Sonntag, März 19, 2006

V für Vendetta - Gehirnschmalz im Actionmantel


V für Vendetta USA 2005

+++

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“
(Victor Hugo)

„Matrix“ war seinerzeit eine Revolution, „Matrix: Reloaded“ war ein Krampf, jedenfalls für mich, „Matrix: Revolutions“ habe ich mir dann wohlweißlich erst gar nicht mehr angetan. Jetzt sind die Wachowski-Brüder zurück, mit dem Drehbuch zu der düsteren Comic-Adaption „V für Vendetta“. Und auch wenn sich ihr Film durch pseudo-tiefsinnige Thesen ins eigene Fleisch schneidet, ist das Comeback der dicksten Brüder des Filmgeschäfts (neben den Weinsteins selbstverständlich) dennoch als rundum gelungen.

Das britische Empire wird in nicht allzu ferner Zukunft von einer totalitären faschistischen Klasse unter Führung von Großkanzler Sutler (John Hurt) regiert. Es herrscht ein Klima der Angst und der Paranoia auf den „Streets of London“. Existenzielle Grundrechte wie die Rede- und Pressefreiheit existieren schon lange nicht mehr. Ein Mann (Hugo Weaving), eher ein Mythos, stellt sich dieser Diktatur entgegen. Er nennt sich V, trägt eine Maske von Guy Fawkes, der einst am 5. November 1605 das britische Parlament in die Luft sprengen wollte, und ergeht sich gerne in intellektuellen Selbstgesprächen. Als jener dunkler Rächer der Entrechteten eines Nachts die junge Evey (Natalie Portman) vor den Polizeischergen der Partei rettet, findet sich diese plötzlich im Fahndungsraster der Geheimdienste wieder. Nachdem V mit mehreren Sabotageaktionen Sutler und die Seinen bis aufs Blut gereizt hat, ist sie als Kollaborateur des Staatsfeinds Nr.1 nirgendwo mehr sicher.

„V für Vendetta“ ist ein Vertreter dieser seltenen Spezies, die sich durch stilistische Perfektion in Form und Inhalt auszeichnet. Überdeutlich schimmert in jeder Einstellung der Comic-Hintergrund der Story durch. Mit einer Ikonographie, die an das Nazi-Regime angelehnt ist, gelingt dem Film ein Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Mechanismen totalitärer Systeme, so der Grundtenor, sind zeitlos. Sie unterscheiden sich nur in ihren Ausprägungen. Seitenhiebe auf die aktuelle Doktrin der Bush-Regierung, ihrer Rhetorik in Bezug auf Andersdenkende würzen einen überraschend intelligenten Plot. Hierbei stellen sich eine Vielzahl kontroverser Fragen. Die wichtigste von allen: wo hört ein Freiheitskämpfer auf und wo fängt der Terrorist an? Denn je nach Blickwinkel kann V sowohl das eine als auch das andere verkörpern.

Gehirnschmalz im Actionmantel ist vielleicht eine griffige Umschreibung für das, was dieses Werk von anderen Filmen des Genres unterscheidet. Denn die Verwandtschaft zum apokalyptischen „Dark City“ ist deutlich größer, als zu „Batman“, „Superman“ & Co. Der eine Outsider, der das System der gezielten Propaganda und Desinformation durchschaut, tritt einen aussichtslos erscheinenden Kampf gegen eine schwarze Übermacht an. Hugo Weaving zeigt als V eine schauspielerische Leistung, die angesichts der Tatsache, dass er zu keiner Zeit seine Guy Fawkes-Maske abnimmt, erstaunt. Mit prägnanten Gesten und unterstützt von einer preisverdächtigen Kamera und Lichtsetzung wird aus einer starren Maskerade ein echter lebendiger Charakter. In Rückblenden lüftet das Drehbuch Zug um Zug das schreckliche Geheimnis seiner Vergangenheit, das zugleich erklärt, wie er zu dem werden konnte, der er jetzt ist. Hierbei konfrontiert uns „V für Vendetta“ mit erschütternden Bildern, ohne Rücksicht auf sichere Sehgewohnheiten, unbequem, historisch überfrachtet und deshalb so schmerzhaft.

Während V am längeren Hebel zu sitzen scheint und gerne zu jeder sich bietenden Gelegenheit Faust oder Shakespeare zitiert, eignet sich Evey als Identifikationsfigur. Möchte man den gesamten Film auf eine symbolische Ebene heben, so stellt sie die Klage an unser Gewissen dar. Wer von uns würde auch alles aufgeben, um für Freiheit und gegen Unterdrückung zu kämpfen? Nicht wenige würden eine geruhsame Existenz im Meer der Mitläufer einem Outlaw-Dasein vorziehen. Und gerade weil wir das wissen, leiden und zittern wir mit ihr. Denn sie könnte das einlösen, was wir uns nicht zutrauen würden. Natalie Portman ist sowohl mit als auch ohne Haupthaar eine Wucht. Zunächst zerbrechlich, zierlich und unscheinbar entwickelt sie ihr Alter Ego zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit, der man später sogar abnimmt, dass sie bereit ist ohne Angst alles in die Wagschale zu werfen. Die Gefängnis-Sequenz mit der zwischen Verhören und Folter eingestreuten Geschichte einer früheren Insassin gehört zu den emotionalsten Momenten, die jemals in einer eigentlich synthetischen Veranstaltung wie dem SF/Action-Genre zu sehen war.

