Montag, September 18, 2006

Die schwarze Dahlie - Nacht über L.A.

USA 2006

+++1/2

Brian de Palmas Verfilmung des berühmten Romans von James Ellroy hat mit der Last der Erwartungen und dem unweigerlichen Vergleich mit Curtis Hansons über jeden Zweifel erhabenen L.A. Confidential zu kämpfen. Dass de Palma dieses Duell nicht für sich entscheiden kann, heißt nicht, dass sein Film eine Enttäuschung ist – im Gegenteil: Indem er den Geist und die Stimmung der Vorlage konserviert, schafft er ein äußerst packendes Kinoerlebnis.

Filmkritik:

Los Angeles. Stadt der Engel und des Showbiz. Hollywoodland. Die Fabrik, die Träume macht, lag immer schon inmitten von Armut, Kriminalität und Prostitution. Vermutlich deshalb können die düsteren, nihilistischen Crime-Thriller des James Ellroy auch nur an diesem Ort spielen. Gerade hinter glamourösen Fassaden tun sich mitunter moralische und seelische Abgründe auf.

1947. Die beiden Cops Dwight „Bucky“ Bleichert (Josh Hartnett) und Leland „Lee“ Blanchard (Aaron Eckhart) ermitteln in einem Aufsehen erregenden Mordfall. Am helllichten Tag wird eine verstümmelte Frauenleiche entdeckt. Der Körper zerteilt, das Gesicht deformiert. Bei dem Opfer handelt es sich um das Starlet Elizabeth Short (Mia Kirshner). Sie träumte wie so viele andere auch von der großen Schauspielkarriere in Hollywood. Es war ein Traum, der tödlich enden sollte. Bucky und Lee finden heraus, dass die junge Frau regelmäßig in einem lesbischen Nachtclub arbeitete. Dort trat sie als die Schwarze Dahlie auf. Im Zuge ihrer Nachforschungen stoßen sie auf eine geheimnisvolle Schöne (Hilary Swank), deren Verwicklung in den Fall ihnen so manches Rätsel aufgibt.

Wie von einem Ellroy-Krimi nicht anders zu erwarten, kann sich in diesem dreckigen Spiel niemand sicher fühlen. Einige werden einen hohen Preis zahlen müssen, einen zu hohen. Sirenengleich warten die Verführerrinnen an jeder Ecke, um unsere „Helden“ vom rechten Weg abzubringen. Die Verlockungen sind zahlreich, die moralischen Hemmschwellen entsprechend niedrig. Stellvertretend für den Zuschauer werden Bucky, dem idealistischen jungen Officer, nach und nach die Augen für die Realitäten geöffnet. Ideale zerplatzen wie Seifenblasen.

Die Tatsache, dass Die schwarze Dahlie zu weiten Teilen in Bulgarien und nicht in Hollywood abgedreht wurde, sieht man dem Film nicht an. Angefangen bei Dante Ferrettis atemberaubender Ausstattung über die Kostüme und der schwelgerischen Kamera eines Vilmos Zsigmond, aus technischer Sicht ist die zweite Ellroy-Adaption nahe der Perfektion. Um es dennoch klar zu sagen: Die Schwarze Dahlie reicht nicht an Curtis Hansons Meisterstück L.A. Confidential heran. Dafür fehlt es auch der Story an der nötigen Raffinesse. Immerhin serviert uns de Palma verteilt auf 120 Minuten einen durchweg spannenden, harten Abstieg in die Hölle. Die Desillusionierung ist dabei ein für Ellroy zentrales wiederkehrendes Motiv. Bei ihm geht es um die großen ewigen Themen, verkleidet im Gewand einer klassischen Kriminalhandlung. Fragen nach dem Wertefundament einer Gesellschaft, nach der Übernahme von persönlicher Verantwortung und Schuld prägen seine Arbeiten.

Ein Schwachpunkt lässt sich dann aber doch ausmachen: Josh Hartnett. Der Sunnyboy erreicht zu keinem Zeitpunkt die Leinwandpräsenz seiner Kollegen. Sein Gesichtsausdruck scheint wie einbetoniert. Dem Zuschauer dürfte es schwer fallen, die ihm angebotene Identifikationsfigur auch tatsächlich anzunehmen. Weil man lieber an den Lippen der Femme fatale hängt oder Lelands Wutausbrüche bestaunt, wundert es nicht, dass Hartnetts Darstellung in der gewaltigen Kulisse untergeht. Die Trumpfkarte der Besetzung ist dafür zweifellos Aaron Eckhart. Nach seinem souveränen Auftritt als eiskalter Lobbyist der Tabakindustrie in Thank You for Smoking beweist er erneut, warum die Garde der Charakterdarsteller zukünftig nicht mehr ohne ihn auskommen kann.

