Mittwoch, August 16, 2006

Brick - Nach außen gemein, im Herzen rein

USA 2005

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Ein Film als Experiment. Das auf dem Sundance Filmfestival gefeierte Debüt von Rian Johnson vermischt den Schauplatz einer Highschool mit den Elementen einer klassischen Detektivgeschichte. Im Mittelpunkt steht der Außenseiter Brendan, gespielt von Nachwuchshoffnung Joseph Gordon-Levitt, der sich in einem undurchsichtigen Netz aus Gewalt, falschen Verdächtigungen und heimtückischen Fallen verstrickt. Johnsons unbändiger Drang zur Stilisierung macht aus Brick ein ungewöhnliches aber emotional zuweilen äußerst unbefriedigendes Spiel mit den Zutaten eines Film Noir.

Filmkritik:

Eigentlich hat sich Brendan (Joseph Gordon-Levitt) auf ein Leben als Außenseiter eingerichtet. Nur wenige lässt er an sich heran, nur wenige interessieren sich überhaupt für ihn. Auf der Highschool geht er seinen Mitschüler zumeist aus dem Weg. Mit einem mysteriösen Anruf seiner Ex-Freundin Emily (Emilie de Ravin) soll für ihn alles anders werden. Sie erzählt ihm von einem schweren Fehler, der sie begangen habe. Verschüchtert, ängstlich, verwirrt klingt sie. Noch bevor Brendan weitere Fragen stellen kann, bricht das Gespräch ab. Der Abstieg in die Hölle hat begonnen.

Auf dem Weg dorthin begegnet er vielen Charakteren, die zum festen Inventar eines jeden Film Noir gehören. Egal ob es sich bei diesem um Die Spur des Falken oder Chinatown handelt. Eine geheimnisvolle Schöne (Nora Zehetner), die Femme Fatale in Brick, versucht Brendan zu verführen, ein mächtiger Drogendealer namens The Pin (Lukas Haas) hetzt seinen Schläger Tug (Noah Fleiss) auf ihn los.

Das ist eigentlich die Welt eines Dashiell Hammett. Auch ein James Ellroy oder Raymond Chandler dürften sich in einem solchen Universum zu Hause fühlen. Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson überträgt das so vordefinierte und bekannte Koordinatensystem auf den genrefremden Tatort einer gewöhnlichen Highschool. Man würde wohl kaum auf die Idee kommen, dort den Schauplatz dieses tödlichen Crime-Coktails zu vermuten. Doch mit einem simplen Kulissenaustausch ist es für Johnson nicht getan. In Habitus, Wortwahl und Stil orientiert sich Brick konsequent an den von Nihilismus durchzogenen Klassikern der Schwarzen Serie.

Das hat zur Folge, dass die im Teenageralter befindlichen Protagonisten reden und handeln, wie es weder in seichten Komödien noch in realistischen Jugenddramen der Fall wäre. Sie verhalten sich von der ersten bis zur letzten Szene atypisch, ihre Gesten erstarren zur Pose, ihre Gefühle wirken fast zwangsläufig unecht. Joseph Gordon-Levitt versucht sich an einer adoleszenten Humphrey Bogart-Kopie. Die Hände tief in der Jackentasche vergraben, der Gang schleppend, die Haltung stets etwas gebeugt. Es fehlen lediglich der Trenchcoat und die Kippe im Mundwinkel, dann wäre das Bild des jungen Sam Spade perfekt. Da ist es nur gerecht, wenn ihm in der Auflösung einer der spärlich gesäten wirklich mitreißenden Szenen zugedacht wird. Im Schnelldurchlauf entwirft der Film hier ein Szenario, dass jedwede Hoffnung vermissen lässt. Für kurze Zeit, so scheint es, kann man Hammetts Herz schlagen hören.

So sehr Johnsons Idee der Charme des Neuen und Unverbrauchten anhaftet, in der Umsetzung stolpert sein ambitioniertes Projekt desöfteren über den erzwungenen Zusammenprall zweier Welten, deren Gemeinsamkeiten sich am besten mit dem Bild einer leeren Menge beschreiben lassen. Film Noir und Jugenddrama wollen so recht nicht zueinander passen. Es entsteht alsbald der Eindruck, Zeuge einer filmisch interessanten Fingerübung zu werden, der es allerdings nie wirklich gelingt, überzeugend eine eigenständige Kriminalhandlung zu etablieren. Bestenfalls ließe sich Brick als ungewöhnliche Hommage an die Schwarze Serie klassifizieren. Etwas wenig, wo doch die zitierten Vorbilder einen Abwärtsspirale entfachen, aus der es für niemanden ein Entrinnen gibt. Bei Brick fühlt man sich trotz manch eruptivem Gewaltausbruch wohl behütet. Mama und Papa, die nebenan warten und bei Gelegenheit die Getränke servieren, sei Dank.

