Samstag, März 25, 2006

The Hills have Eyes - Schrei wenn Du kannst!

The Hills have Eyes USA 2005

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Alexandre Aja ist erst 27. Vor zwei Jahren drehte er den erbarmungslosen und deshalb so genialen „Haute Tension”, der, mit Ausnahme der letzten fünf Minuten, als Horrorfilm funktionierte und fesselte wie lange kein anderer Film dieses Genres. Ensprechend hoch sind die Erwartungen, wenn dieser Wunderknabe sich an einem Remake eines 70er-Jahre-Wes-Craven-Werkes versucht. Nach Ansicht dieser 107 wunderbar gegen den ganzen Wischiwaschi-Teenie-„Horror“ gebürsteten Filmminuten wird klar, dass Aja zu recht als einer der Hoffnungsträger des fiesen Kinospektakels gefeiert werden darf.

„The Hills have Eyes“ beginnt dort, wo Horror sein Zuhause hat: In der amerikanischen Einöde. Während es oftmals die abgelegenen Wälder und Berge der Rockys oder West Virginia sind, die als Kulisse herhalten müssen, verschlägt es Aja bzw. Craven in die trostlose, lebensfeindliche Wüste New Mexicos. Dort, wo sich Kojote und Klapperschlange gute Nacht sagen, fährt die siebenköpfige Familie Carter/Bukowski auf ihrem Weg an die Westküste eine kleine landschaftbedingte „Abkürzung“. Vater Bob (Ted Levine) möchte nämlich die Schönheit der Wüste erleben, was sich später noch bitter rächen soll. Als sie an einer gottverlassenen Tankstelle den in bester Hillbillie-Manier verschrobenen Tankwart nach dem weiteren Verlauf der Route fragen, empfiehlt dieser ihnen eine Abkürzung durch ein angrenzendes Felsmassiv. Mehr oder weniger gut gelaunt, fährt die heile amerikanische Familie von der Hauptstraße ab, um schneller voranzukommen. Wie es fortan weiter geht, ist nicht wirklich schwer zu erraten.

Diese Vorhersehbarkeit ist im Unterschied zu „Whodunit“-Thrillern oder Heist-Werken kein Nachteil, sondern eigentlich ein großes Pfund, mit dem der Film auch wunderbar wuchert. Der Zuschauer weiß, dass die in einem Moment noch fröhlich gestimmten naiven Urlauber schon bald um ihr Leben schreien werden, während das Grauen über sie hereinbricht. Nach einer kurzen sehr wirkungsvollen Einstiegssequenz versucht uns Aja diese charakterlich sehr heterogene Truppe näher zubringen. Dad ist hier der Inbegriff des selbstbewussten starken Mannes. Ein moderner John Wayne, der einst als Polizist gearbeitet hat und nun eine private Sicherheitsfirma aufmachen will. Er verspottet seinen Schwiegersohn Doug (Aaron Stanford) für dessen Karrierismus und liberale, d.h. demokratische Weltanschauung. „Er hat es nicht mit Waffen. Er ist Demokrat!“ gehört zu den wenigen Späßchen, die sich der Film erlaubt. Später wird man als Zuschauer nur noch mit einem äußerst schwarzen perfiden Humor konfrontiert. Das ist schon mal ein ganz großes Plus von Ajas Remake. Nach vielem teils auch sehr heiterem B-Horror, „Dead & Breakfast“ oder „Wrong Turn“, tut es gut, wenn ein Film nicht die Spaßkarte spielt, sondern auf das pure Grauen setzt.

„Haute Tension“ war seinerzeit ein Erlebnis für mich. Es repräsentierte den wiedergewonnenen Glauben an ein Genre, was zusehends durch den Massengeschmack infiltriert wurde. Die „Screamerisierung“ des Horrors war nicht zu dessen Vorteil. Weil sich jetzt auch 15jährige Teenies plötzlich einbildeten, sie wüssten, was es mit den Gesetzen des Genres auf sich hat, wurde auf das Publikum x-fach lieblos abgedrehte Fließbandware losgelassen. Infsofern ist die seit mehreren Monaten zu beobachtende Rückkehr zum unverdorben verdorbenen Horror-Begriff der 70er eine Wohltat für jeden echten Fan. Schon das Remake des „Texas Chainsaw Massacre“ zeigte an, wohin die Reise zukünfitg gehen soll, und diese Prämisse lösten Rob Zombies („The Devil’s Rejects“, „Haus der 1000 Leichen“) und James Wans Filme („Saw“) dann endgültig ein. Aja war clever genug zu erkennen, dass bereits in so jungen Jahren seine Zeit gekommen ist.