„V für Vendetta“ ist in jedem Moment mehr politische Parabel als platte Unterhaltung. Obwohl das trocken und nüchtern klingen mag, fällt das Resultat ungemein spannend und mitreißend aus. In mehreren extrem dynamisch geschnittenen Bildstafetten besonders zum Ende hin erzeugt Regisseur Jim McTeigue eine suggestive Kraft, die eine zuvor unerwartet dialoglastige Dramaturgie mit einer erschreckend realistischen Zukunftsvision vereint. Denkt man im Nachhinein nochmals über die anfangs etwas lächerlich wirkenden verkopften Holzhammer-Parolen nach, so macht diese Übertreibung tatsächlich Sinn, denn nur so kommen ihre Statements gegen die rauschhaften Bilder der zum Widerstand entschlossenen Menschenmassen an. Da bewahrheitet sich dann wieder einmal Victor Hugos Zitat und auch V’s mit viel Patina vorgetragene Spitze „Beneath this mask there is more than flesh. There is an idea, Mr. Creedy, and ideas are bulletproof” erlebt ihre Aufführung auf ganz großer Bühne.

Erste Veröffentlichung bei kino.de.

6 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Ach, Brutus, warum tut Ihr mir das an? Ist denn auf keinen mehr Verlass? *g*

Zugegeben, im Moment des Sehens bietet der Film einige Unterhaltungswerte. Aber mal ehrlich, im Nachhinein betrachtet wird doch offensichtlich, dass V FOR VENDETTA nichts weiter als eine große Schlaumschlägerei zweier Möchtegern-Philosophen, die einen auf dicke Intellektuellen-Hose machen und dabei noch nicht mal merken, dass ihr Film in Wahrheit nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern in seinen Aussagen höchst bedenklicher und auf Handlungsebene höchst inkohärenter Dummfug ist.

Aber wie sollten die Beiden das auch merken? Verfahren sie schließlich nicht nach der Devise "Symbolism follows Story", sondern nach der Devise "Story follows Symbolism". Will V ganz symbolträchtig Dominosteine umschmeißen? Voila: wird halt eine Dominobahn aus dem Hut gezaubert! Will V, dass die Bevölkerung selbst zu einem Symbol für Auflehnung wird? Voila: werden 100.000 Guy-Fawkes-Masken aus dem Hut gezaubert (wo will er die Masken eigentlich beschaft haben in diesem Staat ohne freie Marktwirtschaft?)! Will V etwas von der Erstärkung durch Unterdrückung faseln? Voila: wird ein privates Foltergefängnis aus dem Hut gezaubert, in dem er Evey foltern kann - und zwar for fucking reason! (mal ehrlich: den Schalter in der U-Bahn hätte die Kleine am Schluss auch umgelegt, ohne vorher brutalisiert worden zu sein!), aber Hauptsache, die Wachowskis haben eine weitere These in ihrem Film untergebracht.

Nee, nee, so wie die Wachowskis auf eine kohärente Handlung scheißen und nur darum bemüht sind, möglichst viele philosophische Thesen in ihren Film zu quetschen, wirkt das höchst prätentiös. Was hier passiert, ist, dass eine simple "Diktatur - Erlösung durch Rache und Revolution"-Geschichte künstlich zu einem wundersamen philosophischen Allerlei aufgeblasen wird.

Meine Ansichten zu diesem Film sind übrigens bei Interesse in meinem Blog zu finden. Sehe den Film wesentlich schwächer. Die Wachowskis haben sich seit MATRIX gar nicht verbessert. Das einzige, was besser ist, ist die Regiearbeit, aber das ist ja nicht der Verdienst der Wachowskis. Das Drehbuch jedenfalls ist immer noch so albern wie bei MATRIX.

