Mittwoch, Mai 10, 2006

Hostel - Es ist angerichtet!

USA 2005

+++1/2

Es gibt große Filme, die lieben es, sich selbst zu tarnen, ihren wahren Kern möglichst mit visuellen Spielereien oder dramaturgischen Finessen zu verschleiern, oberflüchlich in ein anderes Genre abzutauchen, nur um subversiv die Erwartungen und Gewohnheiten ihres Publikums zu unterlaufen. Auf die Werke M. Night Shyamalans trifft dies zu, die in regelmäßigen Abständen absichtlich oder unabsichtlich als „Horror“ falsch klassifiziert werden oder auch auf Wes Andersons auf den ersten Blick skurrile Klamauk-Grotesken. Eli Roth, dem bereits das Etikett „neue große Hoffnung des Horrors“ angeheftet wurde, geht es nicht anders. Schon sein „Cabin Fever“ sorgte für reichlich Irritationen und Unverständnis, auch bei mir. Entsprechend groß war die Spannung auf seinen zweiten Streich „Hostel“. Nach der reichlich offensiven Vermarktung inklusiver drastischer Filmplakate und Trailer waren die Weichen für eine harte vielleicht sogar abstoßende Filmerfahrung gelegt. Doch während die Erwartungen noch auf der vorgefertigten Schiene in Richtung einer untergehenden blutgetränkten Sonne reisten, lädt uns Roth zu einer beeindruckend geradlinig vorgetragenen Systemanalyse.

Die Geschichte von „Hostel“ ist die Geschichte unserer Wirklichkeit und nicht die Geschichte irgendeines kranken Drehbuchautors, der sich an menschlichen Perversitäten und Abgründen ergötzen möchte. Die Fahrt dreier enthemmter Rucksacktouristen im enthemmten Europa hat soviel mit uns und unserem Leben zu tun, dass es schwerfällt, dieses auch zuzugeben. Wenn Paxton (Jay Hernandez) und seine beiden Kumpels im slowakischen Hinterland, irgendwo im Nichts auf einer alten brach liegenden Industrieanlage zur Ware Mensch degradiert werden und als blutiger Zeitvertreib für gelangweilte Millionäre oder verkappte Psychopathen in Nadelstreifen herhalten müssen, legt Roths Film den Finger tief in die Wunde eines zugellösen Kapitalismus. Dieser funktioniert auch an den schrecklichsten Orten, in dem die Schlachtplatte preislich gestaffelt nach Nationalitäten angeboten wird (Amerikaner „kosten“ 15.000 US-$, Asiaten nur 5.000 US-$). Die bittere Ironie an Paxtons Schicksal ist, dass er nur wenige Tage zuvor noch auf der anderen Seite stand. Für ein paar Scheine kaufte sich das spaßgeile Männertrio auf seinem Eurotrip einen schnellen Blowjob und eine geile hemmunglose Nummer.

Seziert man „Hostel“ so zerfällt er in drei sich einander bedingende Fragmente. Alles beginnt recht harmlos und seicht mit einer kiffenden Tour d’ Errection, angereichert mit platten sexistischen Witzeleien, die so auch in jedem „American Pie“-Film hätten Verwendung finden können. Nach ihrer Ankunft in der Slowakei setzt ein erster Stimmungsumschwung ein, erinnert die Kulisse des verträumten Städtchens an einem fast zu idyllischen Fluss doch auf seltsame Weise an die Enge und Fremdheit aus Kafkas Romanen. Die Orte, wie das Hotel der Jungs und die Gassen der Altstadt, strahlen einen altmodischen Zauber aus, der mit der Unbeschwertheit ihrer ersten Station, Amsterdam, bewusst bricht. Mit dem Ausstieg aus dem Zug, den ersten Schritten auf einem heruntergekommenen Bahnhof, schwebt über „Hostel“ urplötzlich ein anderer Geist. Es ist ein strafender Blick, der auf die Drei fällt. Unwissend sollen sie ihrem Verderben entgegenreisen. Es dauert dann aber noch einmal fast eine weitere halbe Stunde bis Roth die Spielhölle öffnet und die Karten auf den Tisch legt. Das, was er uns dann zeigt (oder besser was er andeutet), soll zu einem visuell beeindruckenden Synonym für das moderne Horrorkino werden. Denn Schrecken verbreitet „Hostel“ schon, aber keineswegs auf die bekannte Art und Weise.