Wenn ich so oft „Haute Tension“ erwähne, dann auch, weil ich schon konstatieren muss, dass „The Hills have Eyes“ trotz aller technischer Perfektion, die staubige heiße Atmosphäre transportiert Aja ausgesprochen authentisch mittels flirrender Bilder und einer ekligen braun-roten Farbgebung, nie einen vergleichbaren nervenzerreißenden Drahtseilakt hinbekommt. Die Szenen, in der der namenlose Killer im Landhaus herumirrt und dabei gnadenlos alles auseinandernimmt, was ihm vor das Messer läuft, bleiben in ihrer Sogwirkung unerreicht. Dafür bietet „The Hills have Eyes“ ein gutes Dutzend herrlicher Schockmomente und einen sich langsam mit steigender Amplitude vollziehenden Blutrausch in einer mal lebensfeindlichen (Wüste), mal surrealen (Atomtestgelände) Kulisse. Echte Gore-Freunde werden vielleicht enttäuscht sein, dass Aja des Öfteren den letzten Schritt in der Explizität der Bilder scheut (oder scheuen musste), aber dennoch ist sein Werk über den ganzen weichgespülten PG13-Horror-Schund erhaben.

Wie scheinbar im Vorbeigehen cineastische Geschichte in Bilder und Szenen einfließt, Referenzen an Leone-Western werden bereits über die stilistisch von Morricone beeinflusste Musik transportiert, ist ein weiteres Schmankerl dieses ehrlichen Horrorfilms. Gewalt belustigt bei Aja allenfalls zu Beginn noch, später dann zeigt sie ihr wahres Gesicht, in dem hässlich, brutal und dreckig gestorben und gelitten wird. Folglich prallt auch der Vorwurf einer selbstverliebten Gewaltgeilheit am Film wie an einer Gummiwand ab. Gewaltgeilheit propagieren Rap-Videos von Sido oder verlogen zynische Machwerke eines Jerry Bruckheimer („Bad Boys II“), in dem sie Coolness mit einer bedenklichen Gewaltfixierung vermischen. Wenn Aja besonders aus konservativen Kreisen hierfür angegriffen wird, so erweckt das eher den Anschein einer billigen Retourkutsche, demontiert sein Film doch Zug um Zug das optimistische Zahnpastalächeln der amerikanischen Gesellschaft. Dabei ist es zweitrangig, welche Interpretaion auf die Ausgestoßenen und Aussätzigen angewendet wird, die im Nichts, in Höhlen und verstahlten Atomtestkulissen vor sich hinvegetieren. Die „Stars and Stripes“ wird sie alle umbringen, auf die ein oder andere Weise.

Ein guter Horrorfilm beherrscht das Spiel mit unseren dunklen Vorahnungen und Ängsten. Er vollführt den Gang auf der Rasierklinge zwischen Leben und Tod. „The Hills have Eyes“ ist in beidem erfolgreich und deshalb ein Gewinn.

Erschienen bei kino.de.

6 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Das nenne ich mal einen hilfreichen Text. Danke für das Erwähnen der Western-Anspielungen. Die habe ich nämlich nicht erkannt (ich gucke nämlich keine Western). Was ich vielmehr erkannt habe, waren Anspielungen auf die amerikanische Geschichte (Siedlerzeit), aber nicht direkt aufs Western-Genre. Wie gesagt: hilfreicher Text deshalb.

Recht gebe ich Dir, dass auch dieser Film nach dem typischen Muster "Gruppe von Leuten fährt in die Pampa und wird dort von Hillbillie-Freaks angegriffen" abläuft. Dennoch fand ich das Ganze wenig klischeehaft, weil Story und Figurenzeichnung über das hinausgehen, was man in den meisten zeitgenössischen Horrorfilmchen so vorgesetzt bekommt. Und ich unterstütze ausdrücklich Deine Seitenhiebe gegen diese US-Teenie-Slasher-Scheiße. Ajas Film ist viel besser konzipiert und viel ordentlicher durchdacht. Aber er ist vor allem auch viel besser und nervenaufreibender inszeniert. Ein sehr intensiver und (trotz dem Fehlen von Überraschungen) recht spannender Film. Positiv überrascht ich bin. Mehr davon sehen ich will.

Aaaber, zu Haute Tension:
Wie soll ich "Spannung" empfinden, wenn man schon nach (ungelogen!) 5 Minuten die spätere Wendung auf dem Silbertablett vorgesetzt bekommt? Man muss ja wahrlich kein Psychologe sein, um diesen Traum der Tussi richtig zu deuten. Und drei Minuten später bekommt man in der Masturbationsszene auch noch den Auslöser für ihren Geisteszustand serviert (ihr heimliches, obsessives Verliebtsein in die andere Tussi).
Was dann 90 Minuten lang folgt, ist ein groteskes blutiges Rumgerenne, das aus der geisteskranken Perspektive der einen Tussi gezeigt wird. Dabei weiß man als Zuschauer doch schon, dass alles anders ist, als der Film es zeigt. Und das ist langweilig und albern:
Wie soll man denn Spannung empfinden bei den Szenen, in der die eine Tussi die andere Tussi retten will? Man weiß ja schon, dass sie aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörung ihre Freundin in Wahrheit killen will und auch schon die anderen Morde begangen hat. Einfach witzlos:
Da wird den ganzen Film über vor einem ominösen Mörder weggelaufen, den es nicht gibt, weil der Mörder ja die Tussi selber ist. Langweilig und einfach witzlos.
Und dann noch die unsägliche Unlogik, die einem mit dem Wissen um den späteren Plottwist dauernd begegnet... Nee, nee, nee, nee. So einen blödsinnigen und langweiligen Film würde ich am liebsten einäschern.

