Freitag, Juni 01, 2007

The Namesake - Zu Gast bei Freunden


KAN 2006

+++1/2

Die gebürtige indische Filmemacherin Mira Nair gehört seit Festival- und Publikumserfolgen wie Salaam Bombay! und Mississippi Masala zu den Garanten anspruchsvoller Kinounterhaltung. Für ihren neuen Film, The Namesake, adaptierte sie den gleichnamigen Bestseller von Jhumpa Lahiri, der von einem Leben zwischen zwei Kulturen – der indischen und der amerikanischen - berichtet. Eingebettet in eine Zeitspanne von drei Jahrzehnten erzählt Nair die Chronik einer Ende der 70er Jahre in die USA ausgewanderten Familie. Das Resultat überzeugt – in vielfacher Hinsicht.

Filmkritik:

Für Ashoke Ganguli (Irrfan Khan) waren die USA immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nach der arrangierten Hochzeit mit der hübschen Sängerin Ashima (Tabu) entschließt er sich, seine Heimat Kalkutta zu verlassen und mit seiner Frau in New York ein neues Leben zu beginnen. Die Gegensätze könnten dabei nicht größer sein. Aus dem heißen, schwülen Indien verschlägt es das junge Paar in den kalten Winter an der amerikanischen Nordostküste. Zunächst fühlen sie sich als Fremde in einer für sie so ganz anderen Gesellschaft, die mit der indischen kaum etwas gemein zu haben scheint. Es dauert nicht lange bis Ashoke und Ashima Nachwuchs erwarten. Ein Sohn, den sie Gogol nennen – in Anlehnung an den berühmten russischen Literaten, mit dem Ashoke einen Schlüsselmoment seines Lebens verbindet – und eine Tochter mit Namen Sonia lassen aus dem Paar eine Familie werden.

Über die Jahre werden die Gangulis Stück für Stück ein Teil dieser amerikanischen Gesellschaft, die sich aus so vielen Zuwanderern unterschiedlicher Herkunft zusammensetzt. Sie haben es zu einem gewissen Wohlstand gebracht und wohnen in ihrem eigenen Haus in einem der schicken ruhigen Vororte New Yorks. Obwohl die Familie auch Bekannte und Freunde außerhalb ihres eigenen Kulturkreises gefunden hat, stellen die Zusammenkünfte mit anderen indisch stämmigen Immigranten das wichtigste Element ihrer sozialen Kontakte dar. Gogol (Kal Penn), der sich lieber Nick nennt, fühlt sich hin- und hergerissen zwischen den von seinen Eltern weiterhin gepflegten bengalischen Traditionen und einem Leben als ganz normaler amerikanischer Teenager.

Als eine Regisseurin mit indischen Wurzeln, die vornehmlich in den USA lebt und arbeitet, war Mira Nair geradezu prädestiniert für diesen gemessen an der Zeitspanne von über dreißig Jahren epischen Stoff. Nicht nur, dass sich ihr damit die Gelegenheit bot, ein Porträt der von ihr so geliebten quirligen Metropolen New York und Kalkutta in einem Film zu vereinen, auch die von Lahiri aufgegriffenen Themen wie die Suche nach der eigenen und der Umgang mit einem persönlichen Verlust sprachen Nair aus der Seele.

The Namesake lässt den Zuschauer ganz unmittelbar an einem Kapitel amerikanischer Geschichte teilhaben, das für diese Nation ebenso typisch ist wie die Zeit der Besiedelung oder die des Bürgerkriegs. Immigranten aus allen Teilen der Welt suchten und suchen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach dem, was oftmals leicht verkitscht unter dem Begriff des „American Dream“ zusammengefasst wird. Nair portraitiert dabei mit spürbarer Hingabe eine Familie von Grenzgängern, die sich in zwei Welten behaupten muss. Jeder, aber ganz besonders der von Kal Penn verkörperte Sohn, ist fortwährend gezwungen, sich jeweils anderen Realitäten zu stellen.

Zu gleichen Teilen universale Familienchronik und ungewöhnliche Coming-of-Age-Story zeichnet sich The Namesake durch seinen unvoreingenommenen Blick auf In- und Ausländer, Immigranten und Amerikaner, Jung und Alt aus. Ohne die vorhandenen Probleme auszublenden, besticht Nairs Film durch seine ansteckende optimistische Grundstimmung. Die stoffimmanenten Sprünge in der Narration lösen sich dabei zu keiner Zeit in einer beliebigen Erzählhaltung auf. Nair und ihre Darsteller bringen uns vielmehr dazu, umgehend eine Karte für die nächste Vorstellung lösen zu wollen. Nachdem der Abspann einsetzt und die anrührende Widmung „To our Parents, who gave us everything“ zu lesen ist, verfestigt sich der Eindruck, für zwei Stunden ein willkommener Gast in einer anfänglich vollkommen fremden Familie gewesen zu sein.

Für Programmkino.de.

5 Comments:

Blogger TheRudi said...

Ist +++1/2 eigentlich die Höchstwertung oder wäre das dann ++++? Bzw. welcher Film hat den schonmal die Höchstwertung bei dir bekommen?

Juni 03, 2007 3:38 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ja, ++++ sind die höchstwertung, da hast Du schon recht. zuletzt habe ich "the prestige" diese verleihen, im vergangenen jahr bekamen "das leben der anderen" und "c.r.a.z.y." vier +.

Juni 04, 2007 12:08 vorm.  
Blogger TheRudi said...

Ah, ok :)

Juni 04, 2007 10:56 vorm.  
Blogger Vengeance said...

der marcus hat bestimmt einen vergessen:

Soweit ich weiß, bekam auch LETTERS FROM IWO JIMA von dir die Höchstwertung, oder?

Juni 04, 2007 1:02 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ja der timo hat aber aufgepasst ;)

zu LETTERS habe ich aber keinen text verfasst, deshalb hab ich den nicht erwähnt...

Juni 06, 2007 12:07 vorm.  

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