Samstag, Juli 15, 2006

Wolf Creek - Das ist ein Messer

AUS 2005

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Australien, Heimat possierlicher Beuteltiere und einer größtenteils noch unberührten, atemberaubenden Natur, ist für viele ein Traumreiseziel. Die Routen durch die scheinbar endlosen Weiten des Outback locken jedes Jahr Hunderttausende Rucksacktouristen aus aller Welt an. Diesen Kontinent, so der einhellige Tenor der Heimgekehrten, muß jeder zumindest einmal erlebt und erfahren haben.Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Greg McLean setzt an diesem idealisierten Bild des fünften Kontinents an und entwickelt auf dessen Basis eine radikale, erschütternde Terrorgeschichte.

Zusammen mit seinen Freundinnen Kristy (Kestie Morassi) und Liz (Cassandra Magreth) will der abenteuerlustige Ben (Nathan Phlilips) das verlassene, rauhe Hinterland erkunden. Auch wenn das von Ben auf die Schnelle organisierte Gefährt nicht den zuverlässigsten Eindruck macht - die drei lassen sich von den üblichen Reisewidrigkeiten ihre gute Stimmung nicht vermiesen. Die Erfahrung der menschenleeren Natur entschädigt schließlich für so manche Unannehmlichkeit. Nach der Ankunft in Wolf Creek, wo es einen gewaltigen Meteoritenkrater zu bestaunen gibt, findet der Trip dann aber sein vorzeitiges Ende. Das Auto will nicht mehr anspringen, auch die Uhren verweigern urplötzlich ihren Dienst. Da erscheint die Hilfe eines freundlichen Truckers (John Jarratt) wie ein Geschenk des Himmels. Bereitwillig nehmen sie sein Angebot einer Mitfahrgelegenheit an - ein tödlicher Fehler.

Zunächst möchte einen die Prämisse des Films nicht wirklich packen. Würde McLean den exotischen Schauplatz Australien mit der texanischen Einöde vertauschen, wäre der Zuschauer wohl versucht zu glauben, er befände sich in einem weiteren Remake von Tobe Hoopers "Blutgericht in Texas". Ahnungslose Touristen, die unbedacht in ihren schlimmsten Alptraum hineinstolpern, sind im Horrorgenre bereits zu oft zur billigen Befriedigung sadistischer Phantasien mißbraucht worden. Doch wer "Wolf Creek" trotz seiner bekannten Ausgangslage eine Chance gibt, wird positiv überrascht. McLean gelingt es, einen anderen Blickwinkel auf das Grauen hinter einer sympathischen Fassade aufzuzeigen. Vor der malerischen Kulisse des Outback, den einsamen, im heißen Sonnenlicht gleißenden Straßen und den romantischen Sonnenuntergängen übernimmt bei ihm der Horror die Funktion eines kontrastreichen Gegenpols.

Im Rückgriff auf naheliegende Vergleiche wurde "Wolf Creek" von Kritikern etwas vorschnell als die blutige Ausgabe des "Blair Witch Project" betitelt. Zwar dürfte der Verweis auf den Independent-Langweiler manch einen Zuschauer zu falschen Schlüssen verleiten, im Kern lenkt die Analogie aber die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche dieser Low-Budget-Produktion (die nur eine Million amerikanische Dollar gekostet haben soll): McLean erzählt seinen auf dem Papier zugegeben mäßig interessanten Plot mit einer nicht nur für das Genre außergewöhnlichen inszenatorischen Raffinesse. Knallharter Realismus und Naturalismus bestimmen den Look des Films. Die gezielt eingesetzte, vibririende Handkamera macht das Leiden der Opfer erfahrbar - Kristys und Liz Schreie während der Folteraktionen bleiben nachhaltig in Erinnerung. In der Gewißheit, daß sich der Regisseur zudem an realen Begebenheiten orientiert, erreicht die Spannungskurve in diesen Augenblicken ihr Maximum. Der zurückhaltende Einsatz der Tonspur sowie die auf diffuse bedrohliche Klangmuster reduzierte Musik potenzieren den Adrenalinausstoß.

