Freitag, Juli 14, 2006

Fluch der Karibik 2 - Willkommen zur Johnny Depp-Show

USA 2006

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Belacht, bemitleidet, verkannt. Die Skeptiker und Mahner waren zahlreich, als Disney vor drei Jahren einen Piraten-Film basierend auf einer Fahrattraktion in die Kinos bringen wollte. Manche sahen in diesem Schritt bereits eine Bankrotterklärung des legendären Studios. Heute wissen wir, dass es anders kommen sollte. Auch ganz anders, als es sich womöglich selbst die optimistische Disney-Truppe hat vorstellen können. „Fluch der Karibik“ wurde zu dem Blockbuster des Kinojahres 2003, Johnny Depp erhielt für seine unnachahmliche Darstellung des an notorischer Selbstüberschätzung leidenden Captain Jack Sparrows eine Oscar-Nominierung und Millionen Fans lechzten fortan nach einer Fortsetzung der im besten Wortsinne altmodischen Abenteuergeschichte.

Was Peter Jackson mit seiner „Herr der Ringe“-Trilogie begonnen hatte, greift nun auch bei anderen Filmprojekten um sich. Es werden gleich mehrere Sequels hinter einander abgedreht, in dem sicheren Wissen, dass der Name, die Starbesetzung und eine gewaltige Werbekampagne die Zuschauer erneut in Scharen ins Kino locken werden. Wie sehr das Konzept von Disney aufgeht, zeigte sich eindrucksvoll am Startwochenende von „Fluch der Karibik 2“ in den USA. Rekordeinnahmen von 132 Mio. US-$ bescherte den Machern bezogen auf die ersten drei Tage das beste Einspielergebnis aller Zeiten. Captain Jack ist zurück und mit ihm gleich eine Schar illustrer Untoter, die nach der ihnen versprochenen Seele des extravaganten Selbstdarstellers verlangen. Angeführt von ihrem Captain Davy Jones (Bill Nighy), einer obskuren Gestalt angesiedelt irgendwo zwischen Zombie-Pirat, Feingeist und Oktopus, sind sie aus den Untiefen des Ozeans aufgetaucht, um die Herausgabe des wertvollen „Gegenstands“ zu erzwingen. Doch Captain Jack ist nicht der einzige, der bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. William Turner (Orlando Bloom) und seiner Herzensdame Elizabeth (Keira Knightley) droht der Galgen. Jetzt rächt sich, dass sie Jack einst bei seiner Flucht aus der Gefangenschaft behilflich waren. Nur wenn William dessen magischen Kompass beschafft, können beide auf eine Begnadigung hoffen.

Natürlich ist die Story nur ein leicht zu durchschauender Vorwand, um ein beispielloses Effektgewitter abbrennen zu können. Wo Bruckheimer drauf steht, ist eben auch Bruckheimer drin. Doch anders als die Zynismus-Schleuder „Bad Boys II“ oder das simplifizierende Actionspektakel „Armageddon“, stört der knallbunte, laute Anstrich bei den Piratenabenteuern keineswegs. Das liegt vornehmlich daran, dass dies eigentlich die „Johnny Depp-Show“ in karibischer Verpackung ist und kein Actionkracher, der seine Schauwerte über alles stellt. Ohne Depp, das dürfte keine gewagte Prognose sein, würde das ganze Sandkastenspiel für erwachsene Jungs (und Mädels) nicht funktionieren. Er ist es, der ein weiteres Mal mit seiner unbändigen Spielfreude und Verwandlunsgfähigkeit die Herzen des Publikums erobern wird. Captain Jack stolziert, rennt und zickt derart sympathisch durch die pittoreske karibische Landschaft, dass jede Szene ohne ihn, dem Film einen großen Teil seiner Faszination nimmt. Orlando Bloom ist nicht mehr als eine Randnotiz, gleiches gilt für Keira Knightley. Immerhin liefert letztere sich ein ironisches, smartes Wortgefecht mit unserem einzig wahren Freibeuter der Meere. Erwähnen sollte man dagegen Naomie Harris und Bill Nighy. Beide treten in ihren jeweiligen Rollen aus der imposanten Freitzeitpark-Kulisse heraus. Harris als geheimnisvolle Voodoo-Priesterin mit denkwürdigem Akzent, Nighy mit einer so noch nie dagewesenen Gesichtsverkleidung.