Wie man es richtig macht, zeigt Aja in THE HILLS HAVE EYES. Jetzt glaube ich langsam an diesen Regisseur. Aber über das HAUTE TENSION-Debakel sollte man lieber den Mantel des Schweigens legen.

März 25, 2006 3:42 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ok, zweiter versuch, nachdem der server die erste antwort nicht mochte *grrr*

die anspielungen mit dem morricone-thema sind besonders an einer stelle ganz offensichtlich, als aja über die karge wüstenlandschaft schwenkt, nistet sich dieser typische morricone-sound kurz in den score ein. da ist es mir jedenfalls aufgefallen. aber Dein ansatz mit den parallelen zu siedlerzeit ist damit durchaus zu vereinbaren ("vierzig wagen westwärts").

aja bewundere ich besonders deshalb (ja, ich bewundere ihn dafür), weil er wie auch schon bei "haute tension" aus einem scheinbar altbekannten ausgelutschten stoff soviel herausholt. und der mann ist erst 27!

ich kann natürlich verstehen, dass man beim durchschauen des plottwists in "haute tension" dann keine spannung mehr aufbauen kann, sondern sich verarscht fühlt. so ging es mir auch. dennoch war ich aja dankbar für die ersten grandiosen 75 minuten, weil ich eben nicht wusste, dass der film überhaupt einen solchen twist besitzt, daher habe ich auch nicht auf die kleinen hinweise geachtet. vielleicht kannst Du in diesem fall verstehen, warum ich das geschehen fast atemlose verfolgt habe. wusstest Du denn bei der ersten sichtung, dass der film noch eine solche pointe besitzt?

März 25, 2006 6:16 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Ja, klar habe ich das bei der ersten (und einzigen) Sichtung gleich gemerkt. Anderenfalls hätte ich mich ja nicht so unsäglich gelangweilt bei HAUTE TENSION. Der Film war nach den ersten 5 Minuten für mich gelaufen. Das ganze anschließende Weggelaufe vor dem Mörder, von dem ich wusste, dass es ihn nicht gibt, habe ich dann nur noch müden Auges verfolgt, bis es mir irgendwann zu bunt wurde.

Aber sicher, ich habe Verständnis dafür, dass Du ein tolles Filmerlebnis hattest mit HAUTE TENSION und Spannung empfunden hast. Aber für *mich* funktionierte der Film nicht, weil Aja für meine Begriffe viel zu plump vorgeht und seinen Film mit unsäglicher Vorhersagbarkeit gespickt hat, die durch rein gar nichts kompensiert wird (manche Filme sind ja trotz Vorhersehbarkeit gut, aber nicht HAUTE TENSION).

THE HILLS HAVE EYES ist da schon eine ganz andere Liga, denn dieser Film ist ordentlich durchdacht, hat was zu sagen und ist zudem noch spannend inszeniert.

RE: Score:

Danke für die Morricone-Ausführungen. Ich konnte die Musik nicht so recht einordnen. Mir fiel im Kino nur auf, dass die Musik ziemlich kraftvoll und heldenhaft klingt. Habe mich die ganze Zeit gefragt, was es damit auf sich hat. Aber jetzt wird mir durch Deine Worte klar, dass der Zweck dieser Mucke in einer Morricone/Western-Anspielung liegt.

Und die Parallelen zur Siedlerzeit habe ich übrigens auch nicht durch die Musik gesehen, sondern viel eher durch die filmische Handlung (go west thru the desert, im Nirgendwo umherirren, Jeep mit Flagge und hinten angespanntem Wohnwagen sieht aus wie eine Siedler-Karavane, etc. pp.).

März 25, 2006 7:29 nachm.  
Blogger Vengeance said...

mittlerweile bin ich ja auch der meinung das HAUTE TENSION gar keinen Plottwist besitzt. so ist das. aber es bleibt einer der spannendsten filme die ich kenne. selbst mit dem maroden ende...*g*

März 26, 2006 1:31 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

genau timo, das lassen wir uns nicht schlecht reden, von niemand! *g*

bin ja schon sehr gespannt auf "hostel", der bei Euch ja auch so gut angekommen ist. freitag ist es dann soweit. gehe schonmal die messer wetzen...*g*

März 27, 2006 4:43 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Marcus,

aber wehe, wenn Du nachher meckerst, der Anfang von HOSTEL sei zu lang. *g* Ist er nämlich nicht, sondern sinnvoll, cool und brillant! *g*


*sing träller*
's gibt nur ein Eli Roth, ein Eli Roth, 's gibt nur ein
Eliiii Roohooth
*sing träller*

März 27, 2006 5:11 nachm.  

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