Erschienen bei Programmkino.de.

5 Comments:

Blogger Mr. Vincent Vega said...

Das Review bestätigt wirklich exakt meine Befürchtung, „erzwungen“ trifft es wohl ziemlich gut. Bei „Romeo und Julia“ mag es noch funktionieren, aber wenn die Teenies jetzt schon schwermütige, vor allem bedeutsame Inhalte des Film-Noir in den Mund gelegt bekommen, kommt da – so denke ich – wirklich nur Gequassel heraus. Hab die PV leider verpasst. Mal schauen.

August 16, 2006 7:51 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ja, erzwungen ist in BRICK vieles, die coolness war nur aufgesetzt, nicht authentisch. aber vielelicht siehst Du das ja ganz anders ;-) im kino.de-forum halten sich derzeit anhänger und kritiker des films die wage. er polarisiert zumindest.

August 17, 2006 3:45 nachm.  
Blogger scarlett_fan123 Filmblog said...

Full d'accord! Fand BRICK bemüht. Ganz einfach.

Ich empfand es als völlig deplatziert, ein kontemporäres High School Teenager Drama gänzlich anhand von Kennzeichen eines Film Noir zu realisieren- sowohl in Punkto Erzählstil, Bilddramaturgie als auch Inszenierung. Und dabei geht er auch noch so weit, die Kiddies da betont altklug und schwermütig durch die Gegend tapsen und ihrem Alter nicht gemäße Dialoge aufsagen zu lassen. Mehr noch: Der gesamte Film spielt eindeutig am falschen Ort und auch noch in der falschen Dekade: Da werden Stimmungen geschaffen, die völlig deplatziert wirken. Ich fand BRICK daher gar nicht düstern und beklemmend, sondern einfach nur bemüht und exorbitant albern. Was hat sich der Auteur dabei gedacht? “I’ll shoot a film noir. Why? Just for the fuck of it!”?

Zumindest besitzt der Film etwas Selbstironie, was z. B. in der einen Szene mit dem Pin ersichtlich wird: Erst wird dieser Halbwüchsige als großer, altersweise Gangster-Boss dargestellt und in der nächsten Szene sitzt er am Küchentisch seines Elternhauses und lässt sich von Mama mit Keksen und Milch bemuttern - an dieser Stelle musste ich schmunzeln. Allerdings sind solche selbstironischen Momente zu selten, um "Brick" als Parodie oder Persiflage zu klassifizieren.

Das allergrößte Problem ist freilich die Story, die nicht entstanden ist aus dem Bedürfnis heraus etwas zu vermitteln, sondern einfach konstruiert wurde anhand gewisser Erzählkonventionen, die man allgemein hin dem Film Noir zuordnet - und zwar nur zum Selbstzweck, um halt einen Film Noir zu machen, weil man darauf Lust hatte. Kein Wunder also, dass die Story und ihr Protagonist mir völlig am Arsch vorbei gingen und ich mir die ganze Zeit über nur dachte "Kennst du Wayne, Wayne Interessierts?" Langweiliger, weil berechnender Film. Verstehe nicht den Zirkus, der allerorts um dieses Stück Zelluloid gemacht wird.

August 23, 2006 2:23 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ scf

nein, mehr selbstironie war von johnson sicher nicht angedacht, sollte der film doch gerade keine persiflage oder parodie auf den film noir werden, sondern selbstbewusst mit den zutaten dieses genres spielen.

ansonsten hake ich mal ab, dass der seltene fall eingetreten ist, bei dem wir mal wieder einer meinung sind ;-)

August 23, 2006 11:49 nachm.  
Anonymous Fiona said...

Meiner Meinung nach kann jede der genannten Schwächen auch als Stärke gewertet werden. Für mich haben gerade die aufgesetzte Coolness, nicht altersgemäße Dialoge, die strikte Einhaltung der gewohnten Erzählkonventionen unter ungewohnten Voraussetzungen... ein außergewöhnlich fesselndes Filmerlebnis geschaffen.

Januar 12, 2009 3:58 nachm.  

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