbildung der Realität durchzugehen, dass es sich keinerlei Emotion und keinerlei künstlerische/filmische Kreativität erlaubt; ja, es sich noch nicht einmal erlaubt, neugierig zu sein auf die eigenen Figuren und in ihnen neben ihrer Funktion als Personen des Zeitgeschehens auch facettenreiche menschliche Wesen mit Privatleben zu sehen.
Clooney gestattet sich in seiner Rolle als Regisseur und Drehbuchautor keinerlei künstlerische Interpretation der Ereignisse und Personen, über die er hier berichtet. Und das ist fatal, sehr fatal sogar. Sein realitätsgetreuer Film ist eine intellektuelle Leistung, eine gelungene Dokumentation, eine gewissenhafte Recherche über die McCarthy-Zeit und ein interessanter Kommentar zur Rolle der Medien ganz allgemein. Aber er ist bar jeglichen kreativen und künstlerischen Anspruchs und hat filmisch nichts zu bieten bis auf eine stocksteife Vermischung von Archiv-Filmmaterial und verkopft nachgestellten Szenen frei von Emotionalität auf erzählerischer Ebene und frei von anregender Bildersprache auf filmischer Ebene. Dafür hat er eine Kameraarbeit, die mit einer Fülle an Großaufnahmen und dem Finden immer neuer Ausschnitte der wenigen Drehorte darüber hinwegtäuschen soll, dass diese Low Budget Produktion sehr begrenzte Mittel in der Nachbildung der 50er Jahre zur Verfügung hatte. Ich bin nicht beeindruckt und fand den penibel dokumentierenden Stil regelrecht langweilig. Wenn ich mich informieren will, bemühe ich das Internet oder die hiesige Universitätsbibliothek. Aber wenn ich ins Kino gehe, will ich auch etwas geboten bekommen, was über das simple Vermitteln von Tatsachen hinaus geht. Gute Absichten allein machen halt noch keinen guten Film. Ich fand diese verklemmte Inszenierurung einfach unsäglich. Würde mal bitte jemand dem George Clooney sagen, er möge den Stock aus dem Arsch nehmen?

Und eben weil der Film sich keine künstlerische Interpretation seiner Ereignisse und Figuren erlaubt, bleibt einem David Strathians Rolle des Edward Murrow auch völlig fremd und man fragt sich, wenn der Mann sich mal wieder schauspielerisch abmüht und bedeutungsschwanger in die Gegend schaut, was in diesem TV-Moderator wohl vorgehen mag. Leider bleibt Clooneys Film die Antwort darauf schuldig, weil er den Edwars Murrow nur als Person des Zeitgeschehens dokumentiert, nicht aber als facettenreiches menschliches Wesen behandelt. Schwache Vorstellung.

April 09, 2006 12:53 nachm.  
Blogger Vengeance said...

lol...

Genau so wie Scarlett den FIlm beschreibt hatte ich ihn mir vorgestellt. Deswegen hatte ich auch nie vor den Film anzusehen, denn ich wüsste zu 90% jetzt schon was ich davon halten würde. Und das ist nicht fair.

April 10, 2006 9:27 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

Du mit Deinem heinrich breloer *g*

ich kann Dich schon verstehen, wenn Dir diese exakte abbildung der ereignisse zuwieder ist und wenn Du filmische raffinesse vermisst. für beides ist das hier sicher der falsche film. gerade weil clooney so konzentriert und fokussiert auf die fakten vorgeht, fand ich "gnagl" gelungen, da er großen pathos vermeidet. nicht auszudeneken, was jmd anders mit diesem stoff hätte machen können.

ich weiß auch nicht, ob ich es mir wirklich hätte wünschen sollen, dass clooney mehr von der berufsschiene in den cbs-studios wegkommt und uns die charaktere außerhalb dieses abgehsclossenen systems zeigt. das macht er in ansätzen ja bei robert downeys charakter und richtig weiterbringt das den film auch nicht.

die kameraarbeit fand ich aber auch auf jeden fall äußerst gelungen. nicht nur, dass die studios sehr chic ausgeleuchtet werden, elswit erzeugt mit seinen spielereien auch ein äußerst intensives gefühl der dynamik, in dem er durch die verwinkelten gänge kreist und mal mal dort zur ruhe kommt.

vielleicht sehe ich den film auch mehr mit der brille eines journalisten, als mit der eines kinozuschauers, Du magst es mir nachsehen ;-)

April 10, 2006 1:53 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Na, ich will Dir den Film nicht vermiesen. Du sieht das alles halt anders. War bei HOTEL RWANDA oder SOPHIE SCHOLL oder auch SYRIANA (auch wenn letzterer aus der Reihe fällt) ja auch schon so, dass Du die Aussagen eines Films höher bewertest als alles andere. Ist ja auch in Ordnung, wenn Filme Dir in dieser Hinsicht etwas geben. Aber ich persönlich fühle mich unbefriedigt.