„Fluch der Karibik 2“ steht nicht nur in der Tradition seines Vorgängers, sondern auch in einer langen Reihe großer Abenteuergeschichten wie „Meuterei auf der Bounty“ und den zahlreichen Verfilmungen des Robert Louis Stevenson Klassikers „Die Schatzinsel“ (von der 1934er Version mit Wallace Beery bis hin zur „Muppets-Version aus dem Jahre 1996). Das Rezitieren der Vorbilder macht den Film aber längst nicht zu einer platten Nummernrevue im „Scary Movie“-Stil. Regisseur Gore Verbinski verneigt sich vielmehr im Stillen und anhand vieler kleiner Details vor der filmischen Vergangenheit des Genres (so wurde die echte „Bounty“ extra für den Dreh aus dem Norden der USA über Tausende von Seemeilen angekarrt). Sogar Anleihen an die Stummfilmzeit mit ihren ausufernden Slapstick-Einlagen finden sich in Captain Jacks zweiter Karibik-Kreuzfahrt. Die bereits für den Trailer verwendete Fecht-Sequenz auf einem hölzernen Mühlrad gehört dazu. Irrwitzig, beinahe albern in einem kindlichen Sinn, wie Verbinski und die Stunt-Choreographen den Kampf Mann gegen Mann auf die Spitze treiben.

Gibt der Spannungsbogen, die Odyssee nach rätselhaften Goodies aller Art (Kompass, Schatztruhe usw.), auch in Bezug auf narrative Originalität und Dynamik nicht allzu viel her, so kompensiert „Fluch der Karibik 2“ die sicherlich vorhandenen Schwächen des Plots mit einer unbändigen Freude am Zelebrieren des einzelnen Moments. Selbstredend muss dazu nicht nur das omnipräsente Action-Motiv gewaltiger, verspielter, überdimensionierter ausfallen, auch die Spezialeffekte haben seit der ersten Untoten-Jagd auf tropischen Gewässern einen kleinen Quantensprung hinter sich gebracht. Davy Jones und seine „fishy“ Crew bringen einen zum Staunen. Eigentlich möchte man das Bild für kurze Zeit anhalten, um alle Nuancen ihres kunstvoll arrangierten Outfits bewundern zu können. „Fluch der Karibik 2“ gehört definitiv zu den Blockbustern, denen man anmerkt, dass sie Unsummen von Dollars verschlungen haben müssen. Der CGI-Gott kennt einfach seinen Preis.

Doch es ist nicht alles Gold, was hier glänzt. Abgesehen von fragwürdigen Drehbucheinfällen, wie den Liebesscharmützeln zwischen Captain Jack, Elizabeth und William, leidet der Disney-Franchise wie ein Preisboxer unter der eigenen filmischen Muskelkraft. Bei aller Wertschätzung für Depp, Verbinski und ihrer Revitalisierung des Piratenfilms eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden überspannt den Bogen und stellt die Geduld des Zuschauers bei so manch überflüssiger Kampfeinlage auf eine harte Probe. Eine Straffung um 20 bis 30 Minuten hätte dem Film nicht nur unter erzählökonomischen Gesichtspunkten gut getan, „Fluch der Karibik 2“ ist eben ein Spaß-Trip und kein Freibeuter-Epos. An Captain Jacks Ego perlt solch profane Kritik rückstandslos ab. Aber vielleicht sollten Verbinski und Bruckheimer für Teil 3 von ihrem Vorhaben abrücken, Peter Jacksons Laufzeitrekord überbieten zu wollen. Andernfalls könnte es unter den treuen Piraten-Fans doch noch zu einer Meuterei kommen.

6 Comments:

Blogger Knurrunkulus said...

Ach, was freu ich mich. Ich bin nur dazu gekommen, die Kritik zu überfliegen, aber wirklich lesen will ich die glaube ich auch erst, wenn ich den Film mal gesehen habe.

Falls Interesse herrscht: Ich habe es gewagt, auf meinem Blog kann man sich jetzt auch einen Audiokommentar anhören. Hat mit Film allerdings rein gar nichts zu tun.

Naja, wäre über deine Meinung erfreut.

Juli 14, 2006 11:31 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ knurru

dann hoffe ich mal, dass die vorfreuide bis zum kinostart anhält! *g*

ich seh mal auf Deinem blog nach.