McLean wartet erstaunlich lange, bis er das Grauen auf die drei Reisenden und den Zuschauer losläßt. Erst nach einer sicher kürzungswürdigen Exposition von 45 Minuten beginnt der eigentliche Horrortrip. Die Gefahr, daß sein Konzept kollabiert, weil keine Identifikation mit den späteren Opfern gelingen will, umgeht er zu Lasten einer zuweilen langatmigen und die Geduld arg strapazierenden ersten Hälfte. Die Konzentration auf lediglich drei Hauptfiguren, wo andere Genrevertreter wie "The Hills Have Eyes" und "Saw 2" auf Großfamilien respektive ganze Gruppen potentieller Todeskandidaten setzen, erweist sich dagegen als cleverer Schachzug. Aus der personellen Verdichtung erwächst eine besonders intensive Bindung zum Filmgeschehen.

Beherrscht seit Tarantinos "Reservoir Dogs" mitunter ein gefährlicher, weil unpassender und verharmlosender Unterton die Bebilderung von Folterszenen, so kann sich die in Bezug auf Gewaltdarstellungen übersensible deutsche FSK gewiß sein, daß "Wolf Creek" keine Ästhetisierung und Verharmlosung der Perversion betreibt. Obwohl die Kamera in den entscheidenden Momenten nur selten direkt draufhält und sich damit vieles nur in den Köpfen der Zuschauer abspielt (was echte Gore-Fetischisten verärgern dürfte), verfehlen die Geschehnisse in der Baracke des Psychopathen nicht ihre Wirkung. Die aufgezeigte Isolation, das Gefühl, vollkommen ausgeliefert und machtlos zu sein, wird einen so schnell nicht verlassen. Seit "Irreversible" und Monica Bellucis viel diskutierter Vergewaltigungsszene kam kein Werk der eigenen Schmerzgrenze so nahe. Greg McLean wird das als Kompliment verstehen.

Zuerst erschienen bei evolver.

4 Comments:

Blogger Scarlettfan said...

Ich verstehe dieses Rumgewackel nicht. Kannste mir das mal erklären? Wieso um alles in der Welt sagen die Leute immer: "Handkamera und schäbige Beleuchtung verleihen einem Film einen Touch von Realismus"? Ich kapiere es nicht.

Erstmal geht mir das Rumgewackel auf den Sack (ehrlich: in jeder Doku bemühen sie sich die Handkamera ruhig zu halten, aber in diesem Film wird mit voller Absicht so gewackelt, dass es der Sau graust).

Zweitens empfinde ich Handkameras nicht als realistisch (was für ein Schwachsinn auch!), denn im Gegensatz zu einer ruhigen oder fließenden Kameraarbeit lässt mich dieses debile Gewackel nicht vergessen, dass das Gezeigte nicht real, sondern inszeniert ist. Worauf ich hinaus will: Mit diesem Gewackel raubt ein Film jegliche Illusion und enttarnt seinen technischen Apparat zu auffällig.

Es will nicht in meinen Schädel, wie man so eine frenetische Kameraarbeit als realistisch bezeichnen kann (ich würde eher formalistisch sagen)
Wie dem auch sei: Rumgewackel geht mir auf den Sack, denn es sieht scheiße aus, nervt mein Gehirn, ermüdet meine Augen und lenkt mich vom Filmgeschehen ab.

Der zweite Punkt, der mir nicht gefiel, war das plumpe/plakatike Hintereinanderschneiden von Landschaftsaufnahmen ohne Protagonisten im Bild. Da waren ja teilweise vier, fünf Landschaftsshot hintereinander gereiht. Hätte man die Aufnahmen in die Handlung eingebunden (z.B. als Hintergrund der agierenden Figuren), wäre es ja super. Aber der Film *unterbricht* seine Handlung mehrmals regelrecht, um eine plumpe Aneinanderreihung von vier, fünf Landschaftsaufnahmen zu zeigen. So geht das doch nicht.
Des weiteren verstehe ich an der Bilddramaturgie nicht, warum die Figuren - am Krater angekommen - aus dem leeren Auto heraus durch die Scheiben hindurch gefilmt wurden, wie sie am Krater standen. Das suggeriert ja, dass jemand im Auto saß und die Aufnahmen durch die Scheibe quasi eine subjektive Kamera darstellen sollen. Aber da saß niemand in der Karre. Wieso also die Aufnahmen von innen nach außen durch die dreckigen Autoscheiben? Weil es schnieke aussieht? Witzlos.

