Dienstag, August 29, 2006

Miami Vice - No more Pink Flamingos

USA 2006

+++1/2


Es wird gebahnt ein Weg durch Gewalt.“
(Vergil)


Nacht über Miami. Die Schwüle des Tages entlädt sich in einem beeindruckenden Sommergewitter. Blitze zucken, Donnerhall. Und aus einer Discothek hämmern hypnotische Beats. Das ist die Welt von James „Sonny“ Crockett und Ricardo Tubbs. In der Kinoadaption der legendären 80er-Designervorführung in flockigen Pastellfarben ist das Künstliche aus dem Bild verbannt worden. Stattdessen herrscht ein ganz anderer fast schon naturalistischer Ton vor. Von der ersten bis zur letzten Minute. Hier ist das Gefühl der fiebrigen Florida-Hitze mit allen Sinnen zu greifen. Sogar der Geschmack des Mojitos zergeht einem beim Zusehen auf der Zunge. Wem wir das zu verdanken haben? Einzig Michael Mann und seinem Partner hinter Kamera: Dion Beebe. Was bereits bei Manns letztem Film „Collateral“ zumindest als dichtes Stimmungsbild funktionierte, führen beide in „Miami Vice“ nahe an einen Punkt der Perfektion. Das Aufsaugen der verlorenen aber dennoch hoffnungsvollen Atmosphäre vernebelt einem als Zuschauer die Sinne. Das hat natürlich Kalkül, lenkt es doch davon ab, dass der Plot eigentlich nicht dazu taugt, um über 130 Minuten ausgewälzt zu werden.

Klar es geht um Drogen, vielleicht noch andere illegale Geschäfte, Waffen, das übliche halt. Als Undercover-Cops sollen Crockett und Tubbs das Netzwerk eines mächtigen Kartellchefs (Luis Tosar) durchleuchten, Deals verfolgen, um so einen Maulwurf in den eigenen Reihen zu identifizieren. Geschenkt. Zumal sich der Film am Ende selbst nicht darum schert, den Oberschurken zu enttarnen. Wer nach der nicht vorhandenen Exposition sich noch ernsthaft fragt, wann endlich der Cadillac durchs Bild gefahren kommt, während die Flamingos der Sonne entgegen flattern, dem muss Michael Manns sehr freie Überarbeitung der Serie, die er einst als ausführender Produzent begleitete, wie eine chinesische Wasserfolter kommen. Tropfen für Tropfen schwindet die Hoffnung, eine Reise zurück in die eigene Jugend/Kindheit unternehmen zu können. Das tut weh, besonders dann, wenn man sich nicht von den Prinzipien der Serie lösen kann oder will. Alle anderen, die nicht irgendwelchen Sentimentalitäten nachhängen, können von der Lässigkeit und Eitelkeit des Films und seiner Macher angeekelt sein. Denn schon lange hat uns ein Film nicht mehr so dreist entgegen geschrieen: „Seht her! Wir haben zwei echte Hollywood-Beaus, viele Knarren, aufgemotzte oder neudeutsch gepimpte Karren und unzählige heiße Babes am Start. Und damit drehen wir ein Ding, das sich einen Dreck um Eure Erwartungen schert!“

Ernstsein will gelernt sein, ebenso wie Coolsein. Und in beidem sind Crockett und Tubbs wahre Meister. Oder sollen wir besser von Farrell und Foxx sprechen? Viel eher als die beiden Miami-Cops spielen beide nämlich ihr eigenes Image. Farrell der Womanizer, Foxx der knallharte übercoole Macker. Da wird das Duschen wie einst bei Will Smith in „I, Robot“ zu einer Zelebrierung der eigenen Männlichkeit. Frauen sind dazu da, um einem den Rücken einzuseifen, wenn sie sich nicht gerade von den Liebeskünsten zu überzeugen haben. Das alles ist nichts weiter als ein einziges gigantisches Muskelspiel oder – ordinärer ausgedrückt- ein überlanger Schwanzvergleich. Und doch, wer sich die Mühe macht hinter die testosterongetränkten Posen zu blicken, der entdeckt womöglich, wie zwei einsame Herzen in ihrer Brust nach Sauerstoff lechzen. Nicht das Adrenalin hält diesen Muskel am Schlagen, sondern die (unerfüllte) Sehnsucht nach echter Intimität. Tubbs hat seine Liebe bereits gefunden, Sonny probiert und wirft weg, probiert und wirft weg. Bevor er seine neueste Eroberung (Gong Li) entsorgen kann, droht er selbst zum Spielball zu werden. Ein Bauernopfern in einem größeren Krieg. Denn seine Geliebte ist die engste Vertraute des Kartellchefs und somit eigentlich emotionales Sperrgebiet. Die Betonung liegt auf „eigentlich“.

