Sonntag, Oktober 01, 2006

Deutschland, ein Sommermärchen - Ihr, Euer & Unser Weg

D 2006

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Ein Land feiert sich und seine Fußball-Helden. Auf einer so bislang nicht für möglich gehaltenen Welle der Euphorie schwebten Schweini & Co. im heißen Sommer dieses Jahres. Nicht nur wir Deutschen wunderten uns und über uns selbst, auch die Welt, die zu Gast bei Freunden war, rieb sich verdutzt die Augen über soviel fast mediterrane Lebensfreude und einem derart unverkrampften Umgang mit den Farben Schwarz-Rot-Gold. Klinsmann und seine Truppe machten es wahr, das Sommermärchen.

Sönke Wortmann, seines Zeichens leidenschaftlicher Fußball-Fan und neuerdings auch Dokumentarfilmer, begleitete die deutsche Fußballmannschaft von der Vorbereitung auf Sardinien bis zu den finalen Gänsehautmomenten auf der Fanmeile nach dem gewonnenen Spiel um Platz Drei. Ach ja, Platz Drei. Das klingt, wenn man es nüchtern schwarz auf weiß liest, wenig mitreißend. Doch alle, die dabei waren, sei es live vor Ort, bei einem der zahlreichen „Public Viewings“ oder nur am heimischen Bildschirm, werden etwas Anderes erzählen. Es war der perfekte Abschluss einer perfekten nicht enden wollenden Party. Und sogar die Enttäuschung nach dem unglücklich verlorenen Halbfinale hatte rückblickend betrachtet sein Gutes. Es bildete das notwendige tragische Element, an dem sich Emotionen abarbeiten und Mythen entstehen können.

Geschickt nutzt Wortmann die Bilder dieser einzigen Niederlage, um seinen Film zu eröffnen. Direkt werden wir als Zuschauer mit der Leere in den Gesichter der Spieler konfrontiert. Eben noch war der Traum, Weltmeister im eigenen Land zu werden, zum Greifen nah. Jetzt muss Motivator Klinsi mit 82 Millionen zerplatzten Hoffnungen fertig werden und neue Aufbauarbeit in Bezug auf die sensiblen, angeschlagenen Seelen seiner Jungs leisten. Aber gerade durch diesen ersten und einzigen emotionalen Tiefschlag, erscheint die folgende Chronik umso mitreißender. Wie sich die wahre Größe eines Sportlers erst im Moment der Niederlage offenbart und die antike Tragödie zugleich eine heilende Katharsis mitliefert, wohnt auch dem Scheitern ein positiver Aspekt inne. Dieser Dienstagabend in Dortmund schweißte Fans und Mannschaft erst richtig zusammen. Viel mehr, als es ein WM-Titel jemals könnte.

Deutschland – ein Sommermärchen schließt die Lücke zwischen den öffentlichen Auftritten der Kicker bei Pressekonferenzen und dem Geschehen auf dem Spielfeld mit vielen sehr intimen Szenen, in denen sich niemand verstellen muss. Die zuvor beschriebene Enttäuschung in der Kabine ist da nur ein Beispiel. Sönke Wortmanns Kamera entgeht nichts, was nicht gleichzeitig heißt, es würde auch alles gezeigt. Die Dusche war für ihn eine Tabuzone (Sorry Mädels), ebenso die Essen im Mannschaftshotel. Dennoch reduziert sich der Abstand zu den sonst eher unnahbaren Stars auf ein Minimum. Das Spaß-Duo Poldi und Schweini redet ungezwungen über die letzten Gedanken vor einem Spiel und über die neue Fußball-Philosophie des Jürgen Klinsmann. Miterleben zu dürfen, wie sich Trainer und Mannschaft gegenseitig aufputschen, wie sie spielerisch miteinander umgehen und die Begeisterung der Fans förmlich in sich aufsaugen, schon deshalb möchte man den Blick hinter die Kulissen nicht mehr missen.

Überhaupt funktioniert die Dokumentation nicht über das, was Wortmann aus über 100 Stunden Videomaterial zusammengestellt hat. Erst die Verknüpfung der eigenen WM-Erinnerungen mit denen der Protagonisten in den weißen Trikots ließ etwas in vielerlei Hinsicht Außergewöhnliches entstehen. Der Funke springt über, weil uns Wortmann auf eine unglaublich emphatische Zeitreise mitnimmt. Das eigentliche Spielgeschehen drängt er dabei zugunsten vieler teils skurriler (Angela Merkels verkrampfter Blitzbesuch samt anschließender Fragerunde) teils ergreifender (die Spaliere am Wegesrand) Anekdoten zurück. So zelebriert sein Film die Magie des Augenblicks, die Macht eines kollektiven Wir-Gefühls, das tatsächlich einem Märchen entsprungen zu sein scheint. Oder wie sollte man es anders erklären, dass ein ganzes Land von Flensburg bis Oberstdorf für diese Wochen in einem Traum aus Schwarz-Rot-Gold versank?

2 Comments:

Blogger Knurrunkulus said...

Das der Film nur mit den eigenen Erinnerungen verknüpft funktionieren kann und will, das war ja nun schon im Vorherein leicht zu erahnen.

Aber: Genau das ist es, was ich sehen will.

Oktober 01, 2006 6:39 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

man bekommt, was man erwartet. nicht unbedingt das schlechteste
;-)

Oktober 02, 2006 1:21 nachm.  

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