Montag, April 24, 2006

Mord und Magaritas - Das Burnout-Syndrom


USA 2005

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Der erste Eindruck täuscht. Diese Lebensweisheit bestätigt sich auch in der etwas anderen Buddy-Komödie „Mord und Margaritas“ von Regisseur und Autor Richard Shepard. Darin darf Ex-007 Pierce Brosnan mit seinem harten coolen Image als Spion im Dienste ihrer Majestät brechen. Er spielt Julian Noble, von Beruf ein „Vermittler von Todesfällen“ oder direkter formuliert: ein Auftragskiller. Bei einem dieser Aufträge trifft er in Mexico den notorisch erfolglosen von Selbstzweifel und Nervosität geplagten Geschäftsmann Danny Wright (Greg Kinnear). Bei einem Dutzend Margaritas kommen die beiden ins Gespräch. Weil Julian dringend Anschluss sucht und Danny nicht rechtzeitig weglaufen konnte, schleppt er diesen gleich zum Stierkampf mit. Als er Danny beichtet, womit er seine Brötchen verdient, erntet er zunächst nur einen Lacher. Danny glaubt, es handele sich wieder nur um einen von Julians kleinen Späßchen.

Auftragskillerkomödien bilden mittlerweile offenkundig ein eigenständiges Genre, was Filmen wie „Ein Mann, ein Mord“ und „Fargo“ zu verdanken ist. Der wahlweise leicht schrullige oder depressive Hitman eignet sich als wunderbare Projektionsfläche, um mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. So auch bei Richard Shepard. Denn Gerhard Schröders Spruch von „den Harten, die nur in den Garten kommen“ trifft auf Julian eigentlich überhaupt nicht zu. Er ist ausgebrannt, halluziniert und fühlt sich nirgendwo daheim. Er hat keine Freunde, keine Familie. Ja, er ist ein ziemlich armes Würstchen und damit in der Selbsteinschätzung seiner Person von dem William H. Macy-Charakter Danny Wright nicht zu unterscheiden. Doch Danny hat etwas, was Julian fehlt: er hat eine liebevolle Frau und ein warmes Nest. Darum beneidet Julian ihn.

Diese Konstellation charakterisiert zugleich, was „Mord und Margaritas“ so erfrischend anders und unterhaltsam macht. Das zunächst übergestülpte Rollenklischee, auf der einen Seite der eiskalte Killer, auf der andere der Prototyp des Losers, kehrt sich im Laufe von 97 Minuten peu à peu in sein Gegenteil. Mit sichtlichem Spaß zur Selbstdemontage agiert Brosnan, der Julian mit Attributen ausstattet, die doch stark in Richtung „Metrosexualität“ gehen. Oder wie sollte man die Lust am Lackieren der eigenen Zehennägel ansonsten interpretieren? Brosnan kann in diesem kleinen Film die Last des ewigen Womanizers genüsslich karikieren, er strahlt einen Spielwitz aus, der sich wunderbar mit Greg Kinnears unschuldig naivem Mienenspiel zu etwas höchst Amüsanten hochschaukelt. Die Chemie zwischen den beiden Darstellern muss exzellent gewesen sein, zusammen mit der gestandenen Bühnenschauspielerin Hope Davis werfen sie sich gekonnt die Bälle zu. Nahezu jedes Hochziehen der Augenbrauen, jedes verkrampfte Grinsen sitzt. Hinzu kommen eine Vielzahl geschliffener sehr pointierter Dialoge. Das erklärt, warum Shepards Drehbuchkünsten u.a. auf dem Sundance Film Festival soviel Beachtung entgegenschlug.

Unter der heiteren bis makabren Oberfläche gährt es gewaltig. Nicht nur, dass Brosnans Testosteron-Chimäre innerlich nach Wärme und Freundschaft giert, auch Greg Kinnears Alter Ego ist ein Suchender. Erst als er von außen darauf hingewiesen wird, was er doch für eine bezaubernde Frau hat und welch glückliche Ehe er führt, kann Danny es mit der ehrlichen Verarbeitung des tragischen Unfalltods seines Sohnes aufnehmen. Shepard ködert sein Publikum mit der Aussicht auf ein skurriles Mörderfilmchen, die eigentliche Rechnung wird jedoch auf den Namen „Burnout-Syndrom während der männlichen Midlife-Crises“ ausgestellt. Das Drama immer behutsam dosiert, überzeugt das Multitalent mit der relaxten Vermischung unterschiedlicher Genres zu einem homogenen Ganzen.

