Samstag, Februar 07, 2009

Milk - Yes We Can!


USA 2008

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Er kämpfte mit Courage und Leidenschaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen und gegen ein Klima der Angst und Bigotterie. Sein Name: Harvey Milk. Hollywood widmet dem 1978 ermordeten, ersten offen schwulen Stadtrat der USA nun ein hochkarätig besetztes Zeitdokument, dessen universale Agenda nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat. In der Hauptrolle brilliert Sean Penn, der wie der gesamte Film für einen Oscar gehandelt wird.

Filmkritik:

Anfang der siebziger Jahre zieht es den New Yorker Geschäftsmann Harvey Milk (Sean Penn) und seinen Freund Scott (James Franco) von der Ost- an die Westküste, genauer nach San Francisco, dem einstigen Mekka der Hippie-Bewegung. Dort eröffnen beide ein kleines Fotogeschäft. Schnell entwickelt sich ihre Nachbarschaft, die Gegend um die Castro Steet, zu einem vitalen, bunten „Hot Spot“ der schwul-lesbischen Szene. Doch auch das schützt Harvey und seine Freunde nicht vor Repressalien und Übergriffen der Polizei. Gerade vielen Konservativen und christlichen Gruppen sind Schwule ein Dorn im Auge. Viele vertreten die Auffassung, dass es sich bei Homosexualität um eine Krankheit handelt, um eine Abnormalität, vor der man die Gesellschaft schützen muss.

Als die Stimmung zunehmend feindseiliger wird, entschließt sich Harvey aktiv für die Rechte von Schwulen und Lesben einzutreten und für einen der vakanten Stadtratsposten zu kandidieren. Bei seinen ersten Anläufen unterliegt er jeweils nur knapp. 1977 gelingt ihm dann wahrlich Historisches. Als der erste offen schwule Mandatsträger in der amerikanischen Geschichte wird Harvey Milk in den Stadtrat gewählt. Dabei erhält er auch die Stimmen vieler Schwarzer, Latinos, Gewerkschafter und Rentner.

Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black nähern sich diesem Ausschnitt neuerer amerikanischer Geschichte über die Privatperson Harvey Milk. In den Siebzigern war das Private noch politisch, vor allem dann, wenn der eigene Lebensentwurf von dem der Mehrheit in entscheidenden Punkten abwich. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde als Sünde geächtet und Schwule mit Kinderschändern gleichgesetzt, woraus manch abstruser Vorschlag wie der nach dem Ausschluss von Homosexuellen aus dem Schuldienst resultierte. Der Film zeigt wie sich Schwulen und Lesben erstmals organisierten und ihrem Anliegen in der Öffentlichkeit eine deutlich wahrnehmbare Stimme gaben. Van Sant mischte dazu in die mit großer Akkuratesse inszenierten Spielszenen immer wieder Archivmaterial von TV-Interviews, Wahlkampfveranstaltungen und Pressekonferenzen, in denen auch vehemente Gegner der Gleichberechtigung wie die christliche Aktivistin Anita Bryant zu Wort kommen.

Milk ist aus vielerlei Gründen ein bemerkenswerter Film. Van Sant bringt uns einerseits die Person Harvey Milk näher, ohne ihn als Platzhalter schwul-lesbischer Forderungen oder Ikone des „Gay Pride“ zu instrumentalisieren. Das politische wie soziale Erdbeben, das seine Ernennung zum Stadtrat in Kalifornien auslöste und das in seiner Signalwirkung weit über die Grenzen San Franciscos Relevanz besaß, scheint untrennbar mit Milks Vita verbunden. Mit dem, was er für richtig erachtete und was ihm wirklich war. Dabei bleibt dieser bemerkenswert mutige Mann immer ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Einmal ins Amt gewählt, zeigt sich recht bald, dass er von politischen Winkelspielen mindestens so viel wie seine Gegner verstand. Und in seinen Beziehungen, erst mit Scott später mit dem deutlich jüngeren Jack (Diego Luna), ist das Scheitern eine Konstante.

