Dienstag, Juni 24, 2008

Ruinen - Ich ess Blumen...


USA 2008

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Die Körperfresser sind zurück. Doch nicht so, wie man sie aus Don Siegels Klassiker her kannte. Heute ist die Gefahr nicht extraterrestisch, heute wuchert sie scheinbar friedlich vor sich hin. Pflanzen sind der neue Todfeind der Spezies Homo sapiens, keine Aliens auf Besuch oder Zombies mit penetrantem Mundgeruch. M. Night Shyamalan erzählte erst vor kurzem in seinem neuen Mystery-Thriller The Happening, wie sich die Fauna für mehrere Tausend Jahre Zerstörung durch uns Menschen rächt. Botenstoffe in der Luft besorgen hier den kollektiven Suizid. Der subversiv organisierte Massenexitus ging dabei noch vergleichsweise unblutig über die Bühne. Auch verzichtete das Grünzeug auf die physische Penetration ihres Peinigers prä- oder post-mortem. In Ruinen, der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Scott B. Smith, ist einer Gruppe junger Touristen nicht soviel Glück vergönnt.

Dort wartet der profil- und gesichtslose Gegner im dichten mexikanischen Dschungel auf seine nächsten Opfer. In diesem Fall sind das vier zumindest anfangs noch hübsch anzusehende Twentysomethings, die ihren letzten Urlaubstag zur Abwechslung mal nicht am Strand oder Hotel-Pool verbringen möchten. Ein anderer Gast, ausgerechnet ein Deutscher, erzählt ihnen von einer antiken Maya-Stätte, wohin sein Bruder Heinrich zu einer archäologischen Expedition aufgebrochen ist. Offenbar haben die Vier noch nie einen Horrorfilm gesehen, denn sonst wüssten sie, dass wenn ein Reiseziel auf keiner offiziellen Karte eingezeichnet ist, die Probleme nicht lange auf sich warten lassen.

Und tatsächlich ist die erste Begeisterung über den spontanen Urwald-Trip schnell verflogen. Besonders die Frauen erweisen sich als Spaßbremsen, wenn sie in Flip Flops durch unwegsames Gelände stolpern müssen. Am Ziel angekommen scheinen sich jedoch alle Strapazen gelohnt zu haben. Amy (Jena Malone), Stacy (Laura Ramsey), Jeff (Jonathan Tucker) und Eric (Shawn Ashmore) können sich gar nicht satt sehen an den alten, imposanten Maya-Ruinen. Umso überraschender trifft sie der wenig herzliche Empfang einiger Ureinwohner, die einem ihrer Begleiter ohne Vorwarnung den Schädel wegpusten. Spätestens jetzt wird den Vier und ihrer deutschen Urlaubsbekanntschaft Matthias (Joe Anderson) klar, dass sie in ernsten Schwierigkeiten stecken.

Kurze Zeit später hat auch das Grünzeug endlich seinen ersten großen Auftritt. Die Ranken und Blätter des Wuchergewächses machen vor nichts und niemandem halt. Sogar die moderne Technik ist den verlogen als floraler Augenschmaus getarnten Killerpflänzchen keineswegs fremd. Eher man sich versieht bohren sie sich beseelt von quiekender Fleischeslust in den Körper ihrer Wirte. Die grünen Parasiten kriechen subkutan in jede Falte, wo sie Wurzeln schlagen und ganz unschuldig aufs Neue erblühen.