Juli 14, 2006 2:06 nachm.  
Anonymous Anonym said...

super Kritik.

die Überlänge ist auch das, was mich am meisten genervt hat. ich hatte das gefühl, dass der Film so sinnlos in die Länge gezogen wurde. Storytechnisch hätte der Film meinem Empfinden nach schon an der Schatztruhe enden können.
-d.h. der Film wäre dann wohl nur 90 min lang gewesen (und es gäbe keinen Cliffhänger)

Juli 28, 2006 2:54 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Erstmal fand ich die beiden Trottel von der Schiffsbesatzung sehr witzig. Die beiden Kasper hatten die besten Dialoge des gesamten Films. Herrlich, wie sie in einer Szene mit dem kleinen Boot fahren und der eine ein Buch in der Hand hält, “What ya want with that book? Ya can’t even read, fool,” und der andere erwidert, “That’s the bible, mate. One gets score just for trying.” Oder die Szene gegen Ende, als Depp, Bloom, Knightley und dieser andere Typ am Strand um diese Kiste kämpfen. Da versucht der eine Trottel von der Schiffsbesatzung dem anderen zu erklären, wer von den Vieren genau welches Interesse an der Kiste hat. Herrlicher, turbulenter und hi(r)nreissender Screwball-Dialog, der letztendlich damit endet, dass die beiden Kasper feststellen, dass die Kiste sehr wertvoll und verführerisch sein müsse da ja alle um sie kämpfen, weshalb die Beiden sie ja selber nehmen könnten, “If we were any decent, we’d move temptation out of their way,” (beste Textzeile des ganzen Films), dann reissen sie sich die Kiste selbst unter den Nagel und tappsen wie in einer alten Schwarzweiß-Komödie mit übertriebenen Schritten leise davon. Absolut köstlich groteske Szene! Brillant!

OK, das waren also zwei Szenen, die mir gefallen haben. Außerdem mochte ich sehr die ganze Sequenz auf der Insel der Kannibalen. Meine Zeit, das war nicht mehr durchgeknallt, das war schon superdurchgeknallt, eher durchgeknallt plus. Johnny Depp am Spieß mitsamt Obst wie ein verfickter Schaschlick, Bloom und die Matrosen schwingen sich Slapstick-mäßig in ihrem Käfig gefangen über die Schlucht, etc. Sehr schön.

Die vierte Sequenz, die mir außerordentlich gut gefallen hat, war die Verfolgungsjagd, nachdem die beiden Kasper von der Schiffsbesatzung sich die Kiste unter den Nagel gerissen haben. Besonders die Sache mit dem abgerissenen Mühlenrad, in welches alle geraten, war zum schießen komisch!!!! ‘Außerdem mochte ich noch die letzte der Kraken-Szenen (wo Knightley Depp an den Mast fesselt, etc.).

So weit, so gut. Fünf herausragende Sequenzen hat dieser Film zu bieten. Das wäre eine gute Ausbeute, würde DEAD MAN’S CHEST cirka 90 Minuten dauern. Aber der Film dauert geschlagene 150 Minuten, in denen die Herren Verbinski und Bruckheimer wirklich NICHTS zu erzählen haben. Die filmische Handlung ist über weite Strecken nicht nur gänzlich banal und gezogen wie ein Kaugummi, sondern sie ist auch noch völlig IDIOTISCH und besitzt für den Film keinerlei Relevanz, denn dieser Film soll ja von anderen Dingen leben als von seiner Handlung. Und prinzipiell ist es ja völlig in Ordnung, belanglose Unterhaltungsfilme zu drehen, die von Effekten, Settings und screwball-komödiantischen Einlagen leben. Aber da verstehe ich nicht, warum um alles in der Welt man dem Zuschauer trotz alledem zweieinhalb Stunden ein idiotisches Heia Popeia-Geschichtchen auftischt, dass doch wirklich keine Sau interessiert.

