Donnerstag, Dezember 16, 2010

Von Menschen und Göttern - Einsame Entscheidung


F 2010

+++1/2

Mit der in den neunziger Jahren erfolgten und bis heute nicht aufgeklärten Ermordung der Trappisten-Mönche von Tibhirine befasst sich Xavier Beauvois’ Von Menschen und Göttern. In meditativen Bildern und im Rhythmus der choralen Gebete des Ordens erzählt Beauvois eine ergreifende Geschichte, in der Mut, Mitmenschlichkeit und religiöse Toleranz als fundamentale Werte allgegenwärtig sind. Bei den Filmfestspielen von Cannes gab es dafür den „Großen Preis der Jury“. Von Menschen und Göttern wird von Frankreich zudem in das Oscar-Rennen um den „Besten fremdsprachigen Film“ geschickt.

Filmkritik:

Das Atlas-Gebirge erstreckt sich von Marokko im Westen über Algerien bis nach Tunesien. Es ist eine schroffe, zugleich faszinierende Landschaft, geprägt von kleinen Dörfern und Siedlungen und einer mühsamen, meist nicht sonderlich ertragreichen Landwirtschaft. In dieser felsigen Umgebung erscheint das malerische, liebevoll gepflegte Kloster der Trappisten-Mönche von Tibhirine wie ein kostbares Refugium der Ruhe und des Friedens. Tatsächlich ist das Dorf unterhalb des Klosters mit diesem über die Jahrzehnte gewachsen. Zwischen den Mönchen und der einheimischen Bevölkerung besteht ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Die Geistlichen bieten ihre Hilfe bei medizinischen Problemen und anderen, auch zwischenmenschlichen Nöten an, im Gegenzug werden sie regelmäßig zu Familienfesten und anderen Feierlichkeiten eingeladen.

Doch diese friedliche Idylle ist bedroht. Seitdem islamistische Rebellen immer wieder die Gegend um das Kloster aufsuchen und dabei zuletzt sogar eine Gruppe kroatischer Gastarbeiter ermordeten, spüren die Mönche, dass auch ihr Leben ernsthaft in Gefahr ist. Die Behörden legen ihnen dann auch nahe, Tibhirine möglichst bald zu verlassen. Die Gemeinschaft unter der Leitung des engagierten Abts Christian (Lambert Wilson) ist gespalten. Ein jeder fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem, was da auf sie zukommen mag, der Verpflichtung, den Menschen gerade in dieser schwierigen Lage beizustehen und dem mutigen Bekenntnis, sich nicht von Terroristen die eigenen Entscheidungen diktieren zu lassen.

Regisseur Xavier Beauvois erzählt eine tragische und zugleich wahre Geschichte über eine Gemeinschaft, die auch im Angesicht einer konkreten Bedrohung ihre Prinzipien von Solidarität und Nächstenliebe nicht vergisst. Das bis heute nicht gänzlich aufgeklärte Verbrechen an den Trappisten-Mönche von Tibhirine, die im Jahr 1996 vermutlich von fanatischen Islamisten verschleppt und umgebracht wurden, lehrt viel über Mut, Willenstärke und Mitmenschlichkeit. Und es zeigt, was passiert, wenn Hass und Verblendung Überhand nehmen. Trotz seines brisanten Themas vermeidet Beauvois’ gerade zum Ende hin hochemotionaler Film vorschnelle Schuldzuweisungen und Erklärungen. Auch wird der Islam keineswegs mit den Gräueltaten der Terroristen gleichgesetzt. Von Menschen und Göttern lässt vielmehr klar erkennen, dass die Religion von manchen nur als Vorwand für ihre Interessen missbraucht wird. Letztlich sind die Mönche – und nicht nur sie – Opfer eines blutigen Krieges zwischen der korrupten algerischen Regierung und religiösen Fanatikern.

Beauvois wählte für seine in gewissen Momenten durchaus auch hoffnungsvolle Geschichte die wohl beste, weil passgenaueste Form. Das asketische, karge Leben der Mönche, ihr streng nach sieben Stundengebeten ausgerichteter Tagesablauf, all das fand in der Narration und Bildästhetik seine filmische Entsprechung. Die zahlreichen, wiederkehrenden choralen Gebete und Gesänge erzeugen hierbei wie die übrigen Alltagsbeobachtungen einen beinahe kontemplativen Erzählrhythmus, dessen schroffe Unterbrechung mittels Gewalt und Terror umso mehr erschüttert.

Wie schon in Philip Grönings Dokumentation Die große Stille über das Kartäuserkloster „La Grande Chartreuse“ öffnet die authentisch nachgestellte Ruhe des Klosterlebens das Tor zu einer anderen, den meisten von uns fremden Welt. Ob die von Beauvois zum Ende hin forcierte Anlehnung an das letzte Abendmahl zwingend notwendig gewesen wäre, darf indes bezweifelt werden. Die emotionale Aufdringlichkeit dieser mit Tschaikowskys Schwanensee unterlegten Szene, in der aus ehrbaren Männern plötzlich Martyrer gemacht werden, ist jedoch nicht mehr als ein kleiner Makel an einem ansonsten nahezu perfekten Film.

Erschienen bei Programmkino.de.