Montag, März 24, 2008

Schmetterling und Taucherglocke - Liebeserklärung an das Leben


USA/F 2007

+++1/2

Die Geschichte des früheren „Elle“-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby, der nach einem plötzlichen Schlaganfall nur noch das linke Augenlid bewegen konnte, schien für eine Verfilmung denkbar ungeeignet. Dennoch wagte sich Multitalent Julian Schnabel an die Umsetzung. Zusammen mit Kameramann Janusz Kaminski entwarf er ein bahnbrechendes visuelles Konzept, das Baubys Krankheit – so weit es das Medium überhaupt zulässt – für den Zuschauer erfahrbar macht. Trotz seines schweren Sujets ist Schmetterling und Taucherglocke vor allem eines: Eine Liebeserklärung an das Leben.

Filmkritik:

Für Jean-Dominique Bauby ändert sich sein gesamtes Leben von einer Sekunde zur nächsten. Eben noch fährt der Chefredakteur des Modemagazins „Elle“ unbeschwert in seinem neuen, schicken Cabriolet umher, als er plötzlich einen massiven Schlaganfall erleidet. Erst zwei Wochen später wacht er aus dem Koma im Krankenhaus Berck-sur-Mer wieder auf. Schnell steht er fest, dass er nicht nur stumm sondern auch von Kopf bis Fuß gelähmt ist. Nur sein linkes Augenlid kann er noch bewegen und auf diesem Weg zu seiner Umwelt Kontakt aufnehmen. Nachdem der erste Schock allmählich verflogen ist, fasst er einen ungewöhnlichen Entschluss: Er will seine Autobiographie verfassen, nur mit der Kraft seines Augenlids und einem speziell für ihn entwickelten Alphabet, auf das er lediglich mit einem Blinzeln antwortet. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Seite für Seite lässt er sein Leben Revue passieren.

Nur wenige Tage, nachdem die Memoiren unter dem Titel Schmetterling und Taucherglocke – die Bedeutung erschließt sich nach Ansicht des Films – erschienen, starb Bauby im März 1997 an Herzversagen. Der renommierte New Yorker Künstler Julian Schnabel, der zuvor mit Basquiat und Bevor es Nacht wird bereits zwei Filme über äußerst schwierige Charaktere inszeniert hatte, nahm sich der Herausforderung an, Baubys Erinnerungen in eine filmische Form zu gießen. Basierend auf dem Drehbuch von Ron Harwood entwickelte er mit Spielbergs Hauskameramann Janusz Kaminski (Schindlers Liste, München) ein außergewöhnliches visuelles wie inhaltliches Konzept.

Anfangs nehmen wir die Welt nur aus Baubys Blickwinkel wahr. Wir sehen, was auch Bauby sah, als er aus dem Koma erwachte. Gleißendes Licht, unterschiedliche Farbpunkte, unscharfe Konturen, hallende Stimmen und Geräusche, die Mal lauter und Mal leiser zu hören sind. Dazu ein mehr als eingeschränkter Blickwinkel aus dem Krankenbett heraus. Wir müssen uns in dieser unwirklichen Situation erst zurechtfinden und uns an die subjektive Kameraperspektive gewöhnen. Erst mit der Zeit will das gelingen. Schnabel und Kaminski testen und experimentieren, wie weit sie dabei gehen können. Sogar als Bauby das rechte Auge zugenäht wird, was eine Infektion verhindern soll, verharrt der Film in der Ich-Perspektive. Hierbei stellt sich recht schnell ein klaustrophobisches Gefühl ein, ganz so, als sei man lebendig begraben. Konterkariert wird diese Enge von Baubys Kommentaren und Gedankengängen, die nicht selten neben aller Tragik auch ungemein komisch und absurd sind. So wecken die akrobatischen Zungenübungen seiner überaus attraktiven Logopädin (Marie-Josée Croze) in ihm ungewollt ein sexuelles Verlangen.

Im weiteren Verlauf ändert Schmetterling und Taucherglocke dann jedoch immer öfter den Blickwinkel. In Rückblenden erinnert sich Bauby an die Höhen und Tiefen seines bewegten, rastlosen Lebens. An Aktivitäten mit den Kindern, verflossene Beziehungen und Gespräche mit seinem Vater (Max von Sydow), zu dem er ein besonders inniges Verhältnis hatte. Nachdem wir die Welt zunächst durch seine Augen wahrgenommen haben, blicken wir in diesen Momenten tief in seine Seele und sehen, was ihm wichtig war. Schnabel, der für seine couragierte Vision bereits mit dem Regie-Preis in Cannes und unlängst auch mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, baut eine Brücke zwischen Bauby und uns Zuschauern. Ohne auf weinerliche Taschentuch-Melodramatik zu setzen, nähert er sich Baubys mutige Rebellion gegen den eigenen körperlichen Verfall. Der Film – wie schon die Vorlage – wird so zu einer im Angesicht des Todes verfassten Liebeserklärung an das Leben.

Für Programmkino.de.

2 Comments:

Blogger TheRudi said...

Für mich bisher der beste Film des Jahres der auch schwer zu überbieten sein wird. Du sprichst dieselben Szenen (rechtes Auge, etc.) an, die auch mich beeindruckt haben. Ein genialer Film, der im franz. OmU noch etwas an Kraft dazugewinnt!

März 24, 2008 5:17 nachm.  
Anonymous spidy said...

Konnte mich jetzt durchringen, den Film anzusehen - hatte ja vor dem dt. Starttermin genug Chancen den Film anzusehen. Wirklich sehr gut das Ganze!

März 29, 2008 10:28 nachm.  

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