Samstag, März 03, 2007

Pathfinder - Search & Destroy


USA 2007

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Was müssen das nur für finstere und barbarische Zeiten gewesen sein. "Auge um Auge, Zahn um Zahn!" lautet die Devise, als fünfhundert Jahre vor der Eroberung und Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gewaltgeile Wikingerhorden über ahnungslose Indianerstämme herfallen. Bei einem dieser Gemetzel wird ein verängstigter Wikingerjunge von seinem Clan zurückgelassen. Eine Indianerfrau entdeckt das Kind, adoptiert es und zieht es groß. Mowgli einmal anders. Als aus dem Jungen ein Mann geworden ist, kehren die nordischen Hooligans zurück. Mit scharfen Äxten, noch imposanteren Kopfbedeckungen (diese Hörner!) und jeder Menge Wut im Bauch. Der zum indianischen Krieger mutierte Ex-Wikinger (Karl Urban) – von den Seinen auf den Namen „Ghost“ getauft – wird Zeuge, wie sein Stamm auf brutalste Weise ausgelöscht wird. Starfire (Moon Bloodgood), die Frau, die er liebt, ist darüber hinaus in höchste Gefahr. Intuitiv wird ihm klar, dass er sich der eigenen Vergangenheit stellen und – so wie es die Prophezeiung des Schamanen "Pathfinder" (Russell Means) vorhersieht – den Kampf gegen die Wikinger aufnehmen muss.

Vor knapp vier Jahren debütierte der bis dato sehr erfolgreiche Videoclip- und Werbefilmer Marcus Nispel mit dem Remake von Tobe Hoopers Texas Chainsaw Massacre. Selbst Gegner der Neuauflage kamen nicht umhin, Nispel für dessen ästhetisches Bewusstsein und die Kunst, eine düstere, ausweglose Stimmung zu kreieren, Anerkennung entgegen zu bringen. Weil auch der kommerzielle Erfolg alle Erwartungen übertraf – der Film spielte allein in den USA rund 80 Mio. US-Dollar ein, das Neunfache seiner Produktionskosten – durfte der gebürtige Frankfurter sein nächstes Kinoprojekt in Angriff nehmen.

Die Wahl fiel dabei auf Pathfinder. Ein Stoff, der bereits 1987 von dem Norweger Nils Gaup verfilmt wurde. Der epische Kampf zwischen Gut und Böse brachte es sogar auf eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. War es bei Gaup noch die Einsamkeit Lapplands, die im Mittelpunkt stand, so tauscht Nispel diese für sein sehr freies Remake (Budget: 45 Mio. Dollar) gegen die undurchsichtigen Sumpflandschaften und Wälder British Columbias ein. Statt kühler Farben dominieren bei ihm erdige Braun- und Grautöne. Der ganze Film wirkt, als habe man ihn nachträglich durch den Dreck gezogen. Dazu Nebel, wohin man blickt. In nahezu jeder Szene, in jeder Einstellung haut er uns seine ästhetisierte Sicht um die Augen. Was beim Kettensägermassaker in Ton und Stil zum nihilistischen Inhalt und den perfiden sadistisches Eskapaden des Plots passte, nervt in Pathfinder aufgrund seiner Eindimensionalität und Redundanz spätestens nach einer halben Stunde. Hinzu kommt, dass es schwer fällt, bei all dem verwaschenen Braun und Grau während der hektisch geschnittenen Kampfsequenzen den Überblick zu behalten. Zum Glück tragen die bösen Nordmänner ihren gehörnten Kopfschmuck, was sich bei den teils arg verwackelten Handkameraaufnahmen als unschätzbarer Vorteil erweist.

Nachdem "Ghost" bereit ist, den Kampf aufzunehmen und für die ermordeten Clan-Mitglieder Rache zu nehmen, entwickelt sich der Film zu einer langwierigen mitunter sehr zähen Aneinanderreihung von zumeist blutigen Actioneinlagen mit klassischen Jump’n’Run-Elementen. Die Frage, wo das zugehörige Videospiel bleibt, scheint mehr als berechtigt. Nur selten traut sich Nispel dabei, ironisch die Absurdität der Handlung zu kommentieren. So kann die gezeigte "Schlittenfahrt" samt Erfindung des vermutlich ersten Schneemobils unmöglich ernst gemeint sein. Oder etwa doch? Unfreiwillig komisch ist in jedem Fall vieles von dem, was wir innerhalb der 100 Minuten vorgesetzt bekommen. Sei es das platte Geschmachte der beiden Liebenden, Ralf Möllers Fantasie-Akzent zum untertitelten Wikinger-Kauderwelsch oder die mit dem Holzhammer vorgetragene Wetter-Metaphorik. Ja, für unseren tapferen Helden wird eines Tages die Sonne wieder scheinen.

Niemand wird von einem Film wie Pathfinder Anspruch oder eine intelligente Dramaturgie einfordern. Da Nispel den Zuschauer – wie das Finale an der Felswand und die angedeutete Liebesgeschichte beweisen – jedoch auch auf einer emotionalen Ebene erreichen möchte, muss er sich die Kritik gefallen lassen, dass ihm dies gänzlich missraten ist. Dafür vollzieht sich schon das, was hier nicht einmal in Ansätzen mit dem Begriff "Charakterentwicklung" umschrieben werden kann, nur entlang der üblichen Stereotype. Erst ist der kleine "Ghost" verängstigt, dann steigt in ihm der Hass hoch auf die, die ihm alles genommen haben. Et voilà! Schon ist die Wandlung des edlen Kriegers perfekt. Zwischen den Actioneinlagen ergeht sich das Drehbuch zu allem Überfluss in Dialogen, deren zusammenkopierte Ansammlung an Nonsens-Plattitüden kaum mehr zu überbieten sein dürfte. Karl Urban kämpft an dieser Front gegen einen Gegner, den er nicht besiegen kann.