Ein weiterer Punkt, der mir Kopfzerbrechen bereitet, ist die zu lange Einführung. Ich versuche gerade zu ergründen, was ich in den 45 Minuten denn so Tolles über die 3 Jugendlichen erfahren haben soll, das eine derart lange Einführung rechtfertigt? Hm, ich weiß nicht...

Zumindest die hübsche Kussszene am Krater war sensationell. Ansonsten eine eher maue Einführung.

OK, aber in der zweiten Hälfte wird der Film besser. Die Szenen mit dem Hinterwäldler sind gelungen und amüsierten mich.
Besonders interessiert mich die Frage, warum die beiden Tussis aus dem Camp fliehen, OHNE nach ihrem männlichen Begleiter zu suchen. Ihnen kommt ja noch nicht mal der Gedanke, nach ihm zu suchen. Interessant.

Juli 15, 2006 5:28 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

zur handkamera:

für mich ist eine gezielt eingesetzte handkamera, die energetisch und im kontrast zu totalen und starren aufnahmen eingesetzt wird, ein effektvolles mittel. sie signalisiert bewegung, dynamik, ist näher dran am geschehen. für mich übertreibt mclean mit ihrem einsatz nicht. bspw. in der szene am schuppen, in der wir als zuschauer in die rolle des mädchens schlüpfen und beobachten, wie der psychopath das andere opfer foltert, macht die subjektive sicht absolut sinn. so auch bei der flucht. ich würde das eher mit "authentisch" beschreiben, weil so das gefühl für die situation verstärkt wird. ich habe nur gegen exzessiven einsatz z.b. bei kampfszenen, wo man dann vor lauter wackeln nichts mehr erkennen kann. das war aber hier doch nicht der fall.

zu den landschaftsaufnahmen: für mich einer der stärken, gerade weil mclean sich kurz immer aushakt und nicht versucht, die landschaft auf teufel komm raus zu integrieren. für mich ist das eher ein spiel mit bande und kontrasten: die gleichzeitige schönheit und leere des outbacks setzt er der enge und dem terror in dem camp entgegen. vielleicht liest Du dir bei kino.de auch die diskussion mit ubob durch, unter dessen kritik.

zur exposition: da bin ich ganz bei Dir. ich finde sie nach wie vor zu lang, weiß aber, warum mclean soviel zeit dafür verwendet. ein zweischeindiges schwert.

mclean hat ein gespür für die sitaution und mit seiner charakterzeichnung und der auswahl seiner figuren (keine beauty-queens und sonstige freaks) hebt er sich auch von teenie-slashern ab.

Juli 15, 2006 5:45 nachm.  
Blogger Scarlettfan said...

Diskussion mit Volker Ubob? Mahlzeit!

Nun, d'accord, in der zweiten, actionreicheren Hälfte störte die Handkamera nicht so, denn ich war sehr auf das Handlungsgeschehen konzentriert. Aber die ersten 45 Minuten, wo ja fast nichts passierte, störte mich das übertriebene Geruckel ungemein. Wackel wackel wackel...

Wie dem auch sei: Sehe WOLF CREEK insgesamt als passablen Film.

PS: Darf ich Dir LEMMING empfehlen? Ist ein ganz guter, mysteriöser, metaphysischer französischer Film. Zwar nicht frei von Schwächen (das letzte Drittel ist zu selbsterklärend), aber insgesamt sehr sehenswert.

Juli 15, 2006 5:59 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ scf

danke für den tip. wäre sonst wohl an mir vorbeigegangen. werden aber erst in (achtung, kein scherz!) "tokyo drift" gehen. mit dem wissen,d ass das alles natürlich bekloppt ist, aber (klingt arroganter als es gemeint ist) bei dem zu erwartenden publikum sicherlich ein spaß in doppelter hinsicht! *g*

Juli 16, 2006 11:49 vorm.  

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