Du machst übrigens einen Fehler in Deiner Argumentation. Dies ist nicht "der falsche Film" für künstlerische Kreativität, sondern der falsche Regissur. Clooney traut sich nicht, seinen Film anders aufzuziehen. In einem Interview sagte er ja selber, dass er ANGST hatte, seinem Sujet nicht gerecht zu werden, weshalb er den Film sicherheitshalber so pseudo-dokumentarisch gemacht hat und nicht anders, Punkt.
Und genau das zeichnet in meinen Augen einen mediokeren Regisseur aus. Ein guter Regisseur hätte nicht so einen stocksteifen und über-peniblen Film gemacht, sondern er hätte seinen Fähigkeiten vertraut, Historie zu *inszenieren*, anstatt sie einfach nur 1:1 nachzubilden. Clooney geht den sicheren Weg, bei dem er nichts falsch machen kann. Dementssprechend langweilig und unkreativ und unkontrovers und uninspirierend ist auch sein Film. Andererseits ist er natürlich historisch genau, aber was bringt mir das? Wenn ich ins Kino gehe, will ich auch Kino - und nicht etwa so ein Ding, das wirklich wie ein TV-Dokudrama des Herren Breloer aussieht. Was soll ich damit? Letztendlich kann ich bei GOOD NIGHT AND GOOD LOOK nur das Anliegen/die Botschaft beklatschen und sagen: "Clooney ist ein guter Mann, weil er meine politische Gesinnung teilt". Bisschen wenig für mich persönlich. ;-)

April 10, 2006 2:35 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ timo

ja ja, für Dich ist der film nix. garantiert! *g* warum Dein posting erst nach cohens zweitem eintrag bei mir ankam, weiß ich aber noch nicht.

@ scf

wenn es nur das wäre, dass ich die aussage des films für gut hielte, hätte ich den film auch niedriger bewertet. ich fand ihn im gegensatz zu dir auch auf einer intellektuellen ebene sehr spannend und auch intensiv, was für mich auch weniger clooneys verdienst, als das der schauspieler und der kameraarbeit war.

April 11, 2006 12:38 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Ich glaube, mit "intellektueller Ebene" meinste das selbe wie ich mit "Aussagen".

Manche Zuschauer mögen argumentieren, der Film sei relevant, weil er das Schreckgespenst der McCarthy-Ära ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit zurückholt und somit als Mahnung funktioniert, aus der eigenen Geschichte zu lernen - d’accord. Manche mögen auch argumentieren, der Film sei wichtig, weil er ein Statement zur Verantwortung der Medien abgibt (nicht nur in der McCarthy-Zeit, sondern auch in unserer heutigen Zeit, wie zwischen den Zeilen herauszuhören ist) und eine Ansicht dazu abgibt, was Medien leisten sollten und was sie eben nicht leisten sollten - in Ordnung. Auch mögen einige den Film bedeutend finden, weil er in seinem Prolog sowie Epilog auch den gemeinen Fernsehzuschauer kritisiert, der alles hirnlos konsumiert, was die großen Networks ihm vorsetzen - OK. Aber diese (wie Du es nennst) "intellektuelle Ebene", also das Vermitteln von Denkanstößen/Aussagen, macht für mich noch keinen guten Film aus.

April 11, 2006 2:13 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

jein.

ich fand die nach einander geschnittenen rededuelle zwischen mccarthy und murrow schlichtweg spannend. weil clooney das auch so m.E. passend inszeniert hat. das weglassen von firlefanz, die konzentration auf die kontrahenten wie in einem boxfight, das gefiel mir (neben der aussage).

April 12, 2006 11:54 vorm.  
Blogger Scarlettfan said...

Spannend finde ich so eine Geschichtsstunde nicht, sondern bloß informativ - und das ist ein großer Unterschied, denn bei einem Film wird "Spannung" nicht nur durch die Erzählung, sondern auch und vor allem durch andere Dinge erzeugt, die mir hier halt fehlen.

April 12, 2006 11:03 nachm.  
Anonymous michel said...

Ich fand den Film wirklich sehr toll. Ein Kino-Highlight für mich gewesen. Auch wenn ich kein Kenner der amerikanischen Politik zu Zeiten des kalten Krieges bin konnte ich mich an der entspannten Ausstrahlung, der Erzählweise und der darstellerischen Glaubwürdigkeit erfreuen. Eine Abwechslung in der zu hektischen Kinolandschaft.
Hier noch eine weitere Kritik:
http://www.res-dead.de/dailydead/good_night_and_good_luck

August 22, 2008 10:55 vorm.  

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