Mal ehrlich, eine Länge von 90 Minuten wäre hier angebracht gewesen. OK, das wäre dann eine gänzlich andere Geschichte und ein anderes Drehbuch. Aber mal ehrlich: Wen juckt’s? Man hätte die filmische Handlung von Anfang an anders konzipieren sollen. Es ist ja nicht so, dass der Film ein Anliegen oder etwas wichtiges zu erzählen hätte. Letztendlich ist es doch scheißegal, was für eine Geschichte DEAD MAN’S CHEST hat, nicht wahr? Ich weiß nicht, wieso man mich 150 Minuten lang mit Nonsens brutalisiert, der mir am Allerwertesten vorbei geht und den ich ungelogen bereits am Abend des Kinobesuchs wieder vergessen habe!

Ehrlich, die fünf tollen Sequenzen, die ich am Anfang dieses Textes gelobt habe, dann ein bisschen Handlung drumherum - das Ganze 90 Minuten und fertig. *Das* wäre ein guter Unterhaltungsfilm gewesen! Aber doch nicht diese 150 Minuten Dummfug. Das ist doch prätentös: Verbinski tut so, als hätte er etwas Episches zu erzählen, dabei ist der überlange Plot nur belangloser, uninteressanter und einschläfernder Rotz. Zwar hat der Film eine tolle Optik und ist sehr gut gemacht, aber das kann auch nicht über die 150 Minuten hinweghelfen, denn nach zwanzig Minuten hat man sich bereits satt gewesen an dem Bombast. Wie gesagt: Außer den fünf von mir gelobten Sequenzen (und der Performance von Johnny Depp, natürlich!!!) ist der Film meiner Meinung nach einfach nur FLASCHE LEER - handwerkliche Qualität hin oder her.

Ernsthaft, die Handlung ging mir dermaßen am Arsch vorbei und hat mich so angeödet, dass ich gedanklich oft abgedriftet bin vom Filmgeschehen. Was da abwechselnd für pathetischer und affektierter Scheißdreck gefaselt wurde, ist doch echt nicht mehr feierlich.

Und wie gesagt: bei dieser Art von Unterhaltungsfilm wäre es völlig egal gewesen, was für eine Geschichte man erzählt hätte. Es ist ja nicht so, als hätte der Film ein künstlerisches Anliegen oder eine Botschaft in seiner Story. Ergo hätte man eine andere Story erzählen sollen, die halt nur 90 Minuten dauert. Ich verstehe nicht, warum um alles in der Welt die Handlung von DEAD MAN’S CHEST unbedingt so und nicht anders ist. Erwähnte ich schon, dass ich den Plot für völlig idiotisch halte?

Besonders albern fand ich das Cliffhanger-Finale mit dem Verweis auf Teil 3 nächstes Jahr. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Cliffhanger-Ende bei so einer langweiligen Handlung... Äh, soll das Spannung erzeugen? Oder anders gefragt: Erwarten Verbinski und Bruckheimer allen Ernstes, dass ich neugierig darauf bin, wie ihr brunzdummes und langweiliges Geschichtchen nächstes Jahr weiter geht??!!??? Dass ich nicht lache!!

Anschließend sind wir übrigens in Almodovars VOLVER in die Spätvorstellung gegangen. Der um Welten prickelndere Film...

August 03, 2006 10:29 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ anonyme

dank Dir für die netten worte! kannst Dich auch gerne zu erkenen geben ;-)

@ scf

ach herrje, das ist der alte cohen. wie kann man sich denn über diesen netten aber doch völlig belanglosen spaß so aufregen? eine straffung der "handlung" um 20-30 minuten halte ich für vertretbar, eine ganze stunde, hmm ich weiß nicht. außerdem ist mir das pathos nicht übel aufgestoßen, dafür war die selbstironie mir einfach zu stark im vordergrund.

PS: "volver" ist ebenso nett, aber von almodovar erwarte ich einfach mehr. auch im vergleich zu seinen früheren frauen-komödien für mich eine enttäuschung. die kritk stelle ich gleich online.

August 03, 2006 11:11 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Weshalb man sich aufregen kann? Weil das einfach langweilig und anstrengend war, den Film abzusitzen. Dabei hatte er ja wahrlich seine starken Momente, weshalb es um so mehr schade ist, dass dies an anderen Stellen durch eine langweilige und blödsinnige Handlung äh ausgeglichen wird.

Und ja: Um eine Stunde kürzer. Wieso denn nicht? Man hätte von Anfang an eine kürzere Geschichte konzipieren sollen. Wen hätte es gejuckt? Verstehe das Problem nicht so ganz.

August 04, 2006 12:54 vorm.  

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