Dienstag, Januar 05, 2010

Mitternachtszirkus - Cirque du Freak


USA 2009

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Tod Brownings kontroverser Filmklassiker Freaks zählt zu den Meilensteinen des Horrorkinos. Auch wenn die Geschichte über eine bizarre, menschenverachtende Kuriositätenshow inzwischen fast acht Jahrzehnte mit sich herumträgt, hat sie bis heute kaum etwas von ihrer ungemein verstörenden Wirkung eingebüßt. Paul Weitz’ Mitternachtszirkus entwirft zumindest auf dem Papier ein ganz ähnliches Szenario. Auch sein Film, der auf einem Roman des britischen Autors Darren Shan basiert und der als Auftakt einer ganzen Serie konzipiert wurde, taucht in den faszinierenden Mikrokosmos einer von unzähligen „Freaks“ bevölkerten Varieté-Show ein. Ob die Zeit mit seinem Werk allerdings ebenso gnädig sein wird, darf stark bezweifelt werden.

Weil Vampire - Twilight und New Moon sei Dank - derzeit schwer angesagt sind, wundert es nicht, dass der Verleih den im Grunde wenig aussagekräftigen Untertitel „Willkommen in der Welt der Vampire“ (im Original: „The Vampire’s Assistant“) ebenso groß plakatiert. Dass in Mitternachtszirkus ausgerechnet ein 16jähriger Teenager namens Darren (Chris Massoglia) zur zentralen Identifikationsfigur aufgebaut wird, hat Weitz’ Film (zu) schnell das Etikett eines „Twilight für Jungs“ eingebracht. Und selbst wenn ein Denken in solchen Kästchen und Schablonen oftmals von einer mangelnden Kreativität des Rezipienten zeugt, so sind gewisse jungs-typische Spiegelungen zu Stephenie Meyers Vampir-Romanze nicht von der Hand zu weisen.

Darren, der bislang stets unter der strengen Beobachtung seiner schrecklich spießbürgerlichen Eltern stand, besucht mit seinem besten Freund Steve (Josh Hutcherson) verbotenerweise die Vorstellung des geheimnisvollen „Mitternachtszirkus“. Dort begegnet er unter anderem dem furchteinflößenden Zirkusbesitzer Mr. Tall (Ken Watanabe), der bärtigen Madame Truska (Salma Hayek) und einem unberechenbaren Wolfsmenschen. Am meisten zieht ihn jedoch von Beginn an der Spinnenbeschwörer Larten Crepsley (John C. Reilly) in seinen Bann. Die exzentrische „Rampensau“ ist in Wahrheit ein Vampir, dem die Gabe geschenkt wurde, sich mit Lichtgeschwindigkeit fortzubewegen. Crepsley wird für Darren zu einem Ersatzvater und Mentor. Er verwandelt den Jungen schließlich zur Hälfte in einen untoten Blutsauger, der sein Verlangen nach dem roten Körpersaft ähnlich wie Edward zu zügeln weiß.

Als Neumitglied der mitternächtlichen Freakshow erkundet Darren eine für ihn bis dahin unbekannte Welt, in der es vor skurrilen Kreaturen nur so wimmelt. Als Zuschauer ergeht es einem nicht anders. Die schiere Fülle der Eindrücke hätte vermutlich gleich für mehrere Filme ausgereicht. Am liebsten möchte man sich Bild für Bild durch dieses dunkle Märchen bewegen, denn nur dann scheint sichergestellt, dass kein Einfall der Set- und Charakter-Designer am Ende unentdeckt und ungesehen bleibt. Die malerische Opulenz der meist düsteren Bilder beginnt bereits mit dem verspielten, durchgestylten Vorspann und endet mit einer nicht minder hübsch anzusehenden Schlusseinstellung. Für 70 Mio. Dollar kann man dergleichen aber auch erwarten.

Die Probleme fangen indes ganz woanders an. Dass dieser Vampir-Ausflug bestenfalls einen flüchtigen, nicht immer homogenen Eindruck hinterlässt, liegt vornehmlich im gefühlten Aufbau der Story als ein überlanger Prolog. Obwohl die Drehbuchautoren Brian Helgeland und Paul Weitz die ersten drei Bücher von Shans Cirque du Freak-Reihe zum Vorbild nahmen, gleicht der Film mehr einem ersten Kennenlernen. Die Figuren, allen voran der geheimnisvolle, schräge Crepsley, bleiben zumeist ein Mysterium, ihre Eigenarten und Ticks visuelle Gimmicks, die nicht wirklich ergründet werden. Die Erzählhaltung erscheint nicht selten überdreht und ungeduldig und die zum Teil als Coming-of-Age-Trip geformte Dramaturgie seltsam unentschlossen.

Wo es sich lohnen würde, etwas länger zu verweilen - beispielsweise bei dem jahrhundertealten Konflikt zwischen den verfeindeten Vampirfamilien -, hetzt Weitz’ Film wie ein hyperaktives Kleinkind zur nächsten Szene. Die Geschichte zeigt, was passiert, wenn zuviel Stoff in zu wenig Film verpackt wird. Die Zeit reicht schlichtweg nicht aus, um die wahrlich ambitionierten Vorstellungen der Autoren zufriedenstellend in einer in sich stimmigen Handlung aufgehen zu lassen. Hinzu kommt, dass sich die dargebotene Mischung aus düsteren und komischen Elementen immer wieder selber ausbremst. In der Konsequenz wird weder das Horror- noch das Comedy-Potenzial der Geschichte ausgeschöpft.

Man merkt, dass Weitz bislang vorrangig Komödien inszeniert hat. Sein Film gibt sich in Bezug auf die Biss-Freudigkeit der angeblich blutsaugenden Nachtgestalten noch zugeknöpfter als die ohnehin schon biedere Twilight-Reihe. Das Kalkül, auf diesem Wege zunächst eine zielgruppengerechte Altersfreigabe und damit ein möglichst großes Publikum zu erreichen, ist zumindest in den USA grandios gescheitert. Dort entpuppte sich der Mitternachtszirkus mit einem mageren Einspielergebnis von knapp 15 Mio. Dollar als übles Kassengift. Nicht überall wo „Vampir“ drauf steht, wird der Erfolg also gleich auch mitgeliefert.

Für BlairWitch.de.

1 Comments:

Anonymous Juta said...

Wow, dieser Film scheint echt gut zu sein...Danke für diese Zusammenfassung...Netter Blog, weiter so!

Januar 05, 2010 1:27 nachm.  

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