Mittwoch, März 08, 2006

Brokeback Mountain - Come to where the Love is


Brokeback Mountain USA 2005

+++1/2

Eine ehrliche schnörkellose Liebesgeschichte vor imposanter Kulisse ist in den USA der Aufreger des Jahres. Dabei greift Ang Lees Film nur die großen ewigen Themen des Kinos auf.

Die Aufregung war groß im prüden Mittleren Westen. Dort, wo Cowboys noch echte Cowboys, Männer noch Männer und die Landschaften wild, rau und unbebaut sind. Im idyllischen Wyoming, Dick Cheneys Heimatstaat, spielt Ang Lees mit Preisen überhäufte Liebesgeschichte zweier Cowboys, die an den Umständen einer bigotten, intoleranten Gemeinschaft zu Grunde gehen. Das Vehikel, worüber sich der Film zunächst definiert, ist die Sexualität seiner Protagonisten. Weil es halt zwei Männer sind, die hier gemeinsam nicht nur Schafe hüten, sorgte „Brokeback Mountain“ für hitzige Diskussionen. Dabei varriiert der Film im Grunde genommen nur das schon bei Shakespeare anzutreffende Thema einer nicht glücklich gelebten Liebe in einer für sie unglücklichen Zeit. Aber das tut er auf eine sehr beeindruckende Weise.

Ennis Del Mar (gut: Heath Ledger) und Jack Twist (besser: Jake Gyllenhaal) verbringen einen Sommer in der malerischen Gebirgslandschaft am „Brokeback Mountain“. Dort sollen sie für den cholerischen Joe Aguirre (Randy Quaid) dessen Schafsherde hüten. Die Zeit des Wartens und des Nichtstun versuchen sie sich mit dem Erleben dieser prachtvollen Natur zu verkürzen. Sie albern herum, gehen auf die Jagd, liegen einfach sorglos im satten Grün der Wiesen herum. Eines Nachts kommen sie sich näher, schlafen miteinander. Eine Sache, die am nächsten Morgen erst einmal tot geschwiegen wird. „Ich bin nicht schwul!“ murmelt Ennis wie zur Selbstbestätigung in sich hinein. Egal, es ist passiert. Und was die Männer erst später merken, dass sie nicht nur diese eine Nacht im Zelt verbindet, sondern auch ein inniges Gefühl der Zuneigung, das stürzt sie in eine tiefe Identitätskrise. Darf es so etwas überhaupt geben? Beide gehen nach diesem Sommer getrennte Wege. Beide heiraten sie. Ennis lernt die sanfte Alma (Michelle Williams) kennen, Jack heiratet Lureen (Anne Hathaway), die Tochter eines reichen Landmaschinenverkäufers. Es fokgen die Kinder. Als Jack Ennis mitteilt, dass er zurück in der Gegend sei, brechen die unterdrückten Gefühle in ihnen wieder auf.

Einen Unterschied zu großen Tragödien wie „Romeo & Julia“ lässt sich bei „Brokeback Mountain“ allerdings ausmachen. Ein wichtiger Unterschied. Denn auch wenn letztlich beide Beziehungen an der Engstirnigkeit ihres jeweiligen Umfeldes scheitern, kommt der Widerstand gegen eine Beziehung zunächst aus Ennis und Jack selber. Vor allem der nach außen hart auftretende Ennis wehrt sich lange gegen die Tatsache, dass er Jack liebt und vermisst. Eigentlich akzeptiert er diese Tatsache erst, als es zu spät ist. Ein Grund wird seine Sozialisation als „Macho-Cowboy“ mit einem traditionellen Rollenverständnis sein. Da ist kein Platz für Schwäche und schon gar nicht für eine Liebe zu einem anderen Mann. Berühren könnes deshalb die Augenblicke, in denen sich Ennis in Jacks Arme fällen lässt, dieser ihn über die Wangen streichelt, als würde er ihm damit zu verstehen geben, dass es okay ist, auch einmal schwach zu sein.

Stark sind in „Brokeback Mountain“ vor allem die Frauen. Alma weiß um das Geheimnis ihres Mannes, dennoch erduldet sie ihr Schicksal mehrere Jahre, bevor sie endgültig die Scheidung einreicht. Sie fungiert für Ennis als seelische Müllkippe, auf die er allen Frust ablädt. Zu Unrecht. Veruretilt sie sein Verhalten doch nicht, weil er sie mit einem Mann betrogen hat, sondern weil er sie überhaupt betrogen und hintergangen hat. Jacks Ehefrau hat sich scheinbar mit den Streifzügen ihres Mannes arrangiert. Solange das heimische Landmaschinengeschäft läuft und Jack als bester (und einziger) Verkäufer funktioniert, erhebt sie keine Anklage. Kompliment an Anne Hathaway und Michelle Williams. Wird doch überall nur über Ledger und Gyllenhaal geschrieben, tragen auch sie zum Gelingen des Films bei. Mit unaufdringlichem und sehr nuanciertem Spiel, ich denke da nur an Hathaways Blicke während des letzten Telefonats mit Ennis, gelingt es ihnen, Gefühle wie verletzter Stolz und ehrliche Trauer ohne lächerliches Overacting zu transportieren.