De Palma scheint einen dankbaren Job angenommen zu haben, schließlich darf er aus allesamt erstklassigen Zutaten ein atmosphärisch dichtes Crime-Drama spinnen. Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit lag jedoch in Ellroys Vorlage begründet. Denn auch nach der filmgerechten Straffung des komplizierten und mit vielen Schnörkeln erzählten Plots, sollte deren Geist spürbar bleiben. Weil de Palma nicht nur diese Aufgabe meistert sondern darüber hinaus - sozusagen im Vorbeigehen - eine Abhandlung über amerikanische Filmgeschichte (Wenn der Postmann zweimal klingelt, Chinatown, Mulholland Drive) verfasst, kann Die Schwarze Dahlie getrost zu den Highlights dieses Kinoherbstes gezählt werden.

Für Programmkino.de.

8 Comments:

Anonymous spidy said...

Ich werde dich dann dafür verantwortlich machen, wenn ich vom Film enttäuscht werde! Denn 3 Sterne plus musst du dir das dann auch gefallen lassen! :-))))
Habe deine Kritik nicht gelesen, weil ich eigentlich nichts erfahren möchte, bevor ich den Film nicht selbst gesehen habe!

September 18, 2006 6:08 nachm.  
Blogger Vengeance said...

jubel jubel! :-)
Klingt gut.

September 18, 2006 11:21 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ spidy

hab bitte nur keine zu hohen erwartungen. glaube daran scheitert der film oftmals und an dem vergleich mit "l.a. confidential", den er nicht gewinnen kann. schon allein, weil die story weitaus banaler ist.

eine enttäuschung war für mich (hab es nicht erwähnt) scarlett. ja, das tut weh, es zugeben zu müssen, aber e skam mir so vor, als ahne sie etwas verkrampft die gesten der großen hollywood-diven nach. da fand ich hilary swank um einiges interessanter.

@ timo

siehe antwort an spidy ;-)

September 19, 2006 1:11 nachm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

Puh, kann deine Meinung weniger teilen, De Palma macht imo aus der Vorlage nicht besonders viel, vereinfacht sie unnötig. Ganz großes Minus auch für die beiden Hauptdarsteller, totale Katastrophe finde ich. Vielleicht bin ich zu voreingenommen gewesen, da ich mit den Neo-Noirs seit "Chinatown" nicht klarkomme(n will). Aber De Palma geht mir wahnisnnig auf den Keks, der Mann vergeigt irgendwie alles. Aus Hitchocks Raffinesse macht er nur plumpen Sexunfug. *g*

Jedenfalls habe ich nichtmal Lust was dazu zu schreiben, so unbedeutend finde ich den Film *duck*.

September 20, 2006 1:46 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ mr. vega

da scheinen wir eine ganz unterschiedliche meinung zu de palma und auch den "neuen noirs" zu haben. denn neben den formidablen "l.a. confidential" gab es z.b. auch noch "mulholland falls" oder "die unbestechlichen", letzterer auch ein de palma. weiß nicht, ob Du mit dem "sexunfung" auf "femme fatale" anspieltst. falls ja, dann muss ich sagen, dass ich diesen auch in seinem spiel mit verschiedenen realitäten sehr stark fand.

September 21, 2006 1:20 vorm.  
Blogger Mr. Vincent Vega said...

"L.A. Confidential" mochte ich auch sehr, aber denke auch, dass der eine Ausnahme bei den Neo-Sachen ist. Irgendwie greife ich dann doch lieber zu Bogey und Mitchum.

"Die Unbestechlichen" fand ich ganz ok. Worauf ich anspielte sind seine Filme "Obsession" oder "Body Double", wo er sich plump bei "Vertigo" oder "Rear Window" bedient und die Hitchcockschen Elemente auf Strapsen und Pornogedöns reduziert.

Lediglich im Gangstergenre konnte er mich mit "Carlito's Way" überzeugen, ansonsten hat De Palma für mich das große Problem, nix weiter als ein kleiner Hitchcock-Immitator zu sein ;-).

September 21, 2006 2:47 vorm.  
Blogger Karim Ballach said...

JA! JA!

Meine Hoffnung kehrt zurück. Einen Vergleich mit "L.A. Confidential" hätte ich mir so oder so gespart, da für mich eh nichts daran ranreicht. Aber das de Palmas Film nun doch kein Reinfall sein soll beruhigt doch schwer. Hatte mich schließlich schon genug drauf gefreut.

Nur schade, das mit Hartnett, aber da habe ich nicht mit viel anderm gerechnet.

September 21, 2006 8:58 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ mr.vega

"body double" und "obession" sind de palmas, die ich nicht kenne, vielleicht zum glück. hab von ihm nämlich dadurch wohl noch eine höhere meinung.

re: "carlito's way": klasse film, den ich kürzlich erst wieder gesehen habe. alleine diese eleganten kamerafahrten...

@ karim

bei hartnett ist das schlimme, dass man von ihm nichts erwartet und dennoch enttäuscht wird ;-)

September 21, 2006 9:15 nachm.  

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