Freitag, April 11, 2008

Tödliche Entscheidung - Before the Devil knows...


USA 2007

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Er was u.a. fünfmal für den Oscar nominiert, erhielt diesen aber erst im Alter von 80 Jahren für sein Lebenswerk. Sidney Lumet ist zweifellos einer der ganz Großen seines Fachs. Das untermauert er auch mit seiner jüngsten Arbeit Tödliche Entscheidung – Before the Devil knows You’re Dead, in der er eine erschütternde Familientragödie vor dem Hintergrund eines klassischen Heist-Plots ablaufen lässt. Das Drehbuch von Kelly Masterson blickt mit beängstigender Klarheit tief in menschliche Abgründe. In der Hauptrolle brilliert einmal mehr Philip Seymour Hoffman.

Filmkritik:

Es ist ein geradezu teuflischer Plan, den sich Andy (Philip Seymour Hoffman) da ausgedacht hat. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Hank (Ethan Hawke) will er ausgerechnet das Juweliergeschäft seiner Eltern ausrauben. Das – so sein Argument – kennen sie wie ihre Westentasche. Warum sollten sie daher das unnötige Risiko eingehen, ein Ihnen unbekanntes Objekt auszukundschaften? Außerdem sei der gesamte Schmuck versichert. Der finanzielle Schaden hätte somit allein die Assekuranz zu tragen. Weil sich Hanks Komplize Bobby (Brian F. O'Byrne) jedoch nicht an die Spielregeln hält und eine echte Waffe während des Überfalls bei sich trägt, endet das in der Theorie scheinbar perfekte Verbrechen in einem blutigen Fiasko. Statt mit der wertvollen Diebesbeute stehen Andy und Hank letztlich mit leeren Händen da, an denen das Blut ihrer eigenen Mutter (Rosemary Harris) klebt.

Im fortgeschrittenen Alter von 83 Jahren drehte Regie-Veteran Sidney Lumet einen unglaublich bitteren, ausweglosen Film, der von seiner Prämisse an ein Heist-Movie erinnert, letztlich aber vor allem eine Geschichte über persönliche Schuld und familiäre Zerwürfnisse erzählt. Mit jeder Szene eröffnen sich einem neue Fragen. Fragen, auf die der Film nicht zwangsläufig auch eine klare Antwort bereithält. Was treibt Andy zu dieser Tat? Benötigt er das Geld, um mit seiner Frau Gina (Marisa Tomei) in Brasilien noch einmal von vorne anzufangen oder dient es zur Finanzierung seiner Drogensucht? Indem Lumet die Ereignisse um den tragischen Überfall aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und dabei in der Zeit vor- und zurückspringt, verweigert sich Before the Devil knows you’re dead geschickt der Dramaturgie eines gewöhnlichen Crime-Dramas. Der Wechsel der Perspektive schafft Distanz zum Geschehen, aber nicht zu den Charakteren, auf die Lumet und das Drehbuch von Kelly Masterson erkennbar das Hauptaugenmerk legt.

Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman liefert in de Rolle des gerissenen Andy eine erneute Kostprobe seiner schauspielerischen Extraklasse ab. Egal ob er Truman Capote, den Widersacher von Tom Cruise in Mission: Impossible 3 oder einen skrupellosen, drogenabhängigen Möchtegern-Yuppie mimt, Hoffman scheint jedes Mal hinter den Vorgaben seiner Rolle förmlich zu verschwinden. Als Andy gelingt ihm ein nicht gerade leichter Spagat. Einerseits zeichnet Hoffman seinen Filmcharakter als Getriebenen, andererseits ist er selber die treibende Kraft hinter dem Überfall auf den Juwelierladen seiner Eltern. Man wird nie ganz schlau aus dem, was er sagt und wie er sich verhält. Ethan Hawke zieht gegen Hoffmans Leinwandpräsenz den Kürzeren, was nicht bedeutet, er würde seinen Part nicht überzeugend ausfüllen. Neben Hawke und Hoffman verkörpert der Brite Albert Finney als Andys und Hanks Vater den dritten zentralen Charakter der Geschichte. Seinem von Trauer und Hass gekennzeichneten Familienoberhaupt schenkt der Film ein kompromissloses Finale, das ihm eine letzte, irreversible Entscheidung abverlangt.

Wie in einem Uhrwerk greift hier ein Rad in das nächste. Das mitanzusehen, fällt nicht immer leicht. Zuweilen schleicht sich das Gefühl ein, Augenzeuge eines gewaltigen Autocrashs zu werden, bei dem alle Beteiligten sehenden Auges auf ihr Verderben zusteuern und dabei statt der Bremse das Gaspedal betätigen. Sidney Lumet schuf mit Before the Devil knows you’re dead ein beklemmendes und zutiefst pessimistisches Alterswerk. Ein Film, der mehr Melodram als Krimi ist, und dessen schmerzhaftes Ende noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.

Für Programmkino.de.

3 Comments:

Blogger TheRudi said...

Ethan Hawke zieht gegen Hoffmans Leinwandpräsenz den Kürzeren

Hab ich lustigerweise genau andersrum gesehen, man kann sich ja in der Mitte treffen und sagen, dass beide sehr gut spielen. Das Ende wiederum fand ich völlig deplatziert, gesteigert höchstens von Finneys overacting währenddessen.

April 16, 2008 3:31 nachm.  
Blogger Marcus kleine Filmseite said...

fand das ende auch etwas over-the-top aber dennoch schlüssig und angenehm kompromisslos. war für mich ein runder abschluss für den film.

April 16, 2008 8:22 nachm.  
Blogger TheRudi said...

Schlüssig fand ich das nicht, fand Finneys Reaktion hat sich nicht aus dem vorherigen Kontext des Filmes erschlossen, Trauer hin und her. Aber egal, dennoch ein guter Film.

April 16, 2008 10:23 nachm.  

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