Schrieb ich eingangs, dass Michael Mann kein wirkliches Interesse für seinen gewöhnlichen Plot aufbringen kann, weil er an der Form hängt und diese zur Perfektion treibt, dann klingt das negativer, als es gemeint war. Die von Kameramann Dion Beebe weiterentwickelte Arbeit mit Digitalaufnahmen verleihen „Miami Vice“ einen Look, der als atemberaubend zu bezeichnen noch einer mittelschweren Untertreibung gleichkommt. In Kombination mit einem erstklassigen Sounddesign ist die Illusion von „Sex & Crime“ in einer rauen lebensfeindlichen und zugleich zum Sterben schönen Szenerie perfekt. Der Ausflug von Sonny und seiner mysteriösen Geliebten nach Kuba, das scheinbar schwerelose Gleiten über den nebelbedeckten Regenwald oder die als Hintergrundbild verwendeten Lichter der Großstadt Miami, kein Bild möchte man hinterher missen, keine Einstellung verpassen. Nicht, dass es für die filmische Handlung notwendig wäre, nein (viel schlimmer) es ist der reine Luxus, den man von Mann vorgesetzt bekommt. Parallelen zu Malicks „The New World“ tun sich auf. Doch während letzterer mit seiner esoterisch-kitschigen Penetranz aus Bilderrausch, Voice-Over und Farrells Dackelblick nach spätestens einer halbe Stunde nur noch schwer goutierbar wurde, passt bei „Miami Vice“ die brillante Form zu einem Inhalt, der, wenn nicht durchgehend spektakulär, aber stets die Unsicherheit in sich birgt, nach allen Seiten ausbrechen zu können. Alles ist möglich, niemand ist sicher. Das ist beklemmender, als ein maßloses Schwelgen in hirnlosen Explosionen und selbstreferentieller Action.

Dabei verfügt „Miami Vice“ mit Michael Mann über einen Regisseur, der es versteht, physische Auseinandersetzungen mit ungebremster Härte und Rohheit in Bilder zu übersetzen. Wenn die Waffen sprechen, zucken wir unweigerlich zusammen. Die Gewalt ist ähnlich ungefiltert wie in Manns Opus „Heat“. Die MG-Salven durchbohren nicht nur Körper, sie überbrücken zugleich die Distanz zwischen uns und der Leinwand. Die energetische Kameraführung und der Verzicht auf eine musikalische Untermalung fungieren als Verstärker. So roh fühlte sich Gewalt nur selten an. Ja, Fühlen ist das richtige Stichwort. Für ein Werk, das rational betrachtet verzichtbar ist, dass man aber nach der ersten Ansicht nicht mehr missen möchte, weil es sich so anfühlt, als ginge es um Kino, das keine Kompromisse kennt.

Erschienen bei Kino.de.

7 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Ich bin auf hohem Niveau enttäuscht von MIAMI VICE. hm, ich fand COLLATERAL wesentlich besser. Na ja, und dass Micheal Mann ein gutes Gespür für urbane Atmosphäre während in kaltem Neonlicht getauchter Nächte hat, ist spätestens seit eben jenem COLLATERAL bekannt. Und COLLATERAL hatte eine gute Story, super Figuren und cleveren Subtext. MIAMI VICE hingegen ist ein Film, der nicht durch Narration und Charakterzeichnung getragen wird -- fast scheint es sogar, Mann würde sich diesen Dingen bewusst verweigern: Es gibt keine Einführung in Handlung und Personen, der Film jagt überstürzt durch (mal mehr mal weniger sinnvolle) Ereignisse einer uneinprägsamen, belanglosen und teilweise beliebig wirkenden und daher wenig spannenden Kriminalhandlung,in welcher die Protagonisten menschlich schon dermaßen auf der Strecke bleiben, dass die Darsteller noch nicht mal ansatzweise die Möglichkeit erhalten sich zu profilieren (furchtbar blasser Jamie Foxx). Denn nicht als Erzählung oder Charakterstudie und schon gar nicht als Krawall-Popcorn-Kino (nicht genug Action - wenn auch vorhanden) funktioniert MIAMI VICE, sondern schlicht als ein mit groben Pinselstrichen gezeichnetes Grauzonen-Szenario irgendwo zwischen Gut und Böse: Ein Undercover Cop steigert sich in seine Rolle hinein, ist gefangen zwischen dem Wunsch für Gerechtigkeit zu sorgen und seiner Faszination für das aufregende und kostspielige Leben im organisierten Verbrechen wo er in verdeckter Mission als Drogenkurier endlich ungestraft all die verbotenen und coolen Dinge auszukosten kann, die er im normalen Leben nicht hat. Der polizeiliche Auftrag wird immer mehr zur Nebensache und persönliche Motive diktieren das Handeln. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zusehenst: man verliebt sich in die Gespielin des Drogenbarons, man hat Spaß an schnellen Booten, Flugzeugen, Drogenlogistik, High Life in der Karibik und man bricht immer öfter das Gesetz und verhilft am Ende einer Verbrecherin zur Flucht. MIAMI VICE ist ein Film über das Ausprobieren von Rollen, über die Suche nach dem wahren Ich. Und ich da ist es nur konsequent, dass MIAMI VICE sich nicht um nuancierte Charakterzeichnung schert und uns nicht viele großartige Details aus dem Leben der beiden Protagonisten erzählt, sondern einfach mit zwei platten, hölzernen Figuren aufwartet, die wie leere Hülsen in einen scheinbar unkontrollierbaren Strudel gesaugt werden, weil einer von ihnen beiden den Verlockungen der Unterwelt erliegt. Sonny und Ricardo werden als Gegenentwurf zueinander angelegt: Der eine im Leben und Beziehung gefestigt und besonnen, der andere noch ein Suchender und daher das schwache, verlockbare Glied des Duos. Und es ist völlig ausreichend, dass die beiden Polizisten so pointiert angelegt wurden (nicht als Rollen, sondern quasi als Funktionen); detaillierte Charakterzeichnung bedarf es in diesem Film nicht. Die wahren Hauptakteure von MIAMI VICE sind eh das organisierte Verbrechen und seine Schauplätze, die Micheal Mann in phantastichen, stimmungsvollen Bildern einfängt. Hätte ich mir gewünscht, dass die Kriminalhandlung des Films mehr bietet? Klar! Hätte ich es begrüßt, wenn die Figuren involvierender gewesen wären? Sicher! Aber gleichzeitig respektiere ich, dass Micheal Mann seinen Film ausschließlich durch seine Atmosphäre/Stimmung einerseits und seine Thematik andererseits definiert, anstatt durch Narration und Charakterzeichnung. Ist mal eine andere Art von Film.

