Sonntag, September 24, 2006

Science of Sleep - Träumen in Zellophan

F 2006

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Dass Michel Gondry etwas „andere“ Filme macht, ist spätestens seit Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) kein Geheimnis mehr. Der aus der Ecke der Videokünstler stammende Franzose zelebriert auf der großen Leinwand seine ganz eigene farbenfrohe Mischung aus naiven Märchen und verwirrten (Tag)-Träumen. Letzteres verweist ohne Umwege auf Science of Sleep. Wer anders wenn nicht Gondry hätte sich eine solche Geschichte ausdenken können? Die Konfrontation steckt hierbei bereits im Titel. Mit wissenschaftlichen Methoden Träume entschlüsseln und vermessen zu wollen, um sie dann in ihre Fragmente zu zerlegen, das kann nicht funktionieren. Jedenfalls ist das die Antwort, die Gondry höchstwahrscheinlich in einem Aufsatz zu diesem Thema abgeben würde.

Science of Sleep kreist um die klassische Junge-trifft-Mädchen-Nummer. Der Junge, bei Gondry heißt er Stéphane (Gael Garcia Bernal), zieht nach dem Tod des Vaters wieder zurück in die Nähe seiner Mutter (Miou-Miou). Wie praktisch, dass sie in einem Mietshaus noch eine Wohnung für ihn übrig hat und ihn sogleich auch mit einem vermeintlich attraktiven Jobangebot als Kalenderdesigner versorgen kann. Zufälle gibt es im Leben immer wieder, so auch bei Stéphane. Der für den Film Entscheidende: In die Nachbarwohnung ist soeben eine junge allein stehende Künstlerin namens Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) eingezogen. Die beiden Kreativen sind sich von der ersten eher unglücklich verlaufenden Begegnung an sympathisch. Stéphanie hat ein Auge auf den verschrobenen Designer und selbsternannten Erfinder geworfen. Dumm nur, dass dieser sich eher eine Affäre mit Stéphanies Freundin Zoé (Emma de Caunes) wünscht.

Gondry konzipiert seine fantasiereiche Love Story als Wechselspiel zwischen zwei Ebenen, Traum und Realität. Die Pointe liegt darin, dass beides zunehmend miteinander verschmilzt, so dass mitunter auch der Zuschauer nicht sicher weiß, was tatsächlich real ist und was lediglich Stéphanes Unterbewusstsein entspringt. Erst wenn seine Hände um das Zehnfache anschwellen oder ein Stoff-Pony laut schnaufend durch das Bild galoppiert, kann man sich der Verortung der Szene sicher sein. Im Verlauf der Handlung zieht diese Verzahnung manch unterhaltsame bis irrwitzige Konsequenz nach sich. Es kommt dazu, dass die Träume in Stéphanes Alltag eingreifen, Dinge verändern und in andere Richtungen lenken. Die in unserer Ratio verwurzelte Dichotomie zwischen Gedanken- und Traumwelt scheint im surrealen Kosmos von Science of Sleep nicht länger zu gelten.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher spürt man den Geist von Gondrys letztem Werk Vergiss mein nicht!. Die gemeinsam mit Intellektuellen-Darling Charlie Kaufman erdachte philosophische Abhandlung über den Wert von Erinnerungen und das, was sie aus uns machen, führte den Zuschauer immer tiefer in alle möglichen und unmöglichen Gedankengebilde seiner Hauptfigur. Auch Stéphanes Seelenchaos und seine ambivalenten Gefühle zu Stéphanie entladen sich in absurd überdrehten Traumkaskaden. Wer Gondrys frühere Arbeiten für die extravagante Sängerin Björk kennt, den wird das verwendete Design in Science of Sleep unweigerlich an Videos wie „Army of Me“ oder „Human Behaviour“ erinnern. Die liebevoll im Stop Motion-Verfahren animierten Hintergründe und Traumingredienzien sind neben dem erfrischenden Duo Bernal/Gainsbourg eine weitere Trumpfkarte des Films. Man hat das Gefühl, jederzeit könnte das Sandmännchen die Bühne betreten.

Der Film ist eigentlich zu charmant gemacht, um ihn nicht zu mögen. Dennoch lassen sich die dramaturgischen Schwächen nicht wegdiskutieren. Es mag zwar der oftmals wirren Natur unserer nächtlichen Fantasien entsprechen, dass die Liebesgeschichte keine wirkliche Entwicklung nimmt, sondern im hübschen Bilderfluss ziellos umhertreibt, für unser Interesse an Stéphane und Stéphanie ist eine derartige Konstruktion aber nur wenig förderlich. Auch dürften die teils schlichtweg albernen Einfälle der beiden Königskinder selbst Amélie-Liebhabern manchmal des Guten zu viel sein. Erwachsene Menschen dabei zuzusehen, wie sich gegenseitig ankichern während sie selbst gebastelte Hüte tragen, erfordert vom Zuschauer einiges an Toleranz und guten Willen. Weil es jedoch Gondry ist, der mit seinen Filmen stets den Rahmen unserer Sehgewohnheiten sprengt, sind wir vielleicht auch mit Science of Sleep etwas nachsichtiger, als wir es sein sollten.

Veröffentlicht bei evolver.

5 Comments:

Blogger Vengeance said...

gerade der letzte Absatz spricht mir aus den Herzen. Gondry beeindruckt mal wieder optisch, aber insgesamt hat mich sein Film eher kalt gelassen. Das lag sicher auch an Stephan und Stephanie die fast schon unmenschlich wirken in ihrem kindlichen Strudel. Zum anderen dumpelt die Beziehung vor sich hin, bleibt sehr einfallslos. Weil es Gondry viel mehr um die visualisierungen geht. schade. fand den film aber dennoch nett.

September 24, 2006 11:20 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

es ist schon etwas schade: da hat gondry so ein tolles visuelles konzept, dass er an einer 08/15-story verschenkt. ich habe mich ständig gefragt, warum die zwei nicht endlich mal zu potte kommen. statt dessen verliert sich der film desöfteren in kindlich-albernen spielchen. das war ermüdend.

objektiv gesehen müsste man dafür eigentlich mehr abziehen, aber irgendwie mag ich das dann auch nicht tun, weil ich gondrys ungewöhnlichen ansatz des filmemachens so sehr schätze.

September 24, 2006 6:13 nachm.  
Blogger Vengeance said...

ganz genau. man kann dem schweine hund ja nicht wirklich böse sein. Film hat mir im Endeffekt trotz der vielen reibungspunkte irgendwie gefallen, nochmal muss ich ihn mir aber vorerst nicht ansehen. Und klar: Neben ESOTSM sieht der Film wirklich alt aus.

September 25, 2006 8:24 vorm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Absolute Zustimmung, Vengeance. Ich finde ja auch, dass das alles nur eine modifizierte Lightversion von "Eternal Sunshine" ist.

September 25, 2006 11:51 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

gondry, der schweinehund, muss ich mir merken *g*

September 26, 2006 1:43 vorm.  

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