Donnerstag, November 09, 2006

Der letzte Zug - Martyrium ohne Wiederkehr

D 2006

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Deutschland im Jahr 1943. Die Deportation der Juden nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager wird von den Nazis rigoros geplant und umgesetzt. Auch Berlin soll schon bald „judenfrei“ sein. Nachdem bereits über 70.000 Juden aus der Hauptstadt abtransportiert worden, rollt im April ein weiterer Zug mit 688 Personen – darunter viele Alte, Frauen, Kinder und sogar Säuglinge – vom Glas 17 im Bahnhof Grunewald in Richtung Auschwitz los. Unter ihnen befindet sich auch das Ehepaar Henry (Gedeon Burkhard) und Lea (Lale Yavas) Neumann. Henry, einst ein gefeierter Profi-Boxer, macht sich Vorwürfe, warum er nicht auf die Bitte seiner Frau gehört hatte, in den Untergrund zu gehen. Die junge Ruth Zilberman (Sibel Kekilli) und ihr Verlobter (Roman Roth) hatten gehofft, in einem Geheimversteck vor den Nazis sicher zu sein – eine nur allzu naive Vorstellung. Vor ihnen allen liegt eine qualvolle Reise von sechs Tagen, die direkt in den Tod führen soll.

Nachdem ursprünglich Namen wie Armin Müller-Stahl und Rolf Schübel für den Regieposten im Gespräch waren, übernahm schließlich der mit historischen Stoffen bestens vertraute Joseph Vilsmeier (Stalingrad, Comedian Harmonists) gemeinsam mit seiner Ehefrau Dana Vávróvá die künstlerische Gesamtverantwortung für das Projekt. Was ihren Film von der Vielzahl anderer Arbeiten über den Holocaust und die Nazi-Zeit unterscheidet, ist der kammerspielartige Ton, der sich nahezu zwangsläufig aus der Limitierung des Schauplatzes – ein Güterwaggon – ergibt. Die ausweglose, klaustrophobische Situation, in der vierzig oder fünfzig Menschen zusammengepfercht wie Tiere auf engstem Raum geplagt von Hunger und Hitze ein Martyrium durchleiden müssen, vermittelt Der letzte Zug mit einer Reduktion der filmischen Mittel und einem über weite Strecken überzeugenden Schauspielensemble.

Die seit Fatih Akins Gegen die Wand zu den großen Nachwuchshoffnungen des deutschen Kinos zählende Sibel Kekili liefert mit der Darstellung der couragierten Ruth Zilberman einen erneuten Beweis ihrer schauspielerischen Qualitäten ab. Sie lässt sich trotz der realen historischen Grausamkeiten, auf denen das Drehbuch von Stephen Glantz basiert, nicht zu melodramatischen Reflexen hinreißen. Auf den jungen Ludwig Blochberger kam eine besondere Herausforderung zu: Er musste die Rolle des sadistischen, skrupellosen SS-Obersturmführers Crewes ausfüllen. Eine Feuertaufe, die er souverän besteht.

Die übrige Besetzung mit dem bislang vor allem im TV- und Serienfach erprobten Gedeon Burkhard hält zwar ebenfalls den psychischen wie physischen Belastungen der Geschichte stand, was jedoch nicht heißt, dass es nicht auch zu manch peinlichen Moment platter Sentimentalität käme. Die gruppendynamischen Eskalationen und Spannungen mögen sich tatsächlich so zugetragen haben, dennoch wollen die darin fantasielos eingebundenen Rückblenden, die einzelne Charaktere in zu oft gesehene schlichte Schablonen pressen, nicht zu dem ansonsten nüchtern-realistischen Inszenierungsstil passen. Das auch gemessen an anderen Filmen über den Holocaust oftmals nur schwer zu ertragene Drama schickt den Zuschauer auf eine Reise ohne Wiederkehr, die einen leer und entkräftet zurücklässt.

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

http://www.titanic-magazin.de/index.php?id=40&tx_ttnews[tt_news]=220&tx_ttnews[backPid]=3&cHash=b3d46d87ba

November 11, 2006 6:34 nachm.  

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