Von den schwelgerischen Bildern der grandiosen Kulisse, dem verträumten Score von Gustavo Santaolalla und den geschliffenen, unerwartet lakonischen Dialogen geht eine beinahe schon meditative Aura aus. Der Fluss der Bilder und der Sog der Story wird sich kaum jemand entziehen können. Das Drehbuch von Diana Ossana und Larry McMurtry trifft jeden Ton, wenngleich die viel diskutierte Sex-Szene zwischen den beiden „Cuties“ Gyllenhaal und Ledger im ungewöhnlich dunkel, schummerig ausgeleuchteten Zelt anmutet, als sie exakt so einstudiert worden, damit auch latente Homophobiker nicht schreiend den Kinosaal verlassen müssen.

Der US-Taiwanese Ang Lee hat schon so viele beeindruckende Werke gedreht („Ride with the Devil“ als ein Beispiel für einen Film aus dem Western-Genre). Sie alle verbindet eine tiefe Sehnsucht ihrer Charaktere das sein und leben zu dürfen, was sie in sich fühlen. Jack und Ennis, obwohl sie eine auf den ersten Blick sehr spezielle Beziehung führen, werden dabei zu einem Spiegelbild für alle Menschen, denen sich überkommene und übertriebene Moralvorstellungen in den Weg stellen. Das erklärt die Universalität der Geschichte und die große emotionale Schlagkraft von Lees Films. Hier ist es die Sexualität, in anderen Fällen wird es die Religion, die Rasse, das Alter oder die Nationalität sein. Darüber hinwegzusehen, weil es schlichtweg egal ist, das ist die zeitlose Botschaft dieses Ausflugs in die Welt am Brokeback Mountain.

Zuerst veröffentlicht bei evolver.

5 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Von Deinen ganzen letzten Kritiken ist die hier die beste. Hab mich letztendlich doch noch überwunden, diesen Film zu sehen - auf die Gefahr hin, dass ich nichts mit seiner Thematik anfangen kann. Dem war aber letztendlich nicht so. Sehr guter Film, der mich sogar menschlich erreichen konnte.

Schön, dass Du im Text richtig feststellst, dass die Liebe der Beiden sowohl an äußeren/gesellschaftlichen Faktoren als *auch* an Ennis Angst, sich offen zu Jake zu bekennen, scheitert. Das ist halt so eine zwiespältige Angelegenheit: auf der einen Seite die Gesellschaft, die nicht akzeptieren will, und auf der anderen Seite das Individuum, das sich nicht traut, daran etwas zu ändern.

Auch ansonsten kann ich Deinem Text zustimmen. Fein.

März 12, 2006 5:09 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

erstmal danke fürs kompliment.

nun zum film: sind uns dann wohl einig, dass der film in seiner wirkung auf keine sexualität oder männlein/weiblein abzielt, sondern dass er davon unabhängig einen berührt. das ist sicher genau das, was ang lee erreichen wollte.

die kurzgeschichte von annie proulx schlägt ebenso diesen lakonischen ton an, deshalb war ich froh, dass diese stimmung im film konserviert werden konnte.

März 12, 2006 7:07 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Die Kurzgeschichte kenne ich nicht, denn ich pflege es nicht, die Werke der Annie Proulx zu lesen. Die Letüre von "The Shipping News" hat mir ausgereicht. Ich fand den Stil recht nervig (sie verwendet in dem Roman meist kurzgehackte Sätze, die an Zeitungsüberschriften erinnern - was ja zum Inhalt der Erzählung passt, aber mich dennoch nervte). Ermüdende Angelegenheit, die zu Unrecht mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde. Mag ja sein, dass ihre anderen Werke mir besser zu gefallen wüssten, aber ich bin erstmal bedient und verzichte.

März 14, 2006 6:25 nachm.  
Anonymous Anonym said...

Hallo,

wisst ihr, wo die Filmkulisse ist?
Wo wurde der Film gedreht?

Ich höre mehrere Sachen: Wyoming, Montana, Vermont ???

THX

Dezember 01, 2006 3:53 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ich hatte bis jetzt die info, der film wäre in kanada gedreht worden. wo da genau, daran kann ich mich nicht erinnern.

Dezember 02, 2006 5:11 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

<< Home