Ließ sich aus der 80er Jahre-Testosteronschleuder Conan – Der Barbar, die für Nispels Schlachtplatte augenscheinlich Pate stand, zumindest unter dem Trash-Aspekt ein gewisser Unterhaltungswert herausfiltern, so fällt diese Komponente bei der 45 Mio. Dollar-Produktion Pathfinder weg. Nur wer bereit ist, sich über die teils verbissene Ernsthaftigkeit zu amüsieren, dürfte den Gang ins Kino nicht bereuen. Allen anderen, die mal wieder Lust auf eine rasante, nahezu perfekt inszenierte Actionhatz im archaischen Gewand verspüren, sei Mel Gibsons jüngstes Passionsspiel Apocalypto ans Herz gelegt. Letzteres schlägt dort mit Verve von der ersten bis zur letzten Sekunde. Bei Pathfinder findet sich an gleicher Stelle lediglich ein großer, schwarzer Fleck.

Für BlairWitch.

3 Comments:

Blogger Knurrunkulus said...

Schade. Ich hatte mich da doch ein klein wenig drauf gefreut, da einen ja Nispels Kettensägen-Remake tatsächlich atmosphärisch äußerst packen konnte.

Mal gucken, ob ich trotzdem gucke.

März 04, 2007 4:56 nachm.  
Anonymous Harry Callahan said...

Bei "Conan der Barbar" ließ sich "zumindest unter dem Trash-Aspekt ein gewisser Unterhaltungswert herausfiltern"? Wie gemein. Zumindest die nahezu wortlose, von Musik getragene Einführung, die Conans Vorgeschichte erzählt, ist schier genial und ist durchdrungen von filmischer Könnerschaft, von der Marcus Nispel weit entfernt ist. Und der Rest ist sicherlich schwer im Zeitgeist der 80er verortet, trotzdem aber ein hervorragender Actionfilm, mit exzellenter Action, grandiosen Sets, einem sensationellen Gegenspieler und einer Mischung aus Augenzwinkern und Ernst, von der die "Pathfinder"-Macher nur träumen können.

Meine zweite kleine Gegenmeinung zu einer Kritik, der ich sonst kaum mehr zustimmen könnte, ist: Nispels Kettensägenmassaker hatte nur dort Atmosphäre wo er sich bei Set, Sounddesign und anderem beim Original bediente. Verglichen mit diesem verlor Nispels Aufguss aber meiner Meinung nach schon wegen seinem mangelnden Gespür für den Tonfall der Geschichte. Und dieses Problem findet sich bei "Pathfinder" wieder. Was ich damit meine: Bei "TCM" war die Kamerafahrt durch die Kopfschusswunde der selbstmörderischen Tramperin der Moment, in dem man merken konnte, dass Nispel einen seltsamen, "modernen", auf langweilige Art gewaltgeilen Zugang zu der Story hatte, die wie schlecht kopierter Tarantino wirkt. Bei "Pathfinder" sind es dann die mangelnden "Helden"-Shots, die spürbar fehlen, also: das Auskosten (oder überhaupt: das Erschaffen) gewisser optisch faszinierender Momente. Und auch der "unschöne" Zugang zu gewalt fällt wieder auf: Morde an Kleinkindern finden bei Nispel gerade-so-noch im Off statt, sonst weidet er sich aber an der niedergemachten Dorfbevölkerung, was für mich schlichtweg unerträglich ist, wenn einem nachher bei Kampfszenen undefinierbarer Brei vorgsetzt wird. Wäre Nispel Haneke... dann würde ich sagen: Absicht, "Kriegsschrecken", Sinnlosigkeit von Gewalt, etc. Nur ist Nispel eben Nispel, hat also keine andere Absicht als einen Actionfilm zu machen, versteht in diesem aber nicht die Spielregeln der decency, vielleicht nicht mal die der Steigerung: Wenn ich am Anfang Zivilisten verkohle, kann ich mich im Film nicht mehr steigern, weil ich ja seit der ersten Sekunde Vollgas fahre.

März 12, 2007 10:09 vorm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

"schwer im zeitgeist der 80er verortet" da kann ich zustimmen. vielleicht kann ich beim anblick schwarzeneggers auch nicht anders, als dasganze unter trash abzulegen. mit wenigen ausnahmen haben mich seine filme noch nie überzeugen können.

zur gewaltdratellung und dosierung: sicherlich ein weiterer maluspunkt des films. am anfang haut nispel schon so rein, dass man sich fragt, was da noch kommen könnte. und das birgt dann eine riesenenttäuschung ind sich, die ich aber fast nicht anders erwarte habe. in der verwaschenen optik geht vieles unter. die schnitte sind grausam, das timing kaum vorhanden. und ob nispel nun eine pseudo-tarantioneske gewaltgeilheit verfolgt, interessiert für mich da kaum mehr. das ergebnis ist in jedem fall langweilig.

da Du gerade die "helden"-shots erwähnst: zumindest unter dem aspekt kannst Du Dich auf "300" freuen. der besteht quasi aus nichts anderem *g*

März 12, 2007 1:22 nachm.  

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