Mittwoch, Oktober 04, 2006

Glück in kleinen Dosen - Da, wo die Zombies wohnen

USA 2005

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Die Untoten leben mitten unter uns. Wenn es nach Arie Posins Satire Glück in kleinen Dosen geht, lauern sie hinter adretten Vorgärten und schmucken Einfamilienhäusern. Sein Film erzählt in der Tradition berühmter Vorgänger wie „American Beauty“ und „Donnie Darko“ von den Abgründen in White Suburbia, wo Eltern sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, weil sie bereits mit sich selber viel zu beschäftigt sind. Statt am Leben ihrer Sprösslinge teilzuhaben, vertrauen sie auf kleine Glücksmacher und Ruhigsteller in Pillenform.

FILMKRITIK:

Eigentlich könnte Hillside das Paradies auf Erden sein. Die herausgeputzte kleinstädtische Idylle imponiert mit einer fast schon klinischen Sauberkeit, freundlichen Menschen und einem äußerst luxuriösem Lebensstil. In Wahrheit, so lehrt uns Glück in kleinen Dosen, ist es jedoch für einen Heranwachsenden der Vorhof zur Hölle. Aus diesem wollte der stadtbekannte Drogendealer Troy (Josh Janowicz) entfliehen. Der Suizid war seine Antwort auf die Konformität der Verhältnisse und die Ignoranz seiner Eltern.

Mit Troys Tod fangen für seinen besten Freund Dean (Jamie Bell) die Probleme erst richtig an. Nicht nur, dass er sich mit den wenig subtilen Therapieversuchen seines als Psychologe landesweit bekannten Vaters (William Fichtner) herumschlagen muss, der Außenseiter wird zudem von einigen Mitschülern erpresst. Diese hoffen, über Dean an Troys Drogenvorräte zu gelangen. Weil Dean jedoch nicht daran denkt, auf ihre Forderungen einzugehen, setzen sie einen abenteuerlichen Plan in die Tat um. Sie entführen einen Jungen, von dem sie glauben, es handele sich um Deans jüngeren Bruder Charlie (Rory Culkin).

Regisseur und Autor Arie Posin inszeniert sein Spielfilmdebüt als Abfolge überdrehter bis surrealistischer Situationen, die, einem Ensemblestück nicht unähnlich, Mosaikstein für Mosaikstein das Bild einer zutiefst egozentrischen pathologisch depressiven Gesellschaft ergeben. Die Verortung dieser Befindlichkeiten in den herausgeputzten uniformen Einfamilienhäusern eines nahezu komplett weißen Vorortes stellt sechs Jahre nach Sam Mendes Geniestreich „American Beauty“ wahrlich keine neue Idee dar. Ebenfalls wenig eigenständigen Charme besitzt die gnadenlose Überzeichnung sämtlicher Figuren. Besonders die Erwachsenen mutieren bei Posin zu platten Abziehbilder gängiger Upperclass-Klischees. Entweder sie dürfen sich als notgeile Karrieristen oder traumatisierte Seelenwracks outen, die in der Monotonie ihrer eigenen Lebensumstände gefangen sind.

Vermutlich ist auch den Erfolgsproduzenten Lawrence Bender („Kill Bill“) und Bonnie Curtis („Minority Report“) aufgefallen, dass die Eckpfeiler der Story keinen Originalitätspreis verdienen, und daher wirft man uns ganz einfach ein anderes Leckerli hin, in der Hoffnung, wir mögen anbeißen. Wie es sich für eine in Sundance aufgeführte Indie-Komödie gehört, genügt die Liste der hier versammelten Charakterdarsteller gleich für ein halbes Dutzend Kinoformate. Bei „The Chumscrubber“, so der einprägsamere Originaltitel, ertappt man Glenn Close, Rita Wilson, Caroline Goodall, Ralph Fiennes, William Fichtner und Carrie-Anne Moss dabei, wie sie sich gegenseitig auf die Füße treten. So wenig Platz gesteht Posin jedem Einzelnen von ihnen zu. Und auch Jamie Bell als „Donnie Darko“-Nachfolger zitiert eher gelangweilt die in seine Figur eingeflossenen Vorbilder des Coming-of-Age-Genres. Die Verkörperung der Teenage Angst sah bei Gyllenhaal einfach um einiges glaubwürdiger und cooler aus.

Ähnlich dem in etwa zeitgleich produzierten „Thumbsucker“ versucht sich Posin an einer zugespitzten Zustandsbeschreibung der Prozac-Nation USA. Sein mit eigenwilligen Ideen (die Delfin-Episode) und visuellen Spielereien voll gestopftes Skurrilitätenkabinett weiß allerdings immer nur dann zu überzeugen, wenn er die Leblosigkeit und Absurdität der scheinbar heilen Erwachsenenwelt nicht mit einer deplazierten Ernsthaftigkeit zu relativieren versucht. Beispiele: Caroline Goodall übt sich geradezu manisch am Aufbau eines Vitamintablettenimperiums, und Rita Wilson bemerkt vor lauter Hochzeitsvorbereitungen das Verschwinden des eigenen Kindes nicht. Das macht Angst. Womöglich ist Glück in kleinen Dosen doch kein Kommentar auf den saturierten „American Way of Life“ sondern ein im „Desperate Housewives“-Look verpackter Zombieschocker.

Erschienen bei Programmkino.de.

2 Comments:

Blogger Vengeance said...

du weißt ich mag den Film. Aber einen vergleich zwischen DONNIE DARKO und CHUMSCRUBBER halte ich füt unsinnig. Beides komplett verschiedene Filme.

Oktober 05, 2006 8:07 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

ja, weiß ich, dass Dir de film gefallen hat. für mich gibt es da schon parallelen, alleine aus der konstellation und dem tristen vlt. depressiven grundtenor während/nach der pubertät, der auch hier anklingt. natürlich ist DD eher mystery und dieser hier satire.

Oktober 05, 2006 2:28 nachm.  

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