Denkt man etwas länger darüber nach, was die eigentliche Handlung in „Mord und Margaritas“ ausmacht, so stellt man verduzt fest, dass es dem Film an einem klassischen Plot fast gänzlich mangelt. Es sind stattdessen drei lange Szenen, die das Grundgerüst bilden. Im Theater müsste man von drei Akten oder Aufzügen sprechen. Im Vordergurnd stehen die Charaktere mit ihren Macken und Manerismen, nicht eine kohärente Erzählstruktur. Shepard treibt das Spiel mit unseren Erwartungen ziemlich beiläufig am Ende auf die Spitze, in dem er in einer Rückblende mehrmals innerhalb kürzester Zeit für so manches „Aha!“-Erlebnis benutzt, was soviel über diese beiden Männer aussagt, wie es lange dramatische Ploteskapaden nur schwerlich könnten. Und auch wenn ganz bewusst auf eine spektakuläre Handlung verzichtet wird, die „Action“ sich im Grunde genommen auf ein explodierendes Auto beschränkt, besitzt Shepards Tragikomödie eine eigene nur schwer zu beschreibende Dynamik. Vielleicht weil aus aller Beiläufigkeit heraus ein Werk vor unseren Augen entsteht, dass aus dem Vehikel des Auftragskillerfilms etwas herausholt, was wir längst nicht mehr darin vermutet hätten.

Erschienen bei kino.de.

1 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Hi,

gebe Dir Recht, was die Entwicklung der Figuren und die Bedeutung dieser Männerfreundschaft angeht. Auch finde ich, dass der Film einige schöne und wahrhaftige Szenen hat (zum Beispiel als Brosnan ganz angetan mit Davis tanzt, und Kennear sich - auf der Couch sitzend - erst so richtig darüber bewusst wird, was für eine tolle und begehrenswerte Frau er eigentlich hat). Gelungen fand ich auch die Arena-Szene mit der titelgebenden Stierkämpfer-Analogie (welcher Trottel hat sich eigentlich den deutschen Titel "Mord & Magaritas" ausgedacht?? Das ist ja grausam und bedeutungsberaubend).

Im Großen und Ganzen halte ich THE MATADOR also für einen sehenswerten Film, der - da gebe ich Dir auch Recht - gut geschrieben ist und durch seine quasi-Dreiteilung überzeugen kann.

Allerdings muss ich bemerken, dass ich Brosnans Rolle grausam schlecht fand, weil sie stellenweise (so bis zur Mitte des Films etwa) einerseits unglaubwürdig und andererseits völlig "überalbert" war. Und dieser Brosnan wirkt wie die Karikatur einer Karikatur eines Midlife-Crisis-geplagten Mannes. Furchtbar. Sehr plump fand ich nebenbei bemerkt auch die platte Visualisierung seines Wahns, seiner Hallus.

Dann hat mir nicht gefallen, dass im Film dauernd so eine ekelige Komödien-Klimmper-Musik gespielt wird. Das fand ich irgendwie unwürdig. Ebenfalls schlecht fand ich den einen, furchtbar aufgesetzt klingenden Monolog der Hope Davis über ihren toten Sohn.

Und schließlich empfand ich es als furchtbar bieder, dass
a) bei den Sexszenen niemals Brüste
b) bei den Attentaten keine Brutalität
gezeigt wurden.
Wer will, kann das ja gerne damit entschuldigen, dass es dem Film um die Charaktere geht und dass Zeigen von Leichen davon ablenken würde. Ich jedoch denke, dass ein Film über einen Auftragskiller sich nicht genieren sollte, mal zu zeigen, was der Mann mit seinen Taten anrichtet. Ich weiß nicht, aber diese Darstellung des Auftragsmörders als fahriger Opa mit lustigem Bärtchen und sympathisch-lustigem Habitus kann ich irgendwie nicht ganz ernst nehmen. Wenn Regisseur Sheppard so sehr an seinen Figuren interessiert ist, hätte er den Mörder seine Taten mal vernünftig reflektieren lassen, anstatt solche albernen Halluzinations-Bilder zu zeigen.

Durchaus also ein Film, der einem an manchen Stellen Geduld abverlangt. Die Reise lohnt sich aber, denn man wird belohnt - und zwar mit den Dingen, die Du schon erwähnt hast.

April 28, 2006 1:54 nachm.  

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