August 29, 2006 9:24 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ scf

auf hohem niveau enttäuscht? na ja, wenn Du "collateral" seinerzeit die höchstwertung gegeben hast, weiß ich wie ich das zu werten habe. Du hast schließlich auch hohe erwartungen an einen michael mann-film, oder? ;-)

ich finde im unterschied zu Dir, dass MV doch auch als charakterdrama funktioniert und dass foxx und farrell ihre sache recht gut machen. von gong li ganz zu schweigen.

dass der film keine details aus den leben der beiden cops uns auftischt oder eine lange exposition voran stellt, würde ich nicht als gegenbeweis akzeptieren wollen, weil es mann gelingt, doch über die szenen während ihrer arbeit ein psychogramm zu erstellen, das durchaus unter der oberfläche schlummert und damit beide eben nicht zu "hölzernen figuren" degradiert.

August 30, 2006 12:26 vorm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Sehe das nicht unähnlich wie Scarlettfan, fand ja COLLATERAL damals auch sensationell. Und wenn ich mich nicht irre, fandest du, Markus, den wiederum nicht besonders, somit erklärt das einiges ;-)

August 30, 2006 1:37 vorm.  
Blogger Scarlettfan said...

Marcus,
sicher kann man Figuren auch anhand ihrer Handlungen, Gesten und ihres Habitus charakterisieren, und freilich sagt das, was ein Mensch tut, einiges über seinen Charakter aus. Aber bei MIAMI VICE von "Charakterdrama" zu sprechen, verstehe ich nicht. Dazu ist mir da vieles zu flach: Colin Farell mit Dackelblick nonstop, Jamie Foxx ungewohnt blass, etc. Nee, letztendlich luft es wirklich nur darauf hinaus, dass die beiden Rollen einfach als Gegenentwurf zueinander ausgelegt sind. Sehe da nirgends eine Tiefe. Letztendlich funktioniert MIAMI VICE fü mich "nur" aufgrund seiner interessanten Grundthematik und der schnieken Bilder (wobei COLLATERAL atmosphärisch dichter war, da die Schauplätze auf eine Nacht redziert waren).

August 30, 2006 2:45 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ scf

um e smit neo's überschrift seiner kritik bei kino.de zu sagen: lok closer! *g*

weiß niocht, ob Du auch dort ab und an mal reinschaust. gibt zu MV neben diesen dämlichen 0%-verrissen (vermutlich von ein und derselben person) einige tolle beiträge!

@ vince

ja, "collateral" war nicht so mein fall. für mich funktionierte der film als thriller überhaupt nicht und als etwas anderes buddy-movie auch nur eingeschränkt.

August 30, 2006 10:13 nachm.  
Anonymous Nilz N. Burger said...

marcus, wir haben, so scheints, die gleichen augen. tolle kritik und 100% von mir unterschrieben.

September 04, 2006 4:47 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ nilz

das war mir nach dem lesen Deiner kritik klar. was ich aber besonders interessant fand, ist die tatsache, dass wir beide auch "collateral" nicht so prickelnd fanden. in der regel sind die MV-fans ja auch mann-fans, sprich sie fanden auch seine letzten filme allesamt sehenswert.

September 04, 2006 6:02 nachm.  

Kommentar veröffentlichen

<< Home