Donnerstag, Oktober 25, 2007

Jindabyne - Ein Krebsgeschwür


AUS 2006

++1/2

Ein schreckliches Verbrechen reißt im australischen Provinz-Drama Jindabyne alte Narben und Wunden auf. Basierend auf Raymond Carvers Kurzgeschichte „So Much Water So Close to Home“ schildert Regisseur Ray Lawrence mit Gabriel Byrne und Laura Linney in den Hauptrollen auf subtile Weise die Unzulänglichkeiten menschlicher Kommunikation. Vor der malerischen Kulisse einer unberührten Berglandschaft gelingt seiner Adaption ein fesselndes Beziehungspsychogramm, das den Zuschauer immer wieder geschickt auf falsche Fährten lockt.

Filmkritik:

Es sollte ein ruhiger, entspannter Angel-Trip in die raue Berglandschaft von New South Wales werden. Ein Ausflug nur unter Männer. Zumindest haben sich Stewart (Gabriel Byrne) und seine drei Freunde genau darauf im Vorfeld gefreut. Doch dann entdecken sie im Wasser die Leiche einer jungen Frau. Das Mädchen, eine Aborigine, wurde ganz offensichtlich Opfer eines schrecklichen Verbrechens. Anstatt den Leichenfund jedoch zu melden, beschließen die Männer, zunächst weiter zu angeln, ganz so, als wäre nichts geschehen. Erst einige Tage später wenden sie sich mit ihren Informationen an die örtliche Polizei.

Die Ereignisse um das tote Aborigine-Mädchen sind nur der Auslöser für eine Reihe weiterer subtiler und dennoch dramatischer Entwicklungen, die Jindabyne im Laufe seiner 123 Minuten auf eine bemerkenswert unaufgeregte Art und Weise nachzeichnet. Regisseur Ray Lawrence (Lantana), der eine Kurzgeschichte von Raymond Carver verfilmte, die bereits als eine Episode in Robert Altmans Short Cuts Verwendung fand, lässt sich lange Zeit nicht in die Karten schauen. Zu Beginn scheint es noch so, als würde die Handlung der Logik eines klassischen Thrillers oder Kriminalfalls folgen. Dabei spielt der Film tatsächlich mit typischen Motiven dieser Genres – der Mörder erhält mehrere kurze Gastauftritte –, nur um schlussendlich doch ganz woanders zu landen.

Nachdem die Männer von ihrem Ausflug in der Natur zurückkehren und das tote Mädchen identifiziert ist, treten die Risse in der Gemeinde offen zu Tage. Stewart muss sich von seiner Frau Claire (Laura Linney) den Vorwurf anhören, er habe zu spät gehandelt und damit die Würde der Toten verletzt. Die Situation stellt ihre ohnehin konfliktbeladene Ehe auf eine harte Probe. So war Claire bereits nach der Geburt ihres Sohnes für einige Zeit zu ihrer Schwester gezogen, weil sie mit Stewarts abweisenden Verhalten ihr gegenüber nicht mehr klar kam. Jetzt, als sie bemerkt, dass sie erneut schwanger ist, denkt sie über eine Abtreibung nach, da sie Vergleichbares nicht noch einmal erleben will.

Das Seelenleben seiner Protagonisten seziert das Drehbuch von Beatrix Christian mit einer beeindruckenden Präzision und Schärfe. An der Unfähigkeit zur Kommunikation, zur Aussprache unbequemer Wahrheiten droht die Ehe von Stewart und Claire zu scheitern. Je weiter die Handlung voranschreitet und man als Zuschauer über ihr Zusammenleben erfährt, desto deutlicher treten diese Defizite zu Tage. Das, was Linney und Byrne mit ihren Blicken und Gesten sagen, verrät, wie es in Wahrheit um die Beziehung von Stewart und Claire bestellt ist.

Lawrence lässt die Szenen ihrer Ehe auf die betörende Schönheit der australischen Natur treffen. Die zwischengeschnittenen Landschaftsaufnahmen der Snowy Mountains, jener Gegend um das titelgebende Jindabyne, künden von drohendem Unheil, das allmählich – einem Krebsgeschwür gleich – das Leben in der Gemeinde zu vergiften scheint. Das mitanzusehen ist ebenso spannend wie schmerzhaft.

Für Programmkino.de.

3 Comments:

Anonymous spidy said...

Bei diesen Film musste ich mit mir selbst kämpfen, dass ich nicht einschlafe, so spannend und interesant fand ich damals das ganze! :-(

Oktober 25, 2007 5:00 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

na ja, ein bißchen ist der film sicherlich selbst dran schuild, wenn manch ein zuschauer nicht bis zum ende durchhält. immerhin tarnt er sich zunächst als thriller, was er definitiv nicht ist. das kann einen recht unbefriedigt letztlich zurücklassen.

Oktober 25, 2007 5:36 nachm.  
Anonymous spidy said...

Eigentlich wußte ich schon vorher, dass kein Thriller ist, aber irgendwie hat mich das ganze nicht gepackt, was vielleicht daran liegt, dass ich eventuell schon zuviel solcher Filme gesehen habe und fast alle viel besser waren.

Oktober 25, 2007 10:32 nachm.  

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