März 19, 2006 5:48 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

genau: Du hast recht. das meine ich nicht ironisch, denn alles, was Du gegen den film vorbringst, kann man ihm tatsächlich vorwerfen. besonders, dass er die handlung so hinbiegt, dass sich manch tollen bilder mit ihren ganzen symbolkraft einbauen lassen.

das dominospiel ist da ein beispiel für. aber das hat mich nich tim geringsten gestört. ich habe den film nämlich nicht auf der reine plot-ebene interpetiert, sondern ihn eher als eine umsetzung des bildes eines kritischen aufgeklärten bürgers in zeiten der gezielten desinformation verstanden, der dieses mal nicht sachlich, nüchtern wie ein politthriller umsetzt, sondern sich den mitteln des comics bedient, wo es zu übersteigerungen, phantastischen anreicherungen und einer vollkommenen loslösung vom gesetz der schwerkraft kommen darf.

und was den gehalt der angesprochenen thesen angeht, so würde ich den nicht als zu gering oder banal ansehen. natürlich haben wir es hier nicht mit einer neuen kubrick/orwell-kollaboration zu tun, aber mcteigue und die wachowskis haben für mich einen weit überdurchschnittlich intelligenten blockbuster abgeliefert, vergleichbar mit nolans "batman"-neuauflage, wenngleich der noch über "v für vendetta" für mich steht.

März 20, 2006 12:27 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

OK, diese Deine Sichtweise akzeptiere ich in der Form gerne, denn sie ist berechtigt und nachvollziehbar. Allerdings birgt die Vorgehensweise der Wachowskis einige Risiken. So ist zum Beispiel das Foltern ja gerade deshalb so bedenklich, weil die Wachowskis es *nicht* in einen sinnvollen storytechnischen Kontext setzen, sondern nur allgemein die These, dass der Mensch aus Unterdrückung erstärkt hervorgehen kann, in ihren Film packen. Das ist höchst bedenklich und hätte anders gelöst werden können.

In dem Zusammenhang: In einem Punkt missverstehen wir uns aber scheinbar. Ich habe nicht so sehr ein Problem damit, *was* hier im Film erzählt wird, sondern *wie* es erzählt wird. "Oberlehrerhaft", "aufdringlich" und "mit Aussagen überladen" sind noch die positivsten Eigenschaften, die mir dazu einfallen... Der Holzhammer der Wachowskis ist nicht mehr schön, wie ich finde. Und man hätte den Film thematisch etwas weniger komplex gestalten können. Wie hier eine Revolutionsgeschichte zu einem philosophischen Allerlei aufgebläht wird, wirkt das Endprodukt einfach redundant.

Nee, also, ich bin nicht ganz glücklich mit dem Film. Besonders die Tatsache, dass die Wachowskis seit Matrix nichts dazugelernt haben und ihre Anliegen immer noch in unverdaulichen Monologen und Dialogen quasi mit erhobenem Zeigefinger vortragen, irritiert mich etwas. Es wirkt doch etwas prätentiös.

März 20, 2006 3:32 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

PS:

Und ich finde halt, dass es sehr bequem und auch kurzsichtig ist, als Drehbuchautor die Handlung so hinzubiegen, dass es einem in den Kram passt und man möglichst viele seiner Ansichten zu bestimmten Themen reinpacken kann.

Die Wachowskis scheinen belesen zu sein (d'accord) und über ein recht beachtliches Wissen zu verfügen (Okay). Aber was ihnen definitiv fehlt, ist die Fähigkeit, ihr angeeignetes Wissen sinnvoll zu nutzen bei der Konzeption von Filmen (vielmehr gehen sie mit ihrer Belesenheit regelrecht hausieren). Anderenfalls wären weder Matrix noch V for Vendetta so geworden, wie sie letztendlich sind.

Worauf ich hinaus will:
Die Wachowskis besitzen mehr Bildung als Intelligenz. Und das meinte ich gestern übrigens mit meiner wütenden Aussage, die Gebrüder seien Möchtegern-Philosophen, die gerne einen auf dicke Hose machen.

März 20, 2006 3:49 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

nochmal zur art der inszenierung und dem vorwurf des "oberlehrerhaften": diese kleinen exkurse in staatsbürgerkunde, die V aufsagt, kann man sicher nervend finden (das ging mir zunächst auch so, erst im nachhineine fand ich es stimmig), die frage bei deinem urteil über die wachowskis ist aber, ob das alles auf deren mist gewachsen ist, oder ob das auch schon so ähnlich in der comicvorlage angelegt war. für die wirkung im film ist diese frage natürlich unerheblich, für den aspekt "wer spielt da den oberlehrer?" aber nicht. ich kenn die vorlage nicht, deshalb kann ich es auch nicht beantworten.

März 20, 2006 6:36 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Das ist natürlich ein gutes Argument. Man müsste in der Tat die Comicvorlage kennen. Was ich im Moment nur tun kann, ist folgendes:V FOR VENDETTA mit der MATRIX-Trilogie vergleichen. Und dabei stelle ich fest, dass beide Werke teilweise an sehr ähnlichen Symptomen kränkeln (zumindest, was das Drehbuch angeht). Und deshalb vermute ich, dass das Oberlehrerhafte, etc. auf den Mist der Wachowskis gewachsen ist.

Und man darf eine Sache nicht vergessen: die Adaption soll vom Original so stark abweichen, dass der Comicautor sich sehr laut über die Wachowskis empört hat.

März 20, 2006 7:17 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

<< Home