Der Schrecken entfaltet sich bei Roth erst in einem perfekt getimten Zusammenspiel aus plakativen Gore-Elementen, einer nihilistischen kalten Atmosphäre in den düsteren Katakomben der „Fleischfabrik“ und der bei uns Zuschauern langsam durchsickendern Erkenntnis, wie nah das soeben Gezeigte der Realität kommt. Das muss nicht heißen, dass ein Ort wie „Hostel“ ihn beschreibt tatsächlich existiert, es reicht aus, dass uns die Mechanismen, die diesen Ort erst möglich gemacht haben, vertraut erscheinen. Der Magnet hat eine Gravur: GIER steht in roten Lettern dort eingebrannt. Die Gier nach dem letzten Kick, die Gier nach dem schnell verdienten Geld ohne moralische Skrupel. Dass Roth den Schauplatz nach Osteuropa verlegt hat, ist durchaus nicht unerheblich. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wandelten sich viele der ehemaligen Blockstaaten zu kleinen wirtschaftlichen Musterschülern, die für viele Unternehmen bereitwillig den roten Teppich ausrollten. Während das Bruttoinlandsprodukt florierte, versank ein Teil dieser Gesellschaften in bitterster Armut.

Auf der Ziellinie wandelt sich „Hostel“ dann schließlich in einen klassischen Revenge-Thriller. Paxton nimmt das Heft des Handelns auf, wobei ihm erst die Dummheit eines der Freizeit-Mengeles die Flucht ermöglicht. Mit Selbstjustiz antwortet er auf die zuvor seitens der selbsternannten Richter über Leben und Tod erlittenen Qualen. In der Dialektik von „Hostel“ erscheint es legitim, Unrecht mit Unrecht zu vergelten, zumindest dann, wenn die Handlungsebene zur Beurteilung herangezogen wird. Unterschwellig suggeriert Roth mit Bildern eines im feinen Manager-Dress seltsam verkleidet erscheinenden Ex-Schlachtviehs, dass Rache nehmen kein ehrenwertes oder gar befriedigendes Unterfangen sein kann. Die junge Japanerin, die Paxton befreit und wie ein Schutzengel den Weg aus der Hölle weist, offenbart stellvertretend für alle Opfer, welche Leiden und Qualen, seelischer und körperlicher Natur, Menschen Menschen zufügen können. Wer das erlitten hat, was sie erleiden musste, ist innerlich bereits gestorben. „Hostel“ ist also doch ein Horrorfilm.

Erschienen bei kino.de.

1 Comments:

Blogger ingosandra said...

"Die Geschichte von „Hostel“ ist die Geschichte unserer Wirklichkeit und nicht die Geschichte irgendeines kranken Drehbuchautors, der sich an menschlichen Perversitäten und Abgründen ergötzen möchte."

Ach wenn ich Gefahr laufe dir tierisch auf den Sack zu gehen, MUSS ich hier was los werden, ich kann einfach nicht anders wenn es um Hostel geht "sorry"

Wenn ich graunhafte Wirklichkeit sehen will, schau ich mir DOKU´s an und erwarte sie nicht unbedingt in einem Unterhaltungsfilm. Natürlich freue ich mich wenn auf anderen Ebenen Realität im Film dargestellt wird aber doch bitte nicht auf so eine scheußliche Art und Weise. Ja, hier ist man wieder bei der Zensur, wenn es mich aber vor solchen Filmen schützt dann bitte. Ich war nämlich so Einer der richtig geschockt war. Seitdem meide ich das Horror Genre wie kein anderes. Es gibt einfach Filme die man mit einer Altersbeschränkung nicht verharmlosen kann. Stell dir mal vor es gäbe eine Musik CD die Töne verursacht die bei 10% der Hörer das Gehör unwiederruflich schädigen würde, ich glaube man würde es hierbei begrüssen wenn so etwas aus dem Verkehr gezogen würde. Meiner Seele wurde unwiederruflich geschadet ohne jede Vorwarnug und absolut Sinnlos (ich übertreibe ein wenig, nur um es mal deutlich zu machen). Nun mag man mir nachstellen können das ich sehr sensibel bin..., ja ich bin ein Mensch. Bitte nichts mehr in dieser Art.

A. Montana

Oktober 10, 2008 1:48 nachm.  

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