Mittwoch, Februar 24, 2010

Shutter Island - Betreten auf eigene Gefahr


USA 2009

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Vorbemerkung: Für einen möglichst unbelasteten Genuss von Shutter Island empfiehlt es sich, die Kritik erst nach Ansicht des Films zu lesen.

Auf dieser Insel lauert das Böse. Oder das, was wir dafür halten. Schon mit den ersten Szenen stellt Shutter Island unmissverständlich klar, dass der Ort, an den es US Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und seinen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) verschlägt, ein dunkles Geheimnis birgt. Auf einer (fiktiven) Insel vor der amerikanischen Ostküste werden in einem vermeintlich absolut fluchtsicheren Sanatorium Anfang der 1950er Jahre psychisch kranke Straftäter behandelt. Die einzige Verbindung zwischen Shutter Island und der Außenwelt ist eine Fähre, über die auch die beiden Beamten das nur bedingt einladende Eiland erreichen.

Es braucht natürlich einen Grund, um Teddy und Chuck auf die Insel zu locken und damit die Geschichte gleichsam in Gang zu bringen. Eine mehrfache Mörderin konnte am Vorabend aus der Anstalt fliehen. Wie das möglich war und wo sie sich jetzt aufhält, das sollen die Marshalls mit Hilfe des Krankenhauspersonals möglichst rasch herausfinden. Der leitende Oberarzt Dr. Cawley (Ben Kingsley) sichert den Beamten dann auch seine volle Unterstützung zu. Die Ermittlungen laufen an und was für Teddy zunächst nach einem Routinejob aussah, entwickelt sich mit jeder neuen Entdeckung zu einem immer undurchsichtigeren Kriminalfall.

Mehr muss man im Vorfeld gar nicht über Shutter Island wissen. Martin Scorseses mit Spannung erwarteter Mystery-Thriller - Dennis Lehane (Mystic River) lieferte die Romanvorlage - lässt uns zusammen mit Teddy fortlaufend die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit überscheiten. Durch seine Augen sehen wir, was geschieht oder wovon er glaubt, dass es gerade geschieht - ein in diesem Genre kleiner, aber feiner Unterschied. Schon der Auftakt ist an atmosphärischer Dichte kaum zu überbieten. Stanley Kubricks Shining fällt einem spontan ein, wenn die Kamera das Hochsicherheits-Sanatorium aus der Luft ins Visier nimmt und dazu das markante, immer etwas zu schrille Leitthema laut aufheult.

Zurückhaltung sieht anders aus und ist von Scorsese sicherlich nicht gewollt. Stattdessen spielt der Oscar-Preisträger mit Elementen des Film noir und des klassischen Gruselkinos. Vor allem Otto Premingers Noir-Meisterstück Laura scheint auf Shutter Island abgefärbt zu haben. Auch hier haben wir es mit einem Ermittler zu tun, der als psychisches Wrack kiloweise seelischen Ballast mitschleppt und der sich nach und nach in dem Fall, den er eigentlich aufklären soll, verliert. Parallel dazu dringt der Film immer tiefer in das Geheimnis der Insel vor. Die Räume werden zunehmend enger und unübersichtlicher. Gleichzeitig verlagert sich die Handlung in labyrinthartige Gänge, karge Zellen und Höhlen, wo Scorsese zusammen mit Kamera-Großmeister Robert Richardson vor allem den Horror-Aspekt der Story gekonnt ausspielt und das ohne den von Beginn an ebenfalls spürbaren Pulp-Charakter zu überreizen.

Unterdessen erhält die emotionale Ausnahmesituation, in der Teddy schon länger gefangen zu sein scheint, in Rückblenden und Traumsequenzen allmählich Konturen. Leider ist sein Geheimnis weniger komplex, als uns das Scorsese und seine Drehbuchautorin Laeta Kalogridis über weite Strecken Glauben machen wollen. Vor allem die Ausführlichkeit, mit der im Finale die eigentlich schon längst entschlüsselten Puzzlestücke zusammengefügt werden, wirkt unnötig und zieht den Film spürbar in die Länge. Vermutlich aus Angst, einige Zuschauer könnten ansonsten frustriert das Kino verlassen, muss das Rätsel um Teddys „State of Mind“ jedoch bis ins Detail dechiffriert werden. Anders als David Lynch ist Scorsese eben auch ein Regisseur des Mainstreams.

Einmal mehr zeigt Leonardo DiCaprio unter der Anleitung seines väterlichen Mentors eine starke, eindringliche Leistung, bei der er sich weniger körperlich als seelisch in Grenzbereiche vorwagt. Das Image des mitfühlenden Milchbubis, das ihm seit Titanic anhaftete, hat er dabei endgültig abgelegt. DiCaprio ist ganz eindeutig der Method Actor seiner Generation. Nur der zu späte Startzeitpunkt dürfte im vorliegenden Fall eine weitere Oscar-Nominierung verhindert haben.

Wenngleich Shutter Island mit einigen Konditionsproblemen speziell im Mittelteil zu kämpfen hat und dem Film insgesamt eine Kürzung sicherlich gut getan hätte, bietet er immer noch glänzende Genre-Unterhaltung. Das liegt vornehmlich an der Art, wie Scorsese den Schauplatz zu einer monströsen Bühne auf- und ausbaut. Das Insel-Krankenhaus dürfte die Topographie des Horrorkinos um eine weitere Attraktion bereichern. Am besten löst man sich gleich von einer allzu strengen Beobachtung der nur auf den ersten Blick komplexen Story und lässt stattdessen die noir-ischen Bilder und bedrohlichen Klangkompositionen auf sich wirken. Die Stärken von Shutter Island liegen eindeutig in seiner Verpackung und weniger in dem, was darunter zum Vorschein kommt.

Für BlairWitch.de.

4 Comments:

Anonymous Dominik said...

An diesem Film habe ich sehr viel Interesse. Umso mehr freut es mich, dass er so gut abgeschnitten hat. Eigentlich genau das, was ich im Vorfeld erwarte. Sehr gute Rezension!

Februar 26, 2010 8:20 nachm.  
Anonymous jasper said...

kann mich nur anschließen, wirklich sehr gute rezension. Ein Scorsese-Film ist Pflichtprogramm!

März 01, 2010 12:25 nachm.  
Anonymous Flüge said...

Der Trailer war sehr viel versprechend und so möchte ich den Film unbedingt sehen bevor ich urteile:-) Hoffe es wurde darin nicht schon alles gezeigt was gut ist....

März 03, 2010 9:55 vorm.  
Blogger a.montana said...

Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht.....es gibt aber auch ein "Aber". Wenn du mir die Möglichkeit gelassen hättest deinen letzten Absatz zu lesen, bevor ich mir den Film angschaut hätte, wäre mir nicht viel Energie verloren gegangen. Was habe ich mir in meiner Phantasie alles ausgemalt. Aufgrund deiner Warnung im ersten Absatz, habe ich natürlich deine Kritik erst nach dem Film gelesen. Na ja, warum soll es mir besser gehen als dir ;-)
Ich finde das etwas zu sehr aufklärende Ende aber im Gegenteil mal richtig erleichternd und überzeugend. Es muß auch mal wieder so etwas einfaches vorkommen, damit man sich eben nicht immer sooo viele Gedanken beim Anschauen macht. Die heutigen Filme warten mit teilweise viel zu überzogenen Storys auf, da kommt "Shutter Island" gerade recht.

Gruß a. montana

März 22, 2010 1:13 nachm.  

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