Sean Penns Porträt stellt sich ganz in den Dienst dieser inspirierenden und nach wie vor aktuellen Geschichte. Hingebungsvoll und völlig uneitel nähert er sich der Rolle, die ihm eine weitere Oscar-Nominierung einbringen dürfte. Neigte Penn in der Vergangenheit bisweilen zu übertriebenen, exaltierten Posen, so ist dieses Mal rein gar nichts davon zu spüren. Er verwandelt sich in Milk, ohne dass es jemals angestrengt wirkt oder sich wie das Abhaken einer Checkliste anfühlt. An Penns Seite brilliert Josh Brolin. Seine Darstellung des frustrierten Stadtrats Dan White ist nicht minder überzeugend. White, der Milk und San Franciscos Bürgermeister George Moscone (Victor Garber) am 27. November 1978 im Rathaus aufsuchte und mit fünf Schüssen ermordete, war ein schwieriger Charakter und eine gebrochene Persönlichkeit. Aber so wenig der Film Harvey Milk zu einem Heiligen stilisiert, so wenig verfällt er im Fall Dan White einer plumpen Dämonisierung.

Trotz seines zunächst tragischen Ausgangs, ist Milk im Kern doch ein zutiefst optimistisches Stück Kino. Der Film handelt von der Möglichkeit des Wandels, davon dass sich in einer Demokratie Minderheiten organisieren und dadurch zu Mehrheiten werden können. Emotional und zuweilen mit sichtlicher Wut im Bauch zeichnet Van Sant ein spannendes Zeitgemälde, dem man jeden nur erdenklichen Erfolg wünscht.

Für Programmkino.de.

6 Comments:

Blogger Rajko Burchardt said...

Ja, absolut: ja.

Februar 07, 2009 3:11 nachm.  
Blogger spidy said...

Aber leider hat sich in den USA seit Milk nichts getan.

Februar 07, 2009 9:14 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ spidy

"nichts"? ok, ich kenne die USA sicher nicht so gut wie Du, aber das scheint mir doch jetzt im urteil zu pauschal und zu negativ.

Februar 08, 2009 11:06 vorm.  
Blogger spidy said...

Ich habe im Januar so meine Erfahrung gemacht, da habe ich wirklich gedacht ich wäre im tiefesten Mittelalter. Klar, es war ein Bundesstaat der sehr konservativ ist, aber ich hatte wirklich dort das Gefühl, dass dort wofür ein Harvey Milk gekämpft hat nie angekommen ist. Das beste Beispiel für ein Rückschritt ist doch Prop. 8 in den USA.
Klar, hat sich natürlich was nach Harvey Milk getan in den USA, aber mittlerweile gehen es drei Schritte zurück als vorwärts. Klar war mein Satz bewußt so gewählt, dass es pauschal klang.
Ich könnte soviel schreiben, warum meine und es auch belegen kann, dass es in den USA sich nicht viel getan hat bzw. sich alles zurückentwickelt. Aber das würde zuweit führen und den Blog sprengen.
Jetzt ohne Scheiß, ich war mehr als schockiert, was ich in Januar in den USA alles mitbekommen und erlebt habe.

Februar 08, 2009 1:48 nachm.  
OpenID hirngabel said...

Ich denke, dass die Toleranz gegenüber Schwulen in den USA (sicherlich weitaus mehr als hier Deutschland) extremst davon abhängig ist, WO man sich in diesem Riesenland befindet.

Es gibt (verhältnismäßig) riesige Gay Communities in diversen Regionen der USA. Natürlich in den großen Städten an den Küsten, oder auch in Hochburgen wie Key West - aber durchaus auch mal in Städten im Herzen der USA, wie Denver beispielsweise.

Das gibts ja hier in Deutschland im kleinen Maßstab genauso. Du wirst in Köln als Schwuler sicherlich anders behandelt/angesehen als in einem kleinen bayrischen Dorf (oder meinetwegen auch in einem Kaff im bergischen Land in NRW - um nicht nur Stereotypen zu bedienen)

Februar 10, 2009 4:11 nachm.  
Blogger spidy said...

@hirngabel: Klar, hast Recht. aber Harvey Milk ist nun mal ein Ami und hat sein Wirkungskreis auch nur dort gehabt und nicht Einfluß auf Europa gehabt.
Aber wenn man bedenkt, dass selbst in den USA in den Hochburgen der schwulen Community in einem Bundesstaat, die Proposition 8 angenommen wurde sagt einiges und ist ein ganz herber Rückschlag.
Die größen Städte sind den USA sind schon liberaler, aber soviele größe Städte gibt es dann in den USA auch nicht, für mich ist USA das größte Dorf der Welt :-)))).

Februar 10, 2009 7:42 nachm.  

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