Rechtzeitig, noch vor seiner Veröffentlichung, sicherte sich Dreamworks die Rechte an Smiths Roman. Dass der Autor wie schon bei seinem Oscar-nominierten Drehbuch zu Ein einfacher Plan die Adaption der Vorlage gleich selber übernahm, gewährleistete eine organische Umsetzung. Regisseur Carter Smith – die Namensgleichheit ist eher zufälliger Natur – wählte hierbei einen Ansatz, der sich zunächst wohltuend von anderen Horror-Geschichten abhebt. Während das Böse gemeinhin im Dunklen und Verborgenen auf seine Opfer wartet, präsentiert uns Smith in der Exposition das genaue Gegenteil davon: Einen strahlend blauen Himmel, Sonnenschein, Strand, kurzum eine (zu) perfekte Urlaubs-Blaupause. Dass diese Idylle schon bald ein Ende hat, macht der Film mit seiner ersten Szene unmissverständlich klar. Und so hängt bereits über jenen unbeschwerten Urlaubsimpressionen eine dunkle Vorahnung, die mit dem, was uns Smith zeigt, so gar nicht zusammenpassen will.

Dieser markante Bruch zwischen Bild- und Stimmungsebene erinnert an Greg McLeans Outback-Schocker Wolf Creek, in dem die Weite der australischen Landschaft eine vergleichbare Klaustrophobie erzeugte. Die Ähnlichkeit zu Ruinen, der kurioserweise größtenteils auch in Australien und nicht in Mexiko gedreht wurde, ist dabei vor allem atmosphärischer Natur. Wenn die Gruppe später gezwungen ist, auf dem Dach der Ruinen in sengender Hitze auszuharren, zieht sich das scheinbar endlose Dschungel-Panorama auf einen winzigen Punkt zusammen.

Wo sich andere Genre-Beiträge mit zunehmender Laufzeit verzetteln, weil sie ihr banales B-Movie-Konzept nicht konsequent durchziehen, halten Smith & Smith dem Schmuddelkino bis zum Schluss die Treue. Der Anblick halbnackter, verschwitzter Körper, die aus allen nur erdenklichen Öffnungen zu bluten und zu blühen (!) beginnen, lässt sich an bizarrer Schönheit nur schwerlich übertreffen. Mit Schönheit ist eine Haltung zur Ästhetik gemeint, wie sie auch Eli Roth in seinen Filmen vertritt und die diametral zum Geschmack des Mainstreams steht. Dessen Cabin Fever wartete mit einer Armee winziger fleischfressender Bakterien auf, die sich mit Genuss und sportlichem Ehrgeiz der Zersetzung menschlicher Körper hingaben. Auch Ruinen handelt von Verfall, Auflösung und Selbstzerstörung, wobei die Arbeit der Roth’schen Bakterien hier von den Protagonisten gleich selbst übernommen wird. Wenn sich eine bildhübsche Schauspielerin mit einem Messer zentimeterdicke Fleischstücke aus Armen und Beinen herausschneidet, ist das nicht nur Gore in Reinkultur – man kann sich förmlich vorstellen, wie Ruggero Deodato Smith für diesen Einfall applaudiert – mit dieser Szene verpasst der Film Hollywoods Schönheitsideal zugleich einen gewaltigen Arschtritt.

Damit Ruinen aber nicht nur als reines Guilty Pleasure und Party-Filmchen funktioniert, muss sich jeder fragen, inwieweit er die Vorstellung wuchernden Gestrüpps besonders angsteinflößend findet. Nur wenn einem diese Prämisse nicht vollkommen abwegig erscheint, wird man das Lachen halbwegs unterdrücken können. Weil das Ganze zudem nicht ohne zahlreiche herrlich abstruse Szenen auskommt, in denen man fassungslos vor soviel Dummheit am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte, wird man den Verdacht nicht los, dass Ruinen zumindest en passant die Regeln des Genres mit sadistischer Freude vor den Augen des Zuschauers karikiert und ausspielt – weniger auffällig als ein Scream, aber mit nicht weniger Lust am Zitat.

Für BlairWitch.de.

2 Comments:

OpenID moviescape said...

Na das hört sich doch - in Gegensatz zu den Kritiken die man sonst so liest - echt klasse an! Werde ich auf DVD garantiert nachholen...

Juni 25, 2008 9:03 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

als party-film eignet sich der auch zum ansehen in größerer runde!

Juni 26, 2008 7:53 nachm.  

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