Mittwoch, November 14, 2007

Die Legende von Beowulf - Action für Testosteron-Junkies


USA 2007

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Er gehört zu den Urgesteinen der abendländischen Sagen- und Mythenkultur: Der mächtige Wikinger-Krieger Beowulf repräsentiert seit dem 7. Jahrhundert, als er erstmals in Erzählungen und Gedichten Erwähnung fand, den Prototyp des unerschrockenen Kämpfers. Sein Duell mit dem monströsen Dämon Grendel, die Verführung durch Grendels Mutter und sein anschließender Aufstieg zum König, all das schrie geradezu danach, auf einer großen Leinwand gezeigt zu werden. Oscar-Preisträger Robert Zemeckis (Forrest Gump) brauchte allerdings einige Zeit, um sich mit der Idee eines Beowulf-Kinofilms anzufreunden. Das mag – so resümiert er im Nachhinein – daran gelegen haben, dass er wie so viele andere Schulkinder mit dem in altenglischer Sprache verfasstem Epos nicht unbedingt die besten Erinnerungen verband. Erst nachdem sich Pulp Fiction-Co-Autor Roger Avary und Neil Gaiman der alten Geschichte annahmen, Lücken in der Erzählung füllten und sie den modernen Sehgewohnheiten anpassten, entwickelte Zemeckis den für ein solches Projekt notwendigen Ehrgeiz.

Das Erste, was einem an Die Legenge von Beowulf auffallen wird, ist seine sehr spezielle Optik. Wie schon bei seiner letzten Regie-Arbeit, dem Familienfilm Der Polarexpress, entschied sich Zemeckis für das so genannte „Performance-Capture“-Verfahren. Dabei werden reale Schauspieler mit unzähligen digitalen Sensoren überklebt und vor einer leeren Kulisse abgefilmt. Der Computer kombiniert diese Daten dann mit den Animationen der CGI-Techniker. Zum Teil entstehen dadurch fotorealistische Motive und Szenen. Im Fall von Bewoulf kommt zudem ein besonderer Effekt zum Tragen. Da Schauspielgrößen wie John Malkovich und Anthony Hopkins den computergenerierten Figuren Gesicht und Stimme liehen, scheinen die Grenzen zwischen Real- und Trickfilm desöfteren zu verschwimmen. Besonders Hopkins in der Rolle des Dänen-Königs Hrothgar zelebriert die hohe Kunst des gnadenlosen Overactings.

Bei einer derart legendären Fantasy-Geschichte muss eben alles eine Nummer gewaltiger, monumentaler kurzum wahnwitziger ausfallen – auch das Schauspiel. Große Gesten treffen hier auf pathosgetränkte Ansprachen, tapfere Helden auf blutrünstige Dämonen und Drachen. Es stimmt wohl, dass in Beowulf mehr gebrüllt, denn gesprochen und mehr gelitten, denn gelacht wird. In dieser Hinsicht können nur wenige Filme Zemeckis Helden-Epos Paroli bieten. Lediglich 300, die Adaption von Frank Millers Kult-Comic, bewegte sich in Sachen Pathos und Heldenverehrung auf einem vergleichbaren schwindelerregenden Niveau.

Mit Beowulfs Ankunft in Horthgars Königreich beginnt die Inszenierung des mutigen Wikinger-Kriegers als Kampfkoloss und muskelbepackter Übermensch. Die Kamera kniet nieder, wenn Beowulf redet, wenn er sein Schwert zieht oder wenn er seinen gestählten Körper – computergeneriertes Sixpac inklusive – präsentiert. Leni Riefenstahl setzte bereits vor über sieben Jahrzehnten in ihrem Olympia-Film Sportler in ein ähnlich heroisches Licht und wie 300 frönt auch Zemeckis’ Epos einen homoerotisch konnotierten Körperkult, der in seiner übertriebenen Darstellung testosterongesteuerter Kraft und Potenz nicht selten reichlich lächerlich erscheint.

Das ist jedoch nicht weiter schlimm, kann man die Story ohnehin nicht wirklich Ernst nehmen. Denn obwohl Avary und Gaiman dem über Tausend Jahre alten Stoff eine halbwegs stringente Dramaturgie verpassten, ist Beowulf vor allem ein Film für Jungs, denen der Sinn nach rasanter Action, coolen Bildern und ein bisschen Gemetzel steht. Hierbei sorgen vor allem die Momente unfreiwilliger Komik dafür, dass es einem nie wirklich langweilig wird. Wenn Hrothgars Gattin Wealthow (Robin Wright Penn) zur Harfe greift und „A Hero Comes Home“ trällert, karikiert der Film ohne es zu merken sich selbst. Und der verklemmt-pubertäre Gag um Beowulfs Gemächt, das während des Kampfes mit dem Monster Grendel nie zu sehen ist, obwohl sich der Held nackt seinem Opponenten entgegenstellt, ist dermaßen abgedroschen, dass man schon wieder über ihn lachen muss.

Beowulf ist trotz all seines modernen Schnickschnacks eben auch ein Werk, das auf Experimente weitgehend verzichtet und stattdessen den ewig währenden Kampf des Guten gegen das Böse in seiner eigenen Videospiel-Optik nachstellt. Mit Grendel, der aussieht, als wäre er Gunther von Hagens „Körperwelten“-Ausstellung entlaufen, und dessen rachsüchtige Mama (eine computeranimierte Angelina Jolie, die nackt auf High Heels herumstolzieren darf) bietet er darüber hinaus das skurrilste Mutter-Sohn-Gespann seit Hitchcocks Psycho.

Erschienen bei BlairWitch.

3 Comments:

Anonymous Kaiser_Soze said...

Schön geschriebene Kritik. Was ich von Zemeckis Animationsfilm halten soll, weiß ich selbst nicht.

PS: Mein Blog heißt INTERMOVIESSION, nicht INTERMOVIESESSION. ;)

November 15, 2007 3:03 nachm.  
Anonymous spidy said...

Hast du den Film in 3-D gesehen? (Kritik habe ich jetzt nicht gelesen, weil ich mir den Film eventuell noch ansehen werde und dann natürlich nur in der 3-D fassung.)

November 15, 2007 7:45 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

@ kaiser

ich hab nicht viel erwartet, insofern hält sich die enttäushcung in grenzen ;)

PS: habs geändert!

@ spidy

nein, hab die "normale" version gesehen.

November 15, 2007